BLKÖ:Scitovszky de Nagy-Kér, Johannes

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Sciugliaga, Stephan
Band: 33 (1877), ab Seite: 199. (Quelle)
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Scitovszky de Nagy-Kér, Johannes (Cardinal-Primas und Erzbischof von Gran, geb. zu Béla, einem Dorfe des Abaujvarer Comitates in Ungarn, 1. November 1785, gest. zu Gran 19. October 1866). Seine Eltern, schlichte slovakische Landleute, ließen ihn, nachdem er die Elementarschule zu Jolsva beendet und er Liebe zum Studium gezeigt, das Gymnasium in Rosenau besuchen, wo er sich, ihrem Wunsche gemäß, für den geistlichen Stand vorbereiten sollte. Im Jahre 1804 trat er daselbst als Kleriker in den geistlichen Stand und wurde im Jahre 1808 zum Doctor der Philosophie, im Jahre 1813 zum Doctor der Theologie promovirt. Am 6. November 1809 erhielt er die priesterliche Weihe und wurde bald darauf zum Professor der Philosophie am Rosenauer Gymnasium ernannt. Am 14. September 1824 erhielt er die Würde eines Domherrn und Rectors des Seminars mit Beibehaltung der Professur. Er stieg nun verhältnißmäßig rasch auf der Stufenleiter geistlicher Würden empor. Am 17. August 1827 wurde er Bischof von Rosenau, am 19. November 1831 Bischof von Fünfkirchen und am 21. Juli 1849 Erzbischof von Gran und Primas von Ungarn, und am h. Dreikönigstage 1850 feierlich zu Gran inthronisirt. Im August desselben Jahres präsidirte er in Gran der Conferenz sämmtlicher Kirchenfürsten aus Ungarn. Im Jahre 1851 introducirte er die Nonnen „von unserer lieben Frau“, in das von ihm errichtete Kloster zu Fünfkirchen. In demselben Jahre weihte er die neu erbaute Graner Schiffbrücke ein. 1852 übergab er den englischen Fräulein die neu errichtete Schule zu Balassa-Gyarmath und eröffnete zu Tyrnau ein Convict. 1853 führte er die Jesuiten nach Tyrnau zurück und eröffnete im Mai daselbst das Gymnasium. In demselben Jahre beauftragte ihn der Papst mit der apostolischen Visitation aller Mannsklöster in den drei ungarischen Erzbisthümern Gran, Erlau und Kalocza. Am 7. März 1853 wurde er im geheimen Consistorium zu Rom von Sr. Heiligkeit zum Cardinal ernannt. Zugleich gestattete der Papst den Graner Domherren den Gebrauch der „Cappa“, ein Jahr später erlangte Scitovszky für sie das „Sternkreuz“. Im Jahre 1854 reiste er, vom Papste berufen, nach Rom. Am 16. November empfing er daselbst aus den Händen Sr. Heiligkeit das Cardinalsbarett und den Titel: „Sanctae Crucis in Jerusalem“. Am 8. December wohnte er noch den Conferenzen wegen Feststellung des Dogma’s von der unbefleckten Empfängniß bei. Am 7. Jänner 1853 kam er wieder nach Gran und ertheilte am 2. Februar, im Auftrage des Papstes, seiner Diöcese den apostolischen Segen. Am 22. April desselben Jahres stellte er die Reliquien der h. Märtyrer Valentin und Modestin, die ihm der Papst zum Geschenke gemacht hatte, zur öffentlichen Verehrung aus. – Am 31. August 1856 weihte er die neue Basilica in Gran ein, zu deren Vollendung er viel beigetragen hatte. So viel was das äußere priesterliche Leben dieses Kirchenfürsten betrifft, dessen Wirksamkeit in eine Zeit fällt, wie sie kaum einer seiner 71 Vorgänger bewegter, und für sein Vaterland verhängnißvoller durchlebt haben mag. Der Cardinal ist noch als