Ein Feierabendhaus

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Textdaten
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Autor: Arnold Wellmer
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Titel: Ein Feierabendhaus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 379–380
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[379] Ein Feierabendhaus. Feierabend! Welch süßer Klang schon in dem Wort! Ein Klingen wie Abendglocken – Heerdengeläut – Vogelgesang – Kinderjubel muthet uns daraus an, so anheimelnd für's Ohr und Herz, und weckt uns Erinnerung und Sehnsucht nach den glücklichen Tagen der Kindheit, wenn wir alt und müde geworden – und nach der fernen deutschen Heimath, wenn wir draußen in der Fremde sind.

Feierabend – des Lebens! Ein friedlich Ausruhen nach des Lebens Last und Sorge im behaglichen Heim, im Kreise liebevoll sorgender Kinder und zärtlicher Enkel. Auf einem solchen Feierabend ruht des Himmels Segen, wie ein rosiger Sonnenuntergang. Wohl dem, der dies an sich selber erfährt!

Aber wehe dem, der diesen Segen und diesen Frieden nicht kennt! Wehe dem heimathlosen, müden Wanderer, der an seinem Lebensabend nicht weiß, wohin sein Haupt legen! Wehe dem Arbeiter, der alt und krank und kraftlos nichts mehr erwerben kann – und keinen Sparpfennig, keine liebevoll sorgenden Kinder, kein friedlich Heim hat! Hinaus mit ihm auf die öde Landstraße, den Bettelstab in der Hand – in's Armenhaus – in's Hospital – auf den Armenkirchhof!

Und solcher todtmüden, hungernden, heimlosen Arbeiter giebt es auf dieser unvollkommenen Welt Millionen: Arbeiter der Hände und Arbeiter des Geistes, die kein friedlicher Feierabend erwartet, wenn die Sonne untergeht. O, wer diesen Armen und Elenden helfen, wer ihnen einen sorgenlosen Lebensabend bereiten könnte – ein friedlich Sterben und ein freundlich grünes Grab!

Das können wir nicht – bei Allen! Aber gewiß bei Einzelnen. Und da wir's können, ist es auch unsere Pflicht, es zu thun: Jeder nach seinen Kräften und seinem Können – Jeder an seinem Platze und in seinem Kreise.

Und so komme ich heute zu den Hunderttausenden und aber Hunderttausenden, deren Auge auf dieses Wort fällt und die da helfen können, wenn sie wollen, mit der herzlichen Bitte: laßt uns einen kleinen Anfang machen mit einem solchen Feierabendhause für eine Classe vereinsamter alter müder Arbeiterinnen, die kein Heim und kein Brod haben!

Es sind Arbeiterinnen des Geistes und des Herzens, für die ich bitte; Arbeiterinnen, wie sie vielleicht auch für Dich, lieber, glücklicher Leser, wahrscheinlich aber für Dich, liebe, glückliche Leserin, ihre besten Kräfte, ihre treueste Sorge, ihre reinste Liebe gegeben haben.

Ein oft gebrauchtes Wort sagt: die strahlenden deutschen Siege unseres Jahrhunderts hat der deutsche Schulmeister erfochten, der unsere wackeren Soldaten erzog und lehrte. Die Siege, welche unsere deutsche Lehrerin errungen sind weniger geräuschvoll und weniger prunkend, aber sicher ebenso wichtig und bedeutsam für das Vaterland. Sie erzieht, lehrt und bildet unsere Töchter zu deutschen Hausfrauen und Müttern heran, zum Schmuck und zur Krone des Hauses, zum Segen der Familie – zum Wohle des Staates.

Und was ist ihr Lohn – ihr Feierabend?

Abgenutzt – wird die deutsche Lehrerin und Erzieherin fortgeworfen, wie altes, rostiges Eisen. Hunger und Kummer, Sorge und Noth sind ihr Dank. Sie hat nicht einmal ein ruhiges Plätzchen zum Sterben.

Die altmodische deutsche Gouvernante ist bei uns längst zum Typus der lächerlichen alten Jungfer geworden, mit der Jeder ungescheut seinen Scherz und Spott treiben zu dürfen meint. Die gedankenlose – und in dieser Gedankenlosigkeit nur zu oft bitter grausame Welt vergißt gar leicht und schnell, was diese lächerliche alte Schulmamsell, diese überflüssige alte Jungfer einst, als sie jung und frisch und in der Mode war, treu und opfermuthig gearbeitet hat, Segen um sich her verbreitend, säend und pflanzend zu Blüthe und Frucht.

