BLKÖ:Tschudi, Johann Jacob von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 48 (1883), ab Seite: 61. (Quelle)
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Tschudi, Joh. Jacob von (Staatsmann und Naturforscher, geb. zu Glarus in der Schweiz am 25. Juli 1818). Der Sproß einer angesehenen Patrizierfamilie von Glarus, aus welcher schon mancher Gelehrte und Forscher hervorging. Frühzeitig gab er seine Neigung für naturwissenschaftliche Studien kund, die er dann auf der Universität Zürch mit Vorliebe trieb und später in Paris und Leiden fortsetzte, nachdem er früher noch die philosophische Doctorwürde erlangt hatte. Im Jahre 1838 im Begriffe, eine Reise um die Welt anzutreten, kam er auf ein französisches Schiff, als aber dieses der Regierung von Peru verkauft ward, mußte er seinen ursprünglichen Plan auf eine Erforschung dieses Landes beschränken, welcher er auch im nächsten Hinblick auf Ethnographie und Naturgeschichte fünf Jahre widmete. Er sammelte auf dieser Reise viele Naturgegenstände, vornehmlich aber Thiere. 1843 nach Europa zurückgekehrt, wollte er sich der Franklin’schen Expedition in die Nordpolargegenden anschließen, aber unvorgesehene Zwischenfälle hinderten ihn daran. Indessen veröffentlichte er als Ergebniß der erwähnten Peruaner Reise das Werk: „Peru. Reiseskizzen aus den Jahren 1838–1842“ 2 Bände (St. Gallen 1846, Scheitlin und Zollikofer, gr. 8°.) und die „Untersuchungen über die Fauna Peruana auf einer Reise in Peru während der Jahre 1838–1842“ 12 Lieferungen mit 67 colorirten Steindrucktafeln (ebd. 1844 bis 1846, Imp.-4°.), die Lieferung 21/3 Reichsthaler, welches Werk ihn sofort in die Reihe der gelehrten Naturforscher stellte. Später unternahm er im Auftrage der Schweizer Regierung zwei Reisen nach Brasilien, die eine im Jahre 1851, die andere 1860, und zwar um die überseeischen Verhältnisse der Schweizer-Emigranten zu ordnen und mit Brasilien einen Handelsvertrag abzuschließen. Von 1860–1862 war er schweizerischer Gesandter in Brasilien. Im Jahre 1866 beglaubigte ihn seine Regierung als bevollmächtigten Minister am kaiserlichen Hofe in Wien, von welchem Posten er nach 16 Jahren, im November 1882, auf sein eigenes Ansuchen enthoben wurde. Er lebte auf seiner Besitzung Jacobihof bei Wiener-Neustadt nächst Wien. Die Muße seiner diplomatischen Stellung benützte er zu wissenschaftlichen Arbeiten mannigfacher Art, von welchen hier eine Uebersicht folgt. Selbständig gab er [62] außer den bereits angeführten Werken noch heraus: „Die Kokkelskörner und das Pikrotoxin. Mit Benützung von Ch. K. Vosslers hinterlassenen Versuchen“ (St. Gallen 1847, Scheitlin, VIII und 130 S., gr. 8°.); – „Reisen durch Südamerika“ fünf Bände, mit zahlreichen Abbildungen in Holzschnitten (Leipzig 1866–1869, Brockhaus, gr. 8°.; 1. Bd. XIII und 308 S., mit 5 chromolithogr. Karten in gr. 8°. und 4°.; 2. Bd. VI und 383 S., mit 5 chromolithogr. Karten in gr. 8°. und 4°.; 3. Bd. VIII und 429 S., mit 7 chromolithogr. Karten in gr. 8°. und 4°.; 4. Bd. V und 320 S., mit 1 chromolithogr. Karte in Qu.