BLKÖ:Kollár, Johann

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Kollar, Vincenz
Band: 12 (1864), ab Seite: 325. (Quelle)
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Kollár, Johann (čechischer Dichter, geb. zu Mossocz im Thuroczer Comitate Ungarns 29. Juli 1793, gest. zu Wien 24. Janner 1852). Von protestantischen Eltern. Sein Vater Matthäus war viele Jahre bald Stadtrichter, bald Gemeindenotar; die Mutter Katharina, eine geborne Irenda, war eine stille, anspruchslose, aber gemüthvolle Frau. Die erste Erziehung erhielt der Knabe von guten Lehrern im Elternhause; dann kam er auf die Schule nach Kremnitz, wo er die lateinische und [326] deutsche Sprache erlernte, von Kremnitz aber nach Neusohl, wo er Literatur und Philosophie hörte, alles freilich nach jenem dürftigen Zuschnitte, der damals auf den ungarischen und auch auf anderen Unterrichtsanstalten gang und gäbe war. Um das Studium der Theologie zu beginnen, begab er sich nach Preßburg, wo er fünf Jahre unter Stanislaides, Fabri, Bilnica, Gros und Zigmundy theologische Studien machte. Dann ging er, wie es protestantische Theologen zu thun pflegen, in’s Ausland und zwar wählte er die Universität Jena, wo er die Vorlesungen von Danz, Fries, Gabler, Luden, Oken u. A. hörte. Nach anderthalb Jahren verließ er Jena und kehrte, indem er vorher noch eine Reise durch Deutschland machte, 1819 nach Ungarn zurück. Am 12. October g. J. wurde er zu Bistřic zum geistlichen Stande geweiht und dem slavisch-deutschen Prediger der evangelischen Gemeinde in Pesth, Johann Molnar, als Diakon beigegeben. Nach Molnar’s baldigem Tode wurde Kollár Prediger dieser Gemeinde. In dieser aus Deutschen und Slaven bestehenden Gemeinde gewannen die Ersteren die Oberhand und beriefen bald, nachdem Kollár seinen Posten angetreten, einen deutschen Prediger; Kollár sollte auf diese Art überflüssig und die Slovaken für den deutschen Gottesdienst gewonnen werden. K., Slave mit ganzer Seele, stellte diesen Bestrebungen die ganze Kraft seines geistlichen Ansehens entgegen; ja als er einsah, daß er unvermögend war, etwas auszurichten, legte er freiwillig seine Stelle nieder. Aber die Gemeinde ließ ihn nicht ziehen und K. mußte im Amte bleiben. Daß es unter solchen Umständen und bei der Zähigkeit, mit der einerseits die höhere Cultur sich Bahn brach, andererseits der andere Theil an seiner Berechtigung zu sein und sein Dasein geltend zu machen, festhielt, nicht an Reibungen und Zwiespalt fehlte, begreift sich leicht; erst der kaiserliche Ausspruch, daß die Slaven gleiches Recht an Kirche, Pfarre und Schule, ferner die vollkommene Freiheit erhielten, ihren eigenen Prediger zu bestellen, und den Gottesdienst in ihrer Sprache zu halten, machte den Kämpfen ein Ende. K. blieb bis zum Jahre 1849 in seinem Amte als Prediger der slavischen Gemeinde in Pesth. Im Jahre 1841 und zum zweiten Male auf Staatskosten im Jahre 1844 unternahm er wissenschaftliche Reisen nach Italien, deren Ergebnisse weiter unten bei seinen Schriften näher angeführt werden sollen. Im März 1849 berief ihn die Regierung als Vertrauensmann von Pesth nach Wien, wo er auch, zum Professor der slavischen Archäologie ernannt, bis an seinen Tod blieb. Im Jahre 1850 unternahm er noch auf Einladung des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz eine Reife dahin, um die aufgefundenen Götzen des slavisch-heidnischen Tempels zu Rhetra zu untersuchen und kritisch zu beschreiben. Eine interessante Episode in seinem Leben bildet die Geschichte seiner Liebe und Ehe, der hier, bevor seine