BLKÖ:Ruthner, Anton Edler von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Ruthner, Cajetan
Band: 27 (1874), ab Seite: 303. (Quelle)
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Ruthner, Anton Edler von (Naturforscher und Geograph, geb. zu Wien am 21. September 1817). Sein Vater Cajetan Edler von R. (gest. zu Wien am 25. October 1859) war k. k. niederösterr. Regierungsrath und erlangte für seine ausgezeichnete Dienstleistung im Jahre 1853 den erbländischen Adelstand. Der Sohn Anton kam, als er 6 Jahre alt war, nach Linz, nachdem der Vater zum Regierungsrath bei der obderennsischen Landesregierung ernannt worden war. In Linz besuchte er die ersten zwei Classen des Gymnasiums, die übrigen und die zwei Jahrgänge der philosophischen Studien im Stifte Kremsmünster als Zögling des dortigen Convictes. Mit seinem Vater, der zur niederösterreichischen Landesregierung nach Wien übersetzt worden war, kehrte auch R. dahin zurück und lag daselbst den rechtswissenschaftlichen Studien ob, nach deren Beendigung er im Jahre 1839 als Conceptspraktikant bei der k. k. niederösterr. Hof- und Kammerprocuratur eintrat. Daselbst diente er 10 Jahre, bis 1849, erlangte in der Zwischenzeit, 1841, an der Wiener Hochschule die juridische Doctorwürde, befand sich von Herbst 1841 bis Herbst 1842 in der [304] Criminalpraxis. Bei dem Tribunale 1. Instanz in Verona, fungirte von Ende 1847 bis Anfang 1849 als Aushilfsreferent bei dem k. k. Filialfiscalamte Salzburg, wo er auch bei der letzten Verwendung von Mitte 1848 an zugleich die Stellung als provisorischer Staatsanwalt in Preßfachen bekleidete. Die im August 1848 ihm verliehene Advocatur in Wien trat er im Mai 1849 an und hat dieselbe bis Ende 1879 ausgeübt. Größere literarische Arbeiten, deren Ausführung er übernommen, veranlaßten ihn, auf den Anwaltsposten zu verzichten. Im November 1873 ist er dann von Wien nach Stadt Steyr in Oberösterreich übersiedelt, wo er mit Anfang 1874 das Advocatursgeschäft wieder aufgenommen hat. Diese wenngleich wechselvolle, aber im Ganzen nichts Besonderes darbietende Laufbahn ist es nicht, weßhalb ihm eine – und zwar hervorragende – Stelle in diesem Werke eingeräumt wird. R. har sich nach anderer Seite, und zwar als Bergsteiger, der seines Gleichen nicht hat, als Geograph und Pionnier der österreichischen Alpenwelt, welche er zum ersten Male systematisch durchforschte und noch durchforscht, einen in fach- und anderen wissenschaftlichen Kreisen anerkannten Namen – „erstiegen“. Schon in jüngeren Jahren fesselte ihn die schöngeistige Literatur, und man begegnet seinem Namen öfter unter Poesien und belletristischen Aufsätzen in Prosa. Die Bewegung der Jahre 1848 und der nächst darauf folgenden berief ihn auf ein anderes, das publicistische Gebiet, auf welchem seine Arbeiten in verschiedenen Journalen der Jahre 1848 bis 1854 erschienen; am meisten bekannt machte er sich aber durch seine im Felde und mit der Feder gemachten und mitgetheilten Forschungen über die österreichischen Alpen. Schon während seines Aufenthaltes in Kremsmünster hatte er als Jüngling mehrere Ausflüge in das von dem Stifte nicht mehr ferne Alpengebiet unternommen und namentlich das Thal der Alm, das oberste Kremsthal und das Thal der Steyr