Beschreibung des Oberamts Brackenheim/Kapitel B 10

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Hausen bei Massenbach (Massenbachhausen).


Gemeinde II. Kl. mit 1039 Einw., wor. 34 Ev. u. 3 Israel. – Kath. Pfarrei; die Ev. sind nach Massenbach eingepfarrt und die Israeliten gehören zur Synagoge Massenbach; 21/2 Stunden nördlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Der ziemlich ansehnliche freundliche Ort, durch den die makadamisirte Vicinalstraße von Schwaigern nach Fürfeld führt und dessen Seitenstraßen gepflastert sind, liegt ziemlich gedrängt unfern der nördlichen Oberamtsgrenze in einem mäßig eingefurchten Seitenthälchen des Leitersbachthales.

Die am südostlichen Ende des Dorfs im alten Friedhof erhöht gelegene, dem h. Kilian geweihte Pfarrkirche ist in modernem Stil mit großen Rundbogenfenstern erbaut, über ihrem Westeingange liest man 1754. Der im Osten stehende Thurm stammt noch aus spätgothischer Zeit und wird von achtseitigem Zeltdache bedeckt. Sein erstes die Stelle des Chors vertretendes Geschoß hat ein gothisches Rippenkreuzgewölbe; außerdem besitzt die Kirche noch einen Rococoaltar mit einigen tüchtigen Steinbildern, und einige Grabsteine der Herren v. Neipperg und v. Helmstat aus dem vorigen Jahrhundert. Die beiden Glocken sind vom Jahre 1869. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Gemeinde.

Das in der Nähe stehende hübsche zweistockige Pfarrhaus wurde 1839 von der Gemeinde erbaut und ist auch von ihr zu unterhalten.

Der am nördlichen Ende des Orts gelegene Begräbnißplatz wurde 1862 erweitert und ist mit einer Mauer umgeben; daselbst befindet sich die gräfl. Neipperg’sche Begräbnißstätte, in der beerdigt sind: Bernhardine Gräfin v. Neipperg. geb. Gräfin v. Wiser † den| 14. Juli 1837 und ihr Gemahl Leopold Reichsgraf v. N. K. K. Geheimerrath † den 5. Jan. 1792, ferner Theresia Josepha Gräfin v. N. geb. Gräfin v. Pola † den 23. Apr. 1815, Josephine Gräfin v. N. geb. Gräfin v. Grisoni † den 17. Nov. 1837, Alfred Franz Camill Graf v. N. † den 16. Nov. 1865 und Gustav Adolf Fr. Graf v. N. † den 30. December 1850.

Zwei Schulhäuser sind vorhanden, das eine schon alt, enthält ein Schulzimmer und die Wohnung des einen Lehrers, das andere 1867/68 erbaute enthält ebenfalls ein Schulzimmer und die Wohnung des anderen Lehrers. Die Gelasse für den Gemeinderath befinden sich in einem Privathause.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 4 laufende, 2 Pump- und 1 Schöpfbrunnen; auch die Markung ist reich an Quellen, wie der Seebrunnen, der Schafbrunnen, die Brunnenstube, der Teufelsbrunnen, der Edelbrunnen, der Waschbrunnen, der Hölzlesbrunnen etc. Eine Quelle im Brühlteich soll salzige Bestandtheile führen. Überdieß fließen über die Markung der Biberbach, der Leitersbach und der Wilhelmsthalerbach; auch bestehen auf derselben drei kleine Seen.

Die Einwohner sind im allgemeinen körperlich kräftig, indessen kommen einzelne Familien vor, in denen der Kretinismus und die Schwachsinnigkeit sich forterbt; Nervenfieber sind häufig und haben namentlich in jüngster Zeit viele Opfer gefordert. Als Hauptnahrungsquellen sind Feldbau und Viehzucht zu nennen, während der Weinbau untergeordnet ist; die ärmere Klasse sucht sich durch Taglohnarbeiten, Handel mit Schweinborsten, Hanf etc. ihr Auskommen zu sichern.

