Ornament und Erziehung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Adolf Loos
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ornament und Erziehung
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 391–398
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1924
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: antwort auf eine rundfrage der czechischen zeitschrift für zeichnen und erziehung „náš směr“ (redaktion prof. F. V. Mokry), heft 2, ausgegeben 10. oktober 1924. Der titel lautet dort „ornament a výchova“. Der deutsche originaltext erschien in „wohnungskultur“, monatsschrift für industrielle kunst, redaktion Adolf Loos, B. Markalous, Joh. Vaněk, Ernst Wiesner, Brünn 1924/25, s. 81.
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung:
Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Loos Sämtliche Schriften.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[391]
ORNAMENT UND ERZIEHUNG
(1924)
Antwort auf eine rundfrage
Sehr geehrter herr professor!

Ihre anfrage erreicht mich gerade zur rechten zeit.

Es gibt wahrheiten, die man verschweigen muß. Samen auf steinigen boden zu werfen, ist verschwendung. Seit siebenundzwanzig jahren zögere ich daher, das auszusprechen, was mir durch ihre enquete zu sagen nun möglich wird.

Die reform unseres zeichenunterrichtes begleite ich seit ihren anfängen mit innerer wut. Aber die menschheit scheint wieder zur Besinnung gekommen zu sein: der klassizismus in Frankreich. Jetzt ist es also zeit, zu reden.

Erziehen heißt, dem menschen aus seinem urzustande helfen. Das, wozu die entwicklung der menschheit jahrtausende gebraucht hat, hat jedes kind nachzuholen.

Nicht nur die eltern und tanten, wir alle wissen, daß jedes kind ein genie ist. Aber die genialität des papuanegers, also des sechsjährigen kindes, ist heute für die menschheit nutzlos. Was erzielt man mit dem modernen zeichenunterricht? Ein freches geschlecht, das sich vor das kunstwerk stellt und mit einem gewissen recht behauptet, solche sachen habe es in der schule auch gemacht. Mit einem gewissen recht, sage ich, und deute damit das tiefe problem kind und genius an. Wieviele eltern haben sich verleiten lassen, nach den resultaten dieser modernen methode an die künstlerische berufung ihrer kinder zu glauben!

Und die alte methode, die den sauberen zeichner erzog, der als künftiger kartograph oder visitkartenlithograph [392] wertvolles leisten konnte, hat sie nicht vielfach den architekten auf dem gewissen? Während doch der wahre architekt ein mensch ist, der überhaupt nicht zeichnen, der also mit dem strich seinen seelischen zustand nicht ausdrücken kann. Was er zeichnen nennt, ist ein versuch, sich dem ausführenden handwerker verständlich zu machen.

Ich will das kind nicht mit dem bade ausschütten. Es gibt viele dinge im modernen zeichenunterrichte, die anerkennenswert sind. Das zeichnen unserer gebrauchsgegenstände nach der natur ist eine große hilfe für den zukünftigen konsumenten und für die entwicklung unserer kultur. Das zeichnen von naturprodukten halte ich für überflüssig. Der künftige züchter, forscher usw. wird die nutzanwendung vom gebrauchsgegenstande auf das insekt selbst machen können, und dem menschen soll nicht der wald durch eine genaue kenntnis der blätter verleidet werden. Daß das gedächtniszeichnen von großer wichtigkeit ist, ist selbstverständlich. Nur ist weniger auf einen vagen gesamteindruck als auf genaues detail zu achten.

Ich habe es ihnen zu danken, werter herr professor, daß sie mir durch ihre wohldurchdachte fragestellung ermöglicht haben, das zu schreiben, was mir so lange am herzen lag.

Mit dem ausdrucke meiner hochachtung ihr immer ergebener
Adolf Loos


I. Ob der moderne mensch das ornament braucht?

Der moderne mensch, der mensch mit den modernen nerven, braucht das ornament nicht, im gegenteil, er [393] verabscheut es. Alle gegenstände, die wir modern nennen, haben kein ornament. Unsere kleidung, unsere maschinen, unsere lederwaren und alle gegenstände des täglichen gebrauches haben nach der französischen revolution kein ornament mehr. Bis auf die dinge, die der frau gehören – das ist aber ein anderes kapitel.

Ornamente haben nur jene gegenstände, die von einem teil der menschheit – ich nenne ihn den kulturlosen teil – abhängig sind: von den architekten. Wo immer gebrauchsgegenstände unter dem einfluß von architekten hergestellt werden, sind diese gegenstände unzeitgemäß, also unmodern. Das gilt selbstverständlich auch von den modernen architekten.

