BLKÖ:Schnirch, Friedrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schnitzer, Kasimir
Band: 31 (1876), ab Seite: 52. (Quelle)
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Schnirch, Friedrich (Ingenieur und Erbauer der ersten Kettenbrücke für den Locomotivbetrieb, geb. zu Patek an der Eger im Jahre 1791, gest. zu Wien 28. November 1868). Ursprünglich für das Oekonomiefach bestimmt, erhielt er auch die dahin einschlägige Ausbildung und wurde dann Privat-Secretär des Grafen Daun, in welcher Stellung er bis 1817 verblieb. Als es ihm die Verhältnisse möglich machten, seiner Vorliebe für technische Studien zu genügen, beendete er dieselben am polytechnischen Institute in Wien und trat im Jahre 1821 als Privat-Ingenieur in die Dienste des Grafen Magnis auf dessen Herrschaft Straßnitz in Mähren, wo sich ihm die Gelegenheit darbot, im Jahre 1824 die erste Kettenbrücke auf dem Continent, wenngleich in bescheidenen Dimensionen, in Ausführung zu bringen. Diese Brücke, 96 Fuß lang, 14 Fuß breit, befindet sich nächst dem Schlosse bei Straßnitz über den March-Arm. Hierauf machte er von dem Hängesystem Anwendung für ganz feuersichere eiserne Kettendächer und führte dieselben nach seinem Systeme in den Jahren 1825–1827 zu Straßnitz, Turas in Mähren, Neusohl in Ungarn und in Böhmisch-Brood aus, die sich bisher ohne alle Reparatur an der Eisenconstruction erhalten haben. Als der Kettenbrückenbau in Oesterreich Eingang gefunden, insbesondere, als im Jahre 1825 die Sophien-Kettenbrücke in Wien erbaut wurde und es sich um die Ausführung einer solchen Brücke in Prag über die Moldau handelte, erhielt S. den Antrag, in den kais. Staatsdienst überzutreten, wobei ihm in Aussicht gestellt wurde, bei dem Prager Kettenbrückenbaue verwendet zu werden. S. ging darauf ein und trat im Jahre 1827 als k. k. Straßenbau-Commissär in Staatsdienste. Nun wurde ihm im Jahre 1830 die Projectirung und Ausführung [53] der Kettenbrücke zu Jaromierz in Böhmen von der k. k. Straßenbau-Direction übertragen und dieselbe noch mit Schluß des Jahres 1831 vollendet; auch auf die in Ellbogen ausgeführte Kettenbrücke nahm er Einfluß, wobei jedoch die Reduction auf eine kleinere Spannweite gegen seine Ansicht erfolgte und somit die Vortheile des Terrains in bauökonomischer Hinsicht unbenutzt blieben. Noch fallen in diese Periode zwei Umbauten steiler Bergstraßen, verschiedener anderer gewölbter Straßenbrückenbauten und der Entwurf für die Podiebrader Brücke, mit dessen Ausführung der Straßenbau-Commissär Borziczky beauftragt wurde. Auch fällt in diese Zeit eine in Gemeinschaft mit Joseph Schnirch (Bruder oder Verwandter?) ausgeführte theoretische Arbeit, welche unter dem Titel: „Beitrag für den Kettenbrückenbau, enthaltend die Theorie der Schwankungen bei allen bekannten Kettenbrücken-Constructionsarten mit 2 oder mehreren zusammenhängenden Bahnen nebst beigefügten Hilfsformeln zur Berechnung der Kettenbrücken und einem Entwurfe zu einer zusammengesetzten Kettenbrücke für sehr große Flussbreiten“. Mit 2 lith. Tafeln (Prag 1832, Eggenberger, 8°.) im Drucke erschien. Indessen trat die Nothwendigkeit einer zweiten stabilen Brücke über die Moldau in Prag immer dringender hervor und Schnirch wurde beauftragt, das Project zu entwerfen. Er hatte dabei die ungewöhnlich schwierige Aufgabe, das Project den Geldmitteln zu accomodiren, somit eine 220 Klafter, das ist 1320 Fuß lange, über zwei Moldauarme und die Schützeninsel reichende Brücke für 300.000 fl. herzustellen. Der im Juli 1839 begonnene Bau wurde im Juli 1841 beendet und im August d. J. dem öffentlichen Verkehre übergeben. Die sämmtlichen Baukosten beliefen sich auf 333 133 fl. Anfangs des Jahres 1842 wurde S. als Ober-Ingenieur zur General-Direction des Staats-Eisenbahnbaues nach Wien berufen und ihm die Oberleitung der Tracirungslinien zwischen Wien und Prag in westlicher Richtung übertragen. Bis zum Jahre 1847 beschränkte sich seine Wirksamkeit auf die Bureaugeschäfte der General-Direction und auf Recognoscirungen von Eisenbahnlinien in westlicher Richtung zur Verbindung der österreichischen Staatsbahn mit Bayern. Im Jahre 1847 wurde ihm zugleich mit Dr. Waidele der Ausbau und die Einrichtung der ersten Telegraphenlinien von Wien bis Brünn übertragen. Auch der Ausbau