Bei der Verfasserin der „Gold-Else“

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Titel: Bei der Verfasserin der „Gold-Else“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 827–829
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Besuch bei E. Marlitt
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Bei der Verfasserin der „Gold-Else“.


Auch dieses Jahr zur Sommerfrische wieder nach Thüringen, das stand fest, nach jenem Stück deutscher Erde, dessen sonnige Berge und prächtige Wälder mit ihrem unsagbaren Reiz schon so viele tausend Herzen bestrickt haben und dessen poetischer Zauber wieder in alle Welt verkündet worden ist durch die E. Marlitt’schen Romane, die sich auf diesem Boden abspielen.

Das Soolbad Arnstadt, Marlitt’s Geburtsort, stand ohnehin auf meiner Reiseroute verzeichnet; es lag daher der Wunsch so nahe, daß es mir vergönnt sein möchte, das Bild, welches sich mir aus ihren Werken und aus dem von der Gartenlaube gebrachten Holzschnitt aufgedrängt hatte, bei einem persönlichen Begegnen zu vervollständigen und so eine schöne Erinnerung mit heimzubringen, die mir eine Freude sein sollte für so manchen kommenden düstern Wintertag. Der Wunsch, als Besuchender an Marlitt’s Thür anzuklopfen, ward bald zum festen Entschluß, trotz des hin und wieder vernommenen Munkelns, wie unmöglich es sei, bei ihr vorgelassen zu werden.

Schon im Hôtel, in dem ich bei meiner Abkunft abgestiegen war, sah mich der Wirth, ein junger, wohlgenährter Gentleman, auf meine Frage nach der Wohnung der Schriftstellerin mit einer plötzlichen Wendung des Kopfes so zweifelhaft lächelnd an, daß ich seiner Versicherung, sie lebe absolut abgeschlossen von aller Welt nur im Kreise ihrer Familie, kaum bedurft hätte.

„Sie zu besuchen, haben trotz meiner Versicherung schon Hunderte versucht,“ fügte er hinzu, „und sind, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, wieder abgereist.“

Das klang nun freilich nicht sehr erbaulich; allein das Vertrauen auf meinen guten Stern und auf das stolze Aushängeschild, unter dem ich mich, wenn alle Stricke rissen, einzuführen entschlossen war – und das war kein geringeres als das eines „Mitarbeiters der Gartenlaube“ – gaben mir wenigstens den Muth, das Aeußerste zu thun.

Auf gut Glück schritt ich die wenigen Häuser bis zum Thor entlang und gewann das Freie. Vor mir den bergaufsteigenden Buchen- und Eichenwald, an Gärten und neuerbauten freundlichen Häusern vorbei, fand ich bald, von einem Arbeiter zurecht gewiesen, das reizend auf der Sohle des engen Thales gelegene Haus, in welchem zur Zeit die Dichterin der „Goldelse“, des „Geheimnisses der alten Mamsell“ und der „Reichsgräfin Gisela“ ihr hartnäckiges rheumatisches Leiden mit dem Lächeln echt weiblicher Ergebung und mit der Ruhe einer großen Seele trägt, die über den freien Flügelschlag der Gedanken die schmerzenden Glieder zu vergessen vermag.

Und mein Wirth hatte nicht Unrecht. Empfangen vom Bruder der Autorin, in dessen Familie sie sammt ihrem ehrwürdigen greisen Vater lebt, mußte ich anfangs freilich hören, wie es factisch unmöglich sei, ein Begegnen mit ihr zu vermitteln, und erst nachdem ich das ganze Geschütz meiner Ueberredungsgabe in’s Feuer geführt und auch nicht unterlassen hatte, schließlich das besondere Vorrecht der „Mitarbeiterschaft“ nachdrücklich zu betonen, gelang es mir, wenigstens den Bruder zu bestimmen, seiner berühmten Schwester meinen sehnlichen Wunsch mitzutheilen.

