Bilder von der Ostseeküste. 3. Land und Leute in Kurland

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Fritz Wernick
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Bilder von der Ostseeküste. 3. Land und Leute in Kurland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 523–528
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[523]
Bilder von der Ostseeküste.
3. Land und Leute in Kurland.

Ein schmucker Dampfer trägt uns leicht durch die grünen Wellen der Ostsee nach dem Norden. Schon haben wir Memel, die letzte größere Stadt des deutschen Reiches, hinter uns, schon sind die durch ihre sonderbaren Namen jedem Reisenden auffallenden russisch-preußischen Grenzorte Nimmersatt und Immersatt, schon ist Polangen mit seinen noch jungen Bade-Anlagen und seiner Bernsteinfabrik passirt; wir fahren bei herrlichem Wetter und günstigem Wind in russischem Gewässer längs der waldbesäumten kurischen Küste; der wettergebräunte, stumme Mann am Steuer hält steil auf Nord. Da tauchen fern am Horizonte, von den Strahlen der Nachmittagssonne beglänzt, Thurmspitzen und langsam kreisende Windmühlenflügel auf; einige bleiche, verstörte Gestalten, die trotz der günstigen Fahrt doch dem erderschütternden Beherrscher der nassen Pfade ihren Tribut gezollt, erscheinen unsichern, zögernden Schrittes und schauen mit Sehnsucht nach dem Endpunkt ihrer Leiden aus; ein Lootse klimmt an Bord und führt uns glücklich über die Barre und durch die scheerenartig in’s Meer vorspringenden Molen in den Hafen der „Wunderstadt“ Libau.

Langsam schwebt unser Steamer an dem schlanken, gußeisernen Leuchtthurm, an dem unförmlich dicken Lootsenthurm, auf dem unsere Ankunft schon signalisirt ist, vorbei und hält vor dem neuen stattlichen Zollgebäude. Bald sind die unerläßlichen Zollmanipulationen vorbei; wir haben keine unziemliche Quantität von Branntwein und Tabak, keine Spielkarten, keine Seidenkleider, auch keine verbotenen Schriften eingeschmuggelt, unser Paß ist in Ordnung, Petroleum und Dynamit führen wir nicht – so bleibt uns noch volle Muße, die seit einigen Jahren auch in Deutschland vielgenannte „Wunderstadt“ zu besehen.

Wir erinnern uns der prophetischen Geringschätzung, mit der der deutsche Reichskanzler ihr vor wenigen Jahren eine gedeihliche, für die ostpreußischen Hafenplätze gefahrdrohende Entwickelung kurzweg absprach, wir halten dagegen die früher immer wiederkehrenden Memoriale und Denkschriften der Memeler und Königsberger Kaufmannschaften, die mit banger Sorge von der unheimlich steigenden Concurrenz Libaus reden, und finden beim Anblick des mit dichtem Mastenwald besetzten, neu ausgebauten Hafens, der kolossalen, neu errichteten Speicher, des bergehoch auch auf den Quais aufgethürmten Getreides und des ameisenartigen Gewimmels die Sorge der letztern nicht unbegründet.

Ein einheimischer Freund, der uns erwartet, bestätigt unsere Wahrnehmungen und fügt mit stolzer Freude hinzu, daß in dem letzten Decennium die Einwohnerzahl der Stadt um’s Dreifache (von 10,000 auf 30,000), der Handelsumsatz, der jetzt 44 Millionen Rubel betrage, um’s Zehnfache, die Zahl der auslaufenden Schiffe (gegen 2000) um’s Fünffache gestiegen sei. „Freilich,“ sagt er und kratzt sich dabei etwas unbehaglich hinter dem Ohre, „wir haben auch unsern Krach gehabt, große Handelsfirmen und Banken sind gefallen, der Credit unseres Platzes war zeitweise erschüttert, das Speculationsfieber, das vor vier Jahren hier Jung und Alt, Arm und Reich erfaßte, hat seine Opfer gefordert“ – hier hustete er etwas –; „das amerikanische Wachsthum der Stadt, das uns so überraschend kam, hat manchen Schaden im Gefolge gehabt, und der Uebergangszustand von der Kleinstadt zur Großstadt“ – hier reckte er sich unwillkürlich – „hat seine Schattenseiten, aber wir sehen doch getrost in die Zukunft. Haben wir doch unsern prächtigen, eisfreien Hafen – die Barre vor demselben ist allerdings etwas eklig,“ flüsterte er mir in’s Ohr, „doch das wird sich machen lassen – und wenn während des langen Winters unsere baltischen, finnischen und russischen Nachbarhäfen vom Eise blockirt sind, bilden wir die einzige Seepforte des großen russischen Reiches an der Ostsee – denn was will Windau sagen!“ meinte er achselzuckend – „und führen auf langem Schienenstrange aus der Kornkammer Rußlands immense Massen Getreide uns und dem Auslande zu.“ Hier unterbrach ich seinen handelspolitischen Vortrag und bat ihn, mir die Stadt ein wenig zu zeigen. Dazu erklärte er sich denn auch bereit, und so wurde bald ein „Furio angehoit“, das heißt eine Droschke herangerufen.

