BLKÖ:Hartmann, Ludwig

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Hartmann, Moriz
Band: 8 (1862), ab Seite: 3. (Quelle)
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Hartmann, Ludwig (Kunstdrechsler und Kunstschnitzer, geb. zu Heilsberg in Ostpreußen 9. Nov. 1799). Sohn eines preußischen Accisbeamten, der 1813 die Drechselei zu lernen begann, 1818 in die Fremde ging um sich weiter auszubilden und 1822 in Wien bei Friedrich Reeck arbeitete. 1829 eröffnete er sein eigenes Geschäft, in welchem er bald ungewöhnliche Erfolge erzielte, nicht allein durch Verarbeitung in- und ausländischer Stämme, denen er durch eine ganz eigenthümliche Behandlung den schönsten Flader beizubringen verstand, sondern auch durch eine Vervollkommnung in der Kunst zu drechseln, welche die Arbeiten gleichzeitiger Meister weit übertreffen. Insbesondere ließ er sich angelegen sein, tüchtige Kräfte, welche sogar in der kais. Akademie der bildenden Künste im Zeichnen, Modelliren, Bossiren Unterricht und mitunter erste Preise erhielten, für sein Geschäft heranzubilden. Hierdurch brachte er sein Etablissement zu großer Blüthe und als er 1851 die Londoner Weltausstellung beschickte, wies sein Fabrikaten-Catalog nicht weniger als 8008 Muster aus, in denen alle Zweige der Kunstdrechselei vom einfachsten Stocke bis zur kunstvollsten Schnitzerei in Meerschaum vertreten war. H. erhielt in London die große Preismedaille 1. Classe, auch begann seit dieser Zeit sein großes Exportgeschäft nach England und den überseeischen Ländern und eine vorher nicht gekannte Vermehrung dieses Industriezweiges zunächst in Wien und auch in der Monarchie. Nach dem Jahre 1851 verlegte sich H., da eben seine Arbeiten in Meerschaum den meisten Beifall von Kunstkennern gefunden hatten, vornehmlich auf die Verarbeitung des Meerschaums und Bernsteins und bei der großen Industrieausstellung, welche 1855 in Paris Statt hatte, stellte er Objecte aus, welche als Miniatur-Kunstwerke ihrer Art die allgemeine Bewunderung und Anerkennung fanden, darunter einen Pfeifenkopf aus Meerschaum mit Amor und Apollo in erhabener Arbeit (80 fl.); – einen zweiten mit fünf nach der Natur gearbeiteten Pferden in verschiedenen Stellungen (130 fl.); – ein Bernsteinrohr mit den vier porträtähnlichen Brustbildern von Göthe, Schiller, Voltaire und Shakespeare; – eine Pfeife mit Hirschen, Jägern und Hunden (70 fl.); – eine andere einen Amazonenkampf darstellend (150 fl.); – wieder eine in allegorischen [4] Figuren das Thema Wein, Weib und Gesang versinnlichend (130 fl.) und viele Andere. Alle diese Schnitzereien bestehen aus ganzen Figurengruppen, in wechselnder Höhe von 3/4 bis 11/2 Zoll. Besondere Bewunderung erregte auch sein „kaiserlicher Adler“, etwa 27 Zoll hoch und 171/2 Zoll breit, der künstlerisch aus Meerschaum, Bernstein, Perlmutter, Irismuschel, Elfenbein und anderen Stoffen zusammengestellt war. H. erhielt auf dieser Ausstellung die Medaille 1. Classe. Das schon früher in Schwung gebrachte Geschäft gewann nun eine noch größere Ausdehnung und die Nachfrage des Auslandes nach seinen Arbeiten und die Sendungen nach Amerika nahmen bedeutend zu, jedoch erlitten letztere in Folge der Kriegsereignisse einen nicht unwesentlichen Abbruch. In allen seinen Arbeiten und Unternehmungen wird H. von seinem Schwiegersohne Alois Mayer, einem aus Nußdorf gebürtigen Oesterreicher, welcher 1839 in H.’s Geschäft trat und von ihm seine tüchtige Ausbildung erhielt, auf das Erfolgreichste unterstützt. Die energische Leitung seines Geschäftes ermöglichte H. in dessen Betrieb, selbst im Jahre 1848, als alle Geschäfte stockten, keine Aenderung eintreten zu lassen und es mit allen Arbeitern in vollem Gange zu erhalten. Als Vertrauensmann in das Comité zur Unterstützung mittelloser Gewerbsleute gewählt, entwickelte er als solcher eine so ersprießliche Thätigkeit, daß ihm mit Ministerialerlaß vom 31. August 1850, Z. 14.829 und 18.576, die Allerhöchste Zufriedenheit Sr. Majestät zu erkennen gegeben wurde.