Der einzelne mensch ist unfähig, eine form zu schaffen, also auch der architekt. Der architekt versucht aber dieses unmögliche immer und immer wieder – und immer mit negativem erfolg. Form oder ornament sind das resultat unbewußter gesamtarbeit der menschen eines ganzen kulturkreises. Alles andere ist kunst. Kunst ist der eigenwille des genius. Gott gab ihm den auftrag dazu.

Kunst an den gebrauchsgegenstand zu verschwenden, ist unkultur. Ornament bedeutet mehrarbeit. Der sadismus des achtzehnten jahrhunderts, seinen mitmenschen überflüssige arbeit aufzubürden, ist dem modernen menschen fremd, noch fremder ist ihm das ornament der primitiven völker, das durchwegs religiöse, erotisch-symbolische bedeutung hat und dank seiner primitivität an kunst grenzt.

Ornamentlosigkeit ist nicht reizlosigkeit, sondern wirkt als neuer reiz, belebt. Die mühle, die nicht klappert, weckt den müller.

[394]
II. Ob das ornament als ausdruck der unkultur aus dem leben überhaupt und besonders aus der schule entfernt werden soll?

Das ornament verschwindet von selbst und die schule soll sich in diesen natürlichen prozeß, den die menschheit seit ihrem bestehen durchzumachen hat, nicht einmischen.


III. Ob es fälle gibt, wo man das ornament braucht (zu praktischen, ästhetischen oder erzieherischen zwecken)?

Es gibt solche fälle. Als praktischer zweck ist das ornament eine frage des verbrauchers (konsumenten) sowohl wie des erzeugers (produzenten). Nur ist der konsument das primäre, der produzent das sekundäre.[1]

Psychologisch genommen wäre das ornament eigentlich dazu da, um dem arbeiter die eintönigkeit seiner arbeit [395] zu erleichtern. Die frau, die acht stunden täglich im ohrenbetäubenden fabrikslärm am webstuhl steht, empfindet es als freude, ja als erlösung, wenn von zeit zu zeit ein bunter faden einschlägt. Der bunte faden bedingt das ornament. Wer von uns modernen menschen würde die verschiedenen, ständig wechselnden stoffmuster als unmodern empfinden?

Leute, die solche ornamente erfinden, nennt man im fabriksbetrieb dessinateure. Sie erfinden sie aber nicht, sondern stellen sie nach mode und nachfrage zusammen. Auf zukünftige dessinateure braucht die schule keine rücksicht zu nehmen. Die bilden sich von selbst.

Vor sechsundzwanzig jahren habe ich behauptet, daß mit der entwicklung der menschheit das ornament am gebrauchsgegenstande verschwinde, eine entwicklung, die unaufhörlich und konsequent fortschreitet und so natürlich ist wie der vokalschwund in den endsilben der umgangssprache. Ich habe aber damit niemals gemeint, was die puristen ad absurdum getrieben haben, daß das ornament systematisch und konsequent abzuschaffen sei. Nur da, wo es einmal zeitnotwendig verschwunden ist, kann man es nicht wieder anbringen. Wie der mensch niemals zur tätowierung seines gesichtes zurückkehren wird.

Der gebrauchsgegenstand lebt von der dauer seines materials, und sein moderner wert ist eben die solidität. Wo ich den gebrauchsgegenstand ornamental mißbrauche, kürze ich seine lebensdauer, weil er, als der mode unterworfen, früher sterben muß. Diesen mord am material kann nur die laune und ambition der frau verantworten – denn das ornament im dienste der frau wird ewig leben. Ein gebrauchsgegenstand wie stoff oder tapete, [396] dessen dauerhaftigkeit beschränkt ist, bleibt modedienstbar, daher ornamentiert.

Auch der moderne luxus hat gediegenheit und kostbarkeit der verziertheit vorgezogen. So daß das ornament wohl ästhetisch kaum mehr zu werten ist. Das ornament der frau aber entspricht im grunde dem des wilden, es hat erotische bedeutung.

Was bleibt da vom ehrlichen, lebensberechtigten ornamente unserer zeit als schulaufgabe übrig?

Unsere erziehung beruht auf der klassischen bildung. Ein architekt ist ein maurer, der latein gelernt hat. Die modernen architekten scheinen aber mehr esperantisten zu sein. Der zeichenunterricht hat vom klassischen ornament auszugehen.