literarische Thätigkeit gewürdigt wird, mit einigen Worten gedacht sei. Als K. zu Jena studirte, kam er in das eine Stunde von Jena gelegene Städtchen Lobda, wo er die Tochter des dortigen evangelischen Predigers G. F. Schmidt, Wilhelmine Friederike, kennen lernte. Wenn ihn das liebenswürdige Mädchen schon als solches fesselte, so wurde seine Theilnahme für sie eine um so größere, als er im weiteren Verlaufe des Gespräches erfuhr, daß die Eltern, ungeachtet ihres echt deutschen Namens Schmidt, slavischer [327] Abstammung und aus dem einige Stunden von Jena entfernten, vormals wendischen Dorfe Noslau erst später nach Lobda übergesiedelt waren. Kollár’s Interesse für „Minka“ (Wilhelmine) als Abkömmling eines alten Wendengeschlechtes verwandelte sich bald in Liebe und hier entstanden seine ersten Gedichte, meist Liebeslieder. Als er dann in seine Heimat zurückkehrte, bewahrte er treu das Gefühl an diese seine Liebe, bis ihn die Nachricht von dem Tode seiner geliebten Braut auf das Tiefste erschütterte. Mehrere Sonetten in seinem Cyklus: „Die Tochter des Ruhmes“, geben Kunde von dem tiefen Schmerze, der damals seine Seele niederdrückte. Um sich einigermaßen von diesem Schlage, wenigstens körperlich zu erholen, unternahm er eine Reise. Da traf nach Jahren ein Brief von seiner Verlobten ein, aus welchem sich die Falschheit jener Nachricht herausstellte, wie denn auch aus jeder Zeile die unerschütterliche Liebe und Treue des Mädchens sprach. Sie hatte mittlerweile den Vater verloren und mehrere Jahre die kranke Mutter gepflegt. Diese unerwartete Wendung seines Geschickes belebte K. auf’s Neue, in wenigen Monaten eilte er nach Lobda. Nach fünfzehnjähriger Trennung führte er am 25. September 1835 in Weimar seine Braut zum Altar und von dort als Gattin in seine Heimat. Seine Gemeinde aber, die in K. ihren Vater verehrte, bewillkommte den mit der Gattin Rückkehrenden auf das Feierlichste. Nebenbei sei bemerkt, daß 28 Jahre später (am 27. September 1863) in derselben Kirche in Weimar, in welcher K. getraut worden war, sich Kollár’s einzige Tochter Ludmilla mit Herrn Schellenberg, Lehrer an der höheren Mädchenschule zu Weimar, vermälte. Nach diesem kurzen Ueberblicke der seelsorgerlichen Wirksamkeit und der Liebesepisode in Kollár’s Leben bleibt uns noch Einiges über Kollár den Dichter und Schriftsteller zu sagen übrig. Schriftstellerisch war K. sowohl in seinem Berufe als Schulmann und Pastor seiner Gemeinde, wie als Dichter und slavischer Forscher thätig. Hier folgen zunächst seine zahlreichen Schriften in chronologischer Folge ihres ersten Erscheinens: „Básně J. Kollára“, d. i. Gedichte von Johann Kollár (Prag 1811, 8°.); die zweite Auflage unter dem Titel: „Sláwy dcera we 3 zpěwich“, d. i. Die Tochter des Ruhmes in 3 Gesängen (Ofen 1824, 8°.); die dritte Auflage u. d. T.: „Sláwy dcera, lyricko-epická báseň w 5 zpěwích“, d. i. Die Tochter des Ruhmes, lyrisch-episches Gedicht in 5 Gesängen (Pesth 1832, 8°.); die vierte Auflage in 2 Theilen (Ofen 1845, 8°.); – „Slawení prwního ročního examenu se školskau mládeží audů slowenských ew. církwe Peštansko-Budinske“, d. i. Feier der ersten Jahresprüfung mit der Schuljugend der slavisch-evangelischen Pesth-Ofner Gemeinde (Pesth 1822, 8°.); – „Dobré vlastnosti národu slowanského“, d. i. Die guten Eigenschaften des slavischen Volkes (Pesth 1822, 8°.); – „Památka slawného dne narození J. O. Alex. Rudného z Rudna ... primasa král. Uherského .... od jeho ctitelů Slowáků“, d. i. Erinnerung an das denkwürdige Geburtsfest des J. O. Alex. Rudnay von Rudna, Primas