Chioggia, die Fischerstadt

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Textdaten
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Autor: Th. Gampe
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Titel: Chioggia, die Fischerstadt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 375–379
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Chioggia, die Fischerstadt.[1]

„Was in aller Welt gedenken Sie in 'Dschosa', dem Fischerneste, zu treiben? Dort finden Sie erstens arme Leute, zweitens Bettelleute und drittens Leute, die gar nichts haben. Wünschen Sie 'Dschozzoten' zu sehen, so besuchen Sie lieber die Gallerien! Dort finden Sie solche von Meisterhand gemalt.

Mit diesen Worten beantwortete der Sandwirth von Venedig, der Herbergsvater und Berather aller fahrenden deutschen Künstler und Schriftgelehrten, meine Frage nach dem nächsten Lagunendampfer, der mich nach Chioggia führen sollte. Wider Absicht wuchs meine Entgegnung zu einem kleinen Vortrag an über eine Art von classischer Armuth, die, gleich fern von aller Culturwohlthat wie allem Culturelend, die beste Bewahrerin alter, naiver Volkssitten ist und die das öffentliche Interesse ebenso gut verdient, wie die tausend Ellen bemalter Leinwand und die steinerne Märchenpracht von Sanct Marcus.

Es war gar nicht nöthig, mit dem Goethe'schen Wort vom Hineingreifen in's volle Menschenleben abzuschließen; auch dem Sandwirth erschien in diesem Licht ein lebendiger Chiozzot immerhin noch interessanter als ein gemalter; er warf seinen Mantel über, empfahl sein Hôtel auf einige Tage der Frau Sandwirthin, dampfte mit mir gen Chioggia und ist mit seiner Kenntniß des seltsamen Chiozzotendialektes nicht von meiner Seite gewichen, bis ich ihm sagen konnte: „Meine Studien sind beendet, ich danke Ihnen von Herzen.“

Die sechzehn Seemeilen Fahrt auf der Lagune gehören zweifellos zu den anziehendsten Reisestrecken, welche die graue Vergangenheit unserem Touristenzeitalter bereitet hat. Zur Rechten dehnt sich unabsehbar das prächtige blaugrüne Gewässer mit seinen Hunderten von kleinen flachen Inseln aus, das man oft als Sumpf verleumdet hat. Zur Linken begleitet uns bis Chioggia ein schmaler Inselstreifen, der durch das ewige Zusammenstauen der Salz- und Süßwassermassen entstanden ist, und dahinter wogt die majestätische Adria und umspült die Grundmauern jener Tausende von malerischen Heimstätten, welche der kecke Erdensohn auf dem schmalen Streifen errichtet hat.

Diese Häuserkette zieht sich von Malamocco bis über Palestrina hinaus und ist nur dort unterbrochen, wo das Meer seine Einfallspforten offen hält und seine Wogen in die friedfertigere Lagune hereinrollt; dabei wird der Landstreifen an manchen Stellen so schmal, daß man von hier einen Stein über die Häuser hinweg in's Meer werfen könnte. Hunderte von Fischerbooten mit dem classisch-lateinischen Segel, prächtige Fregatten der jungen italienischen Marine, schwarze, unansehnliche englische Poststeamer, die lautlos, wie Geisterschiffe, mit erstaunlicher Schnelligkeit den Silberspiegel der Lagune aufpflügen, beleben die krystallenen Straßen.

Hinter Porto di Malamocco beginnen die Murazzi, die Riesenmauern, deren Gesammtlänge 5227 Meter, also nahezu zwei Wegstunden beträgt. Die Venetianer errichteten sie im vorigen Jahrhundert, und sie bilden gleichsam das Schlußwerk jener großartigen veretianischen Bauten, vor denen man noch heute mit offener Bewunderung stehen bleibt. Diese Murazzi mußten errichtet werden, weil im Süden der Lagunen die Nehrung nicht allein das Meer zurückhalten konnte, wenn ein Sirocco große Wassermassen in die buchtartige Adria hinauftrieb; die Städte Chioggia, Sottomarina und Palestrina würden wahrscheinlich jetzt von den Fluthen weggespült und Venedig mindestens schwer bedroht sein, wenn die Murazzi nicht stünden. Die Höhe beträgt 10 bis 15 Meter, wovon der größere Theil unter Wasser steht; das Profil stellt ein verschobenes Dreieck dar, dessen obere stumpfe Ecke einen bequemen, schönen Fußweg trägt. Das Gestein zu der halben Million Kubikmeter Mauerwerk lieferten die istrischen Marmorbrüche.

