BLKÖ:Stuwer, die Familie

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Stutterheim, Peter
Band: 40 (1880), ab Seite: 244. (Quelle)
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Stuwer, die Familie. Mit Wiens Geschichte im letzten Jahrhundert steht der Name Stuwer in so inniger Verbindung, daß ein biographischer Nachweis über die Träger desselben um so gebotener erscheint, als die Phrase: „wenn Stuwer sein Feuerwerk angekündigt hat, dann regnet es sicher“ in der Haupt- und Residenzstadt gang und gäbe ist. Stuwer ist der Name der Feuerwerker-Familie, deren jeweiligen Häuptern die Wiener Bevölkerung manche Feste, die aber sämmtlich in Rauch aufgegangen, zu verdanken hat. Der erste Stuwer, der nach Wien kam, wird hier und da, wie z. B. im „Neuen Wiener Tagblatt“ (1869, Nr. 149) im Feuilleton „Der Wiener Wurstel-Prater“, Caspar Stuwer genannt, heißt aber in Wahrheit Johann Georg[WS 1] mit Vornamen; er kam zu Anfang der Siebenziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts aus seiner Heimat, Ingolstadt in Baiern, und brannte am 27. Mai [245] 1774 – nicht, wie hie und da angegeben wird, am 23. Mai 1777 – sein erstes Feuerwerk unter den Titel „Des Confucius Lustgebäu“ im Wiener Prater ab. Gleich bei diesen ersten Debut Stuwer’s war, wie die damaligen Zeitungen meldeten, das Wetter ungünstig. Wenige Wochen später wurde sein Laboratorium im Prater ein Raub der Flammen. Nichts desto weniger aber brannte der Unternehmer, der sich einen „k. k. privilegirten Kunst- und Luftfeuerwerker“ nannte, noch im nämlichen Jahre vier Feuerwerke ab, deren eines den Titel: „Werthers Leiden. Frei nach Göthe“ führte, da zu jener Zeit der „Werther-Cultus“ in Deutschland Mode war. Um in diesem Feuerwerk den Werther als verliebten Schwärmer zu kennzeichnen, gingen, wie der alte Bäuerle berichtet, hinter ihm fortwährend feurige „Schwärmer“ in die Höhe! Noch einmal, am 22. October 1785, flog Stuwer’s Laboratorium in die Luft. Es geschah dies durch die Unvorsichtigkeit eines im Laboratorium arbeitenden Tischlergesellen. Im Jahre 1799 nahm Johann Georg S. von dem Wiener Publicum, dem er 26 Jahre durch Lust- und Kunstfeuerwerke aller Art Vergnügen bereitet hatte, in einem Anschlagblatte öffentlich Abschied, indem er zugleich ankündigte, daß sein Sohn mit ah. Bewilligung in seine Fußstapfen trete. Dieser Sohn war Caspar Stuwer, der nun zwanzig Jahre hindurch die Wiener Feuerwerke besorgte. Er machte die Napoleon’schen Invasionen und den Congreß mit durch. Dieser letztere brachte ihm eine goldene Ernte und einigen Ersatz für die empfindlichen Einbußen in den vorangegangenen schweren Kriegsjahren. Bei dem am 10. Februar 1819 erfolgten Tode Caspars war sein Sohn Anton noch minderjährig und dessen Vormund „Professor“ Müller führte mittlerweile die pyrotechnischen Schauspiele im Wiener Prater auf. Am 11. September 1821 legte derselbe seine Leitung und Vormundschaft nieder und verabschiedete sich von den Wienern mit einem Feuerwerke, welches „die Zersprengung des Pulverthurmes bei der Nußdorfer-Linie – eine für pyrotechnische Ausführung sehr glücklich gewählte Begebenheit“ darstellte. Unter Anton Stuwer entwickelte sich die Feuerwerkerei zu großartiger flammender Pracht, es erreichte – möchten wir sagen – die Wiener Pyrotechnik ihren Höhepunkt. Leider hinderte Regen die Aufführung, welche verschoben werden mußte, so oft, daß die Begriffe Stuwer und Regen sich zu decken begannen und man die Ankündigung eines Stuwer’schen Feuerwerkes als gleichbedeutend mit bevorstehendem Regen erachtete und thatsächlich in Folge dessen Landparthien aufschob u. s. w. Mit dem Jahre 1848 verstummten die Trommeln, welche bis dahin die Feuerwerke im Prater anzukündigen pflegten. Das Feuer aus Musketen und Kanonen verdrängte das Interesse für das Feuer der Raketen und Schwärmer. Nur den herrschenden Einflüssen der veränderten Zeit sich fügend, kündigte S. am 14. Mai sein Feuerwerk: „Oesterreichs Wiedergeburt“ an und brannte dasselbe auch ab. Es war das einzige in diesem Jahre. 