des Königreichs Ungarn ... von seinen slovakischen Verehrern (Ofen 1824, Fol.); – „Slabikář pro dítky s přídawkem latinských článků k čítáni“, d. i. Buchstabirbüchlein für Kinder, mit Hinzufügung lateinischer Lesestücke (Pesth 1826, Trattner, 8°.); – „Čítanka čili kniha k čítání we školách slowenských w městech a dědinách“, [328] d. i. Lesebuch oder Buch zur Lectüre in slavischen Stadt- und Dorfschulen (Ofen 1825, 2. Ausg. 1844, 8°.); – „Obraz křest. panny. Kázani“, d. i. Bild einer christlichen Jungfrau. Predigt (Pesth 1827, 8°.); – „Imenoslaw, čili slowník osobných jmen, sebraný od Pačice“, d. i. Namensverzeichniß oder Lexikon der Eigennamen, gesammelt von Pacic (Ofen 1828, 8°.); – „Rozprawa o jmenách počátkách i starožitnostech národů slawského a jeho kmenů“, d. i. Abhandlung von dem Namen, den Anfangen und Alterthümern des slavischen Volkes und seiner Stämme (Ofen 1830, 8°.); Nachträge dazu sind im Časopis českého muzeum 1830, S. 463, erschienen; – „Nedělní, swáteční i příležitostné kázně a řeči“, d. i. Sonn-, Feiertags- und Gelegenheitspredigten und Reden, 2 Theile (1. Theil Pesth 1831, Trattner; 2. Theil Ofen 1844, Gyurian und Bagó, 8°.); dem zweiten Theile folgt unter d. Tit.: „Přídawek obsah, historická wyswětlení“, ein Anhang historischer Erläuterungen; – „Jako my tuto naši ewangel. slowenskau církem rozmnožowati můžeme a máme?“ d. i. Wie können und sollen wir diese unsere evangelisch-slavischen Kirchen vermehren? (Pesth 1833, 8°.); – „Oda wys. učenému muži, welectěnému přítely p. Pawl. Josef. Šafáříkowy“, d. i. Ode an den gelehrten und vielgeliebten Freund Paul Jos. Šafářík (Pesth 1833, Trattner, 4°.), wurde später in die Ausgabe seiner gesammelten Gedichte aufgenommen; – „Řeč při slawném poswěcení nowě woleného superintendenta p. Jana Seberiniho a t. d.“, d. i. Rede bei der feierlichen Einweihung des neuberufenen Superintendenten Joh. Seberinyi (Ofen 1834); – „Narodnie zpiewanky, čili písně swětské Slowáků w Uhrách jak pospolitého lidů tak i wyšších stawů“, d. i. Volkslieder oder weltliche Gesänge der Slowaken in Ungarn und zwar sowohl des gemeinen Volkes wie auch der höheren Stände, 2 Thle. (Ofen 1834 u. 1835, 8°.); – „Nábožný pohled na krajinu, která jest matka ewangel. wíry“, d. i. Andächtiger Umblick auf die Heimat, welche die Mutter des evangelischen Glaubens ist (Pesth 1835, 8°.); – „Ueber die literarische Wechselseitigkeit zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slavischen Nation. Aus dem Slavischen in der Zeitschritt Bronka gedruckt, in’s Deutsche übertragen und vermehrt vom Verfasser“ (Pesth 1837, zweite verbess. Aufl. Leipzig 1844, 8°.); – „Sláwa bohyně a půwod jména Sláwůw čili Slawjanů, w listech k welectěnému přítelí p. P. Jos. Šafáříkowy. S přídawky srownalost indického a slawského žiwota řeči a bájeslowy ukazujícími“, d. i. Die slavischen Goten und der Ursprung des Namens der Slaven oder Slovianen, in Briefen an J. Šafářík. Mit dem Anhang einer Vergleichung des indischen und slavischen Lebens u. s. w. (Pesth 1839, Trattner, gr. 8°.); – „Apologia, to jest obrana, kterau se odrodilci jenž od swé národnosti slowanské odstupují brániti chtějí ti pak kteří o ní stojí posilniti se mohau. Sepsána od Ondřislawa z Pravdomluwic“, d. i. Apologie und Abwehr gegen jene, die von der slavischen Nation abtrünnig sich vertheidigen, so wie für jene, die an ihr haltend sich kräftigen wollen (Ofen 1841, 8°.). Der Name des Verfassers Ondřislaw z Prawdomluwic ist ein figürlicher Pseudonym; – „Cestopis obsahující cestu do horní Italie a odtud přes Tyrolsko a