Der klassische unterricht hat trotz der verschiedenheit der sprachen und grenzen die gemeinsamkeit der abendländischen kultur geschaffen. Ihn aufzugeben, hieße diese letzte gemeinsamkeit zerstören[2]. Daher ist nicht nur das klassische ornament zu pflegen, sondern man beschäftige sich auch mit den säulenordnungen und profilierungen.

Perrault, der schöpfer der louvrefassade, war ein arzt. Er hatte den preis, den Ludwig XIV. für den bau ausschrieb, gegen alle architekten seiner zeit gewonnen. Wenn ein solcher fall auch wohl ziemlich vereinzelt dasteht, [397] als konsument hat jeder sein leben lang mit architektur zu tun.

Das klassische ornament spielt im zeichenunterricht dieselbe rolle wie die grammatik. Es hätte keinen zweck, latein nach der berlitzmethode zu lehren. Der lateinischen grammatik, und weiter jeder grammatik überhaupt, verdanken wir die zucht der seele, die zucht unseres denkens. Das klassische ornament bringt zucht in die formung unserer gebrauchsgegenstände, züchtet uns und unsere formen, bringt trotz ethnographischer und sprachlicher unterschiede eine gemeinsamkeit der formen und ästhetischen begriffe.

Und es bringt ordnung in unser leben. Der mäander – das genaue zahnrad! Die rosette – die genaue zentrale bohrung, aber auch der richtig gespitzte bleistift!


IV. Kann man diese fragen in der schulpraxis ohne kompromiß und allgemein lösen, oder soll man mit einer allmählichen evolution und einem übergang in verschiedenen individuellen etappen der kulturentwicklung rechnen (stadt–land; kinder–erwachsene; bau-, maschinen-, agrar-, handelsindustrialismus; kleinere handarbeit im hause usw.)?

Alle kinder haben gleich erzogen zu werden. Vor allem darf es keinen unterschied zwischen stadt und land geben. Handarbeiten sind für das leben der frau auf dem lande unbedingt notwendig; aber auch der stadtfrau bedeuten sie manchmal wohltätige erholung in der häuslichen wirtschaftstätigkeit. Der zeichenunterricht ignoriere sowohl die nationale bauerntechnik wie die letztmodernen [398] erzeugnisse der stadtfrau. Dort wird die tradition, hier die mode die techniken und formen bestimmen.

Wer es mit der nationalen eigenart der bauernromantik gut meint, der folge mir. Der zeichenlehrer würde nur wie der elefant im porzellanladen hausen.

Alle formen angewandter technik aber diktiert der fortschritt der praxis.


  1. Für das mißverständnis zwischen konsument und produzent mache ich die deutschen verantwortlich. Der deutsche weiß nichts von dem gemeinwillen der menschheit, der den produzenten zwingt, jene formen zu erzeugen, die von der gesamtheit verlangt werden. Er meint, daß der produzent ihm seine formen aufzwingt und spricht daher von der tyrannei der mode. Er fühlt sich, dank seiner sklavennatur, unterjocht und versucht daher, das, was ihm angetan wird, der welt zurückzuzahlen. Er gründet vereine zur schaffung einer deutschen mode – Wiener Werkstätte und Deutschen Werkbund hat er schon –, um auf diese weise der menschheit seinen formwillen aufzuzwingen. Am deutschen wesen soll die welt genesen. Sie soll, aber sie will nicht. Sie will sich die formung ihres lebens selbst schaffen und will sie nicht von irgendwelchen produzentenbünden aufgezwungen bekommen. Dasselbe produzentenjunkertum läßt die deutsche sozialdemokratie vergessen, daß der arbeiter auch als konsument in betracht kommt. Denn wichtiger als die höhe des wochenlohns selbst, ist es, zu untersuchen, was der arbeiter für seinen wochenlohn eintauschen kann.
  2. Merkwürdigerweise hat vor kurzem der dekan der philosophischen fakultät in Paris, Brunot, den wert des klassischen geistes verneint und der moderne das wort geredet. Das modernste land aber, Amerika, hat durch seinen präsidenten, Calvin Coolidge, die klassische bildung in einer langen rede verteidigt und die prinzessin Edmonde de Polignac, die übersetzerin dieser rede ins französische, hat der pariser universität ein reisestipendium gestiftet, um studenten einen viermonatigen aufenthalt in Griechenland zu ermöglichen.