BLKÖ:Windisch, Karl Gottlieb von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 56 (1888), ab Seite: 294. (Quelle)
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Windisch, Karl Gottlieb v. (Schriftsteller, geb. zu Preßburg in Ungarn am 28. Jänner 1725, gest. daselbst 30. März 1793). Dem Wunsche der Eltern gemäß sollte er sich dem Handelsstande widmen, und da bei demselben Kenntniß der Sprachen ein Haupterforderniß ist, trugen sie dafür Sorge, daß er zunächst die verschiedenen Idiome seines Vaterlandes kennen lernte. Eilf Jahre alt, kam er nach Raab, wo er das ungarische, ein Jahr später nach Trentschin, wo er das slovakische erlernte, dann kehrte er nach Preßburg zum Schulbesuche zurück. Nicht bloß in der Schule entwickelte er großen Eifer, auch daheim widmete er seine Zeit dem Studium, und mit reichen Talenten begabt, machte er nicht gewöhnliche Fortschritte in den Wissenschaften. Neben den schon erwähnten Sprachen des eigenen Vaterlandes erlernte er noch die italienische, bildete sich im Zeichnen, Malen, Kupferstechen aus, ohne in einer dieser Künste einen Lehrmeister zu haben, und mit den Fortschritten, die er in Wissenschaften und Künsten machte, erwachte in ihm die Erwägung, ob alle diese Kenntnisse sich im Kaufmannsstande auch würden verwerthen lassen, und als das Ergebniß seiner Erwägung ein verneinendes war, entschloß er sich, die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und eine ausländische Universität zu besuchen. Da vernichtete der Tod seiner Mutter, durch den mannigfaltige Veränderungen im Elternhause veranlaßt wurden, seinen Plan, und so ersetzte eine längere Reise, welche er ins Ausland unternahm, die beabsichtigten Studien freilich nur unvollkommen. Der größte Vortheil aber, der ihm aus dieser Reise erwuchs, war die Bekanntschaft mit gelehrten Männern, welche nicht ohne Einfluß auf seinen weiteren Bildungsgang blieben. Nach seiner Rückkehr widmete er sich sofort den Geschäften des öffentlichen Lebens, er trat bei der Stadtbehörde in [295] Dienste und erlangte 1768 die Würde eines Senators, einige Zeit später die des Stadthauptmannes, und endlich wurde er zum Bürgermeister gewählt, welches Amt er mit solcher Umsicht und Tüchtigkeit verwaltete, daß bei erneuerter Wahl dieselbe wieder auf ihn fiel. Dabei war seine äußere Erscheinung nichts weniger als eine vertrauenerweckende, aber unter rauher Außenseite barg er die seltenen Bürgertugenden der Uneigennützigkeit, Unparteilichkeit, Gewissenhaftigkeit, eines mitfühlenden Herzens und treuen Bürgersinnes. So suchte denn Jeder bei ihm Schutz und Hilfe, die ihm auch in ausgiebigster Weise nach Recht und Gebühr gewährt wurden. Sein Einfluß war nachgerade ein so mächtiger geworden, daß man nicht nur in öffentlichen Angelegenheiten sich an ihn wendete, sondern daß man sich nicht scheute, ihn in den heikelsten Familiensachen zu Rathe zu ziehen und seine Vermittlung zu erbitten, die er in den meisten Fällen mit Erfolg gewährte. Auch war seine Stellung in einer Stadt, in welcher zwei Nationalitäten, die deutsche und die magyarische, naturgemäß zwei Parteien bildeten, welche ihre gesonderten Ziele verfolgten, wobei die halbasiatische Cultur der einen nicht leicht zu zügeln und in beliebten Uebergriffen schwer in die gesetzlichen Schranken zurückzuweisen war, eine ungemein schwierige, aber nichtsdestoweniger verstand