Das Gespenst an der Kanderer Straße (Badisches Sagen-Buch)

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Siehe auch: Gespenst an der Kanderer Straße (Werkausgabe 1834)
Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Das Gespenst an der Kanderner Straße
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 242–243
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Kurzbeschreibung:
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[242]
Das Gespenst an der Kanderer Straße.

’s git G’spenster, sell isch us und isch verbei!
Gang nummen in der Nacht vo Chander hei,
Und bring e Ruusch! De trifsch e Plätzli a,
Und dört verirrsch; i setz e Büeßli dra!

5
Vor Ziten isch nit wit vo sellem Platz

E Hüsli gsi, e Frau, e Chind, e Chatz
Hen g’othmet drinn. Der Ma het vorem Zelt
Si Lebe g’lo im Heltelinger Feld.
 
Und wo sie g’hört: „Di Ma lit unterm Sand!“

10
Se het me gmeint, sie stoß de Chopf an d’Wand.

Doch holt sie d’Pappe no vom Füür und blost,
Und git’s im Chind und seit: „Du bisch mi Trost!“

Und ’s wär’s au gsi. Doch schlicht emol mi Chind
Zur Thüren us, und d’Muetter sitzt und spinnt,

15
Und meint, ’s seig in der Chuchi, rüeft und goht,

Und sieht no just, wie’s uffem Fueßweg stoht.

Und drüber lauft e Ma, voll Wi und Brenz,
Vo Chander her an’s Chind und überrennt’s,

[243]

Und bis sie’m helfe will, sen isch’s scho hi,

20
Und rüehrt si nit – e flösche Bueb isch’s gsi.


Jez rüstet sie ’ne Grab im tiefe Wald,
Und deckt ihr Chind und seit: „I folg der bald!“
Sie setzt si nieder, hüetet’s Grab und wacht,
Und endli stirbt sie in der nünte Nacht.

25
Und so verwest der Lib in Luft und Wind.

Doch sitzt der Geist no dört und hüetet’s Chind;
Und hütigs Tags, de Trunkene zum Tort,
Goht d’Chand’res Stroß verbei an selbem Ort.

Und schwankt vo Chander her e trunkne Ma,

30
Se sieht’s der Geist si’m Gang vo witem a;

Und füehrten abwärts, seig er wer er sey,
Er loßt en um kei Pris am Grab verbei.

Er chunnt vom Weg, er trümmlet hüft und hott,
Er bsinnt si: „Bini echterst, woni sott?“

35
Und luegt und lost, und mauet öbbe d’Chatz,

Se meint er, ’s chrei e Guhl an sellem Platz.

Er goht druf dar und über Steg und Bruck,
Se maut sie eben all’wil witer z’ruck;
Und wenn er meint, er seig jez bald dehei,

40
Se stoht er wieder vor der Weserei.


Doch, wandle selli Stroß her nüchteri Lüt,
Se seit der Geist: „Ihr thüent mi’m Büebli nüt!“
Er rührt si nit, er loßt sie ordeli
Passieren ihres Wegs. – Verstöhntder mi?

J. Peter Hebel.