bis zum Ursprung des Flusses im Stoder wiederholt besucht. Bis zum Jahre 1852 hat R. die Alpen blos als Naturfreund und Schilderer dessen, was er dort gerade Merkwürdiges vorfand, bereist. Bald aber wandte sich sein Interesse der Hochregion der Alpen und der Ersteigung der höchsten Spitzen zu. So faßte er denn im Jahre 1852 den Entschluß, die Hochalpen vom Wiener Schneeberge bis zur Schweizer Grenze und von jener Bayerns bis zur lombardisch-venetianischen Ebene vollständig kennen zu lernen, zu diesem Zwecke die höchsten Zinnen der einzelnen Gruppen zu ersteigen und diesen am wenigsten gekannten Theil der Alpen durch ausführliche Schilderungen bekannt zu machen. In Verwirklichung dieses Entschlusses hat R. bisher (1873) über 300 Hochspitzen und Pässe in den Alpen erstiegen und überschritten und die wichtigsten Resultate seiner Bergreisen in zahlreichen einzelnen Aufsätzen und in mehreren selbstständigen Werken nach einem genau eingehaltenen Plane veröffentlicht. Viele Hochgipfel hat R. als der Erste oder doch wenigstens als der erste Mann der alpinen Forschung erstiegen, und ebenso manche Jochübergänge zuerst ausgeführt und seine Erfolgs dann literarisch bearbeitet. Noch ungleich größer ist die Zahl jener Höhenpuncte, welche er besucht, und mochten sie auch früher schon von Anderen betreten worden sein, doch durch seine Feder zuerst einem größeren Publicum bekannt gemacht hat. Hier möge nun eine Uebersicht nur der bedeutenderen Hochalpen-Expeditionen R.’s folgen. Schon im Jahre 1841 [305] war R. Theilnehmer der ersten öffentlich bekannt gewordenen Ersteigung des 11.622 Wiener Fuß hohen Großvenedigers im Herzogthume Salzburg; – im Jahre 1842 bestieg er als der erste Ersteiger nach ein paar Tirolern aus der Umgebung den später modern gewordenen 11.424 Fuß hohen Similaun in der Oetzthaler Gruppe; – 1843 den 10.291 Fuß hohen Ankogel bei Gastein; – im Jahre 1852 den 12.009 Fuß emporsteigenden Großglockner; – 1854 gelangte er auf das 11.318 Fuß hohe große Wiesbachhorn in der Kette der hohen Tauern, welches früher nur einmal von einem Fremden bestiegen worden war; – 1857, nachdem durch 23 Jahre Niemand so hoch auf den Riesenberg vorgedrungen war, gelangte er auf den 12.357 Fuß hohen Ortler bis wenig Klafter unter der höchsten Spitze, wobei ihn nur Nebel und Sturm gehindert, selbst diese über die letzte schmale Eisschneide zu betreten; – im J. 1858 erreichte er den vor ihm blos einmal bestiegenen Schwarzenstein in der Zillerthaler Gruppe, 10.651 Fuß hoch; – 1859 die nur einige Klafter an Höhe der höchsten 10.586 Fuß hohen Felszinne nachstehende Schneespitze des Hochalpenspitzes im Maltathal in Kärnthen und den früher nur einmal erklommenen 11.166 Fuß hohen Johannesberg auf dem Pasterzengletscher in Kärnthen; – im Jahre 1861 betrat er als der zweite fremde Ersteiger die 11.947 Fuß erreichende Hohe Wildspitze bei Vent im Oetzthale; – 1864 die vor dem noch von keinem Fremden erkletterte Ruederhofspitze in Stubai, 10.986 Fuß hoch; – 1867 das wieder blos einmal vor ihm von einem Touristen bestiegene, etwa 10.000 Fuß hohe, in den Rhätischen Alpen oder der Vorwallgruppe an der Straße von Landeck in Tirol auf den Arlberg gelegene Blankenhorn, und im Jahre 1868 den etwa 12.000 Fuß hohen