BLKÖ:Jais, Aegydius

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Jakab, Stephan
Band: 10 (1863), ab Seite: 50. (Quelle)
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Jais, Aegydius (Pädagog, Humanist und Benedictinermönch, geb. zu Mittenwalde in Bayern an der Tirolergrenze 17. März 1750, gest. zu Benedictbeuern 23. December 1822). [51] Der Sohn eines Geigenmachers, erhielt er in der Taufe den Namen Joseph, den er erst später bei dem Eintritte in den Benedictinerorden mit dem Klosternamen Aegydius vertauschte. Die Mutter war eine fromme Frau und so besorgt für die Unschuld ihrer Kinder, daß sie der Kindsmagd befahl, sie ja in kein Haus zu führen, wo es lustig herginge, „lieber dorthin“, sagte sie, „wo man traurig ist“, und die pünctlich folgsame Magd führte sie gar dahin, wo sie Hühner abwürgen sahen. Wie er zum Studiren gekommen war, erzählte Jais selbst in der naivsten Weise von der Welt; da es nämlich oft geschah, daß durch seine Unachtsamkeit und Unbehilflichkeit Schüsseln und Kruge zerbrochen wurden, so urtheilten seine Eltern: „Wir können dieses Kind nicht zu Hause behalten, wir müssen selbes halt studiren lassen“. In seinem 12. Jahre kam Joseph in das Kloster Benedictbeuern, wo er die Anfangsgründe der lateinischen Sprache und dann in München unter Sebastian Winkelhofer Poetik und Rhetorik studirte. Hier wurde auch Johann Michael Sailer, sein älterer Studiengenosse, sein Freund und blieb es auch bis an seinen Tod. Nach zurückgelegten Studien bat Jais um die Aufnahme in jenes Kloster, das ihm seit seiner ersten Jugend schon so lieb geworden war, nämlich Benedictbeuern, und am 11. November 1770 fand seine Aufnahme und wie schon erwähnt, die Veränderung seines bisherigen Taufnamens Joseph in den Klosternamen Aegydius Statt. Wie er in das Kloster trat, darüber geben uns seine eigenen Worte gegen einen vertrauten Freund den Aufschluß: „Gott sei gedankt“, sagte er, „ich habe Unschuld und Taufgnade noch in das Kloster mitgebracht“, und sein ganzes künftiges Leben ist ein ununterbrochener Beweis der vollen Wahrheit dieser Rede. Da in den Benedictinerklöstern die Einrichtung besteht, daß junge talentvolle Geistliche zur weiteren Ausbildung in andere Klöster geschickt werden und zwar in solche, wo Männer von anerkannter Gelehrsamkeit den Studien vorstanden, kam J. noch in demselben Jahre in das Kloster St. Emmeran zu Regensburg, wo er bei P. Steiglehner Physik und Mathematik studirte und den linguistischen und hermeneutischen Vorlesungen des berühmten Lancelot beiwohnte. 1773 kehrte er nach Benedictbeuern zurück und erhielt 1776 die h. Priesterweihe. Ein Jahr wirkte er dann zu Maria Plain bei Salzburg als Beichtvater und wurde nun 1778 in Salzburg als Professor der ersten Grammaticalclasse angestellt, rückte zur zweiten und dritten Classe vor und versah von 1784–1788 die Professur der zweiten rhetorischen Classe und zugleich die Schulpräfectur. Hier lag ihm die wissenschaftliche und besonders die sittliche Bildung der ihm anvertrauten Jünglinge sehr am Herzen. Die Abfassung seines Lehrbuches für studirende Jünglinge zur Bildung ihres Herzens fällt in diese Zeit. Er betrachtete – o daß dieß bei allen Lehrern der Fall wäre – studirende Jünglinge als die Lieblinge zärtlicher Eltern, als die aufblühende Hoffnung des Vaterlandes, als künftige Diener des Altars, als Räthe der Fürsten, als Beschützer des Staates, als Männer in ihrer Jugend, als ein heiliges hinterlegtes Gut, über welches der Lehrer den Eltern, dem Gemeinwesen und der Religion Rechenschaft geben müsse, daher der Lehrer seine Sorgfalt mit den Jahren verdoppeln und diese dann die größte sein müsse, wenn sich die Zöglinge dem Alter nähern, welches gemeiniglich das [52] künftige Schicksal des Jünglings entscheidet, wo er seine Kräfte, wo er einen stärkeren Hang zum Vergnügen, zur Freiheit fühlt, sein Recht auf die Güter der Welt geltend zu machen und erwachsene Personen nachzuahmen anfängt; wo er gewisse ihm ganz neue Kenntnisse erlangt, neue Triebe verspürt und auf Mittel sinnt, diese zu befriedigen. Durch seine Religiosität sowohl als durch seine gute Schulzucht hat sich J. ein unvergeßliches Andenken, eine bleibende Achtung erworben. Von Salzburg kam er als Seelsorger