Priester, Mensch und Staatsmann, drei Momente deutlich genug in seinem ganzen Leben ausgeprägt, in’s Auge zu fassen. [200] Priester war er in des Wortes vollster Bedeutung, mild und doch ernst, fromm und doch eigentlich[WS 1] nicht fanatisch, wenn auch in gewissen Puncten hartnäckig, wohlthätig in fast verschwenderischer Weise und doch für den äußeren Glanz seiner hohen Stellung bedacht. Das freilich ungeheure Einkommen, das er als Erzbischof von Gran bezog, verwendete er zu einer Reihe von Handlungen, welche ihm in seinem Lande ein bleibendes Andenken sichern. Hier können nicht alle seine Stiftungen und sonstigen Gaben zu frommen und humanistischen Zwecken aufgezählt, aber doch der wichtigsten soll gedacht werden. Für Erziehung und Unterricht spendete er großartige Summen. In den bedeutenderen Marktflecken der Fünfkirchener Diöcese und im Hauptort selbst stiftete und dotirte er neue Lehrerstellen. Das von ihm gegründete, bereits erwähnte Stift der Canonissinen „von unserer lieben Frau“, das sich mit der Erziehung und dem Unterrichte der weiblichen Jugend zu befassen hat, war mit einem Kostenaufwands von 300.000 fl. C.-M. hergestellt worden. Zur Gründung einer weiblichen Präparandie in Gran, erlegte er beim dortigen Dom-Capitel 60.000 fl. und gab zur Adaptirung des betreffenden Gebäudes noch überdieß 10.000 fl.; zur gedeihlichen Entwicklung des Obergymnasiums in Tyrnau spendete er 200.000 fl. Für die Lehrer und deren Witwen und Waisen gründete er einen Pensionsfond, der sich allmälig zu einem Jahreseinkommen von 2000 fl. erhob und 18 Individuen Pensionen gewährte; zur Erhaltung des Klosters der grauen Schwestern spendete er 10.000 fl., für das Pensions-Institut der Priester 20.000 fl., den Nonnen in Fünfkirchen 10.000 fl.; die Präparanden-Anstalten in Rosenau und Fünfkirchen unterhielt er ganz aus eigenen Mitteln, unterstützte zahlreiche talentvolle Zöglinge mit Stipendien und durch Freitische; zum Zwecke einer tüchtigen Schulbildung der Handwerker verwendete er große Summen; kurz, es wurde berechnet, daß er in den Jahren 1827 bis 1866, nämlich während seiner oberhirtlichen Stellung als Bischof von Rosenau, Fünfkirchen und Erzbischof von Gran, also etwa innerhalb vier Decennien, von seinen Einkünften im Ganzen zwei und eine halbe Million, in genauer Ziffer 2.474.209 fl., verwendet hatte, welche sich in folgender Weise vertheilten: 258.462 fl. zu Cultuszwecken, 58.245 fl. zu Unterrichtszwecken, 140.258 fl. zur Unterstützung armer Kirchen und Pfarreien, 296.064 fl. zur Unterstützung von Landschulen und Landschullehrern, 630.000 fl. zur Unterstützung öffentlicher Wohlthätigkeitsanstalten und 883.600 fl. zum Ausbaue der Graner Basilica, die unter ihm vollendet wurde. Gewiß, ungeachtet der ansehnlichen, für den Graner Dom verwendeten Baukosten, wodurch aber Kunst und Gewerbe wesentlich unterstützt wurden, eine stattliche Summe. Wenn er auf dem Lande Schulen und Kirchen visitirte, vertheilte er Bücher und Kleidungsstücke in Hülle und Fülle, sein Rentmeister konnte in solchen Fällen nie genug Geld schaffen und wenn er nicht mehr bei Casse war, da unterschrieb er zu Kirchen- und Schulbauten und ruhte nicht eher, bis die unterschriebenen Summen beschafft waren. Bei der Verwahrlosung, Unwissenheit und dem