BLKÖ:Heger, Ignaz Jacob

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Heger
Band: 8 (1862), ab Seite: 202. (Quelle)
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Heger, Ignaz Jacob[BN 1] (Stenograph, geb. zu Policzka im Chrudimer Kreise in Böhmen 5. Juli 1808, gest. 11. Mai 1854). Der Sohn armer Bürgersleute zu Policzka; nachdem er die Normalschulen besucht, wurde er zu den Feld- und Hausarbeiten verwendet; harte Behandlung, Entbehrung, wie schwere Arbeit zogen ihm frühzeitig häufige Krankheiten zu, stählten aber seinen Charakter, ihm [203] jene Ausdauer und jenes zähe Festhalten an dem einmal als gut Erkannten verleihend, die ihn allen Hindernissen trotzen und die sich selbst gesteckten Ziele erreichen ließen. H. wollte anfänglich, entschlossen, Geistlicher zu werden, die lateinische Schule besuchen, aber die Armuth seiner Eltern vereitelte seine Absicht; als aber sein Vater 1823 starb, ließ sich H. nicht mehr zurückhalten; kümmerlich vom Unterrichtertheilen sein Dasein fristend, besuchte er von 1823–1827 die lateinische Schule; im letztgenannten Jahre ging er nach Olmütz, wo er bis 1833 die Humanitätsclassen und die beiden philosophischen Jahrgänge beendete und das Studium der Rechte begann. Ununterbrochenes körperliches Leiden nöthigte ihn aber, Olmütz zu verlassen. Er begab sich im Herbste 1833 nach Wien, wo er unter kümmerlichen Verhältnissen lebte und die zwei letzten Jahre der Rechtsstudien beendete. Im Jahre 1835 trat er als Prakticant in die Praxis ein und arbeitete in verschiedenen Bureau’s abwechselnd im Verwaltungs- und Justizdienste. Während dieser Zeit verlegte er sich auf das Selbststudium der Stenographie, zuerst nach Tailor, dann nach Nowak, dessen System Heger später selbst umgearbeitet hat. Ende 1838 wurde ihm bewilligt, in der Stenographie Privatunterricht zu ertheilen. Als er dann im März 1839 das System Gabelsberger’s kennen lernte, war sein Entschluß bald gefaßt, sich der Stenographie ausschließlich zu widmen und öffentlich als Lehrer derselben in Oesterreich aufzutreten[1]. Aber wie in der Jugend seinem Drange nach wissenschaftlicher Ausbildung sich Hindernisse entgegenstellten, die H.’s Ausdauer alle besiegte, so fehlte es auch jetzt nicht an solchen; H. hatte es mit offenen und heimlichen Gegnern seiner Absichten zu thun, während er aber alle diese Hindernisse zu beseitigen hatte, arbeitete er sich nun immer tiefer in den Geist und das Wesen der Stenographie ein und trat mit Gabelsberger selbst in Correspondenz. fand gleich an ihm einen wohlwollenden Freund, der ihm immer rathend, ermunternd und tröstend zur Seite stand, und ihn gern seinen „Apostel in Oesterreich“ nannte. Bis zu Gabelsberger’s Tode standen Beide in lebhaftem Ideenaustausche. So gelang es seinen beharrlichen Bemühungen, die Erlaubniß zur Ertheilung öffentlichen Unterrichts in der Stenographie zu erhalten. Im Jahre 1840 wurde er nach Brünn berufen, zur stenographischen Aufnahme der Verhandlungen der vierten Versammlung der deutschen Land- und Forstwirthe. Er stenographirte vom 20. bis 27. September und legte dort die erste öffentliche Probe seiner Thätigkeit ab. Im Jahre 1841 veröffentlichte er das Werk: „Bemerkenswerthes über die Stenografie u. s. w.“, worin er die ihrer Einführung entgegengestellten Einwendungen und Bedenken widerlegt und ihren Nutzen in der Praxis durch verschiedene geschichtliche und thatsächliche Belege darthut. Am 5. Mai 1842 erhielt er durch Allerh. Entschließung die Gestattung, außerordentliche öffentliche Vorträge über Stenographie im k. k. polytechnischen Institute zu Wien zu halten. 