Zufallspitz in den südlichen Ortleralpen; endlich im Jahre 1872 den in Oesterreich gefürchtetsten Felsenberg Terglou (Triglava) in Krain. Bei manchen Unternehmungen ließen R. die Ungunst der Witterung oder eine mangelhafte Führung das vorgesteckte Ziel nicht erreichen; dieß war der Fall bei einem im Jahre 1861 gemachten Versuche, die damals noch unerstiegene Vedretta Marmolata in Südtirol zu ersteigen, bei welchem er die Höhe von über 10.000 Fuß. doch aber nicht die auf dem eingeschlagenen Wege unnahbare, 10.650 Fuß hohe Hauptspitze gewann; – bei einem wiederholten Versuche, die gleichfalls in Südtirol auf dem rechten Etschufer gelegene 11.270 Fuß hohe Presanella zu erklimmen, kam er im Jahre 1868 gleichfalls weit über 10.000 Fuß hoch, und ebenso hoch bei einem 1866 gemachten Versuche der Ersteigung des Olperers, 11.043 Fuß, im Turer Hauptkamm, wogegen Versuche der Ersteigung der Reichenspitze, 10.424 Fuß hoch, und des Hohen Möseleferners, 10.908 Fuß, in den Zillerthaler Alpen, ihn in den Jahren 1863 und 1866 blos auf Höhen von 9– bis 10.000 Fuß führten. – In den Zeitraum der Jahre, in welchen R. die vorerwähnten Bergersteigungen ausgeführt, fallen auch mehrere sehr erhebliche Jochübergange; so hat er im Jahre 1855 den Paß aus dem Pinzgauer Thale Kaprun auf die Pasterze über das 9602 Fuß hohe Riffelthor als der Erste überschritten, und auch der Weg von der Pasterze nach der Judenalpe im Fuscherthale über die 9440 Fuß hohe Bockkarscharte ist zuerst durch Ruthner im Jahre 1856 für Fremde erschlossen worden. Als der erste Fremde [306] gelangte er im Jahre 1858 von Rosen im Oetzthale in das Pitzthal über eine etwas über 10.000 Fuß hohe Scharte zwischen dem Hochvernagt und dem Sechsegartenferner und als der zweite Fremde im Jahre 1860 gleichfalls von Rosen in das Kaumthal über ein ebenso hohes Joch zwischen dem Vernagt und dem riesigen Gepatschferner. Im Jahre 1867 aber hat er als der Erste den Uebergang aus der Sulzenau in Stubai nach der Timmelsalpe im obersten Passeyer über zwei zwischen 9– und 10.000 hohe Pässe und damit eine Expedition ausgeführt, welcher R. selbst, was die Größe der Leistung und das hohe Interesse der durchwanderten, eine Art Achse de: Nordtiroler Gletscher bildende Eisregion betrifft, unter allen seinen Bergfahrten einen, der ersten Platze einräumt. Im Vorstehenden konnten nur die bedeutendsten der vielen Alpenexpeditionen Ruthner’s genannt werden. Heute freilich ist so manche aus ihnen leicht zu machen, gefahrlos und fast beschwerdelos. Anders standen die Dinge vor 10 bis 20 Jahren und weiter zurück. Damals war die Bereisung der Hochalpen und insbesondere die Ersteigung der Hochspitzen noch kein Gegenstand des Sports und der Besuch der Gletscherregion ein noch ganz geringer. Da gab es keine Unterkunftshütten, keine verbesserten Wege, hatten sich nicht überall tüchtige Führer herangebildet und waren die Zugänge auf die Eiszinnen noch nicht wie jetzt erforscht. Im Gegentheile hingen die wenigen vorhandenen Führer mit der Zähigkeit des Aelplers off an ganz irrigen Traditionen über die absolute Unersteiglichkeit einer Spitze von dieser oder jener Seite, über den besten Weg auf dieselbe, und vereitelten dadurch, daß sie einen anderen Weg nicht einschlagen