Das „Donauweibchen“ in Prag

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Titel: Das „Donauweibchen“ in Prag
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 776–779
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wenzel Müller mit seiner Tochter Therese in Prag und das „Donauweibchen“
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Das „Donauweibchen“ in Prag.


„In meinem Schlößchen ist’s gar fein,
Komm’, lieber Ritter, nur herein!“
Donauweibchen.


Die Großmutter war es, die uns Kindern dies Lied zuweilen vorsang und in der Dämmerstunde so gern von den schönen Zauberopern Wenzel Müller’s erzählte, und wie man dabei bald hätte lachen müssen, daß die Thränen nur so über die Backen liefen, bald weinen und schluchzen, oder gar sich fürchten, daß die Haut schauderte.

Es hörte sich so köstlich zu, wenn sie so redete und sang, und eben der Regen an die Fenster schlug und der Wind heulte, oder die Schneeflocken draußen umherwirbelten und der Ofen einen lustigen Schein weit hinein in die dunkle Stube warf und wir nicht mehr wußten, was schöner, die Stimme der Erzählerin, die lustigen und traurigen Lieder Wenzel Müller’s, oder das mattbeleuchtete Gesicht der alten Frau, das aus dem weißen Rahmen des Häubchens und der Silbereinfassung des Haares wie ein Heiligenbild aus einer Nische auf uns niederschaute. Man sah und hörte sie Alle vorüberhuschen, schweben und schreiten, jene Nixen und Feen, jene guten und bösen Ritter, jene schönen Burgfrauen und jene Minnesänger mit ihren Harfen. Am liebsten ließen wir uns aber doch von der „Teufelsmühle am Wienerberg“ erzählen und dem grausigen Müller, der sein Weib nur so zum Spaß und Zeitvertreib umgebracht, von den tanzenden Mehlsäcken und dem Casperle, das auf einem Mülleresel zum allgemeinen Gaudium durch die Luft davongeritten.

Damals, als die Großmutter jung war, sang alle Welt die Lieder und Weisen Wenzel Müller’s, und Wolfgang Amadeus Mozart war in den Jahren von 1791–1812 nicht so populär in Deutschland, wie der Componist der „Schwestern von Prag“, des „Sonntagskindes“ und noch zahlloser anderer Singspiele. Die Kinder auf den Straßen Wiens kannten den Leopoldstädter Capellmeister und liefen ihm entgegen, reichten ihm die Hände oder brachten ihm Blumensträuße. Wollten sie ihm doch danken für jene lustigen Stücke, die sie so gern sahen und hörten. Und einzelne seiner Melodien kennt die ganze Welt noch heute und sie werden sich forterben von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Mund zu Mund, so weit die deutsche Zunge klingt, denn sie sind eben in’s deutsche Fleisch und Blut übergegangen – Volkslieder geworden, aber den Namen Dessen, der sie erfand oder festzuhalten verstand, wo sie ihm halblaut entgegenklangen und schwebten, den hat man längst vergessen.


Lichterglanz und ein Gewirr von reichgeschmückten Gestalten füllte die Säle im Palais des kunstliebenden Fürsten L. zu Prag, an einem Sommerabend zu Anfang dieses Jahrhunderts. Die Flügelthüren zu den prachtvollen, weit und breit berühmten Gärten waren geöffnet, alle Wege erleuchtet und in den Gebüschen hatte man einzelne Gruppen von Musikanten aufgestellt, die sanfte Melodieen spielten. Ein Duft von Rosen und Lindenblüthen strömte berauschend daher, Flüstern, Lachen und Plaudern, Suchen und Finden überall. Die Blüthe der Aristokratie der schönen Stadt an der Moldau war versammelt, die Träger der vornehmsten Namen, die elegantesten und bezauberndsten Frauen. Dazwischen tauchten auch einzelne Künstler und Musiker auf, gerngesehene und gewohnte Erscheinungen auf dem Parquet dieses Schlosses; unter ihnen bemerkte man den Componisten Reicha, die gefeierten Cellospieler Wenzel und Franz Styasny und einen jungen Clavierspieler, Componisten und angehenden Musikdirector, Carl Maria von Weber. In keinem Hause in ganz Prag hörte man so häufig gute Musik jeden Genres und in so vollkommener Ausführung, wie eben hier; der Fürst selber leistete als Violinspieler Bedeutendes, und seine Gemahlin, eine geborene Wienerin, an der Harfe zu sehen und heitere Lieder singen zu hören, war ein Genuß für Augen und Ohren zugleich. Heute gab man aber keine jener so beliebten und brillanten Soiréen, zu der sich die Freunde des L.’schen Hauses zu versammeln pflegten; dieser außergewöhnlich zahlreichen Gesellschaft harrte diesmal ein weit selteneres Vergnügen: man wollte Theater spielen, und zwar unter Mitwirkung der Fürstin selber, und hatte das „Donauweibchen“ Wenzel Müller’s in Scene gesetzt.