Auf der Markung besitzt Graf v. Neipperg 95 Morgen Waldungen. Von den Gewerben nennen wir 3 Schildwirthschaften, 1 Ziegelei und 5 Kramläden, die übrigen dienen nur dem örtlichen Bedürfniß, mit Ausnahme einiger Maurer, die auch auswärts arbeiten.

Die Vermögensverhältnisse sind sehr verschieden, indem die vermöglichste Klasse 80–100, die mittlere 20, die unbemittelte 1 bis 11/2 Morgen oder gar kein Grundeigenthum hat. Etwa 15 Personen erhalten gegenwärtig Unterstützung von Seiten der Gemeinde.

Die mittelgroße Markung hat eine flachwellige, von unbedeutenden Thälchen und Rinnen vielfältig durchzogene Lage, und im allgemeinen einen fruchtbaren, meist aus Lehm bestehenden Boden; Lehm- und Mergelgruben sind mehrere vorhanden, dagegen müssen die Bausteine und das Straßenmaterial von außen bezogen werden. Das Klima ist mild und begünstigt den Anbau aller in Württemberg üblichen Kulturgewächse, indessen stellen sich auch hier zuweilen schädliche Frühlingsfröste ein, dagegen ist Hagelschlag selten.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung verbesserter Ackergeräthe (Brabanterpflug, Walze, Repssämaschine und Dreschmaschine)| gut betrieben und zur Besserung des Bodens, außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln, Gips, Asche und Kompost angewendet; doch lassen die Düngerstätten noch manches zu wünschen übrig. Zum Anbau kommen die gewöhnlichen Cerealien und von diesen vorzugsweise Dinkel und Gerste, ferner Kartoffeln, dreiblätteriger Klee, Luzerne, Angersen, Hanf, der sehr gut gedeiht, Reps und Mohn. Von den Getreideerzeugnissen können in günstigen Jahren etwa 1000 Schffl. Dinkel, 800 Schffl. Haber und 300 Schffl. Gerste nach außen verkauft werden. Der ausgedehnte Wiesenbau, dem keine Wässerung zukommt, liefert reichlich gutes Futter, das sämtlich im Ort verbraucht wird.

Von mäßiger Ausdehnung ist der Weinbau, den man in der gewöhnlichen Weise betreibt, 4000 Stöcke werden auf einen Morgen gepflanzt und den Winter über bezogen. Man baut hauptsächlich schwarze Rißlinge und Silvaner und erzielt einen mittelmäßigen Wein, dessen Preise sich in den letzten 10 Jahren von 25–40 fl. pr. Eimer bewegten. Der höchste Ertrag eines Morgens beträgt 8 Eimer. Die nicht ausgedehnte, jedoch im Zunehmen begriffene Obstzucht beschäftigt sich hauptsächlich mit Mostsorten und etwas Zwetschgen; der Obstertrag wird im Ort verbraucht und die Jungstämme bezieht man meist aus der Gemeindebaumschule.

Aus den vorhandenen mit Laubhölzern bestockten Gemeindewaldungen werden jährlich 140–150 Klafter und 12.000 St. Wellen geschlagen; hievon erhält jeder Bürger 25–30 St. Wellen, das Stammholz aber wird verkauft, was der Gemeindekasse eine Rente von 5–7000 fl. sichert. Überdieß bezieht die Gemeinde aus der an einen fremden Schäfer verpachteten Brach- und Stoppelweide 490 fl., aus der Pferchnutzung etwa 300 fl. und aus verpachteten Gemeindegütern 200–250 fl.

Die Pferdezucht ist ganz unbedeutend, dagegen die Rindviehzucht in sehr gutem Zustande; man züchtet vorzugsweise die Simmenthalerrace, von der 3–4 Farren aufgestellt sind. Das entbehrlich gewordene Vieh wird auf Märkten und das aufgemästete an Metzger in der Umgegend verkauft. Auf der Markung laufen den Sommer über 100 St., den Winter über 300 St. Landschafe; die Wolle kommt nach Heilbronn und das Fettvieh nach Frankreich zum Verkauf. Von einiger Bedeutung ist auch die mit einer halbenglischen Race sich beschäftigende Schweinezucht, die einen namhaften Verkauf an Ferkeln und Mastschweinen erlaubt, übrigens werden auch noch Ferkel von außen bezogen.