Langsam fuhren wir durch die wagende Menschenmasse des Quai hinauf, mein Freund zeigte mir mit sichtlicher Genugthuung die beiden neuen stattlichen Hafenbrücken, von denen die eine dem Stadtverkehre, die andere der Eisenbahn dient; dann bogen wir, die Speicher, den Hafen und die ganze Welt Mercur’s hinter uns lassend, in Libaus Hauptverkehrsader, die „große Straße“, ein, und mein ortskundiger, patriotischer Führer zeigte mir die verschiedenen

[524]
Die Gartenlaube (1883) b 524.jpg

Bilder von der Ostseeküste. 03.0 Libau und Umgebung.
Für die „Gartenlaube“ nach der Natur gezeichnet von Robert Aßmus.

[526] Kirchen (deutsch-lutherische, lettisch-lutherische, polnisch-katholische, russisch-griechische) und die Synagoge, das neue Bankhaus, die vielen zum Theil recht geschmackvollen privaten Neubauten der letzten Jahre, machte mich auf die reinlichen Märkte, die asphaltischen Trottoirs, die vielen in der Stadt trotz aller Bauwuth noch erhaltenen Gärten aufmerksam und rief endlich dem Kutscher zu: „nach den Anlagen!“

Durch eine hübsche junge Anpflanzung , die, dichtbesäet mit bald niedlich kleinen, bald anspruchsvoll decorirten Villen mit allen möglichen und unmöglichen fremdländischen Namen und allen möglichen und unmöglichen fremdartigen Stilarten, den Eindruck einer lebensfrohen Villeggiatur macht, führt uns der Rosselenker in das Nicolaibad, wo wir uns mit einem kräftigenden Seebad bei herrlichem Wellenschlag stärken. Dann schlendern wir in dem festen, weißen Ufersande durch eine fröhliche und geputzte Menge von Badegästen und Einheimischen zum stattlichen Curhause, auf dessen Terrasse wir unter den Klängen der wohlbesetzten Badecapelle, vor uns die göttliche Salzfluth, rechts „der Schiffe mastenreicher Wald“, links das bunte Badeleben, Platz nehmen. Ein schwarz befrackter Tschelowjäk (Kellner) bringt uns eine Flasche edeln Rheinweins, mein redseliger Cicerone lehnt sich behaglich zurück, räuspert sich und beginnt:

