BLKÖ:Stoliczka, Ferdinand

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 39 (1879), ab Seite: 152. (Quelle)
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Stoliczka, Ferdinand (Geolog, geb. zu Hochwald in Mähren im Mai 1838, gest. zu Murghi am Shayok auf der nördlichen Seite des Sasser Passes in Ladak in Central-Asien am 19. Juni 1874). Nach Einigen ist er der Sohn eines ehemaligen Gehegeförsters in Kremsier, nach Anderen wäre sein Vater Oberst in der k. k. Armee gewesen. Das Erstere dürfte das Richtige sein, denn zu Anfang der Vierziger-Jahre befand sich kein Oberst Namens Stoliczka in der kaiserlichen Armee. Nach Beendung der Gymnasialstudien in Prag sollte er sich dem geistlichen Stande widmen. Aber der Sinn des wißbegierigen Jünglings stand nach Anderem als nach der behäbig beschaulichen Ruhe eines Pfarrhofes. Er bezog die Wiener Hochschule, um sich unter Sueß ausschließlich dem Studium der Naturgeschichte und Geologie zu widmen. Nachdem er das philosophische Doctor-Diplom erlangt hatte, erhielt er eine Anstellung an der geologischen Reichs-Anstalt in Wien, Von dort folgte er ohne Zögern einem Rufe des auf geologischem Gebiete als Autorität geltenden Dr. Thomas Oldham nach Indien, und 1863 zum Paläontologisten bei der Geological Survey, d. i. bei der geologischen Landesaufnahme von Indien, ernannt, entwickelte er daselbst nicht nur in seinen Hauptfächern, der Geologie und Paläontologie, [153] sondern auch als Zoolog eine erfolgreiche Thätigkeit. Im Journal der Gesellschaft erschien im Jahre 1868 seine erste Abhandlung unter dem Titel: „Ornithologische Beobachtungen in dem Sedletsch-Thale, im Nordwesten des Himalaya“. Dieser folgten in kurzen Fristen mehrere andere, in denen er seine Beobachtungen über verschiedene Zweige der Naturgeschichte niedergelegt hatte. Diese Arbeiten sind das Ergebniß seiner geologischen Reisen im Himalaya, deren furchtbare Anstrengungen den jungen Gelehrten im Sommer 1865 auf das Krankenbett warfen. Er hatte nämlich das Spithithal und die Hochgebirge bis in das Thal des Indus nach Hanle durch, wandert und so die Himalaya-Kette zwischen dem Sutluz und Indus in einer Höhe von 19.000 Fuß durch den Paran-gla Paß überschritten. In einem Schreiben an Hofrath Haidinger aus Simla im Himalaya, datirt vom 3. October 1864, schildert er die Beschwerden seiner Wanderung. Während er Hunger, Durst und Kälte litt, nahm er die geologischen Aufnahmen vor. Durch drei Monate sah er in diesen trostlosen, von keiner Menschenseele bewohnten Höhen nicht einen einzigen Baum. Er hatte nach Möglichkeit gesammelt, Draba für Stur, Primeln für Schott, thierisches Leben so viel als möglich beobachtet und im ganzen Spithithale nur drei Helices, eine Puppa und eine Symnaea und damit eine vollständige Himalaya-Fauna für Franz von Hauer gefunden. Das übrige Ergebniß seines Sammelns betrug an 30 Mineralien und verschiedene Gegenstände, Schriften, Waffen und Gemälde, wenn man die letzteren so nennen darf. Bis tief in den Frühling 1866 lag er, erschöpft von den Strapazen dieser Reise, krank in Calcutta. Ende Mai g. J. hatte er sich so weit erholt, um sich nach Simla, im Juni aber nach Panji bei Chini begeben zu können, und er hoffte, seine Arbeiten im Spithithale fortzusetzen. Aber noch zu sehr angegriffen, mußte er sein Vorhaben aufgeben und nach Calcutta zurückkehren, wo er sein Werk über die Gastropoden der Kreide-Formation Indiens fortsetzte. Auf