und die Einrichtung der Linien Wien-Triest wurden ihm zugewiesen, nach deren Vollendung im Jahre 1849 er in seine frühere Stellung zur General-Direction für Staats-Eisenbahnbauten zurückkehrte. Bei der neuen Organisirung aller Behörden im Jahre 1849 und Umwandlung der bestandenen General-Direction in eine selbstständige Centralstelle wurde er vom 1. Jänner 1850 bei der Central-Direction für Eisenbahnbauten zum Ober-Inspector und Vorstand-Stellvertreter ernannt. Als im Jahre 1854 die Privat-Eisenbahnen concessionirt wurden, erhielt er das Referat über die zur Genehmigung vorgelegten Tracen und vollständigen Bauprojecte der Eisenbahnlinien. Im Jahre 1856 wurde er nach Siebenbürgen entsendet, um alle für dieses Land von entgegengesetzten Interessen in Anspruch genommenen Eisenbahnlinien zu untersuchen und die vortheilhaftesten in Vorschlag zu bringen. Nachdem er mehrere Combinationen von Kettenhängwerken mit Gitter- oder Blechwänden versucht hatte, gelang es ihm endlich, das „Hängebrücken-System[54] mit verstifteten Kettenwänden, auf welches er am 31. Mai 1858 ein Privilegium erhielt, zu erfinden und beim Baue der Donaucanal-Eisenbahnbrücke damit den ersten Versuch zu machen. Die Probebelastung der Eisenbahn-Kettenbrücke der Verbindungsbahn in Wien fand am 25. August 1860 Statt, bei welcher Gelegenheit, wie S.’s Biograph berichtet, der damalige Baudirector und württembergische Oberbaurath v. Etzel diese Brücke für gefährlich erklärte und einen baldigen Einsturz derselben prophezeite, wodurch die ganze Bevölkerung alarmirt und in Schrecken versetzt wurde. Dieser ungerechtfertigte Ausspruch des gegen die österreichischen Ingenieure feindlich gesinnten Ausländers hatte aber damals die entgegengesetzte Wirkung, denn als Herr v. Etzel die Begründung seiner Besorgnisse in einem Separat-Votum niedergelegt hatte, verrieth er seine völlige Unkenntniß des Kettenbrücken-Systems und die Wirkung in Fachkreisen war, daß das Vertrauen auf Schnirch nur um so fester wurde. Schnirch, der durch Etzel’s Autorität sich nicht weiter einschüchtern ließ, ordnete nun eine zweite Probebelastung an, welcher der damalige Finanzminister Plener, mitten auf der Brücke an dem einen Kettenstrange sitzend, beiwohnte, welches Zeichen von Vertrauen in Ingenieurkreisen den angenehmsten Eindruck machte, um so mehr, als S.’s Gegner Jedermann gewarnt hatte, die Brücke zu betreten, da man dabei das Leben riskire. Heute noch – durch 15 Jahre – steht die Brücke, ohne daß bisher ein Anstand vorgekommen wäre! Nun erhielt S. den Auftrag, im k. k. Handelsministerium verschiedene veraltete Staatseisenbahn-Angelegenheiten zu erledigen, auch wurde ihm in dieser Zeit der Ausbau der Aspernbrücke nach seinem versteiften Kettenbrücken-System übertragen und diese Brücke im Jahre 1865 dem Verkehre übergeben. Im folgenden Jahre trat S. nach vierzigjähriger Dienstzeit in den Ruhestand über, bei welcher Gelegenheit er den k. k. Rathstitel und das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens erhielt. Den kurzen Rest seines Lebens widmete S. meist seinen wissenschaftlichen Studien, bis ihn der im Alter von 77 Jahren erfolgte Tod denselben entriß. S.’s Biograph schildert ihn als offenen, ehrlichen Charakter, auf politischem Gebiete als Demokraten in vollem Sinne des Wortes, der deutsch gesinnt und Centralist war. Seine Freisinnigkeit, die er im Jahre 1848 kundgab, soll ihm in seiner Beamtenlaufbahn sehr geschadet haben, denn obgleich er unter Francesconi und Ghega [Bd. V, S. 166; Bd. IX, S. 470; Bd. XI, S. 414] die Seele und erste Capacität in Eisenbahn-Angelegenheiten war, so ließ man ihn doch nur immer in einer untergeordneten Stellung und wurden ihm die längst verdienten Auszeichnungen erst bei seinem Uebertritte in den Ruhestand verliehen.

Friedrich Schnirch, der Oberinspector, Erbauer der ersten Kettenbrücke für den Locomotivbetrieb. Von Julius Fanta, k. k. Ingenieur (Wien 1861). – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1868, Nr. 333. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 1528. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) I. Jahrgang (1842), S. 483: „Eiserne Brücken im österreichischen Staate“. – Bohemia (Prager polit. und belletrist. Blatt, 4°.) 1864, S. 636 u. 646; – dieselbe 1868, S. 3692.