BLKÖ:Gołuchowski, Agenor Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 5 (1859), ab Seite: 262. (Quelle)
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Gołuchowski, Agenor Graf[BN 1] (Staatsmann, geb. in Galizien 8. Febr. 1812). Studirte und beendete die Rechtswissenschaft an der Lemberger Hochschule, erhielt die jurid. Doctorwürde, und trat dann beim galiz. Gubernium in den Staatsdienst. Er machte nun die administrative Stufenleiter vom Concipisten, Secretär und Gubernialrath durch und wurde nach des Grafen Franz Stadion Rücktritt von dem Posten eines Gouverneurs von Galizien dessen Nachfolger. Auf diesem Posten (seit 1849) entwickelt der Graf eine das Wohl und die Interessen des bis dahin tief verwahrlosten Landes im hohen Maße fördernde Energie. Die nationalökonomische, humanitäre, industrielle und geistige Förderung Galiziens – alle in [263] einer segensreichen Zunahme begriffen, wie nie vorher – sind vornemlich die Ergebnisse seiner Umsicht und Thätigkeit. Die wohlthuenden, das Gemeinwohl fördernden administrativen Reformen im Lande sind sein Werk; die Abwickelung des Grundentlastungs-Geschäftes geht unter seiner Oberleitung ihrem Ende entgegen; er sorgte für Hebung der tief gesunkenen Agricultur-Verhältnisse Galiziens, das eine Kornkammer Oesterreichs sein könnte; förderte insbesondere das Landwirthschaftsinstitut zu Dublany, für welches er eine Jahressumme von 3000 fl., für die dortige Ackerbauschule 1500 fl. und für 10 Schüler ein jährliches Stipendium von je 100 fl. durch 10 Jahre vom Staate erwirkte. Auch gelang es ihm, dem für eine spätere Zeit zurückgelegten Ausbaue der Eisenbahn in Galizien bis an die Gränzen Rußlands und der Walachei eine beschleunigte Beendigung zu erwirken. Die Hebung des Unterrichts verdankt dem Grafen die Errichtung einer Handels- und industriellen Schule in Lemberg, eines polnischen Gymnasiums und der Normal-Haupt-Elisabethschule ebenda, die Reorganisation der Unterrealschule in Brody, die Errichtung einer neuen in Tarnopol, die Erweiterung der Gymnasien zu Stanislawow und Sambor und die Errichtung vieler Trivial- und Volksschulen. Zu gleicher Zeit ließ er sich die Regelung der Stipendien angelegen sein und nun werden jährlich 32.895 fl. an 200 Studenten in Stipendien vertheilt, eine Maßregel, deren wohlthätige Folgen nicht zu ermessen sind, bei der großen Armuth der Studirenden, die oft von den Eltern in die Schulen, weit weg von ihrem Geburtsorte, geschickt werden, aber ohne Hilfsmittel sich selbst überlassen bleiben. Die Humanitäts- und geistigen Anstalten des Landes erfreuen sich seiner besondern segensreichen Obsorge. Das Ossolińskische Institut, dessen Verwaltung Anlaß mannigfacher Klagen gewesen, ist durch ihn vom Verfalle gerettet, dem es bei schlechter Gebahrung seiner reichen Mittel nicht entgangen wäre. Die Summe der Einkünfte dieses Institutes ist nun auf 17.000 fl. jährlich gestiegen und dadurch die neue Ausgabe des berühmten poln. Wörterbuches von Linde, welche eben auch der Graf angeregt hatte, möglich geworden. Auch die große menschenfreundl. Stiftung des Grafen Stanislaus Skarbek, aus der in einem großartigen Armeninstitutsgebäude zu Drohowyż 400 Arme und 600 Waisenkinder unterhalten werden sollen – welche aber unter schlechter Verwaltung in solche Schulden gerieth, daß der menschenfreundliche Zweck des Stifters wohl nie erreicht worden wäre, – wird durch des Grafen Verfügungen ihrer Bestimmung näher gebracht. Von den 78.561 fl. des Jahreseinkommens der Stiftung wurden 39.903 fl. zur Tilgung der Schulden und 27.882 fl. zum Bau des angedeuteten Gebäudes verwendet, und wird so nach und nach die bestehende Schuldenlast getilgt und die Stiftung auf ihren Standpunct als Humanitätsanstalt gebracht werden. Außerdem wurde über Anregung des Grafen ein großes Arbeitshaus in Lemberg erbaut, in welchem alle jene Unglücklichen, die sonst keinen Schutz u. Unterkunft haben, beides finden. In gleicher Weise ist der Graf thätig für die Verschönerung Lembergs, wo bereits ein eigener Platz seinen Namen trägt, und für Eröffnung neuer Communicationeu nach verschiedenen Richtungen, im Lande, wodurch die commerziellen Verhältnisse wesentlich gefördert werden, so z. B. die Straße von Tarnopol nach Brody, von Borek nach Grzymałow, von Brzezau nach Podwoloczysk, von Strusow nach Buczacz u. a. m. In Zagrobel errichtete ihm die Dankbarkeit der Landleute ein Denkmal, bestehend in 2 steinernen Pyramiden, deren eine die Inschrift [264] trägt: Gubernante in his terris Excellentissimo Agenore Comite a Gołuchowski, C. R. Apostolicae Majestatis locum tenente, structae sunt hae viae publicae a. D. 1856. Der Monarch ehrte die Verdienste des Staatsmannes durch Verleihung der geh. Rathswürde und das Ritterkreuz I. Classe des Ordens der eisernen Krone.

Przyjaciel domowy, d. i. Der Hausfreund (ein Lemberger Volksblatt, 4°.) 1857, Nr. 10, S. 76 [daselbst seine Biographie nebst Porträt]. – Histor.-heraldisches Handbuch (Gotha, Justus Perthes) 1856, S. 262. – Goth. genealog. Taschenbuch der gräfl. Häuser auf das Jahr 1859. XXXII. Jahrg. S. 311. –

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Gołuchowski, Agenor Graf [s. d. Bd. V, S. 262][WS 1]. Der Graf wurde mit Allerh. Handschreiben, ddo. Laxenburg 21. August 1859, zum Nachfolger des Freiherrn von Bach als Minister des Innern ernannt. Etwas über ein Jahr blieb er im Amte; das für Oesterreich so bedeutsam gewordene Octoberdiplom war sein Werk. Dann erhielt er, nachdem die öffentliche Meinung sein Wirken verurtheilt, die Entlassung und trat in’s Privatleben zurück. Die Gnade des Kaisers verlieh ihm das Großkreuz des St. Stephan-Ordens und später die erbliche Reichsrathswürde. Am 13. December 1860 trat Ritter von Schmerling, von dem Jubel der öffentlichen Meinung und den Glückwünschen jener, welche ein mächtiges und einheitliches, nach innen fortschreitendes, nach außen geachtetes Oesterreich wollen, begrüßt, als Staatsminister an die Spitze der Geschäfte des Innern, während zu gleicher Zeit der vormalige Sectionschef im Staatsministerium, Ritter Lasser von Zollheim, zum Verwaltungsminister ernannt wurde.
    Frankfurter Journal 1860, Nr. 307 u. 343 [in den „Correspondenzen aus Wien“]. [Bd. 11, S. 417.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [s. d. Bd. V, S. 263].