seiner Reise aber traf er mit seinem Director Thomas Oldham zusammen, und da die Zeit seines Engagements ablief, verpflichtete er sich contractlich, noch zehn Jahre im Dienste der englischen Regierung zu verbleiben. In einem Briefe an Hofrath Haidinger aus dem Jahre 1866 erfahren wir Näheres über die Großartigkeit der dortigen amtlichen Verhältnisse auf geologischem Gebiete. Nachdem nämlich Doctor Oldham die Reorganisation des „Governement geological Survey“, der geologischen Reichsanstalt für Indien, durchgeführt hatte, bestand dieselbe aus einem Superintendanten (D’Oldham) mit 1500 fl. Silber monatlichem Gehalt, vier Geologen mit je 1000 fl. Monatsgehalt (einer davon war unser Stoliczka), vier Geologen-Assistenten mit monatlich je 700 fl. und acht Assistenten mit monatlichen je 150 fl. Dies waren die festen Bezüge. Außerdem aber erhielten alle Geologen und Assistenten monatlich je 150 fl. für Quartier und Pferde und 4 fl. täglich für ihre Person auf Reisen. Wie schon oben bemerkt, vergaß Stoliczka in der Ferne nie seiner Heimat, und einen schönen Beweis dafür, wie er an dieselbe dachte, gab er in dem Geschenke einer Sammlung indischer und tibetanischer Münzen und Alterthümer, welches er im Jahre 1867 dem [154] Wiener k. k. Münz- und Antikencabinete dargebracht, aus welchem Anlasse ihm Seine Majestät der Kaiser die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verlieh. So hatte er im Dienste der Wissenschaft bis 1873 unter mühseligen Reisen in verschiedenen Theilen des Himalaya verbracht, eine Fülle der interessantesten Beobachtungen über die geologischen und paläontologischen Verhältnisse jenes höchsten Gebirges der Erde angestellt und wollte sich eben zu einer Reise nach Europa rüsten, als er Nachricht von der Kaschgar-Expedition Forsyth’s erhielt, und nachdem dieselbe sein Anerbieten, ihr seine Kräfte als Naturforscher zu widmen, angenommen hatte, gab er den Plan, nach Europa zurückzukehren, wieder auf. Da er von einer schweren Krankheit, die er sich bei seinem unermüdlichen Forschungseifer auf den anstrengenden Gebirgsreisen zugezogen, kaum erst genesen war, so hielten ihm seine Freunde, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, die Strapazen, denen er neuerdings, und noch dazu zur Winterszeit, entgegen gehe, vor Augen. Aber er ließ sich in seinem Entschlusse nicht wankend machen und zog mit Forsyth. Schon bei dem Uebergange der 15.000–18.000 Fuß hohen Pässe Central-Asiens im October 1873 hatte er einen acuten Anfall von Rückenmarkentzündung, erholte sich jedoch nach einiger Zeit wieder. Auch die Strapazen der Reise nach Kaschgar überstand er glücklich. Nachdem er aber von dort aus auch noch die unabsehbare Hochebene der Pamirsteppe, genannt Nabel der Welt, besucht hatte, fühlte er beim Ueberschreiten der Karakorum-Kette am 16. Juni 1874 abermals die böse Krankheit, doch diesmal höher hinauf im Nacken und im Kopfe. Nichtsdestoweniger setzte er seine Arbeiten fort und zeigte sich noch stark genug, auf dem Fußmarsche Beobachtungen anzustellen. Einige Tage danach bemerkte er, während er an dem Südabhange des Passes hinabstieg, eine Felsengruppe, welche seine Aufmerksamkeit fesselte. Er stieg vom Pferde und kletterte zur Höhe, kehrte aber so erschöpft zurück, daß er unfähig war, weiter zu gehen oder zu reiten, und nur mit vieler Mühe zum Nachtquartier gebracht werden konnte. Oberst Gordon, welcher diesen Theil der Forsyth’schen