Humorist (Wiener Journal), herausg. von M. G. Saphir, 1855, Nr. 211, S. 844: „Pariser Briefe von M. G. Saphir“. – Presse (Wiener Journal) 1855, Nr. vom 13. Juni: „Oesterreichische Industrie auf der Pariser Weltausstellung“. – Oesterreichische Zeitung (Wiener Journal) 1855, Nr. 231: „Pariser Ausstellung. Oesterreichs Drechslerwaaren“. Sämmtliche Journale rühmen in ausführlichen Artikeln die künstlerischen Erzeugnisse Hartmann’s. Das eine schreibt: „Elegante Cigarrenspitzen waren ehemals ganz unbekannt. Seitdem der Artikel in Wien geschaffen und nun massenhaft nach allen Richtungen der Windrose verschickt wird, reißt man sich förmlich darum in Paris und London, so gut wie in Philadelphia und Valparaiso. In staatswirthschaftlicher Beziehung ist diese Erscheinung höchst interessant; sie zeigt, daß ein früher vollständig als entbehrlich betrachteter Luxusartikel, mit rechnischem Genie in die Scene gesetzt, plötzlich zu einem allgemeinen Bedürfnisse umschlagen kann. Unter den Männern, die sich das Verdienst zuschreiben können, zu diesem glänzenden Umschwunge vaterländischer Meerschaumfabrikation vielleicht das Meiste beigetragen zu haben, steht Herr Ludwig Hartmann in erster Linie voran.“ – Saphir aber in einem seiner Pariser Briefe, den er zum großen Theile den Arbeiten Hartmann’s widmet, bemerkt: „Hartmann würde, wenn er in der Zeit der griechischen Götterlehre gelebt hätte, einen Platz in der Mythologie erhalten haben, als „Gott der Meerschaumköpfe“, als „Genius der Cigarrenspitzen“, als „Schutzgeist der Bernsteinhexe und Nixe“; seine allerliebsten Schöpfungen in diesem Fache würden im Rauchzimmer des Olympus einen Ehrenplatz erhalten haben und der alte Schmaucher Zeus würde ihn zum Dank als Comet mit einem langen Bernsteinrohr unter die Sterne versetzt haben. Da aber die Zeit der alten Götter vorüber ist, so betreibt Hartmann sein blühendes Geschäft irdisch so energisch als möglich, hat einen transatlantischen Export, eine weitumfassende Thätigkeit und muß sich auf Erden z. B. mit der Londoner Preismedaille begnügen. H. brachte einen neuen, einen, möchte man sagen, poetischen Auf- und Umschwung in diese vaterländische Meerschaumfabrikation. Es bedürfte wirklich Phantasie und Gedächtniß dazu, all’ die reizenden Einzelngegenstände der Hartmann’schen Collection zu beschreiben“. – Bericht über die allgemeine Agricultur- und Industrie-Ausstellung zu Paris im Jahre 1855 (Wien 1857/58, Staatsdruckerei, gr. 8°.) Bd. III, 25. Classe, S. 106 und 140.