Aberglauben, welcher zu seiner Zeit (und auch heute noch) unter dem Landvolke Ungarns herrschend waren, richtete er sein Hauptaugenmerk auf Verbesserung des Unterrichtes und bei diesem insbesondere in der Religionslehre, er ließ Tausende von Katechismen in den drei Landessprachen [201] drucken und unentgeltlich verbreiten. Er selbst verfaßte im Hinblicke auf die Jugend eine „Legende der Heiligen“ und ließ das Werk mit schönen Holzschnitten schmücken, überdieß schrieb er noch mehrere gute Gebet- und Gesangbücher. Dieß die eine Seite seiner priesterlichen Wirksamkeit; andererseits wieder entwickelte er in Religionssachen, in Festhaltung seiner Ansichten eine Zähigkeit, die man seinem sonst weichen Charakter kaum zugetraut haben würde. In dem großen Kampfe der Stände gegen die Reverse über die Kindererziehung, welcher die Landtagssessionen während der letzten Hälfte des dritten und der ersten des vierten Decenniums ausfüllte, zählte er, damals Bischof von Rosenau, zu den entschiedensten Führern des ungarischen Clerus und als Paladin stand ihm der damalige Großwardeiner Bischof Laiczak treu zur Seite. Gegen Scitovszky reichte Ende 1837 die General-Congregation des Gömörer Comitates eine heftige Beschwerdeschrift wegen Erpressung von Reserven, Nichtanerkennung der Comitats-Gerichtsbarkeit über Geistliche, Mißachtung des placetum regium bei Verbreitung päpstlicher Bullen, ein, und in seiner Rechtfertigung stellte er diese Beschuldigungen gar nicht in Abrede, sondern bemerkte vielmehr, die Mischehen seien eine derartige Quelle religiösen Indifferentismus, daß es dem katholischen Hirten nicht verargt werden könne, wenn er nach Kräften dieser Verminderung seiner Heerde entgegenwirke. In der Magnatentafel endlich übernahmen S. und sein obgenannter College die Führung der ultramontanen Opposition in so schroffer Weise, daß sie durch mehrere ihrer Aeußerungen, selbst bei ihren eigenen Collegen, Anstoß erregten. Der Landtags-Artikel, daß gemischte Ehen auch von dem protestantischen Pfarrer mit voller Giltigkeit eingegangen werden können, brachte endlich im März 1844 den langjährigen Streit zum Austrage. Daß nach solchen Antecedentien, und schon um der Haltung willen, welche die Slovaken während der Revolution beobachtet, seine im September 1849 erfolgte Berufung zum Primate in Ungarn, keinen Enthusiasmus erregte, wenn sie sonst auch ganz erklärlich war, begreift sich leicht. Ja sie wurde mit solcher Mißbilligung aufgenommen, daß in der ersten Zeit seines Amtes dem Ernannten genug erkennbare Zeichen derselben gegeben wurden. Als er dann für das Concordat gewonnen worden, machte er sich seine Stellung nicht leichter, denn nach ungarischer Vorstellung, ist das Concordat als letzter Schlag gegen die kirchliche Selbstständigkeit Ungarns gemünzt, und deren Vertheidigung gehört doch zu den Obliegenheiten des Primas. Uebrigens handhabte der Cardinal im Gegensatze zu anderen Bischöfen seines Landes, welchen das Concordat ein Mittel ward, den Frieden zwischen den einzelnen Bekenntnissen auf das Gründlichste zu zerstören, in mildester Weise. Mittlerweile[WS 2] hatte schon die Erbauung der Graner Basilica, nach dem Muster der Peterskirche, den Primas populär gemacht; noch mehr aber stieg er in der öffentlichen Meinung, als