Ich hatte, während sich derselbe zu diesem Zweck nach ihrem Arbeitszimmer begab, Muße genug, den einfach, aber überaus sinnig geschmückten Salon zu durchmustern. Da hingen in schöner Gruppirung die photographisch ausgeführten Gestalten lieber, der Dichterin an das Herz gewachsener Persönlichkeiten. Da hing das große, im Mathaus’schen Atelier zu München prächtig ausgeführte Bild der geschiedenen regierenden Fürstin von Schwarzburg-Sondershausen, welche, die vielseitige Begabung des damals jungen Mädchens erkennend, in wahrhaft fürstlicher Weise für ihre umfassende gründliche Bildung Sorge trug, wenn auch zunächst ihrer schönen Stimme wegen für die Bühne. Die Zeitungen haben ja bereits berichtet, daß ein Gehörleiden diese Laufbahn im Keim erstickte. Dieser Photographie gegenüber hing Marlitt’s eigenes, und so weit ich urtheile, wohlgetroffenes [828] Portrait, gemalt von ihrem Vater. An der Hinterwand, unter einem vortrefflichen Bilde Schiller’s, stand der Flügel, zu dessen Accorden sie wohl dann und wann im allerengsten Familiencirkel, oder die blondhaarigen Neffen zu beiden Seiten, Volksweisen vorträgt, welche sie so sehr liebt.

Eben wollte ich von den offenen Thürflügeln des Salons aus, zu denen herein ein frischer, würzig harziger Luststrom quoll, die labende Aussicht auf den Garten und die im Hintergrunde aufsteigenden bewaldeten Ausläufer des Thüringer Waldes genießen, als plötzlich die Thür des Nebenzimmers zurückgeschlagen wurde und ich mich gegenüber der sinnigen Schöpferin der „Goldelse“ befand, die, in einem Lehnstuhl sitzend, mich mit anmuthvoller Handbewegung grüßte.

Mein Blick überflog die elegante Gestalt der Dichterin, deren schöpferische, kunstbegabte Hand eine Goldelse gemalt, eine Felicitas gemeißelt und eine Gisela erzogen hatte. Der leicht geneigte, von dunklen Locken umrahmte Kopf, das heiter lachende blaue Auge, der schelmische Zug, der die Mundwinkel umspielte, machten den gewinnendsten Eindruck; herzlicher, als man wohl sonst einer Dame zu thun pflegt, der man zum ersten Male gegenüber steht, drückte ich der Schriftstellerin die Hand, die in ihren Dichtungen einen so unerschrockenen Kampf aufgenommen hatte mit der buntfarbig gleißenden Heuchelei, mit der Jämmerlichkeit einer herzlosen Religiosität, die nur in äußerem Formelkram und einschläfernder Selbstberäucherung sich bläht, und mit den längst verrotteten, längst verurtheilten Ansprüchen eines Standes, der sich umsonst gegen die freiheitlichen Forderungen der Gegenwart stemmt.

Und doch war über die ganze Figur eine feste harmonische Ruhe ausgegossen, die sich nur dann unterbrach, wenn irgend eine Mittheilung das Auge hell aufleuchten ließ. Ein ganz eigentümliches Zucken – ich konnte nicht unterscheiden, ob es nur schalkhaft oder innere Erregung war – umspielte dann den Mund, der sehr fröhlich lachen konnte, wenn es sich um heitere Dinge handelte. Vielleicht mit in Folge ihres Gehörleidens ist bei der Unterhaltung ihr Auge stets scharf und fragend auf den Sprechenden gerichtet, und nur wenn sie ihr Vis-à-Vis nicht oder nur halb verstanden hat, wendet sie dasselbe dem Bruder zu, der dann sofort mit lauter Stimme die Worte des Fremden wiederholt. Ein äußerst gewandter und eleganter Conversationston und ein liebenswürdiges, verständnißfeines Eingehen auf alle Fragen der Kunst und Literatur erleichtern eine Unterhaltung mit ihr ungemein und machen solche zu einer sehr angenehmen und anregenden.