Mit eben dieser Aufführung hatte es eine eigenthümliche Bewandtniß. Seit einigen Monaten erst war es nämlich den unablässigen Bemühungen der schönsten Frau von Prag, der Fürstin L., gelungen, die Berufung ihres Landsmannes, des berühmten Leopoldstädter Capellmeisters Wenzel Müller, nicht nur zu veranlassen, sondern auch mit einer Energie ohne Gleichen durchzusetzen. Vergebens hatte der Fürst gewarnt vor den Folgen so gewaltsamer Umpflanzung eines alten Baumes, der auf Wiener Boden gewachsen, vergebens die Gebieterin seines Herzens an das brennende Heimweh jedes Wiener Kindes erinnert, ein Heimweh, das die schöne Frau selber durchgekämpft und das sich nur niederhalten ließ durch einen regelmäßigen Winterbesuch der Kaiserstadt – sie wollte nun einmal um jeden Preis den Componisten des bezaubernden Donauweibchens in ihre Nähe fesseln. Wie ein Kind nach dem Weihnachtsbaum, so sehnte sie sich nach jenen vielgerühmten Singspielen, bei denen man doch endlich einmal nach Herzenslust lachen und – weinen durfte.

Wenzel Müller zog also mit seiner kaum fünfzehnjährigen Tochter in Prag ein, mit diesem Abgott seines Herzens, dem Abbild seines todten Weibes, das schon längst auf dem Kirchhofe schlief, allwo man auch den Wolfgang Amadeus begraben. Das reizende Mädchen war von frühester Kindheit an der Liebling Wiens. Sie sang wie eine Lerche, spielte zum Entzücken und tanzte wie eine Sylphide. Geboren in dem Todesjahr Mozart’s, hatte Therese schon mit fünf Jahren die Kinderrollen in den Singspielen ihres Vaters gesungen, und als sie zum Abschied in der Leopoldstadt in Kranitzky’s „Oberon“ auftrat, begrub man sie fast unter Blumen und rief ihr die zärtlichsten Namen zu. Es war eben das Scheiden eines geliebten Kindes aus dem Kreise einer großen Familie. Wie schwer wurde der Abschied dem Vater und der Tochter! Ja, ohne einen Zwischenfall hätte jener die Stelle in Prag, trotz der glänzenden Verbesserung seiner Lage, vielleicht gar nicht angenommen. Das schöne Nannerl, die gefeierte Repräsentantin all’ seiner Heldinnen, sein verzogener, übermüthiger Liebling, war nämlich eben irgend einer Laune und irgend einem Verehrer gefolgt und ohne Urlaub aus Wien verschwunden. Ohne Nannerl Schikaneder aber war ihm die Kaiserstadt plötzlich gründlich verleidet, und so trat er denn, heimlich grollend, seinen neuen Posten an.