Baworsko se zwlástním ohledem na slawjanské žiwly r. 1841 konanau a sepsanau at. d. S wyobrazenémi a přílohami též i se slowníkem slowanských umělcům wšech kmenůw [329] od najstarších časůw k nínějsímu wěku s krátkým žiwotopisem a udáním znamenítějších zwláště národních wytwarů“, d. i. Beschreibung einer Reise durch Oberitalien und von dort über Tirol und Bayern mit besonderem Hinblick auf slavische Lebenselemente. Mit Beilagen und Kupferstichen, sowie einem Lexikon slavischer Maler und Kupferstecher aller Stämme seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (Pesth 1843, Trattner, – „Staro-Italia slavjanská aneb objevy a důkazy živlů slavských v zeměpisu v Dějinách a v Bájeslovi zvláště v řeči a v literatůře nejdávnějších vlaských a sousedních kmenů“, d. i. Das slavische Alt-Italien, oder Entdeckungen und Beweise slavischer Lebenselemente in der Erdbeschreibung, der Geschichte, den Mythen, vornehmlich aber in der Sprache und Literatur der ältesten italienischen und benachbarten Volksstämme (Wien 1853, gr. 4°., mit 24 lith. Taf. in gr. Fol.). Eine Auswahl seiner Schriften erschien in neuester Zeit unter d. Tit.: „Spisy Jana Kollára“, 4 Thle. (Prag 1862 und 1863, Kober, kl. 8°.). In Kollár’s Kirchenreden wie in seinen Dichtungen tritt immer wieder die national-politische Tendenz, jedoch ohne gerade zu verletzen, lebendig hervor. Es galt ihm, durch das Wort Gottes, wie durch die geflügelten Worte seiner Seele eine Nation zu stärken, die zwischen zwei anderen, an Geist und Gütern weit überlegenen, der deutschen und magyarischen, einer solchen Kräftigung aus dem Munde ihres Propheten, als der ihr Kollár bald erschien, dringend bedurfte. Als Dichter blieb er im Anbeginn unbemerkt, seine Gedichte als Liebesdichtungen ließen keinen tiefern Hintergrund ahnen, und der Umstand, daß er der böhmischen Schriftsprache die Eigenthümlichkeiten der slovakischen Mundart beimischte, war ihm, wenigstens bei čechischen Lesern, wenig förderlich. Später als man den tiefangelegten, wenn auch etwas schwülstigen und eben deßhalb den reinen Kunstgenuß am Ganzen etwas verkümmernden Grundgedanken erfaßt hatte, begann man das Werk zu würdigen und es nahm bald einen Ehrenplatz unter den sparsam gesäeten größeren Nationaldichtungen der Slaven ein. Die von ihm selbst in deutscher Sprache herausgegebene Schrift: „Ueber die literarische Wechselseitigkeit zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slavischen Nation“ fand auch bei dem deutschen Publicum eine gerechte und anerkennende Würdigung. Seine archäologischen Forschungen sind nur, soweit er auf der rechten Fährte bleibt, ein Gewinn für die Wissenschaft; wie er von derselben sich verirrt, geräth er in das Gebiet des Fabelns und der komischesten Conjuncturen, bei denen ihm oft sein poetischer Genius einen losen Streich spielt. Sein Werk, von den Deutschen nicht verstanden, wurde von der slavischen Kritik selbst scharf gegeißelt und wurden von derselben seine sogenannten Entdeckungen in’s Reich der Fabel verwiesen. Während er über seine in Mecklenburg angestellten Untersuchungen die Ergebnisse in einem besonderen, aber unvollendet gebliebenen Werke: „Die Götter zu Rhetra“ ordnete und zur Herausgabe vorbereitete, ereilte ihn im Alter von 59 Jahren der Tod. Es ist dasselbe in Handschrift zurückgeblieben. K. war Mitglied von mehreren gelehrten Gesellschaften und überdieß für seine Verdienste mit dem Franz Joseph-Orden ausgezeichnet. Urtheile über seine Dichtung „Slávy dcera“, ferner Näheres über sein Grabmal u. dgl. m. siehe unten in den Quellen.