1844 erlaubte ihm das k. k. böhmische Landespräsidium einen Ferial-Lehrcurs an der Universität Prag abzuhalten, in Wien aber erhielt er im nämlichen Jahre die Gestattung zu ordentlichen öffentlichen Vorlesungen an der Universität über seinen Gegenstand, in denen er das System Gabelsberger’s vortrug. Als er im Jahre [204] 1845 einen zweiten Ferialcurs in Prag eröffnete, trug er daselbst zum ersten Male böhmische Stenographie vor und begründete auf diese Art das System der čecho-slavischen Stenographie nach Gabelsberger’s Grundsätzen, welches er in böhmischer Sprache unter dem Titel: „Soustawa česko-slowanského těsnorychlopisu“ veröffentlichte. Auf den Wunsch der niederösterreichischen Landstände bildete er 1845 fünf ständische Beamte und Prakticanten in der Stenographie heran, welche schon im März und Juni 1846 bei den landständischen Versammlungen mit sehr gutem Erfolge verwendet wurden. Seine im nämlichen Jahre erschienene stenographische Grammatik, sein stenographisches Lesebuch förderten seine Bestrebungen in weiteren Kreisen. Auch dehnte er seine Vorträge in Wien auf die čechische Sprache aus. Als im Jahre 1848 der erste österreichische Reichstag zusammentrat, übernahm er laut Vertrag mit dem k. k. Ministerium des Innern und dem Reichstagspräsidium die Oberleitung des stenographischen Bureau’s des ersten österreichischen constituirenden Reichstages und versah sein Amt mit 16 seiner Schüler bis zur Auflösung des Reichstages. In Anbetracht seiner um die Stenographie im Kaiserstaate erworbenen Verdienste erkannte ihm für seine Vorträge das Ministerium des öffentlichen Unterrichtes eine jährliche Remuneration von 400 fl. aus dem Studienfonde zu. Im Jahre 1849 gründete er in Wien den im Jahre 1853 neu bestätigten Centralverein der Stenographen des österreichischen Kaiserstaates. Im Jahre 1850 mußte er Krankheit halber seine Vorträge einstellen; aber schon im folgenden Jahre begab er sich mit acht Zöglingen im Auftrage des Erzherzogs Johann nach Salzburg zur Aufnahme der Verhandlungen der 14. Versammlung der Land- und Forstwirthe, welche dort stattfand. Als im folgenden Jahre die erste Hauptversammlung der Gabelsberger’schen Stenographen in München zusammentrat, war H. Vertreter seines Vereines, und so zu sagen aller österreichischen Stenographen. Im Winter 1853 nahm sein Gichtleiden, das ihn schon seit einiger Zeit quälte, sehr überhand, nichtsdestoweniger arbeitete er rüstig fort an der Verbreitung und Vervollkommnung der Stenographie, und vornehmlich seine Bemühungen waren es, welche es dahin brachten, daß nach dem im Kaiserstaate üblichen Systeme in der k. k. Staatsdruckerei stenographische Typen geschnitten wurden; leider sollte er deren Verwendung, die mit jedem Tage so fortschreitet, daß in wenigen Jahren eine ganz anständige Bibliothek stenographisch gedruckter Werke vorhanden sein dürfte, nicht mehr erleben. Der Tod ereilte ihn im Alter von 46 Jahren. In einer Periode von 16 Jahren hat er mehrere Hunderte von Schülern in den verschiedensten Altersclassen und Berufständen in der Stenographie unterrichtet, und aus einem Rechenschaftsberichte entnehmen wir, daß von 1843–1850, also in sieben Jahren, sich in Wien an der Universität 83, an der Polytechnik 21, am Josephstädter und Theresianischen Gymnasium 19 Schüler, an der Universität zu Prag 27, im Ganzen 150 Schüler öffentlich haben prüfen lassen und gesetzliche Zeugnisse erhalten haben. Die Mehrzahl der Schüler hat sich jedoch, weil die Stenographie kein obligates Lehrfach ist, einer öffentlichen Prüfung nicht unterzogen. Ueber seine Verdienste als Lehrer, wie als Mensch, wie er seinen Schülern mit Rath und That, den Dürftigen auch mit seinen Mitteln beistand, ist nur Eine [205] Stimme; in seiner Bereitwilligkeit, Anderen zu helfen, vergaß er oft sich selbst und gerieth dadurch nicht selten in peinliche Verlegenheiten. Neben seiner angestrengten Beschäftigung als Lehrer und ausübender Stenograph fand H. noch Muße, für sein Fach, wie es schon in der Lebensskizze erwähnt worden, schriftstellerisch thätig zu sein. Er hat folgende Werke herausgegeben: „Bemerkenswerthes über die Stenographie oder Geschwindschrift. Ihre Entstehung, Fortbildung, Vervollkommnung, ihr Gebrauch und Nutzen, besonders ihre Anwendbarkeit und Brauchbarkeit in gegenwärtigen Zeit- und Lebensverhältnissen“ [Wien 1841, mit 3 lith. Taf., 8°.); – „Eröffnungsrede der ausserordent. öffentl. Vorlesungen über die Stenographie (Redezeichenkunst oder eigentl. Schnellschrift) am k. k. polytechnischen Institute in Wien, gehalten am 11. October 1843“ (Wien 1843, 8°.), auch abgedruckt in der „Wiener Zeitung“ vom 21. October 1843, Nr. 