Wie anders erschien dem Vater und der Tochter Alles in Prag, wie kühl und fremd wurden Beide von jener Atmosphäre angeweht, in der sie fortan leben sollten! Dennoch hütete sich Eines, dem Anderen diese seine Empfindungen einzugestehen. Die reizende Therese vermißte die Gespielinnen und den großen Freundeskreis schmerzlich. Die vornehmen Damen, die das junge Mädchen Anfangs zu sich kommen ließen, behandelten sie ja nur wie ein neues, anmuthiges Modespielzeug, welches man eine Weile mit Interesse betrachtet, um es dann schnell über einem neuen zu vergessen. Nur eine machte hiervon eine Ausnahme, die schöne Landsmännin der kleinen Sängerin, die Fürstin L. Die bezaubernde Frau mühte sich um so mehr, das junge Mädchen zu sich heranzuziehen, [777] als sie sich nicht verhehlen konnte, daß der Leopoldstädter Capellmeister allem Anschein nach weniger rasch Wurzel in der fremden Erde zu fassen geschickt sei, als sie erwartet. So entzückt sie von der Tochter war, so sehr sah sie sich in dem Vater getäuscht. Sie hatte einen weltgewandten, fröhlichen, leichtherzigen Cavalier zu finden erwartet und sah einen ziemlich mürrischen Mann vor sich, der sogar ihrem Zauber widerstand und über dessen sehr ungezwungene Manieren man in Prag die Köpfe schüttelte. Das reizte denn die schöne Weltdame nach Frauenart; sie wollte mit ihrem Landsmanne durchaus in jeder Weise Ehre einlegen, und die kleine Therese sollte ihr dabei helfen, bewußt und unbewußt. Das junge Mädchenherz wendete sich auch voll und ganz der vornehmen, gütigen Schützerin zu, wie die Blumenknospe sich dem Licht zuneigt. In der Nähe der Fürstin vergaß Therese ihr Heimweh, sie lachte, plauderte und scherzte fast wie daheim, und hätte die finstere Stirn des Vaters nicht einen Schatten auf ihr Leben geworfen, so würde sie ihr fröhliches Wien im Palais L. kaum vermißt haben. Die Jugend findet sich ja so leicht und schnell in eine andere Umgebung, in eine andere Atmosphäre, wenn sie nur hell und warm ist, während das Alter seinen Himmel, seine Sonne, seine Bäume, sein Stückchen Erde, sein Dach haben will und nicht mehr ausdauern kann bei Fremden. Wenzel Müller stand in seiner mächtigen, sorgfältig gepuderten Perrücke und dem gestickten Hofkleide über alle Maßen ernsthaft an seinem Dirigentenpult, so daß Therese, sein Kind, ihn fast nicht erkannte.

In der Leopoldstadt in Wien hatte er sich nie so zu schmücken nöthig gehabt. Da rümpfte Keiner die Nase über den braunen Rock, der schon stark in’s Röthliche schimmerte, über die zerdrückten Manschetten und das keinesweges tadellose Jabot, man war sogar gewöhnt an die regellose Halsschleife und die rauhe Perrücke, die der Capellmeister in der Hitze des Gefechts unbekümmert bald auf diese, bald auf jene Seite zu schieben pflegte. Das schelmische Lachen und Augenzwinkern hatte er auch schon verlernt. Im Anfang bestürmte man ihn, einige seiner Singspiele aufzuführen, da studirte er denn „die Schwestern von Prag“, das „Sonntagskind“ und die „Teufelsmühle“ ein, allein die Sänger behaupteten, daß ihr neuer Capellmeister unerträglich grob in den Proben gewesen sei; sie sangen mit Unlust, und den vielgepriesenen Singspielen konnte man denn auch keinen besonderen Erfolg nachrühmen. Man hatte mehr oder Anderes erwartet und fühlte sich nun enttäuscht. Sein berühmtes „Donauweibchen“ einzustudiren weigerte Wenzel Müller sich aber hartnäckig; in der Hauptfrauenrolle dieser seiner Lieblingsoper wollte er nun einmal keine Andere sehen, als das böse unvergeßliche Nannerl. Selbst den Bitten der Fürstin L. widerstand der neue Operndirector, und das war eine Heldenthat, die mindestens jenem Widerstand bei den bekannten Versuchungen des heiligen Antonius an die Seite gesetzt zu werden verdiente. Schönere Augen hatten nie zu ihm aufgeschaut, halb bittend, halb befehlend; eine weißere Hand nie seinen Arm berührt, wie damals, als er, sein Töchterchen neben sich, vor der holden Gönnerin seines Kindes stand.

„Ich will aber eben das ‚Donauweibchen‘ sehen und hören, das mich in Wien so entzückt hat, und will, daß ganz Prag entzückt ist, wie ich selber,“ hatte sie halb schmollend, halb schelmisch gesagt.