nach Jachenau, 1792 in das Kloster Rott als Novizenmeister und von da 1803 in die Seelsorge nach Heilbrunn. Jais zählte damals bereits über 50 Jahre. Nach der Aufhebung seines Stiftes wurde er Professor der Moral- und Pastoraltheologie in Salzburg, wo er 1805 auch das Rectorat übernahm. Im Jahre 1806 berief ihn der Großherzog von Toscana zum Religionslehrer seiner Kinder nach Würzburg, welchem Amte er bis 1814 vorstand. Am 28. October d. J. kehrte er aus Florenz nach Benedictbeuern zurück und unterstützte freiwillig die Pfarre daselbst in der Seelsorge. Auch in Florenz hatte J. die Deutschen besucht, welche im Lazareth, den Trost eines deutschen Geistlichen entbehrend, schmachteten. Als später der Pfarrer von Mittenwalde starb und die beiden anderen Prediger für die bedeutende Seelsorge dieses Ortes nicht hinreichten, konnte es Jais nicht über sein Herz bringen, seinen Geburtsort so lange verwaist zu sehen; bereits ein Siebenziger, unterzog er sich nichtsdestoweniger freiwillig den Pflichten und Beschwerden eines Pfarrers, predigte Vor- und Nachmittags, hielt Christenlehren, besuchte die Feiertagsschulen und war unermüdet im Beichtstuhle und im Krankenbesuchen. Nachdem die Pfarrerstelle wieder besetzt worden war, kehrte er nach Benedictbeuern zurück und widmete sich der Aushilfe der Seelsorge in der Umgegend, theils schriftstellerischen Arbeiten und der Vorbereitung zum Tode, der ihn plötzlich dieser Erde entriß. Am 22. December 1822 hatte er noch an den herauszugebenden Predigten gearbeitet und sich gesund zu Bette gelegt. Als am andern Morgen sein Bedienter ihm mit dem gewöhnlichen Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus“ das Licht brachte, erhielt er keine Antwort, denn Jais war vom Schlage getroffen worden und starb bald darauf. Also ist das Todesdatum, als welches immer der 22. December angegeben erscheint, auf den 23. December zu verlegen. Sein von der Pension erspartes, durch schriftstellerische Arbeiten und im Auslande erworbenes Vermögen – 10.000 fl. – hatte er den Armen seiner Vaterstadt vermacht mit bestimmt angegebener Verwendung der Renten für arme Knaben zur Erlernung eines Handwerks, für arme studirende Jünglinge, zur Aussteuer armer tugendhafter Mädchen und zur Pflege armer Knaben. Von seinen Schriften, welche vollständig in den Bücher-Lexiken von Kayser (Bd. III, S. 238 u. 239; Bd. VII, S. 472; Bd. IX, S. 459; Bd. XI, S. 502) und Heinsius aufgezählt werden, folgen hier die in Salzburg gedruckten, es sind ohnehin die wichtigsten und die Mehrzahl. Die vielen Nachdrucke einzelner Schriften in Oesterreich blieben unberücksichtigt. Es sind in chronologischer Folge: „Lesebuch für meine Schüler zur Bildung ihres Herzen“ (Salzburg 1784, 2. neub. u. verm. Aufl. ebd. 1797, 8°.); – „Auf den Tod Constantin’s des Rectors der Universität zu Salzburg, eine Trauerrede“ (1783, 4°.); – „Guter Same auf ein gutes Erdreich. Ein [53] Gebet- und zugleich ein Lehr- und Hausbuch“ (Salzburg 1792, 7. rechtm. Aufl. ebd. 1822, 12°., mit K. K.), nachgedruckt in Augsburg, Gratz, Heidelberg, Kempten, Köln, Luzern, Prag, Regensburg, Wels, Wien und an vielen anderen Orten und in mehreren hunderttausend Exemplaren verbreitet; – „Lehr- und Bethbüchlein für die lieben Kinder“ (Salzburg 1792; 27. Aufl. Augsburg 1843, 12°.), gleichfalls oft nachgedruckt; – „Gebet und Lehren, die christliche Eheleute recht oft und mahl zu Herzen nehmen sollten“ (Salzburg 1798, 2. Aufl. 1799, 8°.); – „Amulet für Jungfrauen oder Gebet und Lehren, die eine tugendhafte Jungfrau mahl zu Herzen nehmen soll“ (ebd. 1798, 11. Aufl. 1847, 12°.); – „Amulet für Jünglinge“ (ebd. 1798, 10. Aufl. 1846, 12°.); – „Schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen zur Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene“. 2 Bdchn. (ebd. 1792, 26. rechtm. Aufl. des 1., 15. des 2. Bändchens 1841, 12°.), oft nachgedruckt und in mehr als einer halben Million Exemplaren verkauft und verschenkt; – „Hausandacht oder Gebete, die man in christlichen Häusern zum Vorbeten oder für sich selbst mit Nutzen brauchen kann“ (ebd. 1802, 8°.); – „Mess- und Kreuzwegandacht“ (ebd. 1802, 8°.); – Goldener Spiegel für Mütter, auch als Geschenk für Bräute“ (ebd. 1813, 8°.); – „Predigten, die Alle verstehen und die Meisten brauchen können“. 