Zunächst sprach ich ihr meinen tiefgefühlten Dank aus für die vielen genußreichen Stunden, welche ihre poetischen Schöpfungen mir bereitet hatten – nicht mir allein, denn in diesem Augenblick fühlte ich mich berufen zum Anwalt der nach vielen Hunderttausenden zählenden Leser der Gartenlaube. Mit der ihr eigenthümlichen mädchenhaften Bescheidenheit, welcher das Lob ein Erröthen in die Wangen trieb, nahm sie diesen Dank entgegen und suchte ihm schalkhaft dadurch die Spitze abzubrechen, daß sie auf die bekannte oder, was so ziemlich auf dasselbe hinauskommt, nicht bekannte Eckartsberger Brochüre: „Die Religion der Gartenlaube“, sowie auf das fanatische Gebahren jener schwarzen Biedermänner hinwies, denen die Dichterin allzu grell in das Gesicht geleuchtet.

Wie mechanisch blätterte sie dabei, mit der Linken in einem seitwärts auf ihrem prächtigen Schreibtisch liegenden Album, in welchem sie all’ die unzähligen Zuschriften aufbewahrt, die, aus aller Herren Ländern – so weit die deutsche Zunge klingt – zwischen zwei schön verzierte Pappendeckel hier zusammengeweht, meist in tief empfundener und begeisterter Weise den Gefühlen des Dankes, der Verehrung und Liebe beredten Ausdruck geben.

„O ja,“ sagte sie - im Laufe des Gespräches, „ich leugne nicht, daß mir diese Blätter manche angenehme Stunde bereitet haben und noch bereiten; geben sie mir doch den Beweis, daß meine schriftstellerische Thätigkeit nicht ohne Segen ist. „Glauben Sie nicht auch,“ fügte sie hinzu, „daß so manches vielversprechende Talent krank und siech wird, weil die Welt, für die es ja ringt und strebt, die schaffende Seele achtlos sich verbluten läßt? Nicht Alle haben leider das Glück, sich bis zu einer allgemeinen Anerkennung durchzuringen.“

„Aber auch nur Wenige haben das Glück, wirklich berufen zu sein,“ erlaubte ich mir zu erwidern; „und wenn halbe Talente ihr Mühen erfolglos sehen, so erliegen sie eben dem unerbittlichen Gesetz, dem jedwede Halbheit nothwendig erliegen muß. Ich meinerseits glaube, wirklich Berufene ringen sich stets durch.“

Besonders oft war in diesen Briefen des Dankes der Wunsch ausgesprochen, Näheres zu erfahren über eine Schriftstellerin, die gleichsam wie im Sturm sich die Herzen so Vieler erobert, und als ich hervorhob, wie berechtigt ein solcher Wunsch sei, und wie Einem ganz unwillkürlich die Begierde nahe trete, zu hören, welch’ eine Vergangenheit es ihr möglich gemacht habe, die reichen Schätze in sich aufzunehmen, wie sie in ihren Werken zu Tage treten, erwiderte sie, daß, wenn es denn einmal sein müßte, sie eine eigentliche Biographie für spätere Zeit ihrer eigenen Feder vorbehalte. Damit war mir auch zugleich der enge Rahmen gegeben, in welchen ich diese flüchtige Skizze zu bringen habe.

Auf die oft gehörte Frage hinübergleitend, warum sie es vorgezogen, unter dem Pseudonym E. Marlitt sich einzuführen, fühlte ich heraus, daß sie bei dem einmal eingewurzelten und zum Theil auch wohl nicht ganz unberechtigten Vorurtheile gegen alle Frauenliteratur, den Erfolgen ihrer Begabung mißtrauend, sich dafür entschieden habe. Von dem Drange beseelt, der Welt nach Kräften sich nützlich zu machen, hatte sie die Feder in die Hand genommen, aber nichts lag ihr dabei ferner, als die Sucht, ihren Namen genannt zu wissen, oder gar berühmt zu werden. Und nun diese rauschenden Erfolge! Das gesammte Publicum der Gartenlaube zum Auditorium zu haben, und dann seine Romane in unglaublich rasch aufeinander folgenden Auflagen immer und immer wieder vergriffen und sie in fast alle lebenden Sprachen übersetzt zu sehen, das sind Erfolge, die selbst auf den Anspruchslosesten eine berauschende Wirkung ausüben könnten. E. Marlitt freut sich ihrer, wie ein guter Mensch sich freut im Bewußtsein einer braven schönen That, welche das Glück und, die Freude Anderer bezweckte. Ich brachte ihr die mir seitens eines ganzen für sie schwärmenden Damencirkels aufgetragenen Grüße mit den Versicherungen der Verehrung und Ergebenheit, und da hätte ich wohl gewünscht, die Damen hätten selbst sehen können, wie sie so herzlich erfreut lachen konnte, und wie das sinnige blaue Auge leuchtete im Reflex innerer Befriedigung.