„Dann warten Ihro Durchlaucht, bis das Nannerl, das mir just vor der Hauptprobe der letzten Aufführung in Wien davonlief, wieder da ist. Das Frauenzimmer wird wohl nicht allzulange wegbleiben – denn es weiß so gut wie wir Alle: es giebt nur a Kaiserstadt – ’s giebt nur a Wien!“

„Aber warum soll keine Prager Sängerin die Hulda spielen, eigensinnigster Capellmeister?“ fragte die schöne Frau ungeduldig. „Wir haben ja deren genug am Theater! Und gar Manche, die eben so hübsch wie das passirte Nannerl.“

„Das ‚Donauweibchen‘ kann aber nur ein Wiener Kind so singen, wie ich’s haben will, das weiß die Frau Fürstin selber am besten. In unserm Wien singen, spielen und tanzen wir zum Spaß, hier aber thun sie das Alles im Ernst, das ist der Unterschied. Und das Nannerl? Ihro Durchlaucht meinen doch nicht von Herzen, daß Eine von denen, die hier sind, auch nur halb so hübsch sei, und wenn das Mädel auch schon in die Dreißig! Was mich betrifft, so kenne ich in ganz Prag nur eine Sängerin, bei der ich das Nannerl vergessen könnte, und diese Eine eben – thut’s halt nimmer!“

„Und wer ist dies wunderbare Geschöpf, die noch eigensinniger zu sein scheint als Wenzel Müller?“

„Ihro Durchlaucht sind’s selber!“ lautete die Antwort. –

Seit jenem Zwiegespräch bemerkte man, daß die Fürstin häufiger als je ihre Singübungen hielt und daß die kleine Therese allezeit dabei war und fast täglich im Palais erschien. Auch der junge Carl Maria von Weber wurde häufig dahin beschieden und brachte manche Stunde in der Nähe der beiden Zauberinnen zu. Endlich fanden sich auch einige Sänger vom Theater ein, man hielt Proben über Proben, und so verbreitete sich denn allmählich das Gerücht, man werde beim Fürsten L. eine Oper aufführen.

Während dessen dirigirte Wenzel Müller als ‚Operndirector‘ mit manchem heimlichen Seufzer Mozart’sche, Gluck’sche und Salieri’sche Opern, hier und da einmal Martini’s „Lilla“, worin Therese die Titelrolle zum Entzücken von Prag sang, auch wohl Kranitzky’s „Oberon“. Er konnte der ernsthaften feierlichen Musik nun einmal keinen Geschmack abgewinnen. Nur Mozart hatte sich, wider seinen Willen, in sein Herz gestohlen. „Diese Musik trinkt man nun einmal wie Champagner, und sie schmeckt bei Tag und bei Nacht!“ sagte er; „der alte Wein von dem Ritter Gluck aber, von dem sie so viel Wesens machen, mundet mir wie Medicin, und die habe ich mein Lebtag nicht heruntergebracht. In seinen Opern wird Unsereinem nicht warm noch kalt, und seine wilden Heiden sind doch am Ende nur verkleidete gute Christen, das merkt Jeder – und für Liebesleute hat der Gluck vollends gar nichts ausgedacht. Auch kann man das Zeug, weiß der Himmel weshalb, nur in einem ordentlichen guten Rock dirigiren, es ist eben gewaltig vornehme Musik.“

Am schlimmsten war dem Leopoldstädter Capellmeister aber zu Muth, wenn er in die aristokratischen Häuser Prags, als Componist à la mode, Einladungen erhielt zu musikalischen Soiréen und dann von männlichen und weiblichen Dilettanten seine Lieder singen hören und begleiten mußte. Es überlief ihn dabei gar oft abwechselnd siedend heiß und eiskalt. Waren das wirklich seine alten Weisen? „Ich erkenne mein Eigenthum nicht wieder,“ klagte er seiner Tochter, „wie der Bauer sein Kind nicht erkennt, das man in Stadtkleider gesteckt.“ Er machte bei derartigen Gelegenheiten oft ein so wüthendes Gesicht, daß Therese ihn vor Angst wiederholt am Aermel zupfte und ein Wiener Scherzwort in sein Ohr raunte, damit doch nicht alle Welt so deutlich auf seiner Stirn lesen möchte: „es ist zum Davonlaufen!“ Einmal aber, als ein junger Sänger das Lied intonirte:

