BLKÖ:Wackerbarth, August Joseph Ludwig Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 52 (1885), ab Seite: 46. (Quelle)
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Wackerbarth, August Joseph Ludwig Graf (Schriftsteller, geb. zu Kutschendorf bei Cottbus in der Niederlausitz am 7. März 1770, gest. auf seiner Villa Wackerbarthsruhe unweit Dresden am 19. Mai 1850). Der Sproß einer altadeligen mecklenburgischen Familie, über welche die Quellen S. 49 Näheres berichten. Großjährig erklärt, ging der Graf, der mehrere Güter in Oesterreichisch-Schlesien besaß, 1794 nach Wien, wo er noch desselben Jahres das österreichische Bürgerrecht erlangte. Aber wenn er sich auch mehrere Jahre auswärts, so 1831–1834 in London und dann auf seiner Besitzung Wackerbarthsruhe [47] zwischen Meißen und Dresden, befand, immer wieder kam er nach Wien zurück, wo er viel in literarischen Kreisen verkehrte und ebenso durch seine äußere Erscheinung und seine Sonderlingsnatur, als durch seine ihrem inneren Gehalte nach undefinirbaren Schriften viel Aufsehen erregte. Auch unternahm er oft Reisen, und zwar nach allen Richtungen der Windrose und in fast alle Welttheile. Franz Gräffer, der immer auf Suche nach Originalmenschen war, ist es, dem wir einige nähere Kenntniß über den Grafen verdanken. „In der Herrengasse in Wien“, so erzählt Gräffer, „ist ein altes Haus mit einem Balcon, getragen von alten Männern, die ihre wackeren Bärte wie streichelnd umschlungen halten. Dies Haus gehörte einst den Baronen Wackerbarth. Der Graf pflegte das selbst zu erzählen“. „Es war eine Lust“, schreibt unser Gewährsmann weiter, „den rüstigen Greis zu sehen und sprechen zu hören. Er war über sechs Fuß hoch, stark, sehr gut gewachsen und durch Reisen und unzählige Strapazen abgehärtet. In allem Betrachte noch eine Urnatur. Durch seine weltmännische und nicht gewöhnliche Bildung nahm er alle Menschen schon im Voraus für sich ein. Sein Geist war unaufhörlich thätig, sein Verstand überall durchdringend, sein Charakter fest entschlossen, sein Betragen still bescheiden, seine Denkungsart erhaben und groß; ebenso nachgebend, sanft und kindlich, als, einmal zum Zorne gereizt, wüthend, heftig und tobend. Keine Arbeit scheuend, fand er in den allerschwierigsten Beschäftigungen sein höchstes Vergnügen. Alle Armen, Unglücklichen, Nothleidenden trafen in ihm einen treuen Freund, einen uneigennützigen Beschützer und großmüthigen Vater. Echte Originalität im schönsten Sinne des Wortes charakterisirt ihn vielleicht mit jedem Pulsschlage. In allem Betrachte noch eine wahre Urnatur“. Nun erzählt Gräffer noch nachfolgendes Curiosum: „Der Graf hatte eine sehr wichtige Forderung, die sich auf hundert Millionen Louisdor belief, an das Herzogthum Sachsen-Lauenburg und Hannover, die bei dem Reichskammergericht zu Wetzlar in allen Instanzen glücklich gewonnen und längst bis zur Execution förmlich ausgeklagt worden war. Er suchte sie geltend zu machen während der französischen Occupation, lebte deswegen oft und lange in Paris, hatte mehrere seltsame Auftritte mit dem ehemaligen Kaiser Napoleon, erhielt immer die schönsten Versprechungen, aber nie die Erfüllung von Thatsachen“. So weit Gräffer. Im ersten Jahrzehnt des taufenden Jahrhunderts bekleidete der Graf auch die Stelle eines kurfürstlich sächsischen Legationssecretärs in Wien. Um die Mitte der Dreißiger-Jahre befand er sich wieder in der österreichischen Hauptstadt. Seine schriftstellerische Thätigkeit ist eine ungewöhnlich große, und seine Werke sind aller Orten, in Wien, Berlin, Leipzig, Hamburg, Göttingen, Dresden, London u. s. w. – wir werden kaum fehl gehen, wenn wir sagen, im Selbstverlage – herausgekommen. Sie erscheinen zum Theil schon durch ihre Titel als literarische Curiosa und mögen heute auch zu den Seltenheiten zählen. Sie sind in chronologischer Folge: „Parallele