Die lange Gallerie von Seestücken findet mit Sottomarina und Chioggia einen überaus anziehenden Abschluß; sie liegen so flach auf dem Wasserspiegel auf, daß man vermeint, die Wellen, die der kleine Lagunendampfer aufwirft, müssen sie schon unter Wasser setzen; nun kommt hinzu, daß sich das perspectivische Verhältniß beider Orte während der Einfahrt stark verschiebt; dadurch gerathen sie scheinbar in Bewegung, sodaß man in Zweifel sein könnte, wer vorwärts schwimmt, sie oder der Dampfer.

Der Grundplan Chioggias ist leider langweilig und nüchtern, wie der einer jungen amerikanischen City. Die Hauptstraße Vittorio Emanuele und, durch eine Häuserreihe getrennt, der Canal della Vena theilen die Stadt in zwei Hälften; umgürtet ist sie in Hufeisenform vom Canal Lombardo, dessen inneres Ufer Häuserreihen und dessen äußeres kleine Inseln und seichte Lagunen bilden. Quer durch den Ort aber schneidet eine große Anzahl kleiner, enger, durchweg gerader Gassen, die sämmtlich am Canal Lombardo endigen. Jedes einzelne dieser Gäßchen würde ein köstliches Modell für verwahrloste Architektur darstellen – glaubt man doch im ersten Anblick Brandruinen von sich zu haben. Unförmliche Schornsteine erheben sich im Freien; die Mauern sind roh und brüchig; der Kalkbewurf fehlt bis zum ersten Stockwerk gänzlich; die vergitterten engen Fenster sind oft in barocker Laune über die weiße Mauerfläche vertheilt, und daneben neigen sich altersmüde Fensterladen traurig herab nach dem Beschauer, und vielfach sind sie noch garnirt mit sehr fraglichen Wäschestücken. Hier wohnen die armen Fischer, welche 90 Procent der 28,000 Köpfe zählenden Stadtbevölkerung ausmachen, und im anstoßenden Canal Lombardo liegen an hohen Festen, zu denen sie stets heimkehren,

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Die Gartenlaube (1880) b 376.jpg

Die Fischerstadt Chioggia. Nach einer Originalzeichnung von Fritz Stoltenberg.
1. Hafen der Fischerbarken. 2. Wasserschöpfende Chiozotinnen. 3. Fischerhütten. 4. Heiligenbilder am Hafen. 5. Kleine Fischerboote. 6. Schiffswerft. 7. Fischerwohnungen. 8. Ponte Gribaldi. 9. Krebs- und Aalkörbe.

[378] gegen 8000 Fischerbarken und zweimastige Küstenfahrer. In solchen Tagen scheint die Stadt von einer Legion von Riesenbajonnetten umschlossen zu sein.

Ein Besuch der nahen Murazzi wird mindestens den Leser nicht gereuen. Wir suchen sie bei Mondschein auf. Ein schweigsamer Chiozzot rudert uns hinüber nach Sottomarina, und wir beschreiten von hier die Riesenmauern. Das Meer liegt im ewigen Selbstgespräch und bricht sich plätschernd in den Hohlräumen der Schutzblöcke, die in barocker Unordnung den Fuß der Mauern bedecken. Auf der andern Seite liegt in stillem Frieden die Lagune; in unermeßlicher Tiefe ruht ein zweiter gestirnter Nachthimmel, der die Wölbung über uns zur Vollkugel gestaltet, und auf einem Silberstreif schlafen die stillen, schwimmenden Städte mit ihren seltsamen Contouren, die jede ein so vollkommenes Doppelbild geben, als hätte man sie auf einen ungeheueren venetianischen Spiegel hingestellt.

Setze dich hin auf die Murazzi, schließe die Augen eine Weile, suche dich auf einen Augenblick der Wirklichkeit zu entrücken, öffne sie dann wieder – und du hast eine völlig übersinnliche Landschaft vor dir.

Leider sind die Murazzi bei Sturm nicht zu begehen, es sei denn, daß man riskirt, wie ein Kork hinweggespült zu werden. Wie Sturmcolonnen läßt dann das Meer seine Wogen heranrollen, und wenn sie auch ohnmächtig an den Marmorblöcken zurückprallen, so schleudern sie doch in ihrem Grimm Springfluthen hinüber in die Lagune, die genügen würden, eine Fischerbarke mit einem Schlage zu füllen und in den Grund zu drücken.