„Wer niemals einen Rausch gehabt,
Der ist kein braver Mann –“

und ihm, dem Componisten und Begleiter, über die Achsel hochmüthig zurief: „langsamer!“ – da nahm Wenzel Müller das Notenblatt, riß es in zwei Stücke, schleuderte es auf die Erde und sagte: „trinkt erst ein paar Flaschen Wein, mein Herr, und dann kommt und gebt mir, dem Wenzel Müller, das richtige Tempo meines Liedes an!“ Hierauf nahm er sein Kind an die Hand und verließ den Saal, als ob ihm der Kopf brannte, lief er durch die Straßen, ohne ein Wort zu sprechen. Daheim warf er zuerst seine Perrücke in eine Ecke, umarmte dann seine Tochter und rief endlich ein Mal über das andere: „Jetzt ist mir wohl! Du kannst Dir nicht denken, Reserl, wie’s Einem zu Muthe ist, wenn man endlich wieder einmal hat ausschlagen dürfen! Ich könnte jetzt die ganze Welt vor lauter Freud’ umarmen.“ Dies Ereigniß hatte aber die Folge, daß der größte Theil der vornehmen Gesellschaft den Sünder in Bann that; jene quälenden Einladungen hörten allmählich auf, und Niemand war glücklicher darüber, als der Leopoldstädter Capellmeister.

Indessen bereitete die Fürstin ihre „Strafe für den Eigensinnigen“, wie sie es nannte, in möglichster Stille vor. Das kleine Theater im Gartensalon des L.’schen Palais war fertig und mit aller Pracht ausgestattet. Decorationen und Scenerien hatte man mit einer Sorgfalt hergestellt, als gälte es, die herrlichste Oper Mozart’s von Stapel zu lassen, die besten Sänger, von dem jungen Weber ausgewählt, thaten ihr Möglichstes, um das Donauweibchen des „mürrischen Alten“, wie man Wenzel Müller zu nennen pflegte, tadellos aufführen zu helfen. Die Frauenrollen aber waren in den Händen Therese’s und – der Fürstin selber. Der Componist sollte überrascht werden bis zum Schrecken – so wollte sie es, Niemand durfte ihrem Landsmann das Geringste verrathen. Und so kam denn der große Tag der Aufführung [778] heran, die vornehmen Gäste versammelten sich, man erwartete in ungewöhnlicher Spannung das Emporrauschen des Vorhangs. Wenzel Müller erfuhr kopfschüttelnd endlich vom Fürsten selbst die ihm zugedachte Ueberraschung, die Aufführung des Donauweibchens. Die kleine vorsichtige Therese hatte ihm aber neckisch eine Rose in’s Knopfloch gesteckt, sie wußte, dem Duft und Glanz einer Rose, in welcher Gestalt sie ihm auch erscheinen mochte, hatte der Papa noch nie widerstanden, und da saß er denn auch wirklich mit heitererer Stirn, als man seit langer Zeit an ihm gesehen, und wartete, was man wohl aus seinem Werke machen werde, das zum ersten Mal vor seinen Augen ein Anderer dirigirte. Und der junge Dirigent trat so sicher und ruhig an sein Pult; ein Wink von der schlanken Hand, und das Orchester stimmte den ersten Accord an – der Vorhang rollte auf – das Zauberspiel nahm seinen Anfang. Nixen und Wassergeister, gute und böse Ritter erschienen, das Donauweibchen aber sang mit den süßesten Tönen:

