Beschreibung des Oberamts Sulz/Kapitel B 22

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Rothenzimmern,

Gemeinde III. Klasse mit 279 Einw., bestehend aus a. Rothenzimmern, Dorf, b. Bettenberger Hof, Filial von Leidringen.

Der mittelgroße, etwas weitläufig gebaute Ort liegt 1/2 Stunde südwestlich von dem Mutterort in dem anmuthigen, wiesenreichen Schlichemthale, dessen nahmhafte Gehänge meist mit Waldungen bestockt sind. Auf beiden Seiten der Schlichem, theils in der Thalebene, theils auf den unteren Ausläufern der Thalgehänge lagern sich die| stattlichen Bauernwohnungen, welche die Wohlhabenheit ihrer Besitzer untrüglich verrathen.

Das alte, jedoch gut erhaltene Kirchlein, welches Eigenthum der Stiftungspflege ist, steht erhöht im südlichen Theil des Dorfs; dasselbe war ursprünglich im germanischen Styl erbaut, wofür noch der spitzbogige Eingang zeugt, ist aber im Laufe der Zeit styllos verändert worden. Der viereckige, mit spitzem Zeltdach versehene Thurm ist sehr alt und dessen unterstes Stockwerk, zu dem von dem Langhause ein spitzer Triumphbogen führt, vertritt die Stelle des Chors. Von den drei Glocken ist die größte von Hugger aus Rottweil 1858 gegossen worden, die mittlere und die kleinste tragen in sehr alten Majuskeln, die vier Evangelistennamen.

Der ummauerte Begräbnißplatz liegt um die Kirche.

Ein neues Schulhaus wurde im Jahr 1830 von der Gemeinde erbaut, weil aber dieses seinem Zweck nicht entsprach, so ließ man im Jahr 1850 im Rathhaus eine Wohnung für den Schulmeister und ein geräumiges Lehrzimmer einrichten. Ein Armenhaus und zwei öffentliche Waschhäuser sind vorhanden.

Im Ort befindet sich eine Mühle mit zwei Mahlgängen und einem Gerbgang.

Gutes, frisches Trinkwasser ist im Überfluß vorhanden und überdieß fließt die Schlichem durch den Ort, welche im Ort selbst einen kleinen Seitenbach und oberhalb desselben den Heimbach aufnimmt. Die Schlichem tritt öfters aus, ohne jedoch erheblichen Schaden anzurichten.

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde, kräftige Leute, die sich nicht selten eines hohen Alters erfreuen; die am häufigsten vorkommende Krankheit, woran 1/3 der Erwachsenen stirbt, ist die Wassersucht. In Sitten und Lebensweise sind die Einwohner einfach und zeichnen sich durch Fleiß und Sparsamkeit vortheilhaft aus; ihre Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau und Viehzucht und ihre Vermögensumstände gehören zu den günstigsten des Bezirks. Der wohlhabendste Bürger besitzt 80 Morgen Felder und 15 Mrg. Waldungen, der sog. Mittelmann 20–25 Mrg. Felder und 1–2 Mrg. Waldungen und die minder bemittelte Klasse 2–3 Morgen.

Die Ackerfelder der verhältnißmäßig ziemlich großen Markung liegen mit wenig Ausnahmen auf den Hochebenen, daher der Ackerbau mit vieler Mühe betrieben werden muß. Der im Allgemeinen fruchtbare Boden besteht auf den Hochebenen aus einem ziemlich schweren Lehm; an den Abhängen erscheinen theils thonige, theils| sandige Böden und in der Thalebene haben sich für den Wiesenbau günstige Alluvionen abgelagert. Auf der Markung befinden sich fünf Steinbrüche, die im Stubensandstein angelegt sind; auch eine Lehmgrube ist vorhanden.