Von besonderen Stiftungen ist hier nur eine Armenstiftung von 1000 fl. vorhanden.

Der 1/2 Stunde nördlich vom Ort gelegene Nonnenbuckel erinnert vielleicht an das unten erwähnte Kloster; daselbst findet man noch Spuren von Grundgemäuer und am Fuß desselben neben der| Fürfelder Landstraße stößt man zuweilen auf Überreste eines römischen Wohnplatzes. Etwa 2–300 Schritte westlich dieser Stelle fand man ebenfalls schon Grundmauern von Gebäuden. Etwa 3/4 Stunden nordwestlich vom Ort kommt der Flurname „Harzhofen“ vor, was auf einen abgegangenen Wohnort hindeutet; auch wird eine Flur am südwestlichen Ende der Markung der „Judenkirchhof“ genannt (s. auch unten).

Der Ort, welcher wie Hausen an der Zaber ein Haus im Wappen führt, kommt wohl am frühesten in der Geschichte vor in Folge hiesigen Besitzes des Klosters Lorsch. Es erwähnt nämlich der Traditionencodex dieses Klosters mehrfache Schenkungen an dasselbe in Hausen (mit verschiedenen Zusätzen), wobei nur soviel sicher ist, daß dieselben im Allgemeinen in diese Gegend gehören, dagegen nicht mit völliger Bestimmtheit angegeben werden kann, ob sie Hausen bei Massenbach, oder Hausen an der Zaber, oder Schächerhausen (s. u. bei Nordheim) zuzuweisen sind. Es sind dies folgende Schenkungen: von 1 Mansus „in Sueigerheimer Marca in loco Husen“ und 25 Tagwerk, einer Wiese, einem zu einer Mühle tauglichen Ort und 4 Hörigen durch Alfrit den 13. Mai 805, von 1 Mansus, 1 Baumgarten, 37 Tagwerk, 1 Mühle, 1 Wiese, 3 Hörigen „in pago Gardachgowe in Sueigerheim in Titricheshusen“ durch Snefolk den 27. Mai 826, von 2 Mansus „in pago Gardachgowe in loco Utenhusa“ durch Rihhart und Udo den 1. April 827, wozu noch kommt eine ohne nähere Zeitangabe angeführte Notiz über den Besitz einer Hube „in Ditricheshusen et in Massenbach, et in Gragenbach“ (wohl Grombach bad. B.-A. Sinsheim – Cod. Lauresh. 3 nr. 3495. 3493. 3744. 3655). Die Beziehungen zum Gardachgau, sowie die Zusammenstellung mit Massenbach u. s. w. dürften bei diesen Stellen dafür sprechen, sie nicht auf Hausen an der Zaber zu beziehen.

Massenbachhausen selbst war in früherer Zeit der Familie Neipperg als freies mit keiner Lehenschaft verwandtes Eigenthum gehörig, allein im J. 1585 verkaufte es Engelhard von Neipperg an den würzburgischen Rath und Amtmann zu Rotenfels, Dietrich Echter. Aus dem Besitz der fränkischen Familie Echter kam es – nach Dalbergischem Zwischenbesitz gegen Ende des 17. Jahrhunderts (Klunzinger 4, 100) – in denjenigen der rheinländischen Familie Ingelheim, allein den 14. Februar 1737 kaufte es Graf Wilhelm Reinhard von Neipperg dem Kammerrichter Freiherrn Franz Adolph Dietrich von Ingelheim um 40.000 fl. wieder ab.