A. Slavische Quellen. Časník, d. i. Zeitbuch (Kalender), herausgegeben von Daniel [330] Lichard (Wien, 8°.) Jahrg. 1856, 235 [auf S. 237 mit Abbildung seines Grabdenkmals]. – Gwiazdka Cieszyńska, d. i. Das Sternlein von Teschen (4°.) Jahrg. 1861, Nr. 10, S. 77. – Jezbera (F. J.), Upomínka na Jana Kollára, d. i. Erinnerung an Johann Kollár (Prag 1860, Geřábek, 8°.) [in čechischer und russischer Sprache. Nach ihm geb. zu Mossocz in der Slovakei 29. Juli 1793, gest. zu Wien 24. Jänner 1852]. – Jungmann (Josef), Historie literatury české, d. i. Geschichte der böhmischen Literatur (Prag 1849, F. Řiwnáč, 4°.) Zweite, von W. W. Tomek besorgte Auflage, S. 366, Nr. 4; S. 367, Nr. 17; S. 375, Nr. 161; S. 382, Nr. 291; S. 383, Nr. 317; S. 384, Nr. 327; S. 389, Nr. 446; S. 390, Nr. 479; S. 437, Nr. 977 a u. b; S. 440, Nr. 1001; S. 466, Nr. 1327; S. 501, Nr. 1956; S. 504, Nr. 2037 a–f; S. 506, Nr. 2065; S. 507, Nr. 2098, u. S. 581. – Koleda. Kalendář na rok 1853 (Brünn, Buschak, gr. 8°.) S. 148. – Lumír, belletristický týdenník“, d. i. Lumir, ein belletristisches Wochenblatt (Prag, gr. 8°.) Jahrg. 1852, S. 692 u. 1225; Jahrg. 1863, S. 1007. – Moravské národní noviny, d. i. Mährische Volkszeitung. Redigirt von Ohéral (Brünn, 4°.) IV. Jahrgang (1852), Nr. 5, S. 33. – Neven (Agramer slavisches Unterhaltungsblatt, gr. 8°.) Jahrg. 1852, Nr. 7, S. 103: Život i dela J. Kollára“, d. i. Leben und Werke J. Kollár’s, von J. A. Berlić; – dasselbe Blatt 1852, Nr. 12, S. 181: „Čertice o Janu Kollaru“. – Rittersberg, Kapesní slovníček novinářský a konversační, d. i. Kleines Taschen-Conversations-Lexikon (Prag 1850, 12°.) Theil II, S. 165–173. – Slovenska bčela, d. i. die slovenische Biene (Klagenfurt, Kleinmayr, 8°.) Jahrg. 1851, S. 25; Jahrg. 1852, S. 68. – Slovenskje pohladi na vedi, umenja a literatura. Vydavanje od M. J. Hurbana (Skalitz, F. X. Škarnicl, 4°.) Jahrg. 1851, Bd. I, S. 127.
B. Deutsche und andere Quellen. Anzeiger aus dem südlichen Böhmen (Budweis, schm. 4°.) Jahrg. 1852, Nr. 21. – Das Ausland. Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und stattlichen Lebens der Völker (Stuttgart, Cotta, 4°.) Jahrg. 1852, Nr. 31, S. 121: „Nekrolog“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) Jahrgang 1840, Beilage S. 963: „Die czecho-slavischen Dichter“. – Brockhaus’ Conversations-Lexikon, 10. Auflage, Bd. IX, S. 108 [mit der Angabe eines falschen Todestages, und zwar des 29. statt des 24. Jänners 1852]. – Frankl (L. A.) Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) IV. Jahrg. (1845), S. 62. – Gallerie denkwürdiger Persönlichkeiten der Gegenwart. Nach Originalzeichnungen, Gemälden u. s. w. (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) Bd. I, S. 50, Tafel LV. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, Fol.) Jahrgang 1852. – Jordan (J. P. Dr.), Jahrbücher für slavische Literatur, Kunst und Wissenschaft (Leipzig, gr. 8°.) I. Jahrg. (1843), S. 378 u. 214; III. Jahrg. (1845), S. 32: „Kollár’s Reden“; S. 273: „Biographie“. – Kertbeny (K. M.), Silhouetten und Reliquien. Erinnerungen ... (Wien und Prag, 1861, Kober, 8°.) Bd. I, S. 268. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Erste Ausgabe, Bd. XVIII, S. 562; dasselbe, Suppl. Bd. IV, S. 313. – Oesterreichische Blätter für Literatur und Kunst (Beilage der amtlichen Wiener Zeitung, gr. 4°.) Jahrg. 1853, Nr. 46, 48, 50 u. 52; Jahrg. 1854, Nr. 4 u. 5: „Ueber Jan Kollár’s Staroitalia slovanská“ [diese ausführliche Besprechung ist von Bernhard Jülg]. – Steger (Fr. Dr.), Ergänzungs-Conversations-Lexikon (Ergänzungsblätter) (Leipzig und Meißen 1850 u. f., gr. 8°.) Bd. VII, S. 544. – Wenzig (Jos.), Blicke über das böhmische Volk, seine Geschichte und Literatur, mit einer reichen Auswahl von Literaturproben (Leipzig 1855, Brandstetter, 8°.) S. 138 u. 143–147. – Wigand’s Conversations-Lexikon (Leipzig, gr. 8°.) Bd. VII, S. 609. – Haan (Ludovic.), Jena Hungarica (Gyulae 1858, Leop. Réthy, 8°.) p. 34. – Enciclopedija italiana (Venedig, Tasso, gr. 8°.) Fasc. 271, p. 694. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris 1850 et s., 8°.) Tome XXVIII, p. 39 [mit Angabe des falschen Todestages, und zwar 29. statt 24. Jänner 1852]. – Ujabb kori ismeretek tára, d. i. Neues ungarisches Conversations-Lexikon (Pesth, Heckenast, 8°.) Bd. V, S. 122.