Wenn man zur Winterszeit die Gassen von Chioggia betritt, könnte man des Glaubens werden, ein Bettelorden bevölkere die Stadt. Die Männer tragen lange, braune Kapuzinermäntel mit spitzer Kapuze und von unbeschreiblich grobem Gewebe. Im Sommer ersetzt den Mantel eine Jacke aus gleichem Stoffe und ebenfalls für Sturm und Regen mit Kapuze versehen. Die Chiozzotin kleidet sich in englischen Kattun. Eigenartig ist, daß sie die Schürze bei üblem Wetter an der Kehrseite anbringt; sie nimmt dieselbe über den Kopf empor und hat sich mit dieser einfachen Toilettenwandlung das Aussehen einer Nonne gegeben.

Verwittert und rauh, wie sein Kleid, sind auch die Gesichtszüge des Chiozzoten. Elf Monate im Jahre schwebt er in seiner Nußschale auf dem Wasser unter Gottes freiem Himmel, und die tausend Seestürme, die um seine Nase pfeifen, sind eben kein Conservirungsmittel für weiche, glatte Haut. Man sieht junge Männer und selbst halbwüchsige Burschen mit Wetterfalten, und die Greise zeigen ein Antlitz, in welchem jede Spur der indoeuropäischen Rasse in tiefen Falten begraben liegt; dazu kommt, daß einer auffällig großen Zahl dieser Veteranen des Meeres die Augen erloschen sind. Die Hornhaut ist bläulich-weiß geworden, wie trübes Milchglas. Solche Blinde beleben zu Dutzenden die Straßen und gehen mit aufgerichtetem Antlitz einem Schimmer nach, der durch die verwitterten Fenster ihres Geistes hereindringt.

Die Chiozzoten sind der Meinung, die scharfe Seeluft verzehre den Spiegel der Hornhaut, ein See-Officier dagegen wollte mich dahin aufklären, es komme vom Waschen im Meerwasser.

Bei all diesem wilden, verwahrlosten Aussehen hat der Chiozzot nichts vom Briganten an sich. Unter dem zottigen, dichten Stirnhaar blickt ein harmloses, gutmüthiges Auge hervor, und die völlig natürliche, affectfreie, selbstbewußte Haltung spricht ebenfalls von einem schlichten, redlichen Männerherzen. Vom lateinischen Typus, der dem Brigantenhaften so günstig liegt, haben sie fast nichts geerbt; sie erinnern mit ihrem sehnigen Körperbau und ihren derben Zügen eher an Nordländer; mindestens hat die bekannte italienische Grazie bei ihnen völlig Schiffbruch gelitten. Auch sind sie bei weitem nicht so lebhaft, wie ihre Stammesgenossen; man sagt, der Venetianer Schiffer braucht mehr Worte beim Löschen eines Weinfasses, als der Chiozzot beim Austrinken. Nur die Freude am Farbigen haben Beide gemein. Eine rothe Mütze, ein rothes Halstuch und im Nothfall nur eine rothe Tascheneinfassung am Mantel, das sind des Chiozzoten Ideale in Bezug auf Kleidung. Die Sandalen und die malerischen Bundschuhe hat er leider durch abscheuliche Holzpantoffeln ersetzt. Stiefel kennen die Fischer von Chioggia nicht. Einige von ihnen besitzen marineblaue Festgewänder, die einen traditionellen Zuschnitt haben; sie führen darin am Meeresstrand Tänze auf oder brilliren damit bei Ruderkämpfen. Das alte Venedig entsendete die costümirten Chiozzoten öfter zu den großen Genueser Seefestlichkeiten, und sie sollen stets mit hohen Ehren dort bestanden haben.

Graziöse Frauengestalten mit der venetianisch tiefen, träumerischen Augengluth hat die Stadt nicht aufzuweisen; das harte Gewerbe der Männer scheint auch auf die Frauen zurückzufallen.

Wie alle Naturkinder, sind auch die Chiozzoten religiös, aber sie sind dies nicht im kirchlichen Sinne. Ihr Gott ist jener Gott, der ihnen die Fische in's Netz treibt, günstigen Wind schickt, oder in Stürmen zu ihnen redet und ihre Nußschale tanzen läßt auf den Wogen der Adria; dabei sind sie sehr abergläubisch und mit allerhand Vorahnungen behaftet. Ihr Gewerbe gestattet keine bestimmte Zeiteintheilung für Schlafen und Wachen, und so sitzen sie meist bei nächtlicher Weile in ihren stets offenen Tavernen und erzählen sich mit tonloser Stimme die haarsträubendsten Geschichten aus der Geisterwelt. Dabei sind sie keineswegs durch Wein erhitzt; sie trinken meist nur Kaffee à Tasse 5 Centesimi (4 Pfg.). In ihren Köpfen leben alle die Meerungeheuer, die flüsternden und singenden Geister der Luft noch, die zum Theil Shakespeare aus italienischen Novellen in seine Dichtungen übertrug.