„Libau, lettisch Lepaja, die Lindenstadt, auf der schmalen, fast zwei Meilen langen Nehrung zwischen der ‚offenbaren‘ See und dem kleinen See, erhielt seine Stadtrechte 1625 durch Herzog Friedrich, seinen jetzigen Hafen 1697 durch Herzog Friedrich Casimir auf die Bitten der ‚Ehrsamen und Weisen, auch Ehrbaren, Unseren lieben Getreuen, Bürgermeister, Voigt, Rath, Eltermann, Eltesten und gantzen Kaufmannszunft‘. Das Curhaus, vor dem wir sitzen, mit den Anlagen ist wie so Vieles in unserer guten Stadt das Werk des für ihr Wohl unermüdlich thätigen Altermann’s der großen Gilde Ulich, der vor wenigen Jahren in hohem Greisenalter ge– Aber Du hörst ja gar nicht,“ unterbrach er etwas gekränkt seinen Führersermon. Statt aller Entschuldigung wies ich schweigend auf das bunte Treiben um uns her: hier eine Schaar lustwandelnder, dunkeläugiger, lebhaft conversirender Polinnen mit ihren eleganten Cavaliers, dort am Tische eine Gruppe blonder, hochgewachsener kurischer Edelleute mit ihren nicht minder blonden und hochgewachsenen Damen; unten am Strande promenirende Flottschiks (Flottenofficiere), schleppfüßig einherwandelde, tabakkauende holländische und englische Schiffscapitaine, dazwischen muntere Kinder mit ihren französischen und englischen Bonnen, hier lustige Gymnasiasten, dort hinter einer ungezählten Batterie von Bierflaschen dörptsche „Bursche“ mit ihren bunten Farbendeckeln – und das summte zwischen dem Rauschen des Meeres und den Tönen der Musik so vielsprachig, so lebensfroh durch einander: hier ein akademischer Witz mit viel Behagen in der vollkräftigen, barschen kurischen Mundart vorgetragen und von homerischem Gelächter begleitet, dort polnisches Liebesgeflüster, hier französische und englische Mahnworte an die lieben Kleinen, dort ein kräftiger russischer Fluch, im Hintergrunde lettischer Wortwechsel oder unverständlich jüdisch-polnisch-litauisch-deutscher Jargon der Kutscher – kurz, es war ein so babylonischer Wirrwarr von Sprachen und Nationalitäten, dabei ein so buntes Bild allseitigen Wohlbehagens und frohen Lebensgenusses, daß mein Freund seinen historischen Notizenkram schleunigst einsteckte und mir verständnißinnig zunickte: „Ja, ja, unser Libau ist ein fideler Ort.“

Die Wahrheit dieser psychologisch feinen Bemerkung bestätigte sich denn auch im weiteren Verlaufe des Abends vollkommen, und als wir nach längerem Verweilen durch die ambrosische Sommernacht, deren klare, reizvolle Schönheit nur der Nordländer kennt, in die Stadt zurückkehrten, scholl uns noch von überall her Musik und frisches Leben entgegen. Unter den Klängen einer heiteren Musik aus dem Hôtelgarten gaukelte mich denn auch Morpheus in die lieblichsten Träume.

Am anderen Morgen fuhr ich nach Mitau. Die Eisenbahnlinie führt durch fruchtbare, wohlgepflegte Ländereien mit oft unabsehbar großen wogenden Getreidefeldern, schönen Waldungen, die sich leider immer mehr lichten, vorbei an stattlichen Edelhöfen und strohgedeckten wohnlichen Gesinden (Bauernhäusern). Letztere sind auch in ihrem Aeußeren bedeutend von den oft noch armseligen Behausungen der Bauern in Esthland und esthnisch Livland verschieden.

Hier in Kurland finden wir überall Schornsteine auf den meist noch strohgedeckten Dächern, die Fenster sind größer und zahlreicher, manche Gesinde sind mit einem Garten umgeben – kurz, das Ganze macht einen behaglichen, behäbigen Eindruck. Bietet die Gegend auch gerade keine landschaftlichen Reize, so ist doch ein Abstecher von Preckuln, der zweiten Station hinter Libau, in die sogenannte „kurische Schweiz“, das heißt die Gegend von Amboten, nicht ohne Genuß, namentlich wenn man den Zweck hat, sich Land und Leute etwas genauer anzusehen, als dies auf einer Eisenbahnfahrt möglich ist.

Eine Fußpartie in diese Gegend ist namentlich für den Sonntag zu empfehlen, wo von allen Seiten festlich geputzt, zum Theil noch in schmucker Volkstracht, zu Roß, zu Wagen und zu Fuß das lettische Landvolk zur Kirche zusammenströmt, und angenehm überrascht schweift das Auge des Wanderers, der aus dem Wald auf der Höhe zur Lichtung tritt, über das sanft gewellte Terrain mit seinen weiten Getreidefeldern, saftigen Wiesen und herrlichen Wäldern; vor uns liegen das alte Ordensschloß Amboten auf stolzer Höhe, unweit davon, ebenfalls auf einem Hügel, weit in’s Land schimmernd die Kirche und rings vereinzelt, aber in einer für kurische Verhältnisse geringen Entfernung eine Menge wohlgepflegter, stattlicher Edelhöfe.