291; – „Ueber den Nutzen und die Wichtigkeit der Stenographie im gewöhnl. Geschäftsleben überhaupt und über ihren gegenw. Stand in Deutschland. Mit wörtl. Uebersetzung in stenograf. Schrift vom Verfasser eigenhändig lithografirt (Rede bei Eröffnung eines dreimonatl. Lehrcurses über diese Kunst an der k. k. Universität zu Prag den 16. Juli 1845)“ (Prag 1846, mit 3 lith. Taf.), auch in der „Encyklopädischen Zeitschrift des Gewerbewesens“, Juliheft 1845, besonders abgedruckt; – „Kurze Grammatik der Steno-Tachygraphie (Redezeichenkunst oder eigentl. Schnellschrift) als Leitfaden für öffentl. und Selbstunterricht nach eigenen Vorträgen“ (Wien 1846, 2. Aufl. ebd. 1849, gr. 8°.)-, – „Praktisches Handbuch der Steno-Tachygraphie für öffentl. und Selbstunterricht etc.“ 2 Thle. (Wien 1846, 2. nach den neuest. prakt. Erfahrungen zeitgemäß verb. Aufl. ebd. 1849, gr. 8°.), dasselbe Werk auch in stenographischer Schrift (ebd. im näml. Jahre); – „Kurze Anleitung zur Steno-Tachygraphie für die vier slavischen Hauptsprachen, als: die böhmische, polnische, illyrische und russische, mit deutscher Uebersetzung nach eigenem ausführl. Systeme der čecho-slavischen Stenografie“ (Wien 1849, gr. 8°.); – nach seinem Tode erschien: „Lehrbuch der Gabelsberger’schen Stenografie von Ign. Jacob Heger. Nach des Verfassers hinterlassenen Papieren herausgegeben vom Centralvereine der Stenografen des österr. Kaiserstaates“ (Wien 1857, k. k. Hof- und Staatsdruckerei, in stenographischer Schrift, 12°.). Außer diesen im nächsten Hinblick auf Verbreitung und zur Förderung des Unterrichtes in der Stenographie herausgegebenen Schriften ist noch mehrerer Arbeiten Heger’s zu gedenken, die nicht in das große Publikum gekommen sind: Für den Fürsten Metternich stenographirte er auf 2 Bogen im 64stel-Formate wörtlich die zweite vermehrte Auflage des österr. Strafgesetzbuches mit den angehängten neuen Vorschriften; – Schiller’s sämmtliche „Gedichte“, stenographirt auf 7 Bogen in 32stel, nahm Huldvoll Se. Majestät der Kaiser Ferdinand an; – für Se. kais. Hoheit den Erzherzog Franz Karl stenographirte er die verschiedenen österreichischen Gesetzbücher auf 11 Bogen; – für Se. kais. Hoheit den Erzherzog Ludwig die österreichische Gerichts- und Concursordnung auf 2 Bogen; – für den Grafen Kolowrat das bürgerliche Gesetzbuch auf 6 Bogen. Auch hat H. alle Grabschriften der Wiener Friedhöfe stenographisch aufgenommen.

Stenographische Blätter. Zeitschrift des Gabelsberger’schen Stenographen-Centralvereins in München 1853, S. 17–19; und 1854, Nr. III, S. 45–46. und Nr. IV, S. 49–56. – Realis, Curiositäten- und Memorabilien-Lexikon von Wien. Herausg. von Anton Köhler (Wien 1846, Lex. 8°.) Bd. II, S. 15. – Frankl (L. A.), Sonntagsblätter (Wien, gr. 8°.) Jahrg. II (1843), S. 795. – Slovensko Noviny, d. i. Slovenische [206] Neuigkeiten (Wien, kl. Fol.) 1854, Nummer vom 10. Juni. – Schmidl (Adolph Dr.), Oesterreichische Blätter für Literatur und Kunst (Wien, 4°.) Jahrg. 1847, S. 292.

  1. Siehe hierüber das Nähere: Stenograf. Blätter, Jahrg. 1853, S. 17–19: „Beitrag zur Geschichte der Stenographie in Oesterreich“.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Heger, Ignaz Jacob, Stenograph [s. d. Bd. VIII, S. 202]. Von dem Stenographenverein in Wien, dessen Gründer Heger war, wurde Heger auf seinem Grabe im Matzleinsdorfer Kirchhofe ein Denkstein gesetzt, welcher am 23. October 1862 feierlich enthüllt wurde. Bei dieser Gelegenheit brachte die der „Wiener Zeitung“ 1862 angeschlossene Beilage „Tagesbericht“ vom 19. October eine Nachricht, welche so beginnt: „Zu Ehren des Professors Heger aus München“ u. s. w. Heger ist kein Münchener, sondern ein Böhme, u. z. aus Policzka (5. Juli 1808) gebürtig, und war nur einmal, im Jahre 1851, kurze Zeit in München, stand aber mit Gabelsberger, dessen System er nach Oesterreich verpflanzte, in lebhaftem schriftlichem Verkehre.
    Wiener Zeitung 1862, Tagesbericht Nr. 243 [einmal ließ ihn dieser in München geboren sein, nun wird diese falsche Angabe durch einen neuen Fehler berichtigt und sein Geburtsort Polucka statt Policzka genannt]. [Bd. 11, S. 429.]