wollten, gar nicht selten das Gelingen einer Ersteigung. Ruthner’s unläugbares Verdienst nun ist es, daß er trotz allen Schwierigkeiten, welche ihm unter diesen Verhältnissen bei seinen Expeditionen entgegengetreten sind, dennoch so viele Unternehmungen mit dem glücklichsten Erfolge als der wahre Pionnier der österreichischen Alpen ausgeführt hat. Mit dieser Thätigkeit R.’s in den Alpen selbst geht diejenige als Schriftsteller über die Alpen Hand in Hand. Seit dem Jahre 1842, in welchem die Schilderung der im Salzburgischen Epoche machenden ersten Ersteigung des Großvenedigers im Februar in der „Wiener Zeitung“ als Ruthner’s erste, auf die Alpen Bezug nehmende literarische Arbeit veröffentlicht wurde, ist aus seiner Feder eine beträchtliche Zahl von Abhandlungen über das österreichische Hochgebirge in der „Wiener Zeitung“, der Witthauer’schen „Wiener Zeitschrift“, in L. A. Frankl’s „Sonntagsblättern“, in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“, in Dr. Petermann’s „geographischen Mittheilungen“, in den „Mittheilungen“ und „Jahrbüchern“ der k. k. geographischen Gesellschaft in Wien und des österreichischen Alpenvereins erschienen. Da Vieles von den in den erwähnten Blättern und Fachschriften abgedruckten Arbeiten von ihm auch in seine selbstständig herausgegebenen Werke aufgenommen wurde, so werden hier vornehmlich diese mit Uebergehung der einzelnen Zeitungsartikel aufgezählt. R.’s selbstständig erschienene Schriften sind in chronologischer Folge: „Die Alpenländer Oesterreichs und der Schweiz. Eine Parallele der Naturschönheiten des österreichischen und Schweizer Hochlandes“ (Wien 1843, Braumüller, gr. 8°.); – „Aus den Tauern, Berg- und Gletschereisen in den österreichischen Hochalpen“ (Wien 1864, Gerold, [307] XVII u. 414 S. gr. 8°., mit 6 Abbildgn. im Farbendrucke und 1 Gebirgskarte). R.’s erstes größeres Werk, worin er seine interessanten, in verschiedenen Blättern zerstreut gedruckten Aufsätze aus der Gruppe der hohen Tauern gesammelt und theilweise neu redigirt und eine neue größere Abhandlung hinzugefügt hat, in welcher er einen Streifzug dieß- und jenseits der Tauern schildert und darin in sieben Abschnitten über das Fuscherbad, Mittersill, den Krimlertauern, Aehrenthal, Rainthal, Teffereggen, St. Jacob, das Rothhorn, Windisch-Matray, das Matrayer Kalser Thörl, Kals und den Kalsertauern und das Stubachthal berichtet; – „Aus Tirol. Berg- und Gletscher-Reisen in den österreichischen Hochalpen“. Neue Folge (Wien 1869, Gerold, VIII u. 464 S., gr. 8.°, mit 4 Farbendruckbildern und einer Karte), eine Zusammenstellung der interessantesten Expeditionen R.’s auf einem anderen Theile der österreichischen Alpen, nämlich den Central-Alpen Tirols, steht aber mit dem vorgenannten Werke im Zusammenhange und bringt gleich demselben bereits gedruckte, nur nach dem Standpuncte der neuesten Alpenforschung ergänzte Abhandlungen, aber auch ganz neue, bisher ungedruckte Monographien; so in der Abtheilung des Werkes: „Die Zillerthaler Alpen“ den Abschnitt: „Zillergrund, Hundskehl, Keilbachjoch“; in der Abtheilung: „Die Oetzthaler Alpen“ den Abschnitt: „Von Plan in Pfelders über das Eisjoch nach dem Eichhofe im Pfasenthale“, und einen zweiten: „Uebergang aus dem Pfasenthale über