BLKÖ:Wáwra, Wenzel Thomas

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Vávra, Vincenz
Nächster>>>
Vávra, Franz
Band: 50 (1884), ab Seite: 22. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: 130840114, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Wáwra, Wenzel Thomas|50|22|}}

Wáwra, Wenzel Thomas (Componist, geb. zu Niemtschitz im Klattauer Kreise Böhmens am 8. December 1765, Todesjahr unbekannt). Von seinem Vater Joseph, welcher Schullehrer im Niemtschitz und selbst ein gewandter Musiker war, erhielt er den ersten Unterricht im Clavier. Sechs bis sieben Jahre alt, sang er schon auf dem Chore mit und konnte die Noten vom Blatte lesen. Im Alter von zehn Jahren hatte er schon alle Regeln der Partitur inne und spielte jede ihm vorgelegte Messe vom Blatte weg. Um 1775 wurde sein Vater nach Radobitz im Prachiner Kreise übersetzt, und bei den daselbst häufigen Processionen nach Mirotic, Czimelic, Czischowa und anderen Orten mußte der kleine Wenzel die Orgel spielen, welcher Aufgabe er sich zur Bewunderung Aller, die ihn hörten, mit bestem Erfolge unterzog. Um diese Zeit übte er sich auch auf der Violine, und bald trug er mit nicht geringer Fertigkeit die damals beliebten Terzette von Haydn und Bocherini als erster Violinist vor, und wenn er eine eigenthümliche Idiosynkrasie gegen die Erlernung des Trillers hätte überwinden können, würde er es wohl zu einer nicht geringen Bedeutenheit auf diesem Instrumente gebracht haben. So aber zog er demselben die Orgel vor, spielte mit Vorliebe Präludien und begann frühzeitig zu componiren. In seinen Jünglingsjahren schrieb er Menuette, Märsche, Sonaten und ein Requiem. Als auf dem heiligen Berge bei Przibram, wo damals die Jesuiten weilten, durch den Austritt des später zu Berühmtheit gelangten Abbé Gélinek [Bd. V, S. 128] die Stelle des [23] Organisten frei wurde, sollte er dieselbe erhalten. Aber Intriguen vereitelten das Project, und Wenzel, den der Vater als armer Schullehrer nicht studiren lassen konnte, kam zu seinem Großvater mütterlicher Seits, Wenzel Rubisch, welcher im Städtchen Jechnitz des Saatzer Kreises eine Lehrerstelle bekleidete. Dort erlernte er zunächst die deutsche Sprache, und da er im Orgelspiele und selbst in der Theorie der Musik weit vorgerückt war, machte er sich in Kurzem die Behandlung verschiedener Instrumente, und zwar des Violons, Violoncells, der Oboe, Flöte, des Fagots, Horns und der Trompete, in ganz vorzüglicher Weise eigen. Sein ausgesprochenes nicht gewöhnliches Musiktalent, verbunden mit einem trefflichen musikalischen Gedächtniß, setzte ihn in den Stand, ein längeres Tonstück nach mehrmaliger Wiederholung ohne Vorlage Note für Note genau nachzuspielen. Nach dem Tode seines Großvaters kehrte er 1779 zu seinem Vater zurück und beschäftigte sich nun einige Zeit mit Unterrichtertheilen in Musik und deutscher Sprache. 1780 kam er mit einem Jahrgehalte von 12 fl. bei freier Wohnung und Kost als Schulgehilfe nach Friedberg, einem an der österreichischen Grenze gelegenen Städtchen, dessen Pfarre dem oberösterreichischen Prämonstratenserstifte Schlögl unterstand. Während er aber neben dem Schul- und Meßnerdienste noch recht fleißig Noten und Partituren für seinen Lehrer copiren mußte, kam es oft genug vor, daß er sich nicht satt essen konnte. Indeß, der Pfarrer und Caplan nahmen sich väterlich des tönebeflissenen Schulgehilfen an, und er wurde bald ein Liebling derselben und auch der Bürgerschaft, in deren Familien er oft als gern gesehener Gast seinen Hunger stillte. Als im Städtchen eines Tages eine größere kirchliche Festlichkeit gefeiert wurde, zu welcher auch viele Lehrer und Priester aus der Nähe und Ferne gekommen waren, erregte er durch sein schönes Orgelspiel allgemeine Bewunderung. Nun erhielt er angesichts seines geizigen Lehrers die vortheilhaftesten Anerbieten, welche er jedoch, da seine Verhältnisse in Friedberg sonst nichts zu wünschen übrig ließen, allesammt ablehnte. Erst im März 1782 nahm er eine Stelle zu St. Johann in