zwischen Peter dem Grossen und Karl dem Grossen“ (Göttingen 1792, Römer, gr. 8°.); – „Vergleichung zwischen Hakem und Nero“ (ebd. 1793, 8°.); – „Morgenblicke in die Leipziger Allee. Meinen Freunden und Freundinen gewidmet“ (am 9. Juni 1793, Berlin, 8°.);– „Ein Blick auf das Leben des J. E. F. Freiherrn von Wackerbarth in [48] Kogeli“ (1794, 4°.); – „Denkmal der Gräfin Lina von Oertzen“ (Leipzig 1794, 4°.);– „Schilderung des Kaisers Aurengzeb“ (Leipzig 1794, Grieshammer, 8°.); – „Vergleichende Züge zwischen Anton Raphael Mengs und Sir Joshua Reynolds“ (London 1794, gr. 8°.); – „Drei Königinen“ (Leipzig 1795, Fleischer, 4°.); – „Die Eroberung von Sibirien“ (Wien 1796, Alberti, 4°.); – „Vorlesungen über schriftlichen und mündlichen Vortrag. Nach dem Englischen des Jos. Priestley deutsch bearbeitet“ (Berlin 1797, Rücker, 8°.); – „Parallele zwischen Leopold II. und Albrecht II.“ (Leipzig 1798, Beer, 8°.); – „Rheinreise“, auch unter dem Titel: „Wanderungen am Rhein“, mit KK. (Halberstadt 1807 [W. Nauck in Leipzig] 8°.). Schon zwischen diesem anonym erschienenen und dem vorigen Werke war eine längere Pause in des Grafen schriftstellerischer Thätigkeit, veranlaßt durch seine ausgedehnten Reisen, eingetreten, eine noch längere Pause folgte zwischen dieser letzten 1807 erschienenen Schrift und der folgenden: „Reclamationen“ (Hamburg 1815, 4°.); – „Zuruf an den sich zu Wien bildenden Congress“ (Hamburg 1815, Fol.); – „Der erste Feldzug der osmanischen Türken auf europäischem Boden“ (ebd. 1819, Herold [Aue in Altona] Fol.); – „Merkwürdige Geschichte des weltberühmten Gog und Magog“ (ebd. 1820, Fol.); – „Die Geschichte der grossen Teutonen“ (ebd. 1821 [Hoffmann und Campe] Fol., 17 Thlr., herabgesetzter Preis 4 Thlr.); – „Die Geschichte der letzten grossen Revolution von China im Jahre 1644“ (Hamburg 1821 [Herold] Fol., 5 Thlr., 12 Gr.); – „Die früheste Geschichte der Türken bis zur Vernichtung des byzantinischen Kaiserthums, oder bis zur Eroberung Constantinopels im Jahre 1453, dann fortgeführt bis zum Tode Kaiser Muhameds II. im Jahre 1481“ (ebd. 1822 [Herold jun.] Fol., 18 Thlr. 16 Gr., herabgesetzter Preis 5 Thlr.); – „Walhalla oder wunderbare Begebenheiten ausserordentlicher Menschen“ 1. Heft (Dresden 1829, Walther, gr. 8°.); – „Der Briten erste Heerfahrt gegen China. Zum 400jährigen Jubelfeste der Gründung der Buchdruckerkunst“ (Leipzig 1840 [Wackerbarthsruhe der Verfasser] gr. 8°.). In der deutschen Monatschrift stand von ihm abgedruckt: „Merkwürdige Antwort eines nordischen Königs“ [1793, 2. St., S. 151 u. f.]; – „Freudenfest Peters des Großen“ [ebd., 7. St., S. 187 u. f.]; – „Muß man seinen Namen überall herbeichten?“ [ebd. 1794, 11. St., S. 233 u. f.]. Schon das Cotta’sche „Morgenblatt“, eine in kritischen Sachen ebenso vorurtheilslose als gemäßigte und in der ersten Hälfte des laufenden Jahrhunderts tonangebende Zeitschrift bezeichnet des Grafen Werke als literarische Merkwürdigkeiten. Sein Werk: „Der erste Feldzug der osmanischen Türken auf europäischem Boden“ hat der Graf der schönen und geistreichen Henriette – wir citiren wörtlich – der gnädigen Frau Baronin von Pereira in Wien, dem liebenswürdigsten und bewunderungswürdigsten aller Weiber, dann dem Könige von Dänemark, und drittens Seiner Majestät, dem Allergnädigsten, Großmächtigsten und Unüberwindlichsten Kaiser und Groß-Sultan Mahmud-Khan II., Kaiser der tapferen Osmanen, der größten Zierde des ganzen Orients, zugeeignet. Mag das Gesagte schon für die Beurtheilung der ganz besonderen Eigenart des Verfassers genügen; einen noch tieferen Blick in die absonderlichen Ansichten desselben gewinnen wir aus den unten in den Quellen mitgetheilten wahrheitsgetreuen Auszügen. Leider konnten wir trotz aller Nachfragen nicht in den Besitz [49] der in den Quellen genannten von Ahlwarth verfaßten Biographie des Grafen gelangen.