Expedition leitete, ließ den folgenden Tag halten, um Stoliczka eine Erholung zu gönnen. Um halb Ein Uhr Mittags verlangte der Kranke noch zu trinken und nahm etwas Portwein, eine halbe Stunde später war er schmerzlos entschlafen. Der so hochverdiente rastlose Forscher ist nur 36 Jahre alt geworden, von denen er zwölf im aufopferndsten Dienste der Wissenschaft und der englischen Regierung verlebte. Wir können die einzelnen Abhandlungen, welche er verfaßt hat, und die in englisch-indischen periodischen Fachschriften, vornehmlich in den „Records of the geological Survey of India“ abgedruckt sind, hier nicht angeben, da sie uns leider nicht zugänglich waren. Mit seinem einbändigen Hauptwerke über die Paläontologie von Indien hat er sich selbst als gründlicher und scharfsinniger Forscher, mit ihm zugleich aber durch die Pracht der Ausstattung die englische Regierung sich ein herrliches Denkmal gesetzt. – Während seiner Thätigkeit an der geologischen Reichsanstalt in Wien hat Doctor Stoliczka Mehreres in den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, [155] mathematisch-naturwissenschaftliche Classe“, veröffentlicht, u. zw.: „Ueber eine der Kreideformation ungehörige Süßwasserbildung in den nordöstlichen Alpen“ Mit 1 Tafel [Band XXXVII, S. 121 und Band XXXVIII, Seite 482 bis 496]; – „Ueber die Gastropoden und Akephalen der Hierlatzschichten“ Mit 7 Tafeln [Bd. XLI, S. 561 und Band XLIII, 1. Abtheilung, S. 157–204]; – „Oligocäne Bryozoen von Latdorf in Bernburg“ Mit 3 Tafeln [Bd. XLIV, 1. Abthlg., S. 629; Bd. XLV, 1. Abtheilung. S. 71–94]; – „Eine Revision der Gastropoden der Gosauschichten in den Ostalpen“ Mit 1 Tafel [Bd. LII, 1. Abthlg., S. 101, 104–223]. Auch enthielten die Sitzungsberichte seine beiden erwähnten Schreiben an Hofrath Haidinger, das eine aus Simla, das andere aus Kaschmir [Band L, 1. Abthlg., S. 379 und Band LII, 1. Abthlg., Seite 664 u. f.]. – Von Murghi am Shayok traf seine Leiche am 23. Juni in der zwölf Märsche davon entfernten Stadt Leh ein, in welcher sie von Mr. Forsyth mit den Officiereri der Mission in voller Uniform empfangen wurde. Darauf nahm Dr. Bellow die Section des Leichnams vor, deren Ergebniß war, daß allem Anscheine nach Stoliczka’s Tod als eine Folge der Ueberanstrengung während seiner mühevollen, den Körper erschöpfenden wissenschaftlichen Untersuchungen auf ganz außerordentlichen Höhen eingetreten sei. Nun wurde der Sarg geschlossen, mit der britischen Flagge bedeckt und von sechs Soldaten zum Bestattungsorte getragen, wohin eine große Anzahl von Eingeborenen, Mohamedanern, Sikhs und Tataren folgte. Die Trauergebete las in Anwesenheit der hervorragendsten Mitglieder der Mission Mr. Forsyth. Das Grab des österreichischen Gelehrten befindet sich in einem Garten ganz in der Nähe der Behausung Capitän Molloy’s in einem Hain von Weidenbäumen. Die Lage dieser Ruhestätte ist eine so sichere und glücklich gewählte, daß sie zu allen Zeiten von den Eingeborenen in Ehren gehalten und von den Europäern gepflegt werden kann. Die englische Regierung hat beschlossen, dem in ihrem Dienste erlegenen Forscher am Fuße des Himalaya ein Denkmal, zu errichten, welches – nach einem in den Zeitungen veröffentlichten Entwurfe – aus einem Granitobelisk mit entsprechenden Inschriften in lateinischer und englischer Sprache auf Marmortafeln bestehen soll. Sehr bedeutend waren die Sammlungen, welche Dr. Stoliczka hinterlassen. Was aus ihnen