BLKÖ:Strousberg, Bethel Heinrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 40 (1880), ab Seite: 97. (Quelle)
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Strousberg, Bethel Heinrich (Industrieller, geb. zu Neidenburg in Ostpreußen im Jahre 1823). Der Sohn jüdischer Eltern, der eigentlich Baruch Hirsch Strousberg heißt. Insoferne als dieser in jeder Hinsicht merkwürdige Mann auch Erbauer einer österreichischen Bahn – der ungarischen Nordostbahn – ferner Eigenthümer der großartigen Montandomäne Zbirow im Prager Kreise, Großgrundbesitzer in Böhmen und längere Zeit ein Hauptartikel der Wiener politischen und Witzblätter war, sei hier mit wenigen Worten seiner gedacht. Im Alter von zwölf Jahren verwaist, verließ er auf einem mit Oelkuchen beladenen Schiffe, welches nach England segelte, seine Heimat. Jenseits des Canals wurde er Commis, Exporteur und – Christ als welcher er in der Taufe den Namen Heinrich erhielt. Bei seinem ruhelosen Ehrgeize warf er sich, um sein Wissen zu erweitern, mit allem Eifer aufs Studium, wurde dann Journalist, in dieser Eigenschaft als Parlamentsreporter thätig, und segelte darauf nach Amerika, wo er sich bald als Journalist, bald als Kaufmann oder als Sprachlehrer durchbrachte. Im Jahre 1850 als Doctor Strousberg nach London zurückgekehrt, gab er daselbst von 1852 bis 1855 ein Handelsjournal heraus. 1856 kam er nach Berlin, wo er das Blatt „Der illustrirte Omnibus“ erscheinen ließ. Nach dem baldigen Eingange desselben wurde er Assecuranzbeamter, und zwar General-Agent der englischen Versicherungsgesellschaft „Waterloo“. In dieser Eigenschaft gelang es dem unternehmenden Manne, der in [98] Folge seines längeren Aufenthaltes in England nicht nur dessen Sprache geläufig sprach, sondern auch dessen Verhältnisse im Allgemeinen ziemlich genau kannte, mit englischen Capitalisten in Verbindung zu treten. Bis dahin hat er in den bescheidensten Vermögensverhältnissen gelebt. Dies änderte sich sozusagen über Nacht. Mit Hilfe von englischem Capital wurde er „General-Unternehmer“, und nun begann jene glänzende Aera Strousberg’s, über welche die deutschen, vornehmlich aber die Berliner Blätter – die ihn nach seinem Falle eben so sehr mit Koth besudelten, wie sie vor demselben ihn verhimmelt hatten – so erstaunliche Berichte schrieben, daß man sich geradezu ins Reich der Wunder versetzt glauben mußte. Gewiß ist es, daß Strousberg während einer aufreibenden Thätigkeit von acht Jahren eine Bahn um die andere erbaute, so die Tilsit-Insterburger, die ostpreußische Südbahn, die Berlin-Görlitzer, die rechte Oderufer-Bahn, die Märkisch-Posener, die Halle-Sorauer, die Hannover-Altenbecker, die vier Linien der ungarischen Ostbahn, die rumänischen Bahnen und zuletzt die russische Linie Grajewo-Bialystock. Im Jahre 1870 stand er auf seinem Höhepunkte. Er hatte über sechshundert Millionen Gulden in seinen Unternehmungen in Bewegung und Hunderttausende von Arbeitern regten die Hände in seinem Dienste. Neben dem Eisenbahnbaue aber schuf und erwarb er ein Menge von industriellen Unternehmungen, Häusern Gütern, Baugründen, so die Schienenwalzwerke von Dortmund, die Blechwalzwerke und den Bergbau zu Neustadt, eine riesenhafte Maschinenfabrik in Hannover, bei welcher er eine Colonie von zweitausend Arbeitern ansiedelte, Eisensteinwerke zu