er bereits 1857 deutlich zu erkennen gab, daß er an der allgemeinen Stimmung der Nation theilnehmen wolle, und hier beginnt der Politiker und Staatsmann, dessen Haltung und Einfluß durch einige Striche gezeichnet werden mag. Die Petition, welche mehrere Magnaten Ungarns nach der zweiten Rundreise des Kaisers zu unterbreiten beabsichtigten, hatte auch S. unterschrieben und [202] nahm es zugleich über sich, als erster Würdenträger des Landes in Ermangelung eines Palatins, die Petition vor den ah. Thron zu bringen. Dieselbe wurde durch den damaligen Minister des Innern zurückgewiesen. Der Cardinal berief sich zur Rechtfertigung seiner That auf sein Gewissen, auf seine patriotische Pflicht und auf seine dynastischen Gefühle. Er glaubte, daß die Erhörung dieser Petition der Monarchie zum Nutzen gereichen werde, und obwohl man ihm diesen Glauben in höheren Kreisen sehr übel nahm, so vertheidigte er sich doch nicht damit, wie man damals von einem Bischofe erzählte, daß ihm die h. Gisela erschienen sei und ihm das Unterschreiben der Petition angerathen habe. Am St. Stephanstage des Jahres 1860, als zu dieser Nationalfeier so zu sagen das halb Land nach Ofen strömte, führte er selbst die Procession an, obwohl er wußte, daß unter den damaligen Verhältnissen die Feier einen politischen, demonstrativen Charakter hatte. Scitovszky hatte politischen Muth und bewies ihn, weil es seine politische Ueberzeugung war. Am 10. December 1860 fand in den Vormittagsstunden in Gran seine Installation als Comes supremus perpetuus, wie solche nur noch der Palatin und der Erzbischof von Erlau bekleiden, Statt. Nach einer erhebenden Rede wurden das Comitat wieder hergestellt, die historische Basis angenommen und als Ausgangspunct aller Thätigkeit die Gesetze von 1848 ausgesprochen. Bald darauf, am 18. und 19. December, fand auch die Primatial-Conferenz in Gran Statt, welche beschloß, den Kaiser zu bitten, er möge die Vornahme der Landtagswahlen nach den 1844er Gesetzen gnädigst gestatten. Auch bei dieser Conferenz wurde schon in der Eröffnungsrede auf die Basis von 1848 hingedeutet. Personen, welche diesem politisch-interessanten Acte beigewohnt, berichten, wie der alte, gastfreie Primas, nachdem das 1848er Wahlgesetz für den nächsten Landtag acceptirt worden, strahlenden Blickes sich erhob und mit den Worten: „Nun, es ist ja angenommen[WS 3]! Jetzt aber auch gleich zu Tische.“ – Auf dem 1861er Landtage hatte sich der Primas eigentlich für keine Partei entschieden, doch rieth seine Rede zur Nachgiebigkeit. – Am 22. August wurde gesondert in beiden Häusern das vom 21. August datirte kön. Rescript, welches die Auflösung des Landtages verfügte, vorgelesen. Hiermit hatte Ungarn auch seinen achtmonatlichen Schein-Parlamentarismus verloren – in tiefe Trauer verfiel das ganze Land, und als die Regierung die Comitate zur Recrutirung aufforderte, erklärte der Primas in seinem Antwortschreiben als Obergespan des Graner Comitates, daß die Comitatsjurisdiction ihre Beamten hierzu nicht verhalten werde, schilderte[WS 4] ferner die trostlose Situation des Landes und erbat die baldige Einberufung des Landtages. Bis dahin mögen Steuer- und Recrutenfrage verschoben, von der militärischen Steuereintreibung aber abgegangen werden. Am Schlusse dieses Schreibens heißt es: „Ich erachte es als meine unumgängliche Pflicht, alles dieß Ew. Excellenz zu unterbreiten, damit ich nicht einst des Schweigens beschuldigt werde, damit es nicht den Anschein habe, als ob ich gleichzeitig gegen die Gefährdung der Dynastie und des Staates sei, für welche die größten Opfer zu bringen ich stets bereit war und bin etc.