Ahlwarth (Ernst Friedrich). Lebensbeschreibung des Grafen von Wackerbarth (Hamburg 1820, 8°.). – Gräffer (Franz). Historische Unterhaltungen. Kleine Denkwürdigkeiten, Aufschlüsse, Persönlichkeiten, Anekdoten, Notizen u. s. w. aus der älteren und neueren Zeit und Literargeschichte (Wien 1823, Tendler, 8°.) S. 178: „Graf von Wackerbarth; merkwürdige Personage“. – Morgenblatt (Stuttgart, Cotta, 4°.) 1819, Nr. 254, S. 1016: „Correspondenz aus Hamburg. September“. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer und Czikann (Wien 1835 u. f., 8°.) Bd. VI, S. 647. – Sonntagsblätter. Herausgegeben von ]L. A. Frankl (Wien, Lex.-8°.) II. Jahrg., 1843, S. 80.
Porträt. Dasselbe befindet sich zuerst vor seinem Werke: „Die Geschichte der großen Teutonen“ (1821) als Titelbild, und als solches gleichfalls vor dem ersten und einzigen Hefte seiner „Walhalla“ (1829).
Blumenlese aus des Grafen. Wackerbarth im Druck erschienenen höchst kostspieligen, später freilich sehr im Preise herabgesetzten historischen Schriften. Die Erde steht nach ihm 475.000 Jahre. – Zwanzigtausend Jahre vor Christi Geburt seien die Deutschen 12 bis 15 Fuß hoch gewesen. – Diese Riesen konnten „Felsen bewegen, Berge versetzen, Gewitter erzeugen, große Schlossen herabwerfen, Blitze und verwüstende Feuersteine auf ihre Feinde werfen“. – Hämische Ausländer behaupten, meine großen Vorfahren, die riesenmäßigen Teutonen, seien nackend herumgelaufen. haben nackend gejagt und nackend in Schlachten gekämpft. Dies sind elende Verleumdungen und die allerinfamsten Lügen einiger ergrimmten römischen Feinde. Die großen Teutonen trugen ganz eng anschließende Gewänder, die von den unwissenden Römern für die nackte Haut gehalten wurden. – Der teutonische Held Teut hat 36.525 Bücher geschrieben, von denen sich in Hindostan und Oxford noch Ueberbleibsel vorfinden. Die „Teutgesagten“ oder Teutschen waren die Lehrmeister der berühmten Egyptier. Der Assyrische König Ninus war auch ein Deutscher. Sein Name kommt her von Nie! nie!, indem seine Mutter eine schwere Geburt gehabt und dabei ausrief: Nie! nie“ will ich mehr ein Kind gebären! worauf der Vater das Kindlein „Nini“ benannte. Das Wort „Bachus“ ist „Bauch“; „Orfeus“ ist „Urteut“; „Prometheus“ ist „frommer Teut“; China oder Schina kommt her von schön, denn noch jetzt sagt man in Hamburg: „Dat is een schöne Deeren“. Und nun genug der Proben. Es ist Methode in diesem Blödsinn, der nur in Johann Kollar’s: „Staro-Italia slavjanska“ drei Jahrzehnte später ein würdiges und nicht minder komisches Seitenstück fand.