BLKÖ:Wenzel, Gottfried Immanuel

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 55 (1887), ab Seite: 13. (Quelle)
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Wenzel, Gottfried Immanuel (pädagogischer und philosophischer Schriftsteller, geb. zu Chotzen in Böhmen am 13. Jänner 1754, nach dem einzigen von ihm vorhandenen Bildniß erst 1758, gest. zu Linz 4. Mai 1809). Seine Studien begann er in Prag und vollendete sie an der Hochschule zu Wien, wo er auch den philosophischen Doctorgrad erlangte. Mehrere Jahre lang stand er in Privatdiensten und zeigte sich als pädagogischer und philosophischer Schriftsteller ungemein thätig. 1800 erhielt er endlich die Professur der theoretischen und praktischen Philosophie am k. k. Lyceum zu Linz, mit welcher auch der zeitweilige Vortrag der allgemeinen Welt- und deutschen Reichsgeschichte verbunden war. Nur neun Jahre hatte er im Lehramte gewirkt, als er im Alter von 55 Jahren zu Linz starb. Wenzel, dessen schriftstellerische Thätigkeit gerade in die Zeit der Reformen des Kaisers Joseph in Oesterreich und des Aufblühens der Kant’schen Philosophie in Deutschland fällt, ist eine der eigenartigsten Persönlichkeiten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und als Schriftsteller im Josephinischen Oesterreich, wo alles im Werden und Wachsen begriffen war, weit einflußreicher, als man bisher geneigt war, ihn anzusehen. Er war Pädagog, Philanthrop, Philosoph, ja wohl der erste selbständige philosophische Schriftsteller in Oesterreich, der sogar, es ist nicht unsere Sache, zu untersuchen, ob mit Recht oder Unrecht, mit oder ohne Erfolg, unbestritten mit dem Muthe des Denkers und mit einer gewissen Logik gegen Kant auftrat, viel und gern gelesen wurde und auch nicht ohne Einfluß blieb. Er schrieb viel und allerlei; die verschiedenen Disciplinen der Philosophie, Logik, Psychologie, Ethik, Metaphysik, Biologie und Pädagogik waren alle Gegenstand seiner Feder, und er schrieb leicht, faßlich und gut. Man nannte ihn seinerzeit den österreichischen Eckartshausen, wie dieser der bayrische Wenzel hieß. Aber Wenzel überflügelte weit den bayrischen Rationalisten. Er war mannigfaltiger, kenntnißreicher, wissenschaftlicher. Er hat wohl nahezu ein halbes hundert Werke, deren Bändezahl nicht weit vom vollen Hundert fallen dürfte, geschrieben und in vielen derselben Gebiete berührt, welche damals noch wenig betreten waren. So zum Beispiel lieferte er ganz gute und lesenswerthe Beiträge zur Thierseelenkunde, welche eine scharfe Beobachtungsgabe verrathen und uns Einblicke in das Leben und die Fähigkeiten jener Wesen eröffnen, die, wenngleich sie zum Theile mit und neben uns leben, doch am wenigsten beobachtet werden, so sehr auch sie Beobachtung verdienen. Seine pädagogischen Schriften enthalten aber goldene Wahrheiten, und eine Auslese derselben würde manche Schrift weit übertreffen, die heute in Goldschnitt und elegantem Einband ungelesen auf dem Prunktisch eines Frauengemaches [14] den ungestörten Schlaf schläft. Heute noch erfreut sich ein Buch Wenzel’s großer Beliebtheit, ohne daß nach dem Autor weiter gefragt oder über