Die Geistlichkeit hat mit den Chiozzoten ein schweres Stück Arbeit; sie ist gezwungen, die volksthümlichste Sprache zu reden; sie muß selbst den Humor zu Hülfe nehmen, wenn sie diese schlichten Gemüther fesseln will. Die Männer wollen verteufelt wenig von dem Kirchengott wissen, der seine Sammelbecken hinter den Kirchthüren aufgepflanzt hat, und die Frauen und Kinder sind nur dann bei der Katechese festzuhalten, wenn der Geistliche sich in seiner Methode den Policinellovorstellungen nähert. Schulen kennt der Chiozzotenknabe nicht; mit sieben Jahren schon muß er mit hinaus auf die hohe See.

Auch in politischer Hinsicht hat sich das Völkchen keine Ideale gebildet. Die Regierung, die es am billigsten regiert, ist ihm die beste. Aus diesem Grunde sind die Oesterreicher mit ihrem für die Armen allerdings sehr günstigen Steuersystem in sehr gutem Andenken geblieben.

Trotz des gemessenen Wesens geräth doch zuweilen das südliche Blut in Wallungen, und Revolten entzünden sich dann rasch, wie schlagende Wetter. Im jüngsten Frühjahr erhob sich die ganze anwesende Fischerbevölkerung gegen die Stadthäupter, steinigte und vertrieb sie, und was war der Grund davon? – ein Polentakessel. Die Armuth der Chiozzoten gestattet nicht, daß sich jede Familie ein solches Kupfergefäß anschaffen könnte, in denen sie allwöchentlich die Polenta, ihre Hauptnahrung aus Mais und Oel, bereiten. Nun leben in der Stadt einige Kesselverleiherinnen, die für drei Centesimi je eine Polentabereitung ermöglichen. So war es gekommen, daß ein Steuereintreiber fälschlich seine Hand auf einen entliehenen Polentakessel gelegt hatte; die Verleiherin kommt dazu, erhebt ein echt italienisches Weibergeschrei; die anderen Weiber laufen herzu und schreien aus Leibeskräften mit; sie entreißen dem Auspfänder den Kessel und prügeln ihn weidlich durch; die Männer mischen sich ein, ziehen vor's Stadthaus, werfen die Fenster ein und verjagen die Häupter der Stadt. Den Schlußact inscenirten zwei Compagnien Militär aus Venedig, und die letzte Scene wird erst in zwei Jahren stattfinden können, wenn die dreißig Verurtheilten wieder auf freiem Fuße sind.

Standesunterschiede kennt der Chiozzot nicht; seine Bedürfnißlosigkeit macht ihn zum wahren Freiherrn; er würde in derselben Haltung, in der er die Riva degli Schiavoni zu Venedig auf- und abgeht, auch über den Marmor eines Königspalastes schreiten.

Die trauliche Häuslichkeit der Germanen ist dem Italiener überhaupt fremd, am allermeisten aber dem Chiozzoten. Die Wohnungen liegen in den beschriebenen engen Gassen; der elende Kamin wärmt nicht; das vergitterte Fenster leuchtet nicht; die dunklen Heiligenbilder machen die öden Wände nicht freundlicher. Das Kanapee, die Pritsche, die dem ärmsten deutschen Haushalt eine gewisse bärenhäutige Bequemlichkeit giebt, fehlt ganz; kein Kätzchen wärmt sich schnurrend die Pfoten; kein Hund träumt, angeregt durch die Ofenwärme, von Jagdabenteuern; kein flatternder Singvogel durchschmettert die graue Luft im grauen Raum; keine Schwarzwälder tickt in gemüthlicher Schläfrigkeit und hebt mühsam aus, um die Zeitenläufte kund zu geben – die einzigen Lichtblicke sind das stets blanke Kupfergeschirr überm Herd und der reiche Kindersegen auf dem Stubenflötz. Daß es den kleinen Nestlingen oft am Notdürftigsten gebricht, die Blöße zu decken,

[379] das darf uns nicht zu sehr philanthropisch anregen. Einmal müssen die Kleinen für ihren Beruf abgehärtet werden, und dann hat man den Trost, daß es ihnen nie an Nahrung fehlen wird. Ein Chiozzotvater kann eben nur schwer das Linnen für ein Hemdchen beschaffen, aber er könnte doch zwanzig Kinder mit Leichtigkeit ernähren; das Meer ist ja ein unverwüstlicher Ackergrund, und den Mais zur nahrkräftigen Polenta liefert das gottgesegnete Land in hundertfältiger Frucht.