Der sorgenvolle Gedanke an's Alter hat schon mancher deutschen Lehrerin und Erzieherin Kummerthränen erpreßt und ihr den schweren, sauren Beruf noch schwerer und saurer gemacht. Ihr winkt kein friedlicher Feierabend. Was sie in langen arbeitsvollen Jahren vom Verdienst selbst bei größter Sparsamkeit zurücklegen konnte, ist gewöhnlich zu wenig zum Leben – und nur genug zum Sterben. Und der Staat, der für seine jungen und alten Invaliden des Schwertes und Zündnadelgewehres sorgt – für diese Invalidinnen des Friedens, die ihr Leben und ihre Kraft nicht weniger dem Vaterlande widmeten, als der Krieger, für die armen, alten, müden Schulfräulein hat der Staat bis jetzt keinen Pfennig und kein Strohdach übrig gehabt. Nur städtische, festangestellte Lehrerinnen können auf winzig kleine Feierabendpensionen hoffen.

Dürfte ich doch den Herrn Reichskanzler und die Herren Minister hiermit recht herzlich und eindringlich bitten: für diese Invalidinnen friedlicher Arbeit doch alljährlich ebenso beredt und, wenn's sein muß, ebenso drohend vom Staate nur ebenso viele Tausende zu fordern, wie für die Invaliden des Krieges Hunderttausende. Und sollte das nun [380] einmal nicht ohne eine neue Extrasteuer gehen, so fordert auch diese kühnlich vom Lande, das ja der Steuern nicht ungewohnt ist! Fordert diese Lehrerinnensteuer jährlich bei Groschen und Mark ein von den Eltern, deren Töchter die Schule besuchen, gleichviel, ob eine öffentliche oder private, und bei Kronen und Doppelkronen von den Reichen, den Guts- und Schloßherren, die ihren Töchtern eine eigene Erzieherin halten, und Jeder wird die Mark und die Kronen gern bei Kleinem geben, wenn er weiß: diese Steuer kommt dereinst Deiner Lehrerin und Erzieherin zu Gute, wenn sie alt und krank und müde ist. Du sorgst durch diese kleine Abgabe treulich mit für den Feierabend ihres Lebens, an den die Arme jetzt nur voll heimlicher Angst denken kann.

Bis dahin aber, bis der Staat für diese seine wackersten und segensreichsten Mitarbeiterinnen etwas Ausreichendes thut, bis er auch ihnen Invalidenhäuser baut und Invalidenpensionen stiftet – bis dahin sind wir auf Selbsthülfe angewiesen.

So dachte auch ein Kreis von herzensmuthigen Lehrerinnen Rheinland-Westfalens, und sie schossen ihre Groschen und Mark zusammen und veranstalteten kleine Verloosungen zu einem Feierabendhause für die Invalidinnen der Schule – und waren hochbeglückt, als sie hierzu 3000 Mark beisammen hatten.

Das opferfreudige Streben rührte einige edle Männer und Frauen; sie bildeten vor Jahresfrist einen Verein: den müden Lehrerinnen ein Feierabendhaus bauen zu helfen – in dem freundlichen grünen braunschweigischen Städtchen Gandersheim am Harz, in der Nähe der Heilquellen des Herzog-Ludolf-Soolbades. Der Vorsitzende des Vereins ist Superintendent König zu Witten bei Bochum, der Cassirer Gottfried Bansi in Bielefeld. Die vierundzwanzig stimmberechtigten Vorstandsmitglieder gehören meistens dem Lehrerstande an.

Ordentliches Mitglied des Vereins wird jede deutsche Lehrerin und Erzieherin durch Einzahlung von fünf Mark und einen Jahresbeitrag von drei Mark. Außerordentliches Mitglied kann Jedermann werden durch einen Jahresbeitrag von wenigstens drei Mark, oder durch eine einmalige Gabe von wenigstens sechszig Mark.

Das Feierabendhaus für Lehrerinnen und Erzieherinnen wird den Namen „Wilhelm-Augusta-Stift“ erhalten, zur bleibenden Erinnerung an die goldene Hochzeit unseres Kaiserpaares – und in der Hoffnung, daß die Kaiserin Augusta das Protectorat übernehmen werde, sobald die Statuten von der Regierung bestätigt worden sind.

In diesem Wilhelm-Augusta-Stift kann jede deutsche Lehrerin und Erzieherin für ihren Lebens-Feierabend ein Ruheplätzchen finden, wenn sie ordentliches Mitglied des Vereins, 55 Jahre alt oder bei 40 Jahren dienstunfähig geworden ist und mindestens 15 Jahre unterrichtet hat. Auch ein Eintrittsgeld von 300 Mark und eine kleine Jahrespension werden anfangs gefordert werden müssen, bis die Vereins-Mittel es erlauben, darauf zu verzichten. Jede Pensionärin erhält ein freundliches Zimmer nebst Schlafcabinet, freie Verpflegung und freie Curkosten und Bäder im Herzog-Ludolfs-Bade.