4 Bde. (ebd. 4. Aufl. 1845, 8°.); – „Jesus und seine h. Kirche. Lebens- und Kirchengeschichte“ (ebd. 1821, 6. Aufl., 8°. mit K. K.); – „Jesus Christus, unser lebendiges heiliges Evangelium“ (ebd. 1820, 2. Aufl. 1822, 8°.). Viele, ja die meisten seiner Werke, die sich im Ganzen auf 30 belaufen, sind unter veränderten Titeln nachgedruckt worden. J. bietet das vollendete Bild eines Priesters, wie er sein soll, der im Geiste eines Vorbildes auf Erden wandelte und Gutes that, sich seines Volkes erbarmte, die „Kleinen“ zu sich rief und die „Großen“ ermahnte, ihnen kein Aergerniß zu geben, eines Priesters von ungeheuchelter Frömmigkeit und untadelhaften Sitten, dessen unverbrüchliches Gottvertrauen aus allen seinen Amtsverrichtungen, dessen Furcht von jeder, auch der geringsten freiwilligen Sünde aus allen seinen Werken und Handlungen hervorleuchtete; eines Priesters, vor dem selbst Protestanten in Ehrfurcht das Haupt entblößten, in seiner frommen, weisen und aufopfernden Liebe den Kern der Lehre erkennend, wie sie war, bevor sie sich in Katholicismus und Protestantismus getrennt hat. Bemerkenswerth ist noch, daß Jais’ Name in den Tagen der Censur dazu mißbraucht wurde, rationalistische Werke, u. a. ein Werk von Daumer nach Oesterreich zu schwärzen. Es wurde nämlich der Titel eines der verbreitetsten Andachts- und Sittenbücher von Jais als Umschlag für ein verbotenes, die Geheimnisse der Religion behandelndes Werk verwendet.

Deinl (Friedrich), Aegydius Jais, nach Geist und Leben geschildert von einem seiner Freunde (Regensburg 1821, Augsburg 1828, Regensburg 1635, 8°.); – Riedhofer (Corbinian), Kleine Nachlese zu A. Jais’s Biographie (Augsburg 1826, 8°.). – Reiter (Mathias Simon), Nachtrag biographischer und schriftstellerischer Notizen zu A. Jais’s Geist und Leben (Salzburg 1828, 8°.). – Baader (Klement Alois), Das gelehrte Baiern (Nürnberg und Sulzbach 1804, Joh. Isaias Seidel, 4°.) I. (und einziger Theil), Sp. 549. – Katholische Blätter aus Tirol (Innsbruck, 8°.) Jahrg. 1860, Nr. 17, S. 387; Nr. 18, S. 409 [nach diesen gest. 3. December 1822]. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 14 [nach dieser gest. 22. December 1822]. – Oesterreichischer Volksfreund (Wien, gr. 8°.) Jahrgang VII, Nr. 26, im Aufsatze: „Aus O’Donnell’s Autographen“. – E. M. Oettinger [54] in seiner Bibliographie biographique (Bruxelles 1854, Stienon, Lex. 8°.) gibt auch den 22. December 1822 als seinen Todestag ]. – Porträt. A. Klauber sc. (8°.). – Zur Charakteristik von Aegydius Jais. In den Jahren der großen Theuerung waren es nicht Scheffel, sondern schwer beladene Fuhren Getreides, die er kaufte und seinem verarmten Geburtsorte zuschickte. – Wenn er reiste, hatte er gewöhnlich mehrere Exemplare seines Gebetbuches bei sich zum Verschenken. Einst machte ihm auf der Straße ein Bauernknecht ein Fallthor auf. Jais fragte ihn: Kannst Du lesen? „Ja“, sagte der Knecht. – Nun so will ich Dir ein Büchlein schenken. – „Herr“, erwiderte Jener, „schenkt mir lieber einen Zwölfer“. Jais griff in die Tasche und gab ihm nebst dem Gebetbüchlein das verlangte Geld. – Jais hatte erfahren, daß an einem Orte in mehreren armen Häusern die Schlaf- und Wohnstuben nicht getrennt und die Lagerstätten der verschiedenen Geschlechter nicht gehörig abgesondert seien. Da that er seine volle Hand auf und ließ sich eine Summe von 1400 fl. nicht zu groß sein, um Ordnung und Anstand herzustellen und die Unschuld so viel als möglich vor Gefahr zu schützen. – Nannte man ihn Herr Doctor, Herr geistlicher Rath u. dgl. m., „das Diplom liegt im Pulte“, sagte er dann, „ich bin Pater Aegydius“. – Nach Herausgabe seines Gebetbuches erhielt er einen anonymen Brief, dessen Siegel ein Schwert und eine Ruthe war und der Inhalt voll höhnender Satyre. Er las ihn und steckte ihn ruhig in die Tasche mit den Worten: „Gott befohlen“. – Man forderte ihn schriftlich auf, er möchte den einseitigen und geschwätzigen Recensenten seines Katechismus zurechtweisen. Jais schwieg und schwieg lange, endlich antwortete er: „Man thut mir Unrecht“, und das war Alles. Hundert und hundert solcher Züge sind von ihm bekannt, sie vollenden in erhebender Weise dieses edle Menschenbild.