BLKÖ:Zyblikiewicz, Nicolaus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Zwoneček, Friedrich
Band: 60 (1891), ab Seite: 350. (Quelle)
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Zyblikiewicz, Nicolaus (Mitglied des Abgeordnetenhauses des österreich. Reichsrathes und galizischer Landesmarschall, [351] geb. am 28. November 1823 zu Stare-miasto bei Sambor, gest. am 16. Mai 1887 in Krakau). Er entstammte einer ruthenischen bürgerlichen Familie. Nach Beendung seiner Gymnasialstudien in Sambor bezog er die Universität Lemberg und gedachte sich 1848 dem Lehrstande zu widmen. Schon damals spielte er eine politisch bedeutende Rolle, indem er in Lemberg gegen die Einberufung eines Ständetages energisch auftrat und sich unter den Anhängern der Bildung eines Landtages hervorthat. Dessenungeachtet erhielt er im Herbste 1848 eine Anstellung als Gymnasialsupplent für Weltgeschichte zu Tarnów, wurde aber schon 1849 bei Einführung der deutschen Unterrichtssprache entlassen und mußte, da er alle Aussicht auf eine Staatsanstellung verloren, an eine neue Berufswahl denken. Er wendete sich der Advocatur zu und zog nach Krakau, wo er 1851 den juristischen Doctorgrad erlangte und bei Advocaten arbeitete. 1855 konnte er eine eigene Kanzlei in Krakau eröffnen. Die Advocatur hatte dazumal in Galizien eine ganz außerordentliche Bedeutung. Das Land und namentlich der Landadel machte eine Krisis durch; die Grundlasten waren aufgehoben, viele Besitzer konnten sich in dem neuen System nicht zurechtfinden, die neue Art der Bewirthschaftung zog financielle Schwierigkeiten nach sich, die oft ganz erfolglos bekämpft wurden. Dazu kam im Gebiete der ehemaligen Freistadt Krakau die Collision des früheren, französischen Rechtes mit dem nunmehr geltenden österreichischen. In solchen Lagen hatte der Rechtsanwalt die Aufgabe eines ökonomischen Arztes, eines treuen Berathers, und dieser Aufgabe war Zyblikiewicz in des Wortes bester Bedeutung gewachsen. Sein Gewissen war empfindlich wie das eines ascetischen Mönches, und wie ein alter Ritter wußte er in den heikelsten Ehrenfragen immer richtigen Bescheid. Neben dieser ökonomischen Aufgabe, durch deren getreue Erfüllung die bedrohte Existenz zahlreicher Familien gerettet wurde, fiel dem polnischen Advocatenstande in Galizien auch eine politische zu. Die Advocaten waren die einzigen Juristen, die sich eine gewisse Unabhängigkeit zu wahren wußten und sich hie und da in der Lage befanden, für die Rechte des Polenthums einzutreten. Zyblikiewicz nahm an Adam Potocki’s Seite an dem wenn auch sehr dürftigen politischen Leben Theil; via facti und durch ein Auftreten, das seine persönliche Sicherheit mehr als einmal gefährdete, erkämpfte er das Recht, vor Gericht polnisch sprechen zu dürfen. Mit Consequenz, ohne sich durch äußerste Schwierigkeiten aufhalten zu lassen, war er namentlich damit beschäftigt, jenen Beamten, die etwa ihre germanisatorische Thätigkeit als Deckmantel eigener Verderbtheit benützten, das Handwerk zu legen. Als höchstenorts die Worte: „Frei ist die Bahn“ gesprochen waren, da war er unter den allerersten, die sofort die Situation begriffen, sofort alle Recriminationen fallen ließen, die herbe Vergangenheit vergessen und nur der Zukunft leben wollten. Im Jahre 1861 wurde er vom Krakauer Großgrundbesitze in den Landtag gewählt. Und hier war er ein Vorbild parlamentarischer Thätigkeit. Er folgte nie dem Redetriebe, wie er jungen Vertretern eigen ist, und sparte seine oratorischen Fähigkeiten für Falle auf, wo