In dreizelglicher Flureintheilung wird der Ackerbau, unter Anwendung des verbesserten deutschen Pflugs und der gewöhnlichen Düngungsmittel, gut betrieben; die Brache wird noch wenig benützt und in derselben meist dreiblättriger Klee und etwas Kartoffeln gebaut. Bei einer Aussaat von 9–10 Sri. Dinkel, 5–6 Sri. Haber und 5 Sri. Gerste wird der Ertrag zu 7–12 Schffl. Dinkel, 4–6 Scheffel Haber und 4–5 Scheffel Gerste per Morgen angegeben. Außer diesen Getreidearten kommen, jedoch in sehr mäßiger Ausdehnung, noch zum Anbau Weizen, Roggen und Ackerbohnen, welch’ letztere meist unter den Haber gesäet werden.

Die Preise der Äcker bewegen sich von 100–1200 fl., und die der Wiesen von 300–1200 fl. per Morgen. Von den Getreideerzeugnissen können über den eigenen Verbrauch jährlich gegen 700 Schffl. Dinkel nach Außen, vorzugsweise auf der Schranne in Rottweil, abgesetzt werden, während das gewonnene Futter im Ort selbst verbraucht wird. Hanf wird viel gebaut und im Ort versponnen; der Repsbau ist unbeträchtlich.

Die durchgängig zweimähdigen Wiesen, denen keine Wässerung zukommt, liefern größtentheils ein gutes Futter und zwar von dem Morgen durchschnittlich 30 Ctr. Heu und 15 Ctr. Öhmd.

Die nicht sehr ausgedehnte Obstzucht, welche in neuerer Zeit zunimmt, beschäftigt sich hauptsächlich mit späten Mostsorten; das Obst gedeiht ziemlich gerne und wird im Ort selbst verbraucht. Einige Privatbaumschulen sind vorhanden. Die Weide ist gut und wird theilweise noch für Rindvieh, hauptsächlich aber für Schafe benützt, deren etwa 300 Stücke von den Ortsbürgern gehalten werden; sie entrichten gegen 200 fl. Weidegeld an die Gemeindekasse und überdieß trägt die Pferchnutzung etwa 300 fl. jährlich ein.

Die Pferdezucht ist verhältnißmäßig nicht unbeträchtlich; man züchtet schöne, kräftige Thiere, die entweder als Fohlen oder als groß gezogene Pferde um namhafte Preise nach Außen verkauft werden.

Die Zucht des Rindviehs ist bedeutend und sichert den Einwohnern, welche viel Vieh auf benachbarten Märkten verkaufen, eine erhebliche Einnahmsquelle; man hält eine tüchtige Landrace, die durch drei Namens der Gemeinde aufgestellte Farren nachgezüchtet wird.

| Schweinezucht findet nicht statt und alljährlich geht eine namhafte Summe für Ferkel nach Außen.

Ziegen werden wenig gezogen, dagegen treibt man mit Geflügel und mit Eiern einen einträglichen Handel.

Die Bienenzucht ist beträchtlich, da die Nähe der Waldungen dieselbe begünstigt; Wachs und Honig wird theils im Ort, theils auswärts abgesetzt.

Von Gewerben sind nicht einmal die gewöhnlichsten vorhanden.

Mittelst Vicinalstraßen über Leidringen nach Rosenfeld und über Böhringen etc. nach Rottweil ist dem Ort der Verkehr mit der Umgegend gesichert. Die Gemeinde ist im Besitz von etwa 300 Morgen Waldungen, deren jährlicher in 90 Klaftern bestehender Ertrag theils an die Bürger vertheilt, theils verkauft wird, was der Gemeindekasse jährlich 400–500 fl. einträgt.

Zu der Gemeinde gehört:

Der Bettenberger Hof, 1/4 Stunde nördlich von dem Mutterort auf der Hochebene des Bettenbergs gelegen.

Auf einem Bergvorsprung hinter der Kirche stand eine Burg, von der noch der Graben und wenig Gemäuer vorhanden sind.

Rothenzimmern kommt erstmals 1094 vor, als Luitfried von Leidringen an das Kloster St. Georgen eine Mühle apud villam Cimberen und einen Wald von acht Jaucherten erwarb (Mone, Zeitschr. 9, 217). Nach und nach kam der ganze Ort an das Kloster, unter dem er bis 1807 einen Amtsort bildete.

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