“ – Scitovszky wurde nach Wien berufen, und als ihm seitens der Regierung zu verstehen gegeben wurde, daß er Alles Sr. Majestät zu verdanken habe, anerkannte er dieß in [203] seiner Antwort und gestand, daß er sich bestrebt habe, es durch seine Treue zu verdienen, aber eines habe er nur von Gott erhalten, und dieß sei das Gewissen; dieß habe ihn zu jener Erklärung gedrängt, welche er auf’s Neue bekräftigt, und von den er um keinen Preis abweicht. – Aus der Rede, welche er am 2. September 1861 in der unter seinem Präsidium abgehaltenen Congregation des Graner Comitates hielt, entnehmen wir nur nachfolgende Worte: „Aber selbst wenn sich zur Vertheidigung unserer Sache nirgends auch nur eine Stimme erheben würde,“ sagte der Primas, „die Heiligkeit des Rechtes und der Wahrheit genügen, um daß wir einer frühern oder spätern glücklichen Lösung unserer Angelegenheit vertrauen“. Von dieser Rede schrieb damals die „Times“: „Was eine solche Persönlichkeit in solcher Zeit und unter solchen Umständen spricht, das ist mehr als eine individuelle Ansicht, das hat die Kraft der Profezeiung. Die Erklärung des Primas wiederholt zwar im Wesentlichen nur die Argumente Deák’s, dennoch aber bildet sie einen Wendepunct in der Geschichte Ungarns.“ Der Primas fühlte tief den damaligen traurigen Zustand des Landes und schreckte vor der Pflichterfüllung nicht zurück, die ihm, als der ersten Dignität des Landes, zukam. – Am 31. October wurde der Primas ad audiendum verbum regium, empfangen, in welcher ihm das ah. Mißfallen ausgedrückt wurde. Bald darauf bat er um Enthebung von der Leitung des Comitats und erhielt einen Administrator in der Person des Domherrn August Grafen Forgach. Seit dieser Zeit war der Cardinal seltener in Wien. Aber er hatte alle die Ungelegenheiten, welche ihm sein politischer Glaube bereitete, glücklich überstanden und noch den für das Magyarenthum so glorreichen Umschwung von 1865 erlebt. Noch ist ein Zug erinnerungswerth, der uns den Cardinal Scitovszki als Menschen, u. z. von schönster, liebenswürdigster Seite zeigt. Eines Tags war die greise Mutter des Fürst-Primas nach Gran gekommen, um ihren Sohn zu besuchen. Sie hatte sich in den erzbischöflichen Palast begeben und ihre Bitte vorgebracht. Da aber das alte Mütterchen in ihrer Bauerntracht erschienen war, wollte man sie in derselben nicht vorlassen und nöthigte sie, ein schwarzes Seidenkleid anzuziehen, um so würdig vor Sr. Eminenz erscheinen zu können. Sie wurde nun dem Cardinal angemeldet, und derselbe befahl, sie eintreten zu lassen. Zagend folgte sie der Erlaubniß. Der Primas sah sie und – kehrte ihr, einige lateinische Worte murmelnd, den Rücken. Die alte Frau eilte laut weinend aus dem Cabinet und grollte im Innersten ihrem Sohne, der sie, da er so hoch gestiegen, nun nimmermehr als seine Mutter anerkennen wolle – sich ihrer schäme! Man ging wieder zum Primas und forschte nach der Ursache: warum derselbe seine Mutter nicht empfangen wolle. „Meine Mutter?