Oberösterreich an, wo er aber nach kaum sechswöchentlicher Anwesenheit durch eine Feuersbrunst seine ganze Habe und seine reiche Sammlung von Fugen, Präludien, Partituren und seine eigenen Compositionen einbüßte. Gute Freunde halfen ihm zum Theile aus seiner Noth und ermöglichten ihm den weiteren Aufenthalt in St. Johann, bis er gegen Ende 1783 als Stiftsmusiker und Tafeldecker – es gab damals in den Stiftern und Abteien ganz eigenthümliche Bedienstungen – im Stifte Schlögl angestellt wurde. Acht Jahre brachte er in demselben zu, erfreute sich der besonderen Gunst seines Abtes, componirte neben kleineren Tonstücken auch eine größere Symphonie, welche, zur Aufführung gebracht, großen Beifall erntete. Während des Aufenthaltes in Schlögl hörte er viel von der Pflege der Musik im Stifte Kremsmünster erzählen, und wie in dem dortigen Museum Jünglinge, welche Talent für Musik besäßen, als Zöglinge unentgeltliche Aufnahme fänden und gründlichen Musikunterricht erhielten. Seit er davon gehört, verließ ihn der Gedanke, nach Kremsmünster zu kommen, nicht mehr, und endlich fand er im Herbst 1791 Aufnahme daselbst. Der Uebergang aus der Fülle im Kloster Schlögl in die beschränkteren Verhältnisse zu Kremsmünster, wo er als Zögling des Museums doch so Manches entbehren mußte, war [24] wohl sehr empfindlich, aber auch dort fand er bald Freunde, die seiner sich annahmen, so der Apotheker Felix Guglielmo, ein sehr großer Musikfreund, und Andere, die ihm Unterrichtsstunden verschafften und ihm sonst Gelegenheit boten, seine Lage zu verbessern. In Kremsmünster beendete er auch die philosophischen Studien, benützte dann die Ferien zu einer Reise nach Wien und von dort nach Prag und in seine Heimat, die er viele Jahre nicht gesehen. Sein Ruf als ausgezeichneter Musiker war ihm dahin vorangegangen und hatte eine ihn sehr ehrende Aufnahme veranlaßt. Als er dann wieder nach Kremsmünster zurückkehrte, verlieh ihm der damalige Abt Erenbert, um ihn ans Stift zu fesseln, am 1. December 1794 die Stiftsorganistenstelle, obwohl der frühere Organist noch lebte, mit der Anwartschaft auf eine Kanzleistelle im Stifte. Diese Aussichten, die ihm seine Zukunft sicherten, bestimmten ihn zur Annahme des Postens. Erenbert’s Nachfolger, der Abt Wolfgang, verlieh ihm noch die Stelle des Musikmeisters an dem dortigen k. k. Convicte, und so befand sich denn Wáwra noch im Jahre 1826 als Kämmereibeamter, Stiftsorganist und Musikmeister des k. k. Convicts in Kremsmünster. Daß Wáwra componirte, wurde bereits berichtet. Das von S. K. Widtmann 1808 in Prag herausgegebene Verzeichniß der Musikalien führt von Wáwra nachstehende Compositionen auf: „Sechs neue Menuette mit sechs Trios“; – „Deutsche Seelenmesse für Kirchen auf dem Lande a Canto Alto, Basso ed Organa“ und „Messe auf den Text: „„Gott, auf Dein Wort erscheinen wir““ u. s. w., a Canto Alto, Basso ed Organo“. Darauf beschränken sich alle Nachrichten über Wáwra’s Compositionen, deren sich gewiß noch im Besitze seiner Nachkommen in Kremsmünster befinden dürften, denn er war seit 1800 mit einer Beamtenstochter Anna Digl verheiratet, welche ihm zwei Töchter, Maria und Anna, Beide musikalisch, geschenkt. Auffällig erscheint es, daß der Capitular und Musikdirektor des Stiftes Kremsmünster Georg Huemer in seiner Monographie: „Die Pflege der Musik im Stifte Kremsmünster. Culturhistorischer Beitrag zur eilften Säcular-Feier“ (Wels 1877, Johann Haas, 8°.) Wáwra’s, der doch, über drei Jahrzehnte daselbst musikalisch und, nach Dlabacz nicht unglaubwürdigem Zeugnisse, in verdienstlichster Weise thätig, gewiß kaum ohne Einfluß auf die Entwickelung des musikalischen Lebens in diesem berühmten Stifte gewesen, auch nicht mit einer Silbe gedenkt.

Dlabacz (Gottfried Johann). Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theile auch für Mähren und Schlesien (Prag 1815, Gottlieb Haase, 4°.) Bd. III, Sp. 335. – Eine Selbstbiographie Wáwra’s, welche ich durch die Güte des Herrn D. A. Schmidt, dem ich hier herzlichst dafür danke, benützen konnte.