Eine kurze Strecke führt uns die Eisenbahn durch litauisches Gebiet (Gouvernement Kowno), das sich sofort durch die hohen Kreuze und Heiligenbilder an den Straßen und Dörfern als ein katholisches Land von dem streng lutherischen Kurland abhebt; bei Moscheiki biegen wir nach Nordosten und befinden uns bald wieder im echten, rechten, unverfälschten „Gottesländchen“, wie die Kurländer ihre Heimath so gern nennen. Die frühere Residenz desselben, Mitau, ist zunächst das Ziel unserer Reise.

Sofort fällt uns der Unterschied zwischen dem kürzlich verlassenen Libau und dem eben betretenen Mitau auf. Jenes eine moderne, aufstrebende und aufsteigende Handelsstadt mit frisch pulsirendem Leben – dieses eine an alten Erinnerungen aus herzoglichen Zeiten reiche, ruhige Beamten- und Literatenstadt, die mit Ausnahme der namentlich in früheren Jahren sehr bewegten Marktzeit um Johanni und der vom Landadel rauschend gefeierten Wintersaison wenig Leben bietet, und theils von der mächtig emporgeblühten benachbarten Metropole Riga erdrückt, theils von der jüngeren Schwesterstadt Libau an Bedeutung bei weitem überflügelt worden ist.

Früher war Mitau der Mittelpunkt des kurischen Lebens, und die glänzende Hofhaltung der kurischen Herzöge verlieh ihr namentlich in den Augen des Adels besonderen Reiz. Zwei Zeugen der herzoglichen Zeit, die mit der Einverleibung Kurlands in’s russische Reich (1795) ihren Abschluß bekam, wollen wir hier kurz erwähnen: das Gymnasium in der „Palaisstraße“ und das Schloß. Jenes, 1795 von dem letzten kurischen Herzoge Peter nach einem Entwurf des bekannten Philosophen Sulzer als Akademie gegründet, ist neben den Gymnasien in Libau und Goldingen die Hauptbildungsstätte des Landes, die nicht nur der kurischen Landesjugend, sondern auch zahlreichem Zufluß aus Polen und Lithauen die klassische Bildung vermittelt.

Das für eine so kleine Residenz und ein so kleines Land (Mitau zählt etwa 25,000 Einwohner, Kurland bei circa 500 Quadratmeilen gegen 700,000 Einwohner, enthält also an Flächeninhalt soviel wie Württemberg [355] und Hessen [140] zusammen, ohne die Bevölkerungsziffer dieses letzteren Landes [940,000] zu erreichen) großartig zu nennende Schloß, von dem schon Hippel in seinen „Lebensläufen“ sagt, daß es „so wenig Verhältniß zu dem übrigen Theil der Stadt habe, als das Mitausche Pflaster zur Regelmäßigkeit und Ordnung“, liegt, von hübschen Anlagen umgehen, etwas außerhalb der Stadt, am Ufer der Aa. Es wurde 1738 unter dem auch außerhalb der specifisch kurischen Geschichte bekannten Herzog Ernst Johann Biron durch Graf Rastulli, den Erbauer des Winterpalais in Petersburg, begonnen und unter großem Kostenaufwand nach vielen Stockungen in edlem Stil und kolossalen Dimensionen 1772 vollendet.

Das imposante Gebäude, ein stummer und doch beredter Zeuge früheren Glanzes, das, beiläufig bemerkt, auch Ludwig dem Achtzehnten zweimal zu mehrjährigem Aufenthalt (1798 bis 1800 und 1805 bis 1807) gedient hat, ist jetzt der Sitz verschiedener Behörden, und nur die Gruft mit den wohlerhaltenen [527] Leichen der Herzöge und ihrer Familienmitglieder zeugt noch von langst verschwundener Pracht.