„In meinem Schlößchen ist’s gar fein –
Komm, lieber Ritter, nur herein!“

Und als „Hulda“ erschien, die Reizende, da starrte der Leopoldstädter Capellmeister wie im Traum auf sie hin. War das nicht Nannerl, die Unvergeßliche, Davongelaufene?! Freilich viel, viel schöner, viel jünger, viel zarter, aber dennoch das Nannerl, in Costüm, Haltung, Bewegung, Lächeln und Blick, die reizendste aller Copien. Aber die Füßchen, nein, solche Aristokratenfüßchen hatte doch das Nannerl nie gehabt! Die war allezeit derb aufgetreten und ihre Doppelgängerin schwebte einher, als könnte sie kein Gräschen zertreten. Und er ließ sie nicht aus den Augen, diese liebliche Gestalt, er hörte nichts als sie; wie verzaubert kam er sich vor, es war ihm, als ob es Nannerl sei, die da sang, und doch klang’s wieder zuweilen ganz anders. Hier und da wurde eine kleine Verzierung, ein Triller, ein Mordant eingeschoben, wie sie jene andere Hulda doch nie über die Lippen gebracht. Das Herz Wenzel Müller’s schmolz in Rührung und Erinnerung, er vergab jenem treulosen Quälgeist in Wien in diesem Augenblick Alles, selbst das Davonlaufen. Er merkte nicht, daß ihm die hellen Thränen aus den Augen stürzten, wohl aber, daß der kleine Capellmeister dort oben seine Oper meisterhaft dirigirte, daß die Sänger Wunder thaten und die Aufführung eine tadellose war. Weit, weit fort schwammen die Gedanken auf den weichen Wellen der Töne, zurück zu jenem Abend, wo er sein Donauweibchen zum ersten Male vor der jubelnden Menge in Wien dirigirt, sechs Jahre nach Mozart’s Tode, und Joseph Haydn damals in der kleinen Seitenloge saß, mit seinem heitern Kindergesicht herüberwinkte und lächelte und der kleinen sechsjährigen Therese, die wie eine Elfe auf der Bühne umhergaukelte, eine Kußhand zuwarf.

Und während all’ dieser Träumereien erklangen jene schlichten Weisen, die Jeder schon einmal gehört zu haben meinte, aber Keiner wußte wo, Melodien, die Allen an’s Herz gingen und wunderliche Empfindungen brachten: Erinnerungen an die frohe Jugendzeit, an die Lieder der Mutter, an den ersten Kuß der Geliebten, man lachte und doch schimmerten viele Augen feucht.

Endlich rief man den Namen des Leopoldstädter Capellmeisters in heller Begeisterung, als der Vorhang gefallen und das Märchen ausgespielt war, wieder und wieder klatschte man in die Hände. Es war, als wäre man im Leopoldstädter Theater in Wien, so jubelte und lärmte Alles! Wenzel Müller aber taumelte, wie ein Nachtfalter vom hellen Lichte berauscht, empor, und war mit einem Satz hinter den Coulissen. Da stand das Nannerl – ihm geradezu mundrecht im Wege – wie er meinte, und da hatte er sie in seine Arme gefaßt, ehe er’s selber noch recht wußte, und – hatte einen gewaltig herzhaften Kuß auf die rosige feine Wange gedrückt. „Ich habe ja immer gesagt,“ rief er mit bebender Stimme, „nur ein Wiener Kind kann diese meine Weisen richtig singen!“

Und seine Halsschleife saß auf der rechten und seine Perrücke saß auf der linken Seite, und Therese zupfte ihn wieder einmal halb lachend und halb ängstlich am Aermel wie so manches Mal und rief: „O Papa, besinne Dich doch – es ist ja nicht das Nannerl!“

Die schöne Doppelgängerin der Davongelaufenen aber befreite sich aus dem umschlingenden Capellmeisterarm, legte, über und über erglühend, die zierlichen Finger auf die Lippen des Mädchens und flüsterte: „Still, still, Kleine! Ich bin selber schuld daran. Er hat Recht, das Donauweibchen klingt doch am besten im Leopoldstädter Theater in Wien. Wir müssen eiligst das wirkliche Nannerl für ihn einfangen und ihn wieder in die schöne Heimath zurücksenden. Ich bin eine ungeschickte Gärtnerin gewesen; nicht alle Bäume vertragen eine Verpflanzung. Ein ‚braver Mann‘ bleibt er aber doch, der Leopoldstädter Capellmeister,“ setzte sie mit einem zauberischen Lächeln hinzu, „Du weißt ja, Therese, wie es in jenem Liede heißt, das er dem Grafen N. vor die Füße geworfen! Er hat heut’ nun seinen kleinen ‚Rausch‘ gehabt, und solch’ einen ‚Rausch‘, das sage ich Dir in’s Ohr, Kleine, verzeihen wir am allerleichtesten.“

Welche Lippen diese kleine Geschichte weiter geplaudert, – wer weiß es?