C. Porträte. Unterschrift: Jan Kollár. Gest. (Prag, 4°. u. 8°., ohne Angabe des Zeichners und Stechers). – Die Leipziger „Illustrirte Zeitung“ enthält seine in Holzschnitt ausgeführte Büste und auf seinem Denkmale ist das von Sejdan in Prag modellirte, in [331] Gußeisen ausgeführte Medaillon-Bildniß angebracht.
D. Grabdenkmal. Kollár ist auf dem St. Marxer Friedhofe in Wien beigesetzt. Auf seinem Grabe wurde ihm ein Monument gesetzt. Dasselbe ist von dem Architekten Bergmann entworfen und vom Hof-Steinmetzmeister Wasserburger in hartem Stein ausgeführt. Es ist sechs Fuß hoch und drei Fuß breit und auf der Spitze mit einem Strauße von Mohnblüthen geschmückt. Auf dem oberen Steine beiläufig in der Mitte befindet sich in einem Medaillon das eiserne, vom Medailleur Sejdan modellirte und in der Fürst Salm’schen Gießerei zu Wien verfertigte Bildniß K.’s, darunter das altslavische Instrument „Varyto“ mit der Inschrift „Slávy dcera“. Unter dem Medaillon zeigt eine Tafel folgende Aufschrift:
Jan Kollár,
c. k. prof. starovědy slov.
na univ. Víděňské, před tím kazatel
evang. církve slov. v Pešti,
nar. v Mošovcích dne 29. července
1793, zemřel ve Vídni dne 24. ledna 1852.
Za živ v srdci celý národ nosil.
Zemřev, žije v srdci národu celého
.
(In deutscher Uebersetzung: Johann Kollár, k. k. Professor der slav. Archäologie an der Universität zu Wien, vorher Prediger der slavischen evangelischen Gemeinde zu Pesth, geb. zu Mossocz den 29. Juli 1793, gest. zu Wien den 24. Jänner 1852. Als er lebte, trug er die ganze Nation im Herzen. Nun er gestorben, lebt er im Herzen der ganzen Nation.]
E. Zur literarischen Charakteristik Kollár’s. Es verdient wohl Herrn Wenzig’s Ansicht hier die erste Stelle. „Derjenige“, schreibt Wenzig, „welcher die noch halb vom Schlaf Befangenen mit mächtiger Stimme zum wachen Bewußtsein rief, war Kollár durch seine „Tochter der Sláwa“. Die in ihrer letzten Auflage aus mehr als 600 Sonetten bestehende Dichtung zerfällt in fünf Gesänge mit den Ueberschriften: 1) Die Saale, 2) Elbe, Rhein und Moldau. 3) Donau, 4) Lethe, 5) Acheron. Die Tochter der Sláwa (des Ruhmes), der fingirten Mutter der Slaven, ist eine Jungfrau, die der Dichter an der thüringischen Saale kennen lernt, und welcher er, als dem Inbegriffe aller weiblichen Vollkommenheiten, die eine Slavin schmücken können, sein Herz weiht. Durch ein hartes, nicht näher bezeichnetes Schicksal wird er von ihr getrennt und verläßt jene Gegenden. Er wandert bis zur Donau in Ungarn, wo er endlich die Nachricht von dem Tode der geliebten Jungfrau empfängt (wir werden dabei merklich an Kollár’s eigene Liebesgeschichte erinnert). An diesen erotischen Faden knüpft der Dichter nach allen Richtungen und Seiten gewaltige herzergreifende Erinnerungen der slavischen Vorzeit bis hinüber in das Jenseits, aus dem ihm die Verklärte Kunde gibt von den himmlischen Freuden der Getreuen, von den höllischen Qualen der Ungetreuen. Kühnheit und Reichthum der Gedanken wie der Phantasie, Tiefe und Feuer des Gefühls, Kraft, Fülle und Gedrängtheit des Ausdruckes charakterisiren die Dichtung. Auch das Zarte ist ihr nicht fremd, so sarkastisch derb sie sein kann. Das Sonett ist mit großer Kunst und Gewandtheit behandelt. Mit Athletenarmen rüttelte das Werk an den Schlaftrunkenen; wie der Donner schlug es an ihr Ohr und öffnete es. Nächst der Königinhofer Handschrift[WS 1] brachte kein poetisches Erzeugniß eine so allgemeine bleibende Wirkung hervor. Allein obwohl K. in einem Theile des Auslandes Würdigung fand, so warf man ihm in einem anderen Theile Haß gegen die Deutschen und Panslavismus vor. Es ist nicht zu läugnen (gesteht Herr Wenzig im Jahre 1855 noch selbst), daß er sich Bitterkeiten erlaubt, durch deren Wegbleiben das Werk an imposanter Größe und erschütterndem Eindrucke