Libau und Mitau sind die bedeutendsten Städte Kurlands; die übrigen sind von weit geringerer Größe und Bedeutung. Kurz mögen noch Goldingen, die frühere zweite Residenz, und Windau erwähnt werden; letzteres, an der Mündung der Windau gelegen, ist der zweite Seehafen Kurlands, dem durch gute Eisenbahnverbindung mit dem großen Reiche vielleicht noch ein ähnlicher Aufschwung bevorsteht wie Libau. Schon einmal hat Windau in der Geschichte Kurlands eine bedeutende Rolle gespielt. Hier hat nämlich Herzog Jakob (1642 bis 1681), glorreichen Andenkens, jener geniale Fürst, der zu groß für sein kleines Land war, eine Flotte von vierundvierzig wohlausgerüsteten, mit über vierzehnhundert Kanonen versehenen Kriegsschiffen und über sechszig Handelsschiffen gebaut, armirt und von Stapel laufen lassen; von hier aus fuhren die kurischen Handelsschiffe unter sicherem Geleit nach seinen Colonien und Factoreien an der Küste von Guinea und auf der Antillen-Insel Tabago; doch die Herrlichkeit dauerte nicht lange und die kurische Flagge, der schwarze Krebs auf rothem Grund, verschwand nach kurzer Existenz für immer aus den Gewässern des Weltmeeres.

Aber das echte kurische Leben spielt sich nicht im Schooße der Städte ab, sondern auf dem Lande, und kaum ein Fünftel der Bewohner Kurlands befindet sich in den Städten. Was Tacitus von den alten Germanen sagt: „Sie wohnen zerstreut und getrennt, wie gerade ein Quell, ein Feld, ein Gehölz zur Siedelung ladet“ – das paßt noch heute auf Kurland, das hierin mit Westfalen, dem Stammlande seiner meisten Adelsgeschlechter, Aehnlichkeit hat.

Dörfer sind hier unbekannt, mit alleiniger Ausnahme von Dondangen und der sieben Freidörfer der sogenannten kurischen Könige in der Goldingenschen Gegend, die schon seit der Ordenszeit 1320 in unabhängigem, erblichem Besitze ihrer bäuerlichen Ländereien sind und sich von den übrigen lettischen Bauern streng abscheiden und fernhalten. Schon Hippel sagt: „Ueberhaupt scheinen die Kurländer zu keiner Stadt Lust und Liebe zu haben. Sie gehören auf’s Land, wo sie auch Geschmack anzubringen wissen.“

Die Richtigkeit dieses letzteren Satzes bestätigt man gern, wenn man so stattliche und schön gehaltene Schlösser und Rittergüter wie Zieren, Katzdangen, Autz, Edwahlen etc. zu Gesicht bekommt. Sind auch nicht alle Güter so groß wie Dondangen am Eingang des Rigaschen Meerbusens, das mit seinen sechszehn Quadratmeilen das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen übertrifft, freilich aber bei weitem nicht den zehnten Theil von dessen Einwohnern aufweist – so sind doch die meisten Güter von so respectablen Dimensionen, daß sie in Deutschland auffallen würden.

Hier auf den einsamen Edelhöfen, fern vom Getriebe der Städte und in innigem Zusammenleben mit der Natur des kalten, nordischen Klimas, entwickelt sich der Kurländer zu jener Originalität und Eigenartigkeit seines Wesens, die ihn ebenso sehr von der gesellschaftlich und diplomatisch feineren Art des Livländers, wie von der etwas sentimental und künstlerisch anlegten Natur des Esthländers unterscheidet und die uns in ihrer kraftvollen Unmittelbarkeit, in ihrer urwüchsigen Derbheit, in ihrer beinahe unerschöpflichen Lebenskraft an Gestalten längst verschwundener Zeiten gemahnt.

Wenn hier von Kur-, Liv- und Esthländern die Rede ist, so sind damit die baltischen Deutschen, die Nachkommen der zu Ordenszeiten und seither eingewanderten Colonisten zu verstehen, welche bei all ihrer unverbrüchlichen Loyalität und Treue gegen Rußlands Kaiser und Reich, dem sie politisch angehören, doch unentwegt durch die schlimmen Stürme der Gegenwart allezeit das Banner deutscher Sprache, deutschen Glaubens, deutschen Rechts und deutscher Sitte hochhalten. Allerdings fällt ihnen dies zumal in einer Periode des Nationalitätsschwindels einerseits und des zerfressenden Nihilismus und des herrschenden Uniformitätsprincips andererseits wahrhaftig nicht leicht.