-4°.; 5. Bd. IX und 416 S., mit 5 Holzschnitttafeln und 4 Steintafeln, wovon 3 im Tondruck in gr. 8°. und 4°.; das ganze Werk 16 Thlr. 20 Ngr.); – „Die Kechua-Sprache“ drei Abtheilungen (Wien 1853, Braumüller, 8°., 890 S. ); – in Gemeinschaft mit Mariano Ed. de Rivero: „Antigüedades Peruanas“ (Viena 1851, Gerold, gr. 4°., XIV und 328 S., mit eingedruckten Holzschnitten und einer lithochrom. Tafel nebst Atlas von 60 lithochrom. Tafeln in Imp.-Fol.); – auch bearbeitete er und gab heraus in vierter Auflage: „Handbuch für Jäger, Jagdberechtigte und Jagdliebhaber. Von Georg Franz Dietrich aus dem Winckel“. Mit 20 Thierbildern und zahlreichen anderen Abbildungen in Holzschnitt“ zwei Bände (Leipzig 1865, Brockhaus, 8°., 1. Bd. XXII und 694 S., 13 Thierbilder und 2 lithogr. Tafeln; 2. Bd. XVII und 730 S., 7 Thierbilder, Preis 8 Thlr.). Zahlreicher sind seine in wissenschaftlichen Sammelwerken abgedruckten Abhandlungen, und zwar in den „Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien“: „Ollanta. Ein altperuanisches Drama aus der Kechuasprache. Uebersetzt und commentirt von J. J. von Tschudi“, auch im Sonderabdruck herausgegeben (Wien 1875, Gerold’s Sohn, Imp.-4°., 220 S. ); – „Die Huanulager an der peruanischen Küste“, mit 7 Tafeln, auch im Sonderabdrucke erschienen; – in den „Sitzungsberichten der philosophisch-historischen Classe“: „Ueber die Sprachen Amerikas“ [Bd. IV, S. 282]; – in den „Sitzungsberichten der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe“: „Ueber den Dopplerit“ [Band IV, S. 274]; – „Beobachtungen über Irrlichter“ [Bd. XXIX, S. 269]; – „Kurze Mittheilungen über meine jüngst vollendete Reise durch Südamerika“ [Bd. XXXIV, S. 357 und 359]; – „Ueber einige elektrische Erscheinungen in den Cordilleras der Westküste Südamerikas“ [Bd. XXXVII, S. 450, 475 u. f.]; – „Mittheilung über ein meteorisches Phänomen“ [Band XXXVII, S. 783 und 787]; – „Berichtigung hinsichtlich des Cocaïns“ [Bd. XXXVIII, S. 907 und 909]; – „Mittheilung über einen Fisch aus dem Rio Itajahy in Brasilien“ [Bd. XLIX, 1. Abtheilung, S. 136; Bd. XLIX, 2. Abtheilung, S. 95]; – „Berichte über die Erdbeben und Meeresbewegungen an der Westküste Südamerikas am 13. August 1868“ [Bd. LIX, 2. Abtheilung, S. 610, 652 u. f.]; – in den „Mittheilungen aus Justus Perthe’s geographischer Anstalt“ über wichtige neue Erforschungen aus dem Gesammtgebiete der Geographie von A. Petermann; Ergänzungshefte: „Reise durch die Andes von Südamerika von Cordova nach Cobija im Jahre 1858“ (mit lithogr. und color. Karte und Holzschnitten) [im 3. Ergänzungsheft]; – „Die brasilianische Provinz [63] Minas Geraes. Originalkarte nach den officiellen Aufnahmen des Civilingenieurs H. G. F. Halfeld 1836–1855 unter Benutzung älterer Vermessungen mit Karten, gezeichnet von Friedrich Wagner. Beschreibender Text von J. J. v. Tschudi“ [im 9. Ergänzungsheft]; – in den „Neuen Denkschriften der allgemeinen schweizerischen Gesellschaft für die gesammten Naturwissenschaften“: „Monographie der schweizerischen Echsen“ [1837]; – in der „Oesterreichischen medicinischen Wochenschrift“: „Die geographische Verbreitung der Krankheiten in Peru. Ein Beitrag zur medicinischen Geographie“ [1846]; – in den „Wiener Jahrbüchern der Literatur“: „Recension der