nichts verloren hätte; wer indessen bedenkt, in welcher aufgeregten Stimmung Kollár schrieb, wie er schon damals in Ungarn als Vertreter der Slovaken gegen eine Partei herrschsüchtiger Ultramagyaren zu leiden hatte, der wird gewiß Nachsicht mit ihm haben. Was den Panslavismus betrifft, so kommt es darauf an, ob man einen politische Pläne schmiedenden oder einen bloß auf natürlichen Sympathien beruhenden literarischen versteht. Daß sich Kollár des ersten nicht schuldig machte, beweist am besten seine zuletzt erfolgte Anstellung an der Universität zu Wien; zu dem andern bekennt er sich offen auch in einer eigenen Schrift: „Ueber die Wechselseitigkeit der Slaven“. Dieser Panslavismus ist ist factisch vorhanden, in der Geschichte nicht eben neu; aber so lange er sich innerhalb der gehörigen Grenzen hält, ebenso wenig zu verwerfen, als der unter den deutschen Völkern bestehende und durch eine gemeinsame Sprache, das Hochdeutsche, geförderte Pangermanismus.“ – Der geistvolle [332] Berichterstatter über slavische Zustände in Oesterreich, welcher im Jahre 1840 in der Beilage der allgemeinen Zeitung (S. 963) die österreichischen czecho-slavischen Dichter charakterisirt. schreibt über Kollár: „Wie Kollár für den größten Dichter der neueren čechischen Literatur gilt, so ist er auch unstreitig der einflußreichste Slave Oesterreichs. Seine Ideen haben am tiefsten Wurzel gefaßt; sie vorzugsweise haben das slavische Bewußtsein geweckt. Keiner hat männlicher, ausdauernder die Uebergriffe des Patriotismus der Race bekämpft, keiner härter die Schmach der Indolenz und den Abfall vom eigenen Blute gestraft. Kollár ist ein Gelehrter und hat dieß durch mehrere Werke dargethan; aber so gediegen diese und überhaupt so ausgebreitet seine historischen und philologischen Kenntnisse sind, seinen Ruhm gründete sein lyrisch-episches Gedicht „die Tochter des Ruhmes“. In Sonetten, die ein schöner, tief poetischer Gedanke, jener der Liebe, zu einem Ganzen verbindet, besingt er den Ruhm der Slaven und ihre tausendjährigen Leiden; sein Geist überblickt von hoher Karpathenkoppe die weiten Slavenländer der Wolga, Weichsel, Donau und Moldau, wo die Brüder wohnen; ihrem Leben, jeder ihrer Thaten weiht er sein Lied; aber sein Geist schaudert zurück vor den Frevelthaten des Feindes; er sieht die mißhandelten, die gemordeten Geschlechter der Wenden und kann sie nicht zählen; er sieht die Fremden auf den Trümmern von Arkona, auf den Gräbern der Brüder, die sie geknechtet. Kollár’s Vers ist harmoniereich, seine Sprache wohlklingend; aber der Klang seines Reims oft so weich und mild, daß er fast im Gegensatze steht zu seinem Stoffe.“ – Jordan’s „Jahrbücher für slavische Literatur“ charakterisiren K., wie folgt: „Die erste Ausgabe von K.’s Slávy dcera enthielt Liebesgedichte, denen man keinen tieferen Sinn unterlegte, weil damals im čechischen Slaventhum eine tiefere Auffassung der Literatur und des Nationallebens nicht vorhanden war; die zweite Aufl. (1824) erhielt bereits einzelne nationale Ideen, allein ihr Umfang war noch zu klein (150 Sonette) und der Kreis, den sie besprach, zu eng. Damals schon machten diese Dinge Aufsehen in der böhmischen Literatur. Allein ganz anders, mit klaren und festen Worten, mit stürmischer Begeisterung, mit allumfassender, echt slavischer Liebe trat die dritte, die vollständige Ausgabe auf; mit einem Freundesopfer ward die Möglichkeit des Erscheinens erkauft, mit unendlicher Begeisterung ward sie von allen Slowaken empfangen. Allein die Männer, die damals in Böhmen an der Spitze der sogenannten öffentlichen Stimme der Journalistik standen, faßten die großen Ideen des Dichters nur unvollkommen auf, oder mußten wenigstens eine solche Auffassung der Oeffentlichkeit übergeben, vielleicht durch äußere Hindernisse gelähmt. Nicht