Auch Kurland, das „Gottesländchen“, das einst und vor gar nicht langer Zeit durch das herzlich-patriarchalische Verhältniß der deutschen Gutsherren zu der eingeborenen lettischen Bauernbevölkernng, durch die stetige erfreuliche Entwickelung der letzteren in materieller und geistiger Wohlfahrt einen so erfreulichen Anblick gewährte, ist jetzt ein Tummelplatz wild entfesselter Leidenschaften geworden. Gewissenlose Volksverführer lassen es sich, leider oft mit nur zu viel Erfolg, angelegen sein, den ursprünglich guten und braven Sinn des Landvolkes zu vergiften. Und doch kann sich die kurische Bauernschaft, was Wohlstand und Sicherheit der Existenz anbetrifft, getrost neben jede Bauernschaft Deutschlands stellen, und das Aufblühen des Landvolkes in materieller wie in geistiger Hinsicht ist doch beinahe einzig und allein das Werk der von den Demagogen jetzt so angefeindeten Barone und Pastoren, deren kräftige, oft derb realistische Gestalten uns so prächtig von Hippel schon im vorigen Jahrhundert vorgeführt wurden. Besser als dieser hat die Kurländer Niemand ergründet; ja man braucht seinen Kurländern nur das Costüm der herzoglichen Zeiten auszuziehen und man hat den Kurländer, wie er jetzt noch leibt und lebt. „In den Kurländern,“ sagt ein baltischer Schriftsteller, Jul. Eckardt, „hat sich der baltische Typus am originellsten ausgeprägt.“ Die in unübertrefflicher Lebenswahrheit von Hippel geschilderte echt kurische Pastorin, die „von väterlicher Seite fünf, von mütterlicher Seite vier Ahnen aus dem Stamme Levi und darunter zwei Pröpste und einen Superintendenten, welcher über die Seelen zu regieren hat, wie der kurische Herzog über die Leiber“, aufzuzählen vermag; der humane und geistreich-derbe Gutsbesitzer, Herr von Geldern, sein Sohn, der nur für Pferde, Hunde und Jagd schwärmende Junker – das sind echt kurische, markige Gestalten, die dem Leser greifbar vor Augen stehen. Und es ist wohl nicht zufällig und bedeutungslos, daß Lessing seinen Tellheim, das Ideal stolzer Männlichkeit und Ehrenhaftigkeit, aus Kurland stammen läßt.

Des Kurländers Leidenschaft ist die Jagd, und stimmungsvoll hat der Künstler der obigen Bilder aus Kurland ein mächtiges Elenn, das stolze Jagdthier kurischer Wälder, wie es vorsichtig schnuppernd aus der Lichtung zur Tränke schleicht, mit aufgenommen. Und Hippel’s Jagdjunker, der „erst Gewehr, dann Bücher“ haben will, der mit aller Welt „Leib und Seel’, nicht Seel’ und Leib“ sagt (wie der Literatus), der mit seinem, zukünftigen Pastor für die Universität wie für das spätere Leben den Plan entwirft: „du studiren, ich jagen“ – ist auch heutzutage noch keine ausgestorbene Species.

Der Ruf der kurischen Jagdgründe und Universitätsfreundschaft mit kurischen Jagdfreunden hat ja auch den eisernen Kanzler in früheren Zeiten in dies Eldorado der Nimrode gelockt, das bis vor Kurzem noch wohl das letzte europäische Land mit „fliegender Jagd“ war, das heißt mit der Berechtigung des Adels, überall auch auf fremdem Grund zu jagen, sodaß ein solcher Jagdzug oft vom Unterland bei Libau beginnend bis Dünaburg einige hundert Werft durchmaß, einige Wochen dauerte und die kurische Gastfreiheit auf den Gütern stark in Anspruch nahm.