dessen Lebensumstände Nachforschung gehalten würde. Wir meinen seinen „Mann von Wett“, der noch vor einigen Jahren für die Gegenwart umgearbeitet, die dreizehnte Auflage erlebte und sich wie Knigge’s „Umgang mit Menschen“ noch immer der Theilnahme jener Leser erfreut, denen es nicht gegönnt ist, von Jugend auf sich auf dem Parquet des Salons heimisch zu fühlen. Gewiß aber ist es der beste Beweis für die Popularität eines Buches, wenn man der bereits wiederholt umgearbeiteten Auflage doch immer wieder den Namen des ersten Autors voransetzt, der in die Seelen der Leser einzudringen verstanden hat. In seinem ganzen Wesen munter und beweglich, besaß Wenzel Witz, große Belesenheit und eine seltene Vertrautheit mit den geistigen Erscheinungen des Tages. Jedes gute Buch elektrisirte ihn förmlich, und wenn es in einer fremden Sprache erschienen war, suchte er sofort einen Verleger für die deutsche Bearbeitung zu gewinnen. Und bei der Ueberredungsgabe, die er besaß und den zuthunlichen Manieren, die ihn Niemands Feind werden ließen, gewann er bald den Einen oder den Anderen für sein Project. Als er als Professor der Philosophie nach Linz kam, verließ er nur schweren Herzens Wien, dessen damals aufblühender Büchermarkt für ihn eine geistige Weide war und wo er mit den Verlegern einen lebhaften Verkehr pflegte. Wohl fand er auch in Linz an Eurich einen wohlwollenden und unternehmenden Verleger, der ihm manches gute Buch druckte und ihm, wenngleich mit mäßigen Honoraren, doch aus der Noth half, denn Wenzel litt, wie auch noch heutzutage die meisten Schriftsteller, an einem grausamen Uebel: er hatte nie Geld und solches immer von Nöthen. Seine alphabetische Encyklopädie der Philosophie, welche in zwei Bänden bis zum Buchstaben H gediehen war, wurde in der Fortsetzung durch seinen Tod unterbrochen.

Uebersicht der im Druck erschienenen Werke von Gottfried Immanuel Wenzel. „Philosophische Werke vermischten Inhalts“ (Wien 1781, Ghelen, 8°.). – „Der Philosoph. Ein periodisches Werk“ 12 Stücke oder 4 Bände (Wien 1781 und 1782, Ghelen, gr. 8°.). – „Freimüthige Briefe über Religion, Geistlichkeit und die Verwaltung gottesdienstlicher Aemter“ (Wien 1782. Ghelen, 8°.), ist anonym erschienen. – „Freimüthiger Briefwechsel aufgehobener Nonnen mit einem Laien“ (Wien 1783, 8°.). – „Abhandlungen aus der physicalischen und moralischen Erziehungskunst“ (Prag 1788, Widtmann, 8°.). – „Dramatische Werke“ 2 Theile (Prag 1788, Widtmann, 8°.). – „Auserlesene Schriften philosophischen und physicalischen Inhalts“ (ebd. 1789, 8°.). – „Blicke in die Natur“ (Prag 1793, Buchler, 8°.). – „Geister-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten. vorzüglich neuester Zeit“ (Prag 1794, Schönfeld, 8°.). – „Wörterbuch der Gesundheit, welches alle diejenigen Dinge kurz und deutlich erklärt, die die Erhaltung des gesunden Zustandes entweder befördern oder demselben nachtheilig sind“ (Wien 1795, Pazowsky, 8°.). – „Naturbuch“ (Wien 1795, Pazowsky, 8°.). – „Das Buch für alle Menschen“ (Wien, 1795, Pazowsky, 8°.). – „Versuch eines Sittenbuches für den Nährstand oder allgemein faßliche Anweisungen weise und