Und doch auch konnte sie recht ernst werden, als sich das Gespräch ausdehnte auf die Vergewaltigungen, welche ihren lebensvollen Gestalten in den sogenannten dramatischen Bearbeitungen von unberufenen Autoritäten zweifelhaftesten Ranges widerfahren sind. Daß diese Bühnenspeculanten Geld machen, ohne auch nur die Autorin zu fragen, ob sie auf den ihr von Rechtswegen gebührenden Ehrensold freiwillig verzichten wolle, daran denkt ihre Seele nicht; aber es berührt sie auf das Schmerzlichste, ihre künstlerisch harmonisch in sich abgerundeten Gebilde gewaltsam zerrissen und roh wieder zusammengeleimt, ohne alle Farbe, ohne allen Duft, verstümmelt und verkrüppelt über die Bretter gehen sehen zu müssen. Wenn ein armer Schelm in der Verzweiflung seiner Noth dem Vorübergehenden seine paar Groschen abnimmt, so kann er sicher sein, daß ein ganzes Heer von Wächtern des Gesetzes hinter ihm her ist, um ihn hinter Schloß und Riegel fest zu machen; wenn aber unter den Augen eines großen gebildeten Publicums der frechste literarische Straßenraub verübt wird, da findet sich leider weder Gesetz noch Wächter.

Es giebt nichts Interessanteres, als einen Blick zu werfen in die geistige Werkstätte eines Dichters, aus der das funkelnde Gold der Dichtung in wunderbar getriebenen Formen heraus in die Welt tritt – die Eigentümlichkeiten kennen zu lernen, unter denen Schöpfungen entstanden, die zu Lieblingen aller Kreise geworden sind. So hat Marlitt z. B. vorzugsweise ihre schöpferischen Stunden, wenn der Himmel bedeckt ist und der Regen oder Schnee an die Fenster schlägt; dann, gleichsam in sich selbst zurückgeworfen, tritt jene behagliche, innerlich warme Stimmung und mit ihr die intensive Schaffungslust ein, der sie unwiderstehlich gehorchen muß. Dann schweift ihre Phantasie auf blühende Fluren, ihre Gestalten gewinnen volles pulsirendes Leben, und mächtig dehnt sich der Stoff aus, mit dem sie sich trägt. Zur Feder greift sie erst dann, wenn dieser bis auf Einzelheiten herab im Kopfe völlig ausgebaut ist, und die Charaktere in plastischer Vollendung ihr vorschweben. Geradezu unmöglich aber würde es für sie sein, wenn sie in der Art und Weise vieler Anderer nach einem schriftlich ausgeführten Plane arbeiten sollte.

[829] Ebenso liebt es Marlitt’s Muse, sich während des Schaffens in undurchdringliches Geheimniß und Schweigen zu hüllen; ihre unter der Feder sich befindende Arbeit ist völlig unnahbar, selbst für die ihr so theure Familie; kein Auge darf auch nur nach einer Zeile ihrer Niederschrift blicken, bevor dieselbe druckfertig ist, wenn es nicht damit ihren sichern Flammentod provociren will. Dagegen ist es ein frohes Ereigniß im Hause, wenn endlich nach langer, langer Arbeit „Leseabend“ ist, d. h. wenn die Dichterin am Vorabend der Absendung des Manuskriptes nach Leipzig dem Bruder und der Schwägerin ihre neue Schöpfung vorliest, vorliest mit der weichen bestrickenden Stimme und dem tiefinnerlichen Verständnisse der Schöpferin selbst.

