Das Gespenst (Gedicht, Gellert)

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Das Gespenst
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 29–30
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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Das Gespenst.


Ein Hauswirth, wie man mir erzählt,
Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält.
Er ließ, des Geists sich zu erwehren,
Sich heimlich das Verbannen lehren;

5
Doch kraftlos blieb der Zauberspruch.

Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren,
Und gab, in einem weissen Tuch,
Ihm alle Nächte den Besuch.

Ein Dichter zog in dieses Haus.

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Der Wirth, der bey der Nacht nicht gern allein gewesen,

Bat sich des Dichters Zuspruch aus,
Und ließ sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
Das, wo nicht seinem Wirth, doch ihm sehr wohl gefiel.

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Der Geist, den nur der Wirth, doch nicht der Dichter sah,

Erschien, und hörte zu; es fieng ihn an zu schauern;
Er konnt es länger nicht, als einen Auftritt, dauern;
Denn, eh der andre kam, so war er nicht mehr da.

Der Wirth, von Hoffnung eingenommen,

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Ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen.

Der Dichter las; der Geist erschien;
Doch ohne lange zu verziehn.
Gut! sprach der Wirth bey sich, dich will ich bald verjagen;
Kannst du die Verse nicht vertragen?

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Die dritte Nacht blieb unser Wirth allein.

Sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken;
Johann! fieng drauf der Wirth gewaltig an zu schreyn,
Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte seyn,
Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.

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Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand,

Der Diener sollte ja nicht gehen.
Und kurz, der weisse Geist verschwand,
Und ließ sich niemals wieder sehen.



Ein jeder, der dieß Wunder liest,

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Zieh sich daraus die gute Lehre,

Daß kein Gedicht so elend ist,
Das nicht zu etwas nützlich wäre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut:
So kann uns dieß zum großen Troste dienen.

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Gesetzt, daß sie zu unsrer Zeit

Auch legionenweis erschienen:
So wird, um sich von allen zu befreyn,
An Versen doch kein Mangel seyn.

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