37 Jahre hatte der dritte Stuwer seine Kunst ausgeübt, als er am 5. Jänner 1858 unter so eigenthümlichen Verhältnissen starb, daß dieselben wohl eine kurze Erwähnung verdienen. Anton Stuwer lebte nämlich in einer wenig glücklichen [246] Ehe. Am 5. Jänner ging er Nachts, im Verdruß über seine Frau, mit welcher er sich eben gezankt, derselben, als sie die Stube verlassen hatte, in den Hofraum nach. Daselbst angelangt – er wohnte im Prater in der sogenannten kleinen Au – hörte er die Hunde auf das heftigste anschlagen. Da er Diebe und Einbruch besorgte, holte er die Flinte und trat mit ihr ins Freie. Nun schlugen die Hunde noch heftiger an. Stuwer suchte die Thiere zu beschwichtigen, und als dies vergeblich war, forschte er nach der Ursache, das Gestrüppe durchstöbernd, und während er sich darin mit dem Gewehre verwickelte, ging dieses plötzlich los und ihm die Ladung durch die Kehle. Er blieb auf der Stelle todt. Die Hunde aber hatten so heftig gebellt, weil der Wind die Leiche eines armen Schneiders, der sich an einem Baume in unmittelbarer Nähe des Stuwer’schen Hauses aufgehängt, immer an die Planke des Hofes schlug. Nach Antons Ableben übernahm dessen Sohn, gleichfalls Anton genannt, die Feuerwerkerei, welche er achtzehn Jahre führte, bis ihm die Weltausstellung 1873 den Todesstoß versetzte und ihn von Wien vertrieb. Als nämlich die Bauten für die Weltausstellung begannen, wurde Stuwer zur Abtragung seines Gerüstes und der Tribünen, welche er kurz zuvor mit einem Kostenaufwande von 6000 fl. hatte aufstellen lassen, verhalten, bezüglich seiner Entschädigungsansprüche aber an den Centralordner, einen Herrn M. gewiesen. Die Entschädigung, welche er nach längerem Petitioniren erhielt bestand in – 60 Gulden und in der Zusicherung eines anderen Platzes im Prater für seine Productionen. Ein solcher Vorgang entzieht sich bei den zehn Millionen, um welche die zur Ausstellung bestimmte Summe von sechs bis sieben Millionen überschritten wurde, jedem Commentar. Stuwer wartete von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr auf die Zuweisung des ihm verheißenen neuen Feuerwerksplatzes; als er im September 1876 noch immer der Entscheidung entgegenharrte, beschloß er, Wien zu verlassen, da er mittlerweile von der russischen Regierung einen vortheilhaften Posten bei der Artillerie in St. Petersburg zugesichert erhalten hatte. Am 10. September 1876 verabschiedete er sich in einem Feuerwerke, für dessen Aufführung ihm die Donau-Regulirungscommission einen Platz angewiesen, vom Wiener Publicum, zu dessen Vergnügen seine Familie vom Urgroßvater ab ein volles Jahrhundert beigetragen hatte. – Ein Bruder dieses letzten Anton Stuwer, Gustav, diente in der kaiserlichen Armee, wurde aber geisteskrank und stürzte sich in einem unbewachten Augenblicke aus dem Fenster seiner Wohnung. An den Folgen der dadurch erlittenen Verletzungen starb er im August 1869 im allgemeinen Krankenhause.

Neues Wiener Tagblatt 1869, Nr. 149 im Feuilleton: „Der neue Wurstel-Prater“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.), 10. September 1876 in den „Tagesneuigkeiten“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Johann Georg Stuwer (Wikipedia).