glücklich zu leben“ (Wien 1796, Schaumburg, 8°.). – „Dramatische Erzählungen aus dem Gebiete des Wunderbaren“ (Wien 1796, 8°.), erschienen ohne Angabe seines Namens. – „Beobachtungen und Versuche über einige interessante Gegenstände der Physik, Naturgeschichte, Chemie und Oekonomie“ (Wien 1796, Schaumburg, 8°.). – „Auserlesene Erziehungskenntnisse, praktisch bearbeitet für Eltern und Erzieher“ 4 Theile (Wien 1796, Schaumburg, 8°.). – „Drei Bücher von den Pflichten der Mutter“ (Wien [15] 1796, 8°.] – „Pädagogische Encyklopädie, worin in alphabetischer Ordnung für Väter, Mütter, Erzieher, Hebammen, Ammen u. s. w. enthalten ist“ (Wien 1797, gr. 8°.). – „Ueber Ammen, Kinder, Frauen und Wärterinen, ein nothwendiger Unterricht für Eltern, die dergleichen Personen für ihre Kinder unterhalten müssen“ (Wien 1797, Schaumburg, 8°.). – „Wichtige Erinnerungen an Eltern in Hinsicht des Einflusses der Dienstboten auf den physischen und moralischen Charakter der Kinder“ (Wien 1797, Schaumburg, 8°.). – „Drei Bücher von den Pflichten der Väter. Nebenstück zu den drei Büchern von den Pflichten der Mütter“ (Wien 1797, 8°.). – „Alphabet edler Vergnügungen und Freuden oder Angabe und Benützung der physischen und moralischen Vergnügungsquellen in der Natur“ (Wien 1809, Anton Doll, 8°.). – „Diätetik der menschlichen Seele oder Gesundheit des Herzens, Verstandes und Willens u. s. w. Ein Seitenstück zu Hufeland’s „Kunst das Leben zu verlängern“„ (Grätz 1800, Tusch; 2. Aufl. 1802). – „Unterhaltungen über auffallende Geistererscheinungen, Träume und Ahnungen nebst Darstellung anderer sonderbarer Beobachtungen“ (Gratz 1800, Kienreich, 8°.). – „Die Kunst gesund, jugendlich, stark und schön auch im Alter zu bleiben“ (Wien 1800, neue Auflage 1809; 3. Aufl. Pesth 1816, Hartleben, 8°.). – „Neue Prüfung der Köpfe für Künste und Wissenschaften u. s. w.“ (Wien 1800, Gräffer, 8°.). – „Biographische Skizzen der neuesten Abenteurer, Sonderlinge und von dem Gewöhnlichen abweichenden Menschen“ (Wien 1800, 8°.). – „Die Speculationskunst auf ihre Gründer zurückgeführt und erläutert“ (Wien 1800, Schaumburg, 8°.). – „Biographien berühmter Römer und Römerinen in historisch dramatischer Darstellung“ (Wien 1800, Doll, 8*.. mit K. und Vign.). – „Darstellung der Größe der Missethaten, auf welche das neue Gesetzbuch über Verbrechen und schwere Polizeiübertretungen die Todesstrafe verhängt, zum Gebrauche der Seelsorger, Jugendlehrer, u. s. w. in den k. k. Staaten“ (Linz 1800; 2. Aufl. 1804, 8°.). – „Die natürlichen Zauberkräfte des Menschen erklärt und in Geschichten, Anekdoten und Beispielen dargestellt“ (Wien 1800 [Hartleben in Pesth] 8°., mit KK.). – „Der Weise in den wichtigsten Verhältnissen des Lebens“ (Wien 1801, 8°.). – „Versuch einer praktischen Seelenarzeneikunde“ (Grätz 1801, Kienreich, 8°.). – „Neue auf Vernunft und Erfahrung gegründete Entdeckung über die Sprache der Thiere“ (Wien 1801, Doll, 8°.). – „Die neuesten Beobachtungen und Erfahrungen über die Verstandes- und Körperkräfte der Thiere in unterhaltenden Geschichten vorgetragen“ (Wien 1801, Doll, 8°., später Hartleben in Pesth). – „Kanonik des