wenig trug dazu auch der Umstand bei, daß der Dichter, um auch seinen Landsleuten, den Slowaken, auf welche seine Dichtung zu allernächst berechnet war, verständlich zu sein, seiner Sprache, der böhmischen Schriftsprache, einzelne Eigenthümlichkeiten der slowakischen Mundart beimischte. Demzufolge ward die große Dichtung weniger besprochen, als sie es verdiente; und die Idee von der Zukunft der Slaven, welche in ihr freilich noch wie in dichten Nebel gehüllt erscheint, ward kaum erkannt, viel weniger anerkannt, noch so verbreitet, wie man erwarten durfte. Auf der anderen Seite trafen die erhabenen Bilder mit solcher Heftigkeit auf das Herz der Feinde der Slaven, daß der Dichter von da an als Vorkämpfer ultraslavischer Tendenzen verschrieen wurde. Daher kam es, daß die magyarisirten Slowaken aus der Dichtung nichts als Gift und Galle sogen, die sie dann auch redlich ihren Landsleuten in Ungarn durch die Vierteljahrsschrift mittheilten. Kollár ist Dichter von ganzer Seele; allein seine Dichtung schweift nicht in den romantischen Gefilden einer zügellosen Phantasie umher; sie hat einen festen Ankergrund in der slavischen Nationalität; darum ist der begeisterte Sänger der Vergangenheit und der tiefschauende Seher der Zukunft seines Volkes auch ein durchdringender Forscher des slavischen Alterthums, darum der fleißige Sammler der Volkslieder seines Stammes zugleich der lebensvolle Reisebeschreiber, der auf seinen Wanderungen durch die Nachbarländer Spuren der längst vernichteten Anwesenheit seiner Nation aufsucht: Kollár ist Nationaldichter. Allein wie in den sonnenhellen Tagen Homer’s und Pindar’s umgibt den, mit dem Dichterkranze Geschmückten, der ehrwürdige Mantel des Priesters; gleich Bojan und Lumir steht er, beide Würden vereinend, da, als Seher aus alter Zeit für künftige Tage „groß, wie das Geschlecht der Slaven aufgewachsen, wie die Abendschatten, so daß er Raum nicht hat im Grabe“. – Kurz und treffend charakterisirt den Dichter sein Nekrologist in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“: [333] „Wer Kollár“, schreibt dieser, „nicht persönlich, sondern nur aus seinen Gedichten gekannt hätte, der hätte sich seine hehre Dichtergestalt so vorgestellt, wie er sich selbst in dem Sonette 375 der „Slávy dcera“ (Ausgabe vom Jahre 1845) geschildert hatte:

„Mit dem einen Fuß auf den Karpaten,
Mit dem andern auf dem Ural steh’ ich.“

Doch in der Wirklichkeit erschien seine Persönlichkeit anders, indem er ein Mann voll Sanftmuth und ernster Milde war. Seine bündigen, scharf abgegrenzten, gewichtigen, im monumentalen Style gehaltenen Sonette gleichen der äußerst symmetrischen Form und dem Inhalte nach Marmortafeln, zum ewigen Andenken auf die Heldengräber der Slaven gelegt.“ – Kertbeny in seinen Silhouetten zeichnet die Persönlichkeit Kollár’s mit folgenden Strichen: „Kollár war ein nicht großer Mann, damals wohl schon über die Vierzig, trug hohe Kappenstiefel, einen dunkelbraunen langen Rock, hatte stechendes Auge, scharfe spitzige Nase und ausgesprochen slavische Physiognomie.“
F. Uebersetzungen Kollár’s. Einzelne Sonette aus Kollár’s „Slávy dcera“ sind in’s Englische (von Bowring), in’s Französische, Russische und Polnische übersetzt worden. Wie immer, so ist auch die deutsche Sprache damit allen vorangegangen. Dr. E. Henszlmann [Bd. VIII, S. 315] hat mehrere Sonette vor Jahren bereits in der „Ungrischen Vierteljahrsschrift“ in deutscher Uebersetzung mitgetheilt. Eine größere Folge aber – nämlich von 50 Sonetten – hat Wenzig in seinen „Blüthen neuböhmischer Poesie“ (Prag 1853), und dann 6 andere in freier Odenform in seiner schon erwähnten Schrift: „Blicke über das böhmische Volk“ (S. 144) übersetzt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche dazu Königinhofer Handschrift (Wikipedia).