geworden, nachdem Mr. Forsyth dieselben eingesehen und darüber dem Lord Northbrock, Vicekönige von Indien, persönlich Bericht erstattet, ist nicht bekannt. Die englischen Blätter waren voll der innigsten Theilnahme und Trauer über den Hingang des von Allen geliebten und von seinen Collegen bewunderten Gelehrten. Ein englisches Journal nahm nicht Anstand, den Ausspruch zu thun, daß es wohl in der ganzen Stadt Bombay vom General-Gouverneur abwärts nicht eine einzige Person geben dürfte, deren Hintritt auch nur den zehnten Theil der Trauer verursachen möchte, welche der Tod des österreichischen Gelehrten in der ganzen wissenschaftlichen Welt hervorgerufen. In Stoliczka verliert die Wissenschaft keinen gewöhnlichen Schüler, sondern einen Auserwählten, welcher, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, die wunderbaren Wissensschätze [156] die er aufgespeichert, zu verwerthen, zu einem ihrer größten Apostel sich emporgeschwungen hätte. Er war einer jener seltenen Bildner, welche der Arbeit von Myriaden Form und Bedeutung geben, und deren Tod nicht weniger bedeutet, als eine wahrnehmbare Verzögerung des menschlichen Fortschrittes. Sein unmittelbarer Vorgesetzter, der ihm im Museum zu Calcutta eine Inschrifttafel setzen ließ, Sir Thomas Oldham, schreibt: „Wir haben einen unermeßlichen Verlust erlitten; ich habe nie einen Mann gekannt, der mehr durchsättigt gewesen von Liebe zu seiner großen Aufgabe. Das unablenkbare Streben nach Wahrheit, unbeirrt durch Vorurtheile oder persönliche Rücksichten, war bei ihm wie ein natürlicher Instinct, und sein Beispiel, welches immer zum Guten war, übte einen Einfluß weit über sein engeres Gebiet, an allen Puncten wissenschaftlicher Thätigkeit im englischen Reiche“. So lassen sich englische Stimmen vernehmen. Eine österreichische Stimme fügt hinzu: Und dieser Dr. Stoliczka, Oesterreichs Stolz in Englands überseeischen Colonien, war ein Zögling derselben geologischen Reichsanstalt, an deren Bestande der hochgeborene Graf Agenor Goluchowski im Jahre 1860, also eben in dem Jahre, in welchem Stoliczka noch an derselben arbeitete, rüttelte und die Herabsetzung ihrer Dotation forderte, bis ihm der erlauchte und erleuchtete Hugo Altgraf Salm-Reifferscheid energisch entgegentrat mit den Worten, „daß vielleicht höhere Summen an andere Dinge vergeudet würden, welche nicht den Nutzen bieten, den die geologische Reichsanstalt leistet; daß es eine Ehrensache für die österreichische Monarchie sei, die geologische Reichsanstalt nicht verkümmern zu lassen, denn dieselbe sei ein Institut, welches Oesterreich im Auslande den meisten Beifall und die allergrößte Ehre bereitet habe“.

Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 835: „Geologische Aufnahmen in Ostindien“; 1867, Nr. 988; 1868, Nr. 1208; 1874, Nr. 3590: „Dem Andenken Stoliczka’s“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1874, Nr. 192 und 220; 1876, Nr. 11, S. 144. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1863, Nr. 259: „Eine Entdeckungsreise“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1865, Nr. 259; 1867, Nr. 149; 1871, Nr. 143. – Die Urne. Jahrbuch für allgemeine Nekrologie. Von Dr. Hugo Schramm-Macdonald (Leipzig 1876, C. G. Theile, 8°.) II. Jahrg. (1874), S. 89. – Records of the geological Survey of India, 1874. Augustheft. – Světozor (Prager illustrirte Zeitschrift) 1874, Nr. 33 [gibt unrichtig Kremsier als Stoliczka’s Geburtsort an].