“ sagte der Kirchenfürst erstaunt, meine Mutter war nicht bei mir; eine alte Frau in schwarze Seide gekleidet, war da, und die ist nicht meine Mutter!“ Der Anmeldende verstand den Sinn der Rede und bald darauf erschien die gekränkte Alte, wie sie gekommen war, in der üblichen Landestracht. Scitovszky eilte ihr mit offenen Armen entgegen und schloß sie an seine Brust. „Ja, so ist’s recht“, sagte er, „so sieht meine Mutter aus. Ich will meine Mutter haben, wie sie ist, und schäme mich ihrer durchaus nicht; im Gegentheile, ich bin stolz darauf, sagen zu können: daß ich mich so hoch [204] emporgeschwungen und daß ich eine so gute Mutter habe.“ Die so deutlich bewiesene Liebe ihres Sohnes erpreßte der Mutter Freudenthränen, und lange hing sie am Halse ihres Sohnes. Abends versammelte der Greis einen Kreis von Freunden und Würdenträgern zu einer Tafel um sich, und die alte Bauersfrau saß neben ihm, an der Spitze der Tafel, bei welcher dem guten Sohne zu seiner biederen Mutter, und dieser zu ihrem Sohne gratulirt wurde. Im Jahre 1859 hatte der Cardinal am 6. November sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum gefeiert, wozu im kaiserlichen Auftrage der Erzherzog-General-Gouverneur schon am Tage vorher eingetroffen war und die Glückwünsche ihrer Majestäten und des kaiserlichen Hauses überbracht hatte. Viele österreichische Erzbischöfe – die Cardinäle Fürst Schwarzenberg und Ritter von Rauscher – und Bischöfe waren mit ihren Wünschen und Gaben erschienen. Der Cardinal schenkte aus diesem Anlasse dem Graner Dom einen 400 Stück Ducaten schweren Kelch aus Feingold mit der Inschrift: Joannes Cardinalis Scitovszky in memoriam completi semisaeculi Sacerdotii sui donat Basilicae Strigoniensi VI. Novembris 1859. Der Primas hatte das hohe Greisenalter von 81 Jahren erreicht. Mit dem Segen des h. Vaters schloß er die Augen. Die pompöse Leichenfeier, deren Kosten auf 30.000 fl. zu stehen kamen, fand am 23. October Statt. Als Vertreter des Kaisers war der Graf Bellegarde erschienen. Die Einsegnung hatte der Erlauer Erzbischof Bartakovics vorgenommen. In seinem letzten Willen hatte der Cardinal alle die zu ihm im Dienst- oder anderem untergeordneten Verhältnisse standen, mit kostbaren Andenken oder ansehnlichen Legaten bedacht. Das auf mehrere Hunderttausende – man sprach von 5–600.000 fl. – hinterlassene Privatvermögen ward nach seiner letztwilligen Anordnung in acht gleiche Theile getheilt, wovon ein Theil dem Seminar, ein Theil den Klosterfrauen, ein Theil zu Wohlthätigkeitszwecken[WS 5] und fünf Theile den Verwandten des Cardinals zufielen. Neben seinen kirchlichen Würden bekleidete der Cardinal noch seit 1841 jene eines k. k. wirklichen geheimen Rathes, des Erb-Obergespans des Graner Comitats, das eines Richters der kön. ungar. Septemvirat-Tafel und Präsidenten der Magnatentafel, überdieß trug er das Großkreuz des ungar. St. Stephans-Ordens, dessen Prälat er war, und des Leopold-Ordens. Sein letzter, oft ausgesprochener Wunsch, für dessen Erfüllung zu beten, er bei dem letzten Besuche des erzbischöflichen Convictes in Tyrnau die versammelten Zöglinge bat – nämlich der, den ungarischen König zu krönen, war unerfüllt geblieben.

Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta 4°.) 1866, Beilage zwischen den Nummern 291 bis 300. – Breslauer Zeitung 1861, Nr. 67 im Feuilleton: „Die Chefs der ungarischen Bewegung“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1861, Nr. 295: „Das Schreiben des Cardinal-Primas an den Hofkanzler“ [ein historisches Actenstück, das im 1861er Ausgleiche eine große Rolle spielt]. – Dasselbe 1866, Nr. 292, 294; 1867, Nr. 46 unter den Tagesnotizen. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) 47. Jahrg. (1866), Nr. 1220, S. 323: „Cardinal Scitovszky“ [mit sehr ähnlichem von A(ug) N(eumann) in Holz geschnittenem Bildnisse]. – Dieselbe 1859, Nr. 854, S. 319: „Goldener Kelch“. Geschenk des Cardinals an den Graner Dom“ [mit Abbildung]. – Kleines biographisches Lexikon, enthaltend Lebensskizzen hervorragender, um die Kirche verdienter Männer (Znaim 1862, M. F. Lenck, 8°.) S. 136. – Der katholische Christ (Pester Kirchenblatt, 4°.) 1857, S. 47: „Johann Scitovszky [205] von Nagykér“; S. 144: [Kirchliche Ehrenhalle“. – Katholische Blätter aus Tirol. Redigirt von M. Huber (Innsbruck, Wagner, 8°.), Jahrg. 1853, Bd. I, Nr. 14, S. 360. – Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjté Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1856, Gustav Emich, 8°.) I. Theil, S. 407–413. – Memoria Basilicae strigoniensis anno 1856 die 31. Augusti consecratae (Pestini 1856, J. Beimel, schm. 4°.), p. 105. – Neue freie Presse (Wien) 1866, Nr. 771, in der Tageschronik. – Dieselbe 1867, Nr. 886: „Auch ein Beitrag zur Geschichte der todten Hand“. – Pest-Ofner Zeitung 1856, Nr. 27: „Johann Scitovszky von Nagykér“. – Sonntags-Zeitung (Pesth, gr. 4°.) 1856, Nr. 35, S. 275: „Der Graner Dom“ [an die Beschreibung des Domes schließt sich eine Lebensskizze Scitovszky’s]. – Der ungarische Reichstag 1861 (Pest 1861, C. Osterlann, 8°.), Bd. II, S. 465. – Waldheim’s illustrirte Blätter (Wien, gr. 4°.) 1866, S. 356. – Wiener Zeitung 1861, Nr. 287, S. 4541: „Toast des Statthalters Feldmarschall-Lieutenant Grafen Pálffy auf den Cardinal“. – Dieselbe 1866, Nr. 259, S. 209: „Cardinal Scitovszky“. – Leichenfeier Fremden-Blatt (Gust. Heine, 4°.) 1866, Nr. 292: „Die Leichenfeier des Cardinals Scitovszky“. – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1866, Nr. 292: „Zur Leichenfeier“. – Neue freie Presse 1866, Nr. 771, in der Tageschronik. – Porträte. 1) Unterschrift: Herczeg Nagykéri Scitovszky János | bibornokérsek Magyarország Primása. Nyomt. Rohn, Pest 1859 | Pest, Lauffer és Stolp (gr. 8°.), mit Wappen. – 2) Unterschrift: Johann Scitovszky | Kardinal-Primas von Ungarn | Langhans fec. Lithographie (4°.). – 3) Facsimile des Namenszuges: Joannes Card. Scitovszky. Rajz. és nyomt. Rohn, Pest 1859 (4°.). – 4) Unterschrift: Magyarország herczég primása. M(arastoni?) 1861 (lith.), in der illustrirten Zeitung: „Az ország tůkre“ 1862, Nr. 1. – 5) Facsimile des Namenszuges, darauf drei Zeilen Titel. Jos. Bauer del. Ex officina artist. Reiffenstein et Rösch, Viennae (4°.). – 6) Facsimile des Namenszuges, darauf zwei Zeilen Titel. Blaas pinx., Kriehuber del. 1858. Gedr. bei J. Höfelich’s Witwe. Lithographie (Fol.). – 7) Barabas 1854 (lith.), gedr. bei Engel und Mandello, Pest 1854. Eminent. et celsiss. Principi Joanni Bapt. Scitovszky de Nagykér (nun 4 Zeilen Titel), humillima cum devotione dedicat: Carolus Schroeder de Stötteritz (Fol.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: eigenlich.
  2. Vorlage: Mitterweile.
  3. Vorlage: angegenommen.
  4. Vorlage: schiderte.
  5. Vorlage: Wohthätigkeitszwecken