Leicht und heiter berührte sodann die Conversation noch offene Fragen der Zeit und Literatur, für welche Marlitt das warme Interesse des vollen Durchdringens zeigte, und wobei sie, momentan erregt, mit gesteigerter Lebendigkeit eine Fülle positiven Wissens, der Erfahrung und auf die schärfste Beobachtung gegründete Menschenkenntniß an den Tag legte. Aber noch weit höher muß ich die sittliche Kraft, die ehrenhafte Festigkeit anschlagen, mit welcher sie, gegenüber den verrotteten Vorurtheilen orthodox-religiöser Stabilität und privilegirter Kasten, den aufgenommenen Kampf für geistige Freiheit, für Menschenthum und Menschenwürde mit all’ den ihr vom Himmel in die Wiege gelegten Mitteln, soweit es an ihr liegt, unerbittlich auszufechten entschlossen ist. Das ist freilich ein das gewöhnliche Niveau tief unter sich lassender Standpunkt eines Frauengeistes, der weit abseits liegt von jener unglücklichen wissenschaftlichen Oberflächlichkeit, mit welcher sich die verhaßte Blaustrümpfigkeit so breit und unausstehlich macht.

Die Zeit zum Aufbruch war da; mit der Erlaubniß, im nächsten Jahre wieder anklopfen zu dürfen, verabschiedete ich mich, um eine schöne, unvergeßliche Stunde meines Lebens reicher, aber auch reicher um die Erfahrung, wie sehr die ihrer Zeit durch viele Blätter laufenden Notizen bezüglich ihres schweren Gehörs und rheumatischen Leidens sich der Uebertreibung schuldig gemacht haben. Es ist wahr, der Armen wird das Gehen sehr schwer, aber daß man ihr die Feder in die Hand geben müsse, ist nicht wahr.

In Begleitung des Bruders durchwanderte ich die Straßen des netten Städtchens, das überall das Gepräge regen Gewerbfleißes und der Intelligenz trägt. Oben am Marktplatze unter der Colonnade sah ich das Haus, in welchem E. Marlitt in dem Augenblicke das Licht der Welt erblickte, als schrägüber auf dem Balcon des Rathhauses das Stadtmusikchor zu Ehren des durchlauchtigsten Herrn, dessen Geburtstag das Land feierte, eine festliche Weise hinausschmetterte. Vis-à-vis, am südlichen Ende des Marktplatzes steht das Haus, z. Z. „Gasthof zum Schwarzburger Hof“, welches die Phantasie Marlitt’s zum „Hellwig’schen“ Hause, zur Wohnung der alten Mamsell, jener blumig-poetischen Mansarde einer feinfühligen Frauenseele umgeschaffen hat. Von allem dem verräth jedoch die alltägliche Prosa dieses den pecuniären Interessen seines Besitzers dienenden Hauses selbstverständlich nicht das Leiseste, und doch suchte unwillkürlich mein Auge wenigstens nach jenen Dachrinnen, über welche hinweg die kleine Felicitas sich an das große Herz der Tante Cordula flüchtete, und von denen herab Johannes im entscheidenden Augenblicke die verzweifelnde Jungfrau an seine Brust rettete.

An einem allen Styles baren Gotteshause vorüber und unter einem alten Thurm hinweg, dessen Thor merkwürdigerweise das „neue Thor“ genannt wird, stiegen wir die Alteburg hinan und genossen bei wundervoller Abendbeleuchtung die herbkräftige Thüringer Bergluft, deren stärkendem Wehen ich die offene Brust bot. Zu unseren Füßen breiteten sich mitten im Grünen die rothen Dächer aus; westlich lag mit den Resten eines alten verfallnen Klosters die altehrwürdige, von grauer Sage umsponnene Liebfrauenkirche mit ihren prächtigen Thürmen und dem weit und breit berühmten Glockengeläute: das ist die Stätte, auf welcher Marlitt’s erste Novelle „Die zwölf Apostel“ sich bewegt.

Das Nordende der Stadt verläuft in den geradlinigen, monotonen Reihen der weißen Grabsteine des Friedhofes; dort schlummern Marlitt’s Mutter und Schwester, und an nicht genau zu bestimmender Stelle die schöne Mutter ihrer Felicitas.

Rechts aber im Thale lag mit der erfrischenden Aussicht auf bewaldete Höhen, von rothgoldenem Abendsonnenschein überfluthet, die friedliche Villa, in deren einem traulichen Gemache vielleicht zur Stunde die Dichterin auf eine neue poetische Schöpfung sinnt.