Verstandes und der Vernunft. Ein Commentar über I. Kant’s Logik“ (Wien 1801, Pazowsky, 8°.). – „Die Liebe unter den Thieren, in einer Reihe von Beobachtungen dargestellt und mit philosophisch-naturhistorischen Anmerkungen begleitet“ (Wien 1801, Pichler, mit 1 K., 8°.). – „Der Mann von Welt oder Grundsätze und Regeln des Anstandes, der Grazie, der feinen Lebensart und wahren Höflichkeit“ (Wien 1801, 3. Aufl. 1809; 4. Aufl. Pesth 1810; 5. Aufl. 1816; 6. Aufl. 1817; 8. Aufl. 1825; 12. Aufl. 1850; 13. Aufl. 1872, 8°.). – „Der goldene Schlüssel oder neu entdeckte Zugänge zum menschlichen Herzen, ein nothwendiges Buch für das gesellschaftliche Leben“ (Wien 1801, Pichler, 2. Aufl. ebd. 1843, 12°.). – „Scipio der Africaner und Scipio Aemilius“ (Wien 1802, Doll, 8°.). – „Welche Philosophie hat unser Zeitalter und worin besteht in Ansehung dieser Philosophie die Pflicht des philosophischen Lehrers“ (Linz 1802, 8°.). – ..Menschenlehre oder System einer Anthropologie nach den neuesten Beobachtungen, Versuchen und Grundsätzen der Physik und Philosophie“ (Lin; 1802, 2. verbesserte Aufl. 18.., 8°.). – „Vollständiger Lehrbegriff der gesammten Philosophie, dem Bedürfnisse der Zeit gemäß eingerichtet“ 4 Theile mit Realregister (Linz 1803–1805, akad. Buchhandlung, gr. 8°.). 1: „Logik oder die Wissenschaft von dem Gesetze des Denkens“; 2.: „Metaphysik des Sinnlichen und Uebersinnlichen oder die Wissenschaft von Dingen überhaupt, von der Welt, von der Seele und von Gott“; 3: „Moral und Recht oder die Wissenschaft von dem sittlichen und rechtlichen Verhalten des Menschen“; 4: „Klugheitslehre oder Anleitung zur vortheilhaften Menschenbehandlung, Haushaltungskunst und Politik“. – „Der Staat der Thiere oder Lebensart, Beschäftigungen, Künste und Handwerke der Thierwelt“ (Linz 1804, akadem. Buchhandlung, 8°.). – „Elementa philosophiae methodo critica adornata“ 3 tomi (Linz 1806, 8°.). I: „Logica“; II: „Metaphysica“; III: „Elementa ethicae, juris [16] naturae“. – „Dissertatio inauguralis solvens problema: quae sunt causae sive internae sive externae, quibus factum est, ut critica Kantiana illos fructus saluberrimos, quos tanto rumore ejus assertae initio pollicebantur et praedicabant, non tulerit? Accedit Dissertatio german.: Vom Einflusse der kritischen Philosophie auf die Physik“ (Linz 1807, 8°.). – „Neues vollständiges philosophisches Real-Lexikon“ 1. und 2. Band A bis H (Linz 1807, gr. 8°.) Wenzel’s Tod vereitelte die Vollendung. – „Andachtsbuch für Beter von Verstand und Gefühl“ (Linz, 2. Aufl. 1808; 3. Aufl. 1815; 4. Aufl. mit 11 KK, 1817). –„Andachtsbuch“ mit 7 KK. (Bamberg 1809, neue Auflage 1818, 8°.).
Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Band VI, Seite 75. – (Schwaldopler). Historisches Taschenbuch. Mit besonderer Hinsicht auf die österreichischen Staaten (Wien 1808, Doll, 8°.) I. Jahrgang 1801, S. 234 und 239; 1802, S. 161; 1803, S. 128; 1804, S. 176 und 191.
Porträt. Unterschrift: „Gottfried Immanuel Wenzel, | k. k. öffent. ordent. Professor der theoret. und prak- | tischen Philosophie zu Linz, | geb. zu Chotzen in Böhmen 1758“. Weinrauch sc. [Medaillon] (8°.).