den großen Ferner nach Gurgl“. Vollständig neu aber ist die ganze Abtheilung: „Aus den Rhätischen Alpen“. Ruthner hat in allen seinen bisherigen Arbeiten meist dem größeren Publicum unbekannte Stoffe behandelt, im letztgenannten Werke aber eine absolut ungekannte ganze Gruppe der Alpen in Behandlung genommen und sind seine in der Abtheilung: „Die Rhätischen Alpen“ gegebenen Mittheilungen geradezu als eine geographische Eroberung zu betrachten. Im letztgenannten Werke spricht R. auch die Hoffnung aus, durch ein folgendes Werk seine vorzüglichsten Bergreisen in den Nord- und Süd-, dann in den steirischen Central-Alpen zusammenzustellen und damit die Aufgabe zu lösen, die Hochregion der ganzen österreichischen Alpen in großen Zügen bekannt zu machen. Die bisherigen Werke R.’s lassen eine eminente Lösung dieser sich selbst gestellten Aufgabe erwarten. Von jenen Arbeiten Ruthner’s, welche in den vorbenannten selbstständigen Schriften desselben nicht aufgenommen erscheinen, sind als mehr oder minder wichtige Beiträge zur alpinen Literatur anzuführen in L. A. Frankl’s „Sonntagsblättern“, Jahrgang 1845: „Die Eishöhle auf dem Brandsteinberge“ (S. 440); – „Von Altenmarkt durch die Laussagräben nach Windisch-Garsten“ (S. 732); – „Der Traunstein“ (870); in Petermann’s „Geograph. Mittheilungen“, VI. Jahrg. (1865) die größeren „Expeditionen in den österreichischen Alpen im J. 1864“; in der Wiener Zeitung 1854: „Die Ersteigung der hohen Dachsteinspitze im Salzkammergute“ (Abendblatt Nr. 16 u. f.); – 1858: „Eine Ersteigung der Ortelsspitze“ (Abdbl. Nr. 169); –1860: „Unglücksfälle auf den Oetzthaler Fernern“ (Abdbl. Nr. 142); – 1865: „Der Stoder und der große Priel“ (Abdbl. Nr. 138); – 1870: „Von Aussee nach Innerstoder über den Salzsteig“ (Nr. 206); in den Mittheilungen der k. k. geographischen Gesellschaft, Jahrbuch V (1862): „Höhenmessungen [308] aus der Tauernkette“; – Jahrg. XII: „Der Pfänder bei Bregenz“ in den Publicationen des österreichischen Alpenvereins, und zwar im III. Bande(1867): „Die Zugspitze im bayerischen Oberlande“ (S. 163); – im V. Bande (1869): „Der Unnutz am Achensee“ (S. 1) und „Die Medelergabel in den Algäuer Alpen“ (S. 150); – im VI. Bde. (1870): „Die Hochwildstelle in Obersteiermark“ (S. 106); – im VII. Bde. (1871): „Reise von Meran in das Schnalser Thal und Ersteigung des Similaun“ (S. 135). – Für R.’s Thätigkeit im Interesse der Alpen öffnete sich ein neues Feld durch die Gründung des österreichischen Alpenvereins. Nachdem sich der Verein gegen das Ende 1862 constituirt halte, betheiligte sich R. thätig an der Organisirung und am geistigen Leben desselben durch Vorträge und Beiträge, welche in den bisher sieben Bände umfassenden, in den ersten zwei Bänden den Titel: „Mittheilungen“, in den folgenden, „Jahrbuch des österreichischen Alpenverein“ führenden Publicationen veröffentlicht und deren wichtigere schon angeführt worden sind. Wie seine Thätigkeit für den Verein stark in Anspruch genommen wurde, beweisen seine Wahl in den Ausschuß gleich nach Gründung des Vereins, zum Präsidenten desselben im 2., 3., 5., 8. und 9. Vereinsjahre. in den übrigen zum Vorstands-Stellvertreter. Erst bei Beginn des 10. Vereinsjahres schied er aus der Vorstandschaft und dem Ausschusse