Thatsache ist, daß Wenzel Müller bald nachher seinen vornehmen Posten in Prag niederlegte und wieder Capellmeister an der Leopoldstadt wurde, – auch das wirkliche Nannerl fand sich ein, – allein nirgend steht geschrieben, daß sie ihn bei den zahllosen Aufführungen des Donauweibchens jemals wieder so berauscht, wie ihre reizende Doppelgängerin im Gartensalon des Fürsten L. –

Eine Zeitlang beherrschten die lustigen Singspiele und Zauberopern Wenzel Müller’s noch die Bühne, und manches Herz wurde leicht und froh bei seiner leichten frohen Musik. Man sagte auch, daß er es verstanden, einem Königskinde, das sonst nie lachte, ein Lächeln abzuzwingen: der junge, schwermüthige Herzog von Reichstadt bestellte zuweilen eine Oper Wenzel Müller’s.

Dann wurden allmählich die Menschen und die Zeiten ernst und immer ernster und wollten keine Zauberpossen mehr sehen und hören, und da legte der alte Capellmeister den Tactstock nieder, den er so viele Jahre geschwungen, und betrat das Leopoldstädter Theater nur, wenn man eine Weber’sche Oper gab. Dann aber fehlte Wenzel Müller gewiß nie unter den Zuschauern; er lauschte fast mit der Aufmerksamkeit eines Kindes, schlug den Tact, und über sein runzelvolles Gesicht flogen helle Freudenlichter. Wenn am Schlusse ein Sturm des Jubels durch das Haus brauste, äußerte er seinen alten Freunden gegenüber: „Das hat er von mir gelernt, er singt eben Lieder für’s Volk. Ich hab’ mir gleich gedacht, daß etwas Ordentliches aus ihm werden würde, als er in Prag mein Donauweibchen dirigirte, und es war klug von den Leuten, daß sie ihn damals dort zu meinem Nachfolger machten.“

Einsam, recht einsam lebte aber der alte Capellmeister. Aus der kleinen reizenden Therese Müller war mittlerweile eine glückliche Frau und berühmte Sängerin geworden, allein Madame Grünbaum lebte in Berlin, fern vom geliebten Vater. Man trug sie auf Händen in der Fremde wie damals in Wien und Prag, und wenn ihre zärtlichen Briefe kamen, in denen sie von den Triumphen redete, welche sie als Agathe, Rezia, Preciosa und Euryanthe feierte, da lächelte Wenzel Müller und gedachte immer und immer jenes Abends in Prag, wo Carl Maria von Weber den Tactstock schwang und das Donauweibchen lockte:

„In meinem Schlößchen ist’s gar fein,
Komm, lieber Ritter, nur herein!“

Zuweilen, wenn er durch die Straßen Wiens schlenderte, blieb er wohl lauschend stehen, denn hier und da tönten ihm bekannte Laute entgegen: man sang seine alten Lieder. Wenn er aber näher trat und schalkhaft lachend fragte, wer jenes ‚hübsche Ding‘ wohl gemacht, da sah man ihn verwundert an – den Namen des Componisten wußte Niemand mehr, doch den Liedern selbst fehlte keine Note. – Eines Tages ließ ihm aber doch die Sehnsucht nach dem fernen Kinde keine Ruhe mehr, und so faßte Wenzel Müller endlich den kühnen Entschluß, seinen Liebling in Berlin zu besuchen. Als er nach anstrengender Reise in der preußischen Residenz ankam und in der Wohnung Theresens nach Madame Grünbaum fragte, wies man ihn in’s Theater; „sie singt heut’ die Marcelline und die große Milder den Fidelio,“ berichtete man ihm. Der Leopoldstädter Capellmeister schwankte einen Augenblick. Er hatte bis zur Stunde Beethoven’s Fidelio noch nie gehört und – nie hören wollen. „Was sie für ein Geschrei machen von einem Componisten, der nur eine einzige Oper erfunden hat,“ sagte er oft unwillig, „während man mich, der ich doch mehr als hundert Mal so viel schrieb und dazu noch ganze Ballen für die Kirche liegen habe, bei lebendigem Leibe begräbt.“ Und so hätte er auch in Berlin den Fidelio nicht [779] besucht, denn das vergab er dem Beethoven nicht, allein die Sehnsucht, die geliebte Tochter einige Stunden früher zu sehen und zu hören, war schließlich dennoch stärker als jeder andere Wille.