Obiger Besitz des Klosters Lorsch, von welchem nicht bekannt ist, wie er in andere Hände überging, ist jedoch nicht der einzige geistliche Besitz allhier: Erzbischof Bruno von Trier, geb. Graf von Laufen, schenkte mit Einwilligung seines Bruders, des Grafen Boppo, hiesige Güter an das Stift Odenheim, und den 5. März 1122| bestätigte K. Heinrich V. diese Schenkung (Wirt. Urkb. 1, 350); noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts (1756) besaß das Stift Gülten von dem massenbachschen sog. Hasenhof dahier (St.-A.). Das Urbar des Ritterstifts Wimpfen von 1295 erwähnt Gefälle desselben zu „Dietershusen“, und da hiebei auch „agri siti inter Luterstein et Berwangen“ (bad. B.-A. Eppingen) genannt werden, so spricht auch dies für die Deutung von Dietershausen als Hausen bei Massenbach (wornach oben S. 138, Z. 1. v. u. zu ergänzen). Das Predigerkloster zu Wimpfen erhielt den 14. Febr. 1349 von Konrad Fasant von Hausen bei Massenbach Gülten von seinem Lehen, der Herrin Lehen genannt, auf Hausener Markung, und gab den 12. Dec. 1359 dem Heinrich Schuler zu Massenbach 16 Morgen Ackers, 2 Wiesen und 1 Garten auf dieser Markung zu Erblehen (St.-A.).

Als weltliche Inhaber hiesigen Gutes erscheinen namentlich die Magenheim und die Neipperg: den 13. Jul. 1304 bewilligt Zeisolf von M., daß Albrecht von N. aus Gütern zu „Hausen bei Massenbach“, welche er von ihm zu Lehen trägt, Gülten an Diether Vederwisch zu Heilbronn verkaufe (St.-A.); im J. 1375 kauft Zeisolf von M. von Hans Leutwein zu Heilbronn den dritten Theil am hiesigen Zehenten (Klunzinger 2, 24); im J. 1575 werden die Herzoge von Württemberg und die Herrn von Neipperg als Vogtherren aufgeführt.

Das Patronatrecht hatte die Familie Neipperg schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Würdtwein Nov. subs. 4, 311). Im 16. Jahrhundert wurde die Reformation eingeführt, als aber im 30jährigen Kriege sämtliche Einwohner ausstarben, wurde der Ort mit lauter Katholiken aus verschiedenen Ländern besetzt, daher auch die Kirchenbücher von dieser Zeit an ganz andere Familiennamen enthalten, als früher, und manche noch in neuester Zeit vorhandene, z. B. Farny, Botry, Meny, Caprell, offenbar ausländischen Ursprungs sind. Seit dieser Zeit ist der Ort wieder katholisch und kam der Sitz des früheren Landkapitels Schwaigern hierher, bis dasselbe im J. 1817 aufgelöst und die Pfarrei dem Dekanate Neckarsulm zugetheilt wurde (Klunzinger 4, 101).

Eine jetzt zu Hausen bei Massenbach gehörige Parzellar-Markung ist die, z. B. im Deutschordens-Lagerbuch über Kirchhausen von 1581 selbständig aufgeführte Markung Lauterstein, Leuterstein. Hier stand einst ein Ort, auf welchen sich wohl die alten Namen Lutgersteigem, Liuterstein beziehen. Allda hatte ums J. 1188 die hohenstaufische Familie Allodialbesitz (s. oben VII, 1). In der Folge befand sich hier ein Cistercienserkloster, dessen Nonnen Erkinger von Magenheim den 6. Oktober 1246 nach Frauenzimmern verpflanzte (vrgl. oben S. 246). Im J. 1292 verkaufte letzteres Kloster seinen| hiesigen Besitz an Schwigger von Bruchsal und im J. 1295 wird der Ort im Urbar des Stifts Wimpfen als nahe bei Berwangen genannt (s. o.). Seither verschwindet er aus der Geschichte, wie denn auch in einer Urkunde von 1490 nur noch ein „Weingart am Luterstein zu Hausen“ vorkommt; man findet jedoch noch Spuren von ihm bei den sog. Hausener Weinbergen unweit der Fürfelder Markung (vrgl. Pfau Geschichte von Kirchhausen S. 14).


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