mit der bestimmten Erklärung, eine Wiederwahl nicht anzunehmen. R. hat aber auch noch in anderer Richtung, als der alpinen, sein reges Interesse an der geographischen Wissenschaft bewährt. Er betheiligte sich an den Strebungen der k. k. geographischen Gesellschaft durch Arbeiten für die Mittheilungen und Vorträge über verschiedene geographische Stoffe. Seit der Gründung dieser Gesellschaft im Jahre 1856 hat R. bis zu seiner Uebersiedelung nach Oberösterreich im November 1873 dem Ausschusse der Gesellschaft angehört und hat in den Jahren 1863–1865 die Stellung eines Vice-Präsidenten und später durch drei Jahre die des Rechnungsführers bekleidet. Als die jüngste geographische Arbeit Ruthner’s ist in der österreichischen Wochenschrift für Wissenschaft und Kunst, 1. Band, Jahrgang 1872, Heft 24–26, ein Essay: „Julius Payer, der Alpenforscher und Nordpolfahrer“ erschienen. [Es ist dieß derselbe Payer, dessen auch dieses Lexikon, Bd. XXII, S. 155, unter der Schreibart Peyer, in welcher er im Militär-Schematismus erscheint, gedenkt.] In diesem Essay bespricht Ruthner Payer’s Leistungen nach allen Richtungen als Hochgebirgstouristen, Naturforscher und Nordpolfahrer, und es ist dieß die gediegenste und zuverlässigste Arbeit über eine Persönlichkeit der Gegenwart, die Oesterreich mit Stolz zu den Seinigen zählen darf. Gegenwärtig ist Dr. R.’s literarische Thätigkeit vorzugsweise dem bei Ferdinand Lange in Darmstadt erscheinenden Werke: „Das Kaiserthum Oesterreich“ zugewendet. Das auf 70 Lieferungen zu je einem Druckbogen mit je drei Stahlstichen berechnete Werk dürfte wohl eine größere Ausdehnung erhalten, da die von Dr. R. bearbeiteten Sectionen Niederösterreich und Oberösterreich bereits über 37 Bogen (ersteres 25–26, letzteres 11 –12) umfassen. Die Vorstudien für dieses Werk haben R. in den letzten Jahren genöthigt, in den beiden Erzherzogthümern so manchen Ausflug, besonders in den nicht alpinen, ihm weniger bekannten Landestheilen zu unternehmen [309] und haben ihn im Jahre 1872 sogar zu einer Reise nach dem unwirthlichen Dalmatien bestimmt, um die Darstellung dieses Kronlandes für das Lange’sche Werk im Großen und Ganzen nach eigener Anschauung ausführen zu können. R.’s Thätigkeit auf geographischem Gebiete und speciell die in der Durchforschung und Schilderung der Alpen hat in Fachkreisen gerechte Würdigung gefunden; als Kenner der und Schriftsteller über die österreichische Alpenwelt gilt R. im In- und Auslande als Autorität, dessen Rath und Urtheil über alpine Unternehmungen und die Alpen betreffende literarische Leistungen häufig eingeholt wird. Die k. k. geographische Gesellschaft hat R. bei seinem Austritte aus dem Ausschusse zum correspondirenden Mitgliede ernannt und die Gesellschaft für Erdkunde in Berlin nahm R. als auswärtiges Mitglied in ihren Schooß auf. Anläßlich dieser letzteren Eigenschaft wurde R. auch im Jahre 1869 von der k. k. geographischen Gesellschaft in Wien als ihr Abgeordneter zur Humboldt-Feier nach Berlin entsendet. Als er daselbst als der erste Süddeutsche und gewiß als der erste Oesterreicher nach dem Kriege des Jahres 1866 beim Bankette der vereinten gelehrten Gesellschaften Berlins vor 600–700 Teilnehmern aus der wahren Intelligenz Norddeutschlands