So saß er denn, ehe er’s sich versah, wirklich im Theater, überwältigt von den verschiedensten Empfindungen, starr und fast regungslos, und ließ das grandiose Werk Beethoven’s an sich vorüberziehen, zuweilen schüttelte er kaum merklich mit dem Kopfe und dann und wann hob ein tiefer Seufzer seine Brust. Kein Auge verwandte er von der Bühne. Nur einmal zuckte es wie Sonnenschein über sein Gesicht, als nämlich Therese-Marcelline in ihrer Lieblichkeit erschien und die süße Stimme wie Nachtigallenschlag durch das Haus zog:

„Mir ist so wunderbar –“

„Brav, mein Mädchen!“ flüsterte er glückselig vor sich hin. „Du singst sie doch noch Alle in den Grund!“ Keinen Ton verlor er indeß auch von den Lippen der Milder, jener Frau, von deren Stimme Joseph Haydn einst staunend gesagt hatte, als sie als junges Mädchen vor ihm gesungen, sie sei wie ein „Haus“! – Sagenhaft tönt der Bericht von der übermächtigen Klangfülle dieses wunderbaren Organs in unsere Tage herüber, und als der alte Leopoldstädter Capellmeister jenen silbernen Schrei aus dem dreigestrichenen b jetzt von ihr hörte:

„Tödt’ erst sein Weib!“

den keine Sängerin nach ihr gewaltiger ausströmte, da schluchzte er wie ein Kind. – Wie damals in Prag nach der Vorstellung des Donauweibchens eilte er hinter die Coulissen, als der letzte Ton verhallt, doch seine Arme schlangen sich diesmal um die Tochter, – für die Darstellerin des Fidelio hatte er nur den Ausruf: „Milder! Sie sind eine furchtbare Creatur!“ – Und an jenem Abend gestand er seinem Kinde ganz heimlich, aber nur eben Theresen, daß er Alles, was er sein Lebelang geschrieben, dahin gäbe, wenn er das „eine Ding“, den Fidelio gemacht.

Seit jenem Abend ist er nicht wieder recht froh geworden, der Componist des Donauweibchens, und wenige Monate später ging er nach Baden bei Wien, um, wie er sagte, die unverdaulichen melancholischen Gedanken wegzuspülen. Dort war es, wo ihn seine Todeskrankheit, ein hitziges Fieber, befiel. Die treue Tochter, begleitet von ihrem rosigen Kinde, ihrem lieblichen Ebenbilde, eilte bei der Nachricht seines Erkrankens nach Baden, um ihn zu pflegen. Die Krankheit schien auch bald überwunden, nur die Schwäche wich nicht. Er ließ sich während dieser Zeit viel aus dem Fidelio vorsingen; dazwischen verlangte er auch wohl Weber’s „Schöner, grüner Jungfernkranz“ zu hören und wiederholte allezeit lächelnd: „Das hat der Satansgesell mir aus dem Herzen gestohlen.“ – Und am letzten Tage seines Lebens, so erzählte man sich, in der späten Nachmittagsstunde, als die Fenster nach dem Garten hin offen standen und Lindenblüthenduft die kleine Stube füllte und die reizende kleine Enkelin die ersten Rosen pflückte für den kranken Großpapa, da zogen auf der Straße fröhliche Sänger vorüber mit dem lustigen Liede:

„Wer niemals einen Rausch gehabt,
Der ist kein braver Mann!“

Plötzlich stand es wieder auf in Wenzel Müller’s Antlitz, jenes alte Schelmenlächeln, das man so lange nicht dort gesehen, die Augen leuchteten, und die matte Hand auf die Hand seiner Tochter legend, sagte er leise: „Hörst Du, was sie singen? Der Wenzel Müller läßt sich genügen an diesem Ruhm! – So lange es noch lustige Burschen giebt, wird man auch seine Lieder lieben und singen. Und ein ‚braver Mann‘ war er selber auch, – hat sie’s doch gesagt und Du kannst es bezeugen. Aber einen schönern ‚Rausch‘, als an jenem Abend – Du weißt’s, Reserl – hat der Leopoldstädter Capellmeister sein Lebtag nicht gehabt. Das Prager Donauweibchen war doch gar zu hübsch!“ –

Damit legte er den Kopf zurück, drückte eine Rose an seine Lippen – und schlief ein, um nicht wieder zu erwachen.

Im Garten aber sang eine süße Mädchenstimme:

„In meinem Schlößchen ist’s gar fein,
Komm, lieber Ritter, nur herein!“