es galt – wie im Wiener Reichsrath, in den ihn der Landtag entsandte – dem Lande wirklich zu nützen. Berühmt war seine [352] Rede vom 26. Februar 1862, die von der Wiener Tagespresse vielfach besprochen wurde. Den „Bayard des Hauses“ nannte ihn ein Theil der Presse der Residenz. Mit gleicher Würde verstand er es, die Ehre der Nation angesichts der Vorfälle von 1863–1864 zu wahren, obgleich er dem Aufstande nicht angehörte; nach demselben war er wieder unter den ersten, die der Nation ein neues Arbeitsprogramm gaben, und wirkte namentlich vielfach auf ökonomischem Gebiete, wozu er seit 1865 als ständiger Berichterstatter des galizischen Budgets Gelegenheit fand. Eine neue Aera seiner Thätigkeit begann im Jahre 1874, da er als Bürgermeister an die Spitze jener Stadt trat, der er 1865 die Autonomie erkämpft hatte. Ihm hat Krakau einen frischen Aufschwung zu verdanken; namentlich in künstlerischer Beziehung hob es sich unter seiner Hand. In die Zeit seiner Wirksamkeit fällt das große Jubiläum der fünfzigjährigen literarischen Thätigkeit J. I. Kraszewski’s, welches in Krakau gefeiert wurde, und der Besuch des Kaisers Franz Joseph I. im Jahre 1880, der sich zu einer großartigen Kundgebung der wärmsten Verehrung für den Herrscher gestaltete. Nicht nur das Land, auch der Kaiser lernte den Mann schätzen, und als im selben Jahre der Landmarschallposten vacant wurde, da sagte der Monarch: „In einem Lande, das einen Zyblikiewicz hat, kann die Ernennung eines Landmarschalls nicht schwer fallen.“ Als Marschall richtete er sein Hauptaugenmerk auf die wirthschaftliche Hebung des Landes und namentlich auf die Besserung der Lage der Handwerker; seiner Initiative sind die Entstehung der Landesbank, die Anbahnung der Flußregulirung und viele andere gemeinnützige Werke zu danken. Um seine Person gehörig zu würdigen, muß noch Eines hinzugefügt werden. Er war Ruthene. Und nur, wer die Zeit kennt, in der Zyblikiewicz heranwuchs, wer da weiß, welche Mittel angewendet wurden, um Polen und Ruthenen zu entzweien, kann beurtheilen, welcher Integrität und Gradheit es bedurfte, um in Zyblikiewicz’s Geiste das richtige Verhältniß zwischen polnischem Patriotismus und ruthenischem Particularismus zu wahren. „Ruthene von Geburt, Abstammung und Glauben, Pole seinem Geiste und Gefühle nach“, so nannte er sich selbst. In seiner Person erscheint die Lösung der polnisch-ruthenischen Frage vollkommen, in ihm, der auch einem andern Streite glücklich auswich und – von kleinbürgerlicher Abstammung – dennoch den Lockrufen der Demagogen nicht folgte, seinen echt bürgerlichen Sympathien aber immer Ausdruck gab.

Hahn (Siegmund). Reichsrathsalmanach für die Session 1873–1874 (Wien 1874, 8°.) Seite 186. – Sarkady (István). Haynal. p. 106. – Tagespresse (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 153. – Bohemia (Prager polit. und belletr. Blatt, 4°.) 1861, Nr. 247: „Silhouetten aus dem Abgeordnetenhause. VI. Die Polen“. – J. J. K. (raßnig). Aquarelle aus beiden Reichsstuben (Wien 1868, 12°.) Bd. I, S. 74. – Neue Freie Presse (Wien) 1872, Nr. 2723. – Handschriftliche Notizen des Herrn Hofrathes v. Blumenstock, dem ich hier verbindlichst danke.
Porträts. 1) Unterschrift: „Dr. Zyblikiewicz Miklós“. Marastoni Jos. 1867 lith. – 2) Ueberschrift: „Dr. Nicolaus Zyblikiewicz“. Unterschrift: „Ein in seinen Hoffnungen getäuschter polnischer Ministercandidat“.
Charge. „Floh“ (Wiener Witz- und Spottblatt) IV. Jahrg. 28. Jänner 1872, Nr. 4 als Skis [mit einer sehr kaustischen Charakteristik].