er es, die Würde seines Amtes zu wahren und sich bei Freund und Gegner in die gebührende Achtung zu setzen. Mit seinem amtlichen dem Wohle seiner Mitbürger gewidmeten Berufe verband er eine schriftstellerische Thätigkeit, die freilich in fertigen Culturländern minder in Betracht zu ziehen wäre, in dem Lande aber, in welchem, und bei der Bevölkerung, unter welcher er lebte, nicht geringen und nachhaltigen Einfluß ausübte und nach nahezu einem Jahrhunderte ihren Werth für Forscher und Culturhistoriker behauptet. Wir sehen Windisch in verschiedenen Gebieten der Literatur, auf dem Felde der Geschichte und Landeskunde, der religiösen Erhebung theils in einzelnen selbständigen Schriften, theils aber, und mit nicht geringem Erfolge, in periodischen Blättern, die er selbst ins Leben rief, thätig. Wir verzeichnen im Folgenden zuerst seine einzelnen Schriften in chronologischer Folge und dann die Zeitschriften, die er begründet, redigirt hat, und deren eifrigster Mitarbeiter er selbst war, da es ja damals an unterstützenden geistigen Kräften im Lande Ungarn eben keinen Ueberfluß gab. Seine Schriften sind: „Hanswurst. Ein Lustspiel in einem Aufzuge“ (Preßburg 1761, gr. 8°.);– „Der vernünftige Zeitvertreiber“ (ebd. 1770, 8°.); – „Politische, geographische and historische Beschreibung des Königreichs Ungarn“ (ebd. 1772, 8°.), es war die erste ohne seinen Namen herausgegebene Arbeit dieser Art über ein Land, das man im Auslande noch sehr wenig kannte; ursprünglich wurde dieses Buch einem interessanten Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts, Namens Christ. Heinrich Korn (gest. 25. September 1783), zugeschrieben; – „Kurzgefasste Geschichte der Ungarn, von den ältesten bis auf die jetzigen Zeiten; aus den bewährtesten Geschichtsschreibern und glaubwürdigen Handschriften zusammengetragen“ (ebd. 1778, gr. 8°.; neue Aufl. ebd. 1784, gr. 8°.); – „Geographie des Königreichs Ungarn“, 1. und 2. Theil (ebd. 1780, 8°.); – „Geographie des Grossfürstenthums Siebenbürgen“ (ebd. 1790, gr. 8°.), auch als 3. Theil des vorgenannten Werkes; – „Briefe über den Schachspieler des Herrn von Kempelen, nebst drei Kupferstichen, die [296] diese berühmte Maschine vorstellen; herausgegeben von Christ. von Mechel“ (Basel 1783, 8°.), französisch (ebd. 1783) und aus dieser Uebersetzung holländisch (Amsterdam 1785, 8°.); – „Sammlung christlicher Lieder und Gesänge zum Gebrauche evangelischer Religionsverwandten“ (Preßburg 1785, gr. 8°.); – „Neues Gesang- und Gebetbuch zum gottesdienstlichen Gebrauche der evangelischen Gemeinde in Pressburg“ (ebd. 1788, 8°.); – „Beschreibung der Feierlichkeiten bei der Krönung Seiner kaiserl. Majestät Leopold des Zweiten zum ungarischen König den 15. November 1790“ (ebd. kl. 8°.). Seine periodischen Schriften: „Der Freund der Tugend, eine Wochenschrift“, 3 Bände (Preßburg 1767–1769, 8°.); – „Preßburgisches Wochenblatt zur Ausbreitung der Wissenschaften und Künste“, 3 Bände (ebd. 1771–1773, 8°.); – „Ungarisches Magazin oder Beiträge zur vaterländischen Geschichte, Erdbeschreibung und Naturwissenschaft“, 3 Bände [jeder von 3 Stücken] (ebd. 1781–1788, gr. 8°.); – „Neues ungarisches Magazin“, 2 Bände (ebd. 1791 bis 1798, gr. 8°.). Die letzten Hefte sind zwar erst nach seinem Tode erschienen, wurden aber aus seiner fertig hinterlassenen Handschrift herausgegeben, wie denn überhaupt