Conquista dela nueva Castilla. Poema eroico per la primera vez por J. A. Sprecher de Bernegg“ [1849]; – in der von Oken herausgegebenen Zeitschrift „Isis“: „Ueber ein neues Subgenus von Lacerta“ [1836];– „Beobachtungen über Alytes obstetricans Wepl“ [1837]; – in den „Mémoires de la société des sciences naturelles de Neufchâtel“: „Classification der Batrachier mit Berücksichtigung der fossilen Thiere dieser Abtheilung der Reptilien“ [1838]; – in Müller’s „Archiv für Physiologie und vergleichende Anatomie“: „Vergleichend-anatomische Beobachtungen“ [1843]; – „Ueber die Ureinwohner von Peru“ [1844]; – „Ueber einen Avarenschädel“ [1845]; – in den „Monatsberichten der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin“: „Ueber die geographische Verbreitung der Ureinwohner von Peru“; – in dem „Edinburgh new philosophical Journal“: „On the old Peruvians“ [1844]; – in Wunderlich und Roser’s „Archiv für physiologische Heilkunde“: „Die Verugas. Eine in Peru epidemische Krankheit“ [1845]; – in Wiegmann’s „Archiv“: „Neues Genus von Wasserschlangen“ [1836]; – „Diagnosen neuer peruanischer Vögel“ [1843]; – „Mammalium conspectus quae in republica peruana reperiuntur et pleraque observata vel collecta sunt in itinere a D. J. J. de Tschudi [1844]; – „Avium conspectus“ wie oben [1844]; – „Reptilium conspectus” wie oben [1845]; – „Nachträgliche Bemerkungen zum conspectus avium“ [1845]; – „Die Familie der Ecpleopoda“ [1847]. Tschudi’s wissenschaftliches Wirken ist in gelehrten Kreisen gewürdigt und anerkannt worden, so ist er Mitglied der kaiserlichen Leopold.-Carolinischen Akademie der Naturforscher, seit 1. Februar 1848 correspondirendes Mitglied der Wiener kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftlicher Classe; baccalaureus promotus der Medicin und Philosophie an der Universität San Marco in Lima; correspondirendes Mitglied der königlich bayrischen Akademie der Wissenschaften in München, correspondirendes Ehrenmitglied der königlich geographischen Gesellschaft in London und auswärtiges Mitglied der Gesellschaft für Erdkunde und der Gesellschaft naturforschender Freunde in Berlin.

De Gubernatis (Angelo). Dizionario biografico degli scrittori contemporanei ornato di oltre 300 ritratti (Firenze 1879, coi tipi dei successori Le Monnier, Lex.-8°.) p. 1008 [nach diesem geboren im Jahre 1813]. – Encyklopedyja powszechna, d. i. Polnische Real-Encyklopädie (Warschau 1867, Orgelbrand, gr. 8°.) Bd. XXV, S. 674 [nach dieser geboren im Jahre 1818]. – Brockhaus (Heinrich). F. A. Brockhaus in Leipzig. Vollständiges Verzeichniß der von der Firma [64] F. A. Brockhaus in Leipzig seit ihrer Gründung durch Friedrich Arnold Brockhaus im Jahre 1805 bis zu dessen hundertjährigem Geburtstage im Jahre 1872 verlegten Werke. In chronologischer Folge mit biographischen und literarhistorischen Notizen (Leipzig 1872, F. A. Brockhaus, gr. 8°.) S. 145,146, 862 und 863. – Westermann’s Jahrbuch der illustrirten deutschen Monatshefte (Braunschweig, gr. 8°.) Bd. V (October 1858 bis Marz 1859), S. 345: „v. Tschudi’s Uebergang über die Anden“; Bd. VI (April 1859 bis September 1859); S. 116 u. f.: „v. Tschudi in Südamerika“.