Von den deutschen Gutsbesitzern und Pastoren auf dem Lande hebt sich eine andere Gruppe deutscher Elemente, die der sogenannten Literaten, das heißt der Leute mit akademischer Bildung und gelehrtem Berufe in der Stadt, scharf ab. Stehen sich diese beiden Gruppen auch gesellschaftlich oft nur zu schroff und abweisend gegenüber, in der Liebe zum Lande und in dem Kampf für das Deutschthum stehen sie fest zusammen. Der Literat in Kurland ist eine ganz eigenartige Erscheinung, die in ähnlicher Weise sich kaum in den baltischen Schwesterprovinzen, Liv- und Esthland, noch viel weniger in Deutschland ausgeprägt findet. Schroff und „forsch“ im Auftreten, wohl vertraut mit Hieber und Pistole, birgt er unter oft rauher Hülle ein warmes, heißblütiges Herz,

Die Deutschen, welche als Vertreter der höheren Cultur bisher trotz aller Anfechtungen noch immer den ausschlaggebenden Theil der Bevölkerung bilden, sind numerisch allerdings schwach und werden nicht viel mehr als etwa ein Achtel der Gesammtbevölkerung ausmachen. Das Hauptcontingent der aus vielen Nationalitätssplittern (Russen, Weißrussen, Polen, Lithauern, Juden, Zigeunern, den letzten Resten der aussterbenden Liven und Kreewingen) zusammengesetzten Bevölkerung bilden die Letten, Dies Volk, neben den Lithauern (und den im siebenzehnten Jahrhundert ausgestorbenen Altpreußen) zur lithauischen Familie der indogermanischcn Sprachengruppe gehörig und in seinem Idiom zwischen den deutschen und slavischen Sprachen, den letzteren jedoch näher stehend, umfaßt in Kurland, dem lettischen Livland und in der Diaspora kaum anderthalb Millionen. Aehnlich den czechischen, slavischen und magyarischen Consolidationsbestrebungen hat es seit [528] einigen Decennien der Traum eigener nationaler Größe erfaßt und in seinen Volksführern dem früher so eifrig gesuchten Germanenthum abhold gemacht.

Der Germanisationsproceß, der ungezwungen und als naturgemäßes Resultat der Einwirkung höherer Cultur bisher langsam aber stetig um sich griff, wird perhorrescirt und mit dem Slaventhum geliebäugelt, das die „Stammesbrüder“ natürlich mit offenen Armen aufnimmt, ohne aber auch nur im Entferntesten daran zu denken, ein specifisch lettisch-litauisches Volksthum zu fördern. Illusionen in dieser Richtung sind unmöglich, wenn man die Stellung des Russenthums zur litauischen Nation nur einigermaßen in’s Auge faßt. Doch dies erkennen die lettischen Streber nicht oder wollen es nicht erkennen und treiben so in süßen Hoffnungen auf eine dereinstige mächtige Entwicklung nationaler Eigenartigkeit unaufhaltsam dem Russenthum in ganz andere Arme, als die ihres nationalen Traumes.

Es sind dies Verhältnisse, die im Allgemeinen in Deutschland ziemlich unbekannt sind. Die lebendige Fühlung mit dem Mutterlande, die früher eine so innige und starke gewesen ist - man denke nur an die vielfachen Beziehungen deutscher Geistesheroen, wie Herder, Hippel, Haman, Kant etc. zu Kurland – hat mit der Einverleibung Kurlands in’s russische Reich (1795) bedeutend nachgelassen. Nach der Gründung der so rasch aufgeblühten baltischen Landesuniversität Dorpat (1802), diesem Entrepot und Vermittelungspunkt deutscher Cultur für den Osten, schickt Kurland seine Söhne nicht mehr auf deutsche Universitäten, wo sie z. B. in Königsberg, Jena, Göttingen etc. eigene starke Landsmannschaften bildeten. Die deutschen Pionniere an der Ostsee stehen allein in ihrem Ringen gegen die Uebermacht, in ihrem Kampf um die heiligsten Güter, dessen Verlauf und Ausgang allerdings das Herz jedes Deutschen mit banger Sorge erfüllen muß.

F. W.