Das Vereinsvermögen wuchs mit der Zeit auf 12,000 Mark an. Vor einigen Wochen versuchte auch ich, angeregt durch ein eifriges Vorstandsmitglied, zum Bau mein Sandkörnlein beizutragen. Ich schrieb, anknüpfend an die berühmte alte Gandersheimer Nonne und Dichterin Hroswitha, die vor neunhundert Jahren lebte und sich selber „Clamor validus Gandershemiensis“ nannte, einen Aufruf zum Bau eines Feierabendhauses: „Die mächtige Stimme von Gandersheim“. Diese Stimme ist, wenn auch nur von wenigen großen Zeitungen weiter getragen, nicht wirkungslos verhallt. Dafür zeugen die Hunderte von Zuschriften und die reichen Gaben, welche mir in kaum drei Sammelwochen von allen Seiten zuflossen. Es sind über 1600 Mark, darunter viele Jahresbeiträge, meistens gesammelt in dem kleinen Kreise, der sich um die drei Städte Magdeburg-Leipzig-Halle schließt. Aus unseren großen reichen Städten: Hamburg, Bremen, Köln, Hannover, Braunschweig, Dresden, Breslau, Danzig, Königsberg, Stettin, Stuttgart, München ist bis jetzt kein Pfennig gesandt, weil dort meine Bitte für unser Feierabendhaus noch nicht bekannt geworden.

Um so dankbarer müssen wir jetzt der „Gartenlaube“ sein, die freundlich bereit ist, diesen neuen Aufruf hinaus zu tragen in alle deutsche Lande – und über die Meere in ferne Länder, so weit die deutsche Zunge klingt.[1]

Dieser Erfolg erst giebt mir die frohe Zuversicht: wir werden schon im nächsten Frühjahr in Gandersheim, während die Stadt das tausendjährige Jubiläum der Stiftung der alten Abtei durch Herzog Ludolf feiert, den Grundstein zu unserem Feierabendhause legen können – und wir werden nicht in den Fundamenten stecken bleiben. Die Leser der „Gartenlaube“ haben ja schon oft bewiesen, daß sie das Herz auf dem rechten Flecke haben, bauen zu helfen, wo es ein großes, edles, deutsches Nationalwerk gilt.

Und Jeder von Euch, liebe Leser, kann redlich bauen helfen, wenn er nur redlich will. Der Reiche giebt Goldkronen, Bauholz, Steine – der Arme trägt ein wenig Sand herbei – in Briefmarken. In ähnlicher Weise habe ich auf der kleinen Halbinsel Mönchgut bauen sehen. Das ganze Dorf, Jung und Alt half am Bau. Unten wurde gemauert und gezimmert – und oben wurde schon das Strohdach gelegt. Frauen und Kinder schleppten Sand, Steine, Wasser und Stroh herbei – Jeder nach seinen Kräften und seinem Vermögen. Laßt uns an diesen weltverschollenen, armen Insulanern ein Beispiel nehmen – und Ihr werdet selber Eure Lust daran haben, wie wunderbar schnell der Bau uns unter den Händen aufwächst.

Damit genug für heute – und Gott befohlen! Ich hoffe, wir begrüßen uns an dieser Stelle noch ein oder das andere Mal als gute Freunde. Zunächst habt Ihr das Wort – in klingenden Briefen und Postanweisungen. Die Adresse ist die unterzeichnete:

Blankenburg am Harz.
Arnold Wellmer.
  1. Unsere Leser erinnern sich wohl noch unseres früheren Aufrufes für ein ähnliches Lehrerinnen-Asyl in Steglitz bei Berlin (Nr. 51, Jahrgang 1878). Wenn wir hiermit auch der warmen Befürwortung einer zweiten ähnlichen Stiftung Raum gewähren, so geschieht dies in der Ueberzeugung, daß für die große Anzahl hülfsbedürftiger und im Alter verlassener Lehrerinnen in Deutschland mehr als ein Feierabendhaus wünschenswerth ist, und weil wir keine Gelegenheit versäumen möchten, um der Sache an sich, nämlich der Altersversorgung an ihrem Lebensabend alleinstehender Lehrerinnen und Erzieherinnen, in allerdringendster Weise das Wort zu reden.
    D. Red.