den motivirten Toast auf die innigste völkerrechtliche Allianz Oesterreichs und Preußens ausbrachte, rief derselbe beim Bankett einen Sturm von Beifall hervor. Damals mochte der Toastsprecher bei seiner Rückkehr nach Wien manchen mißgünstigen, durch seinen Toast hervorgerufenen Blicken des Unverstandes und der Principienlosigkeit begegnet sein, wofür ihn der Jubel entschädigen mochte, mit dem man zwei Jahre später, als der deutsche Kaiser, der die Wiener Welt-Ausstellung besuchte, an der Seite des österreichischen saß, beiden Monarchen zujauchzte. Wie Dr. Ruthner’s Bestrebungen und Erfolge in seinen geographischen Eroberungen wissenschaftlicher Seits durch Benennungen geographischer Objecte geehrt wurden, darüber vergleiche die Quellen, in denen über die geographischen Bezeichnungen Ruthner-Horn, Ruthner-Berg und Ruthner-Gletscher die Aufklärungen gegeben werden; aber auch sonst noch, und zwar von Seite mehrerer Souveräne, wurde R. in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet. Se. Majestät der Kaiser verlieh ihm das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens und Preußen den kön. preuß. Kronen-Orden und beide Fürsten überdieß die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft; außerdem ist R. noch von Bayern, Baden und Sachsen-Coburg mit dem Verdienst- und Haus-Orden dieser Staaten decorirt.

Adelstands-Diplom ddo. 12. August 1853 für Cajetan von Ruthner. – Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1861, Nr. 246. – Literarisches Centralblatt für Deutschland, herausgegeben von Friedrich Zarncke (Leipzig, Avenarius, 4°.) Jahrg 1861, S. 612.
Das Ruthner-Horn, der Ruthner-Berg und der Ruthner-Gletscher. Die auf botanischem und zoologischem Gebiete, vornehmlich auf ersterem leider oft bis zur Lächerlichkeit angewendete Sitte, Pflanzen nach dem Namen des ersten Finders zu bezeichnen, wodurch nicht selten Verwirrungen entstanden sein mögen, wurde auch, aber mit besserem praktischen Erfolge, auf geographischem Gebiete adoptirt und wurden die Namen bedeutender Forscher auf demselben zur Bezeichnung noch unbekannter oder neu entdeckter Objecte verwendet. So hat in gerechter Würdigung der großen Verdienste R.’s um die alpine Geographie der österreichische Alpenforscher General von Sonklar eine Eisspitze im Rainthale in Tirol, welche bis dahin die Schneebige Nock hieß, im Jahre 1863 in das „Ruthner-Horn[310] umzutaufen versucht. jedoch nur mit geringem Erfolge, weil das Volk, zumal gegenüber dem in der dortigen Gegend wenig gekannten Namen Ruthner, an der alten Bezeichnung festhält. – Der Nordpolfahrer Julius Peyer, dessen in der Lebensskizze R.‘s Erwähnung geschah, hat in seiner, für das Werk über die zweite deutsche Nordpolarfahrt bestimmten Karte der Ostgrönländischen Küste einen Berg auf der Khuninsel den „Ruthner-Berg“, und Petermann in jener Karte, welche er auf Veranlassung der norwegischen Regierungsbehörde und Schifffahrts-Capitäne zur Uebersicht der norwegischen Aufnahmen von 1871 des nordöstlichen Theiles von Nowaja Semlja verfaßte und im 10. Hefte, Jahrgang 1872, der von ihm herausgegebenen „Geographischen Mittheilungen“ veröffentlichte, einem ausgedehnten Gletscher auf Nowaja Semlja den Namen „Ruthner-Gletscher“ beigelegt.