Das Braunkohlenbergwerk des Reichenberger Kohlenbau-Vereins in Hartau

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Titel: Das Braunkohlenbergwerk des Reichenberger Kohlenbau-Vereins in Hartau
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aus: Album der Sächsischen Industrie Band 1, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 1, Seite 54–55
Herausgeber: Louis Oeser
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Album der Sächsischen Industrie Band 1 0109.jpg

Braunkohlen-Bergwerk des Reichenberger-Kohlenbau-Vereins in Hartau.

[54]
Das Braunkohlenbergwerk des Reichenberger Kohlenbau-Vereins in Hartau.
(Mit Abbildung.)


Verfolgt man von Zittau aus die Straße nach der Nachbarstadt Gabel, so bemerkt man in kurzer Zeit südöstlich zwei hohe Dampfessen und gelangt in ohngefähr drei Viertelstunden nach dem Dorfe Hartau, welches bereits seit 1377 im Besitz der Stadt Zittau ist, welche zwar dieses Dorf gleich den andern Gütern bei dem traurigen Pönfall verlor, dasselbe aber laut Urkunde vom 18. November 1549 „nebst etwaigen Schätzen und Bergwerken“ für 3500 Thaler baar von dem König Ferdinand zurückkaufte. Allerdings wird man damals nicht an jene unterirdischen Schätze, welche man heute hier aus der Erde fördert, auch nur im Entferntesten gedacht haben.

Das Bergwerk liegt in der Nähe des Dorfes und der Neiße und ist Eigenthum des Reichenberger Kohlenbau-Vereins, dessen Actien sich durchgängig in festen Händen befinden und zwar in denen der größten Fabrikbesitzer und Kaufleute des benachbarten Böhmens, die zum Theil auch selbst Consumenten der hier ausgebrachten Kohlen sind. Es hat

zwei Dampfmaschinengebäude, in denen sich auch das Comptoir, die Maschinenschlosserei und die Wohnungen der Beamten befinden.

Aus mehreren anderen Baulichkeiten, als Kohlenschuppen u. s. f. befinden sich noch dabei ein Kalkofen und eine Ziegelei und es gehören noch einige Bauergüter und Gartengrundstücke dazu.

Die Umgebung des Werkes ist reizend und zum Theil romantisch, denn es liegt in geringer Entfernung von dem hohen, waldigen und felsigen Haideberg, in dessen Nähe, verborgen in dunkler Waldung, die Ruinen der alten Veste Karlsfriede sich befinden. Man überschaut die ganze sich zwischen Sachsen und Böhmen hinziehende Gebirgskette, sowie das 1255 durch König Ottokar Premislaus zur Stadt erhobene Zittau mit seinen stattlichen Thürmen, dem emporragenden Rathhaus – ohnstreitig das prachtvollste Sachsens und eins der schönsten Deutschlands – seinen zahlreichen, zum Theil palastartigen Neubauten, durch welche die letzten Spuren der durch das österreichische Bombardement vom 23. Juli 1757 bewirkten Einäscherung der Stadt vertilgt sind, und den seine industrielle Thätigkeit bekundenden hohen Dampfessen. Seitwärts liegt die eine halbe Stunde entfernte böhmische Grenzstadt Grottau und kaum eine Viertelstunde entlegen, das gräflich Clam-Gallassche Kohlenbergwerk.

Als Branchen umfaßt das Etablissement außer der Kohlenförderung auch die Ziegelei und Kalkbrennerei.

Die hier geförderten Braunkohlen enthalten weit weniger Schwefelkies und Alaun, als die aus anderen Werken dieses Gebiets und sind anerkannt die besten in ganz Sachsen, sie finden ihren Hauptabsatz nach Reichenberg in Böhmen, Zittau und Umgegend und Warnsdorf nebst Umgegend.

Im Gange sind zwei Dampfmaschinen, die eine von sechszehn, die andere von fünfzig Pferdekraft, und dienen dieselben nur zum Auspumpen des Grubenwassers, welches in unglaublicher Menge in dem Kohlenlager vorhanden ist.

[55] Beschäftigt sind hier fortwährend:

2 Comptoristen,
3 Maschinisten,
1 Schichtmeister und Administrator,
1 Controlleur,
1 Obersteiger,
2 Untersteiger und
250 Leute.

Die Kohlenförderung beträgt das Jahr circa 500,000 Scheffel.

Die Procura trägt gegenwärtig Herr Franz Johann Haasler.

Auf Veranlassung des nun verstorbenen Herrn Carl Herzig in Reichenberg bildete sich im Jahre 1833 aus Fabrikbesitzern und Kaufleuten jener Stadt ein Verein, dessen Zweck die Aufsuchung und Abbauung von Kohlen war und noch in demselben Jahre bei dem benachbarten böhmischen Kohlenwerk Bohrversuche anstellte, ohne jedoch irgend einen Erfolg zu erzielen. Der Verein wendete sich jetzt nach Sachsen und faßte Hartau ins Auge, stieß aber von Seiten der Grundbesitzer wegen pachtweiser Ueberlassung des Kohlenlagers auf ungeheuere Schwierigkeiten, die zu überwinden einen harten Kampf kostete und erst nach langen Verhandlungen gelangte man 1835 zur Anstellung von Bohrversuchen, welche über Erwartung befriedigend ausfielen, worauf sogleich Schachte geteuft wurden.

Man fand ungeheure Vorräthe wenig verkohlten Eichenholzes, unter achtundzwanzig Fuß Kohlen eine Schicht Schieferthon, worauf wieder zweiundfünfzig Fuß Kohlen folgten, Reliquien der ungeheuren Waldungen der Vorzeit. Merkwürdiger Weise fand man auch hier, in großer Tiefe und mitten unter den verkohlten Stämmen einen dreieckigen, großen, eisernen Nagel.

Die oberen Flötze waren bald abgebaut und die tieferen machten wegen dem sich immer häufiger einstellenden Grubenwasser eine Dampfmaschine zum Wasserpumpen nöthig, welche 1838 gesetzt wurde. Diese zeigte sich jedoch zu schwach, je mehr man in die Tiefe gelangte, und so mußte 1853 eine zweite von fünfzig Pferdekraft gesetzt werden.

Diesem Werk steht binnen kurzer Zeit eine noch größere Hebung des Verkehrs bevor, indem von der jetzt im Bau begriffenen Zittau-Reichenberger Eisenbahn eine Zweigbahn nach Hartau geführt werden wird.

Der Kohlenbau-Verein besitzt überdieß noch

ein Braunkohlenbergwerk zu Eckartsberg und
eins dergleichen zu Groß-Poritsch.

Letzteres ist bereits zehn Jahre im Betrieb und an den Verein gegen Tonnenzinsrente von dem Besitzer, Herrn G. A. Mönch auf Groß-Poritsch, verpachtet und wird daselbst gegenwärtig eine Dampfmaschine gesetzt.