Auf den Schiffen gestaltet sich das Bild weit freundlicher; sie sind nicht alles Schmuckes bar, wie die Wohnungen; einige Fahrzeuge tragen sogar recht gefälliges Schnitzwerk, andere sind wenigstens bemalt. Der häufigste Zierrath ist ein goldener und im Falle des Unvermögens ein gelber Engel, der mit vollen Backen die Posaune bläst. In der Mitte sind die Schiffe offen; der vordere Theil birgt das Magazin für Netze, Geräthschaften und Trinkwasser, in der Cabine am Steuer ist der kleine Feuerherd aufgemauert, an dem auf offener See die Fische für den eigenen Bedarf bereitet werden. Sonderbarer Weise schläft der Chiozzot nicht in einem der gedeckten Räume; er breitet im Mitteltheil seine Binsenmatte aus, deckt sich mit dem Himmel zu und läßt sich von den spielenden Meereswellen einsingen. Nur im Sturm erhält auch dieser Theil des Schiffleins seine Bedachung.

Je zehn bis zwanzig Boote vereinigen sich zu gemeinsamer Arbeit und steuern hinaus auf die heimtückische Adria. Ist das Wetter ihrem Handwerk günstig, so sind die Leute oft mehrere Tage und Nächte ununterbrochen beim Fang, sie sind aber dann auch wieder im Stande, auf schwankender Lagerstätte in eine Art Winterschlaf zu verfallen und den veritabelsten Orkan zu verträumen.

Alle Finessen der Fischerei sind natürlich dem Chiozzoten bekannt: er angelt; er katschert; er fischt und krebst in Körben; er harpunirt – kurz, er hat für jedes nutzbare Seegethier eine eigene Methode, eigene Werkzeuge, und die Tradition hat ihm Zeiten und Umstände überliefert, die am erfolgreichsten für die mannigfachen Fangarten liegen. Zuweilen machen die Leute Riesenfänge, zu denen sich eine größere Anzahl Barken vereinigen; sie werfen Schleppnetze aus, bilden einen weiten Halbkreis und treiben alles Gethier, was sich zufällig in dem gefährlichen Rayon tummelte, gegen eine Sandbank. Sind die Fischkästen gefüllt, dann sieht der Chiozzot nach dem Wimpel, hißt das Segel auf und steuert gerades Wegs auf die Stadt los, die am günstigsten vor dem Winde liegt. So kommt es, daß bald Venedig, bald Triest, bald Zara oder Brindisi mit Fischern aus Chioggia förmlich belagert wird.

Was Menschenwitz in der Wetterprophezeiung überhaupt vermag, das sollen unsere Fischer leisten. Der Flug der Vögel, die Farbe des Wassers, die Windrichtung, die Zähigkeit oder die Trockenheit des Segeltuchs – das sind ihre Wettergläser. Ich weiß nicht, was an dem Ruf Wahres ist; merkwürdig erschien mir die Uebereinstimmung. Ohne jegliche Verabredung erscheinen Hunderte zu gleicher Zeit im Hafen oder verschwinden aus demselben wie auf einen Geisterwink.

Zu jedem gefahrvollen Handwerk gesellt sich ein gewisser Gleichmuth gegen das Leben, bei dem Chiozzoten aber wächst dieser zur Lebensverachtung an. Ich habe zwar nichts Näheres über den Procentsatz erfahren können, der draußen auf hoher See zu Grunde geht, er soll aber ein ganz erschrecklicher sein. Thatsache ist, daß in keiner italienischen Stadt nach dem Einwohnerverhältniß so viele Wittwen ihr Leben fristen, wie zu Chioggia.

Es sei hier zum Schluß ein Wechselgesang der Fischer citirt, der den meisten Lesern als Ausfluß eines verwilderten Gemüthes erscheinen wird, in Wirklichkeit jedoch nichts weiter ist, als ein etwas drastischer Ausdruck für die allgemeine Lebensverachtung, die sich naturnothwendig jedes Menschen bemächtigt, der unausgesetzt dem Tod in's Auge schauen muß. Dem Sinne nach und abgekürzt lautet der Gesang:

Der Sohn ruft:

„Vater, Vater, ich ertrinke.“

Der Vater singt, indem er Feuer anschlägt:

„Pinke, pinke, pinke, pinke!“

Der Sohn:

„Mich verschlingt das Element!“

Der Vater:

„Wart' nur, bis die Pfeife brennt!“

Wir sehen, bei diesem Völkchen haben selbst die Elementargewalten ihre Autorität eingebüßt; die Regierung und die Geistlichkeit kann sich also mit ihnen trösten.

Th. Gampe.
  1. Sprich Kiodscha – im Volksmund: Dschosa.