Altwasser, die südliche Citadelle von Antwerpen, an deren Stelle ein neuer Stadttheil entstand, „Port Strousberg“. In Berlin erbaute er das grosse Viehmarkt-Etablissement nebst Schlachthäusern, Viehbörse und Eisenbahn, Markthalle am Schiffbauerdamm, mehrere Häuser und das Palais an der Wilhelmstraße, über dessen fabelhafte innere Ausschmückung die Journale nicht genug zu berichten wußten; ferner erwarb er zehn große Herrschaften in Ost- und Westpreußen, in Posen und Brandenburg, Rittergüter, eine Grafschaft von 108.000 Morgen in Russisch-Polen, endlich die kostbarste aller Besitzungen die österreichische Staatsdomäne Zbirow (102.000 Morgen, gleich 45.000 österreichische Joch), für neun Millionen Gulden. Neben diesen fabelhaften Reichthümern berichtete man aber auch von Acten des Wohlthuns, die ebenso großartig waren wie diese Reichthümer. Da mit einem Male brach in den letzten Octobertagen des Jahres 1875 alle diese Herrlichkeit gleichsam über Nacht, wie sie entstanden war, zusammen. Der von Millionen beneidete und bewunderte Strousberg, von den Einen der „Eisenbahnkönig“, von den Andere der „Eisenbahn-Moltke“ genannt, wurde auf einer Reise durch Rußland wegen nicht eingehaltener Zahlungsverbindlichkeiten verhaftet, gleichzeitig aber in Oesterreich und Preußen über sein ganzes Vermögen der Concurs eröffnet. Und nun war der frühere geniale Unternehmer, der große Menschenfreund, der Eisenbahnkönig mit einem Male ein gemeiner Abenteurer, ein Schwindler erster Sorte u. s. w. War er es wirklich? Wer hat den Nachweis geliefert? Nach Ablauf des Processes wieder in Freiheit gesetzt, veröffentlichte er 1876 seine „Memoiren“. Dieselben erschienen unter [99] folgendem Titel: „Doctor Strousberg and sein Wirken, von ihm selbst geschildert“, mit einer Photographie (in Qu.-4°.) und einer (lith.) Eisenbahnkarte (in Qu.-Fol.), dritter unveränderter Abdruck (Berlin 1876, Guttenberg, gr. 8°., VIII und 486 S.), und verdienen von seinen Freunden, noch mehr aber von seinen Gegnern gelesen zu werden. Schon aus der einfachen Inhaltsangabe läßt sich ermessen, wie Wichtiges in dem Buche geboten wird. Wir lassen daher die Ueberschriften seiner zwölf Capitel folgen: I. Meine Herkunft und Einiges über meine Vergangenheit; – II. Excursive Betrachtungen über das Gründerthum, Geschäftskrisen und die hiesigen wirthschaftlichen Zustände überhaupt, zum Beweise, daß ich nie Gründer, im angenommenen Sinne des Wortes, gewesen bin und zu den gegenwärtigen Geschäftscalamitäten in Nichts beigetragen habe; sowie auch zur Analyse der Ursachen, auf welche die betrübenden Erscheinungen der letzten Jahre zurückzuführen sind; – III. Der Abgeordnete Lasker und sein Auftreten gegen mich; – IV. System Strausberg; – V. Widerlegung der in der „Gartenlaube“ und anderen Journalen gegen mich gerichteten Anschuldigungen hinsichtlich schlechten Baues meiner Bahnen – Verteuerung derselben – Beamtenbestechung, ungebührenden Einflusses – Verschreibung meiner Besitzungen an meine Frau u. dgl. m.; – VI. Das Entstehen der von Lasker provocirten Untersuchungs-Commission. – Was sie nicht gewesen und was sie hätte sein sollen, was sie nicht gethan und was sie hätte lassen können. Ueber die Eisenbahnverwaltung, Betriebs- und Verkehrs-Einrichtungen, die Abstimmungen bei General-Versammlungen, die Placirung des Actiencapitals – die Art meiner Bau-Ausführung und der damit verbundene Gewinn – das Actiengesetz und Material zur Ergänzung desselben; – VII. Eisenbahn-Concessionen, Staatsaufsicht etc.; – VIII. 1. Abtheilung. Die von mir gebauten inländischen Eisenbahnen. – 2. Abtheilung. Prospect für die Verbindung und Erweiterung dieser Bahnen, um Betriebsvergrößerung und größere Rentabilität zu erzielen; – IX. Die Brest-Grajewo-Bahn; – X. Die ungarische Nordostbahn; – XI. Die rumänischen Bahnen; – XII. Ueber mein Geschäftsleben im Allgemeinen, meine Verbindungen mit der Commerz-Leihbank in Moskau und meine Verhaftung. In jüngster Zeit (Juli 1879) ist Dr. Strousberg unter die Politiker gegangen, er hat Essays, betitelt „Fragen der Zeit“, in Berlin herausgegeben, deren erster Theil den Parlamentarismus behandelt, und darin die politischen Verhältnisse der einzelnen Großstaaten Europas und Amerikas beleuchtet. Und bald darauf meldeten die Journale, daß S. mit der Gründung eines großartigen Journals sich trage, welches sich aber dann als ein ganz kleines Localblatt entfaltete. Im Vorstehenden wurden nur Thatsachen berichtet. Im Jahre 1850 hatte S. eine Engländerin, Miß Mary Ann Swann, geheiratet, welche ihm in fünfundzwanzigjähriger Ehe sieben Kinder schenkte. Jetzt ist der frühere Crösus dahin zurückgekehrt, womit er seine merkwürdige Laufbahn begann, zur Journalistik. Er zahlt 55 Jahre. Sollte er seine Rolle ausgespielt haben? Wie sehr übrigens Personen, die in seinen Diensten standen, ihrer Würde vergaben und ihr Selbstbewußtsein an den Nagel hingen, dafür gibt das Wiener „Fremdenblatt“ 1875, Nr. 306, in einer Strousberg-Anekdote [100] einen Beleg. Jedoch müssen wir hinzufügen, daß der in Rede stehende, im Ganzen unglaubliche Vorfall einem čechischen Blatte, der „Narodne listy“, entnommen ist und daß die Čechen gegen die seit dem Ankaufe Zbirows durch Strousberg eingewanderten deutschen Bediensteten desselben einen Haß ohne Gleichen zur Schau trugen, welchem sie auch durch allerlei Erfindungen Luft machten.

Gartenlaube (Leipzig, Ernst Keil, 4°.) 1874, S. 788. – Außer obigen „Memoiren“ ist die Anzahl der biographischen und sonstigen Artikel in österreichischen, deutschen und anderen Journalen geradezu Legion. Alle erzählen dasselbe mit mehr oder weniger Ausschmückung, ohne eine Erscheinung zu erklären, die da war, der Erklärung dringend bedarf und eine solche doch bisher nicht gefunden.
Porträte Strousberg’s. 1) Silhouette von Konewka im „Neuen Blatt“ (Leipzig, Payne) 1870, S. 208. – 2) Unterschrift: „Dr. Bethel Henry Strousberg“. Schöner Holzschnitt von A. T(oller) in Rodenberg’s „Salon“, Bd. IV, Heft 12. – 3) Nach einer Photographie gezeichnet von E. H.(artmann). Holzschnitt in der „Allgemeinen Familien-Zeitung“, 1870, S. 65.
Strousberg’s Chargen in Wiener Blättern. 1) Im „Floh“ vom 10. September 1871, Nr. 37: „Strousberg“. Charge von Klič. Tomassich sc. – 2) Ebenda vom 7. November 1875, Nr. 45: „Henry Bethel Strousberg“. Charge von C. von Stur. – 3) In den „Humoristischen Blättern“ von Klič. 7. November 1875, Nr. 45: „Dr. Strousberg“. Von Klič. – 4) Ebenda, 26. November 1876, Nr. 48: „Dr. Strousberg“. Von Klič [das Bild im Jahre 1875 ist Porträt, jenes im Jahre 1876 ist Charge]. – 5) In der „Bombe“ vom 11. April 1875, Nr. 14: „Dr. Strousberg“. Charge von Laci von F.(recsay).