der größte Theil des Inhalts dieser periodischen Schriften von ihm selbst verfaßt war. Vieles von seinen Arbeiten ist in besseren Zeitschriften jener Tage erschienen, so in den „Monatlichen Auszügen alter und neuer gelehrter Sachen“ (Olmütz 1747 und 1749), in der Wiener Wochenschrift „Die Welt“, in der Altdorfischen „Bibliothek der schönen Wissenschaften“ 1762, in der Augsburger „Akademischen Kunstzeitung“, in den k. k. privil „Anzeigen“ und in der k. k. „Realzeitung“, in dieser letzteren vornehmlich Recensionen. In Handschrift hinterließ er den Versuch der Geschichte der königlichen freien Krönungsstadt Preßburg und Materialien zu einer neuen verbesserten und stark vermehrten Auflage seiner Erdbeschreibung von Ungarn. In seinen bürgerlichen, amtlichen und literarischen Verhältnissen hatte er zeitlebens mit großen Schwierigkeiten, Hindernissen und Unannehmlichkeiten zu kämpfen. Seine besten Absichten scheiterten an Theilnahmslosigkeit[WS 1], Kleinstadtdünkel und nationalem Widerstreit. Im Jahre 1761 versuchte er in seiner Vaterstadt einen gelehrten Verein zu gründen. Endlich gelang es ihm, aber nach anderthalbjähriger Dauer löste sich der Verein auf. Die „Oesterreichische Biedermannschronik“ hat für die Verdienste dieses seltenen Mannes die schwerwiegenden Worte: „Windisch verdient in den Jahrbüchern seiner Nation unter ihren Wohlthätern zu stehen.“ Und dieser Mann, dieser Deutsche, dem Ungarn so viel verdankt, hat bis zur Stunde keinen Biographen gefunden, von dem sein vielseitiges, in die Entwicklung Preßburgs tief eingreifendes Wirken auf Grundlage amtlicher Quellen geschildert wurde. Freilich, die Deutschen in Ungarn magyarisiren sich lieber, als daß sie dankbar ihrer Ahnen gedächten; der Magyar aber kennt auf seinem Globus keinen Anderen als sich selbst; daß er alle Cultur den eingewanderten Deutschen und eben nur ihnen und sonst niemand Anderem verdankt, davon will er nichts wissen, er magyarisirt und terrorisirt die anderen Volksstämme und spielt Großstaat.

Ballus (Paul von). Preßburg und seine Umgebungen (ebd. 1823, Schwaiger, 8°.) S. 170. – Goedeke (Karl). Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung. Aus den Quellen (Hannover 1859 u. f., Ehlermann, 8°.) Bd. II, S. 1073, Nr. 662. – Horányi (Alexius). Memoria Hungarorum et Provincialium [297] scriptis editis notorum (Posonii 1777, A. Loewe, 8°.) tomus III, pag. 568. – (De Luca). Das gelehrte Oesterreich. Ein Versuch (Wien 1778, von Trattnern, 8°.) I. Bds. 2. Stück, S. 259. – Meusel (Joh. Georg). Lexikon der vom Jahre 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller (Leipzig 1816, Fleischer der Jüngere, 8°.) Bd. XV, S. 199. – Oesterreichische Biedermanns-Chronik. Ein Gegenstück zum Phantasten- und Prediger-Almanach (Freiheitsburg [Akademie in Linz] 1785, Gebrüder von Redlich, 8°.) S. 248. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. VI, S. 155. – Schedius Zeitschrift von und für Ungarn, 1. Heft, S. 16. – Ungarischer Plutarch oder Biographien merkwürdiger Personen des Königreichs Ungarn u. s. w. Von C. V. Kölesy und Jacob Melzer (Pesth 1816, Eggenberger, 8°.) Bd. III, S. 133 u. f.
Porträts. Sein Bildniß befindet sich vor dem ersten Bande seines „Ungarischen Magazins“ und sein Schattenriß vor dem „Preßburgischen Musenalmanach“ 1785.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Theilnamslosigkeit.