Das Haus- und Zimmerturnen

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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Das Haus- und Zimmerturnen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 415–416
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Haus- und Zimmerturnen.

Der Mensch ist, genau betrachtet, zur Zeit doch noch ein recht närrischer Kerl, voller komischer Rücksichts- und Schicklichkeitsansichten, zusammengesetzt aus Vorurtheilen, Aberglauben und Unglauben, mit unbesiegbarer und leichtsinniger Liebe zur Ruhe und Bequemlichkeit, das allgemeine Beste der Menschheit immer nur wollend, aber wegen des eifrigen Strebens nach eigenem Wohlbefinden nicht energisch fördernd. Kurz ein Geschöpf, was in der Zukunft noch ganz anders werden muß, wenn es seine, ihm vermöge seiner Organisation zugehörige Stellung in der Natur ordentlich ausfüllen will. Recht deutlich zeigt sich dieser jetzige Menschencharakter auch, wenn auf das Turnen (in zweckmäßigen und, bei unserer jetzigen Civilisation ganz unentbehrlichen Körperbewegungen bestehend) die Rede kommt und dieses zur Erhaltung und Erreichung der Gesundheit anempfohlen wird. Was für Gründe werden da nicht von den Meisten hervorgesucht, um sich oder die Ihrigen davon loszumachen, obschon sie das Turnen nur vom Höhrensagen kennen. Es macht garstige starke Hände, dicke Knöchel und eine plumpe Figur, behaupten die Mütter von Töchtern; – die gehörige Aufsicht über unsere Kinder fehlt auf dem Turnplatze und unsere Kinder sind lebhaft (d. h. ungezogen); – das Turnen schickt sich für uns Frauen nicht; – meine vielen Geschäfte gestatten mir nicht zu turnen; – ich bin schon zu alt und steif dazu; – warum soll ich denn noch turnen, ich bin ja gesund; – die Gesellschaft auf dem Turnplatze gefällt mir nicht, sie ist zu gemischt; – ich habe früher einmal geturnt, aber es bekam mir nicht; – man muß sich ja schämen, wenn man die Uebungen nicht so gut wie die Andern machen kann; – es könnte ein falsches Licht auf mich fallen, wenn ich den Turnplatz besuchte, das Turnen ist doch immer noch mißliebig u. s. f.

Alle diese Ausflüchte sind hohle Redensarten und Lügen, um theils die Faulheit, theils die Eitelkeit und Furcht zu bemänteln. So viel Zeit kann gewiß Jeder erübrigen, um wöchentlich einige Mal zweckmäßige und seiner Gesundheit dienliche Turnübungen vorzunehmen, da doch zum Biertrinken, Kartenspiel, Thee- und Kaffeeklatsch u. s. f. immer genug Zeit gefunden wird. Was aber das Alter und Geschlecht betrifft, so ist das Turnen, wenn es nur dem Körper richtig angepaßt wird, ebenso für den Greis, wie für Mädchen und Frau vortheilhaft. Es macht übrigens auch, sobald es nicht einseitig betrieben wird, den Körper nicht unschön oder plump, sondern schön, erhält jung und schafft dem Gesunden eine dauerhaftere Gesundheit auch noch für seine spätere Lebenszeit. Wem das Turnen schlecht bekommt, der trieb dasselbe falsch; der Ehrgeiz beim Turnen darf nur nicht zu Gesundheitswidrigkeiten verführen; alte Herren müssen nicht Herkulese und Springinsfelde werden wollen, Matronen nicht Backfische (so heißen bei uns zu Lande die Mädchen, welche zwischen Schulmädchen und Jungfrau [416] mitten inne stehen), ausgemergelte knickbeinige Wüstlinge nicht stramme Burschen u. s. f. – Ueber die Vortheile des Turnens und über die Vorsichtsmaßregeln dabei s. Gartenlaube 1855. Nr. 7.).

Um nun Denen, die einen Turnplatz nicht besuchen wollen oder können, doch die Vortheile des Turnens auf etwas bequemere, aber jedenfalls nicht ganz so zweckmäßige und unterhaltende Weise wie auf einem Turnplätze zu Theil werden zu sehen, rathen Wir hiermit das Haus- und Zimmerturnen an, was recht gut ebenso vom Einzelnen, wie von einer ganzen Familie, ebenso im Thé und Café gymnastiquevon Damen, wie bei Spiel- und andern Kränzchen von Herren vorgenommen werden kann. – Hierbei ist, meines Erachtens, zuvörderst und hauptsächlich auf solche Bewegungen Rücksicht zu nehmen, welche die zur Ernährung (zum Stoffwechsel oder Leben) unseres Körpers unentbehrlichsten Processe, wie den Blutlauf, das Athmen und die Verdauung, kurz die Thätigkeit der Organe in der Brust- und Bauchhöhle, fördern. Denn Störungen in diesen Organen und in deren Thätigkeit sind es, welche den allermeisten Leiden zu Grunde liegen und bei unserer jetzigen Lebensweise so sehr leicht zu Stande kommen. Auf die genannten Organe (die glücklicher Weise von einer Menge willkürlich zu gebrauchender Muskeln umgeben sind) und Lebens-Processe können aber bestimmte Bewegungen ebensowohl unmittelbar, physikalisch (durch Druck der thätigen Muskeln auf die Ernährungsorgane und Blutgefäße), wie mittelbar, durch die Nerven (mittels Ueberstrahlung, Reflex oder Sympathie zwischen den Nerven der thätigen Muskeln und denen der Ernährungsorgane), bethätigend einwirken. Nur glaube man ja nicht etwa was die meisten gymnastischen Heilkünstler, welche womöglich für jede einzelne Beschwerde einen bestimmten Bewegungs-Hokuspokus erdacht haben, sich einbilden, daß nämlich durch die Zusammenziehung dieses oder jenes Muskels eine ganz besondere Wirkung auf dieses oder jenes innere Organ ausgeübt werden könne. Die Wirkung fast aller Bewegungen ist, wenn man von der Kräftigung der thätigen Muskeln absieht, immer nur eine mehr allgemeine und die dem Stoffwechsel dienenden Processe fördernde, höchstens können die Zusammenziehungen gewisser Muskelgruppen den einen oder den andern Proceß vorzugsweise und in höherem Grade bethätigen, als den andern.

Damit nun beim Hausturnen den meisten willkürlichen Muskeln (s. Gartenlaube 1856. Nr. 18.) ihr Recht werde, sollte man zunächst alle, in allen (wenigstens größern) Gelenken möglichen Bewegungen ausführen. Dies könnte so geschehen, daß entweder blos in einem Gelenke auf einmal oder in mehreren Gelenken gleichzeilig Bewegungen gemacht werden; in letzterem Falle könnten auch die Bewegungen in verschiedenen Gelenken verschiedene sein (z. B. Beugen des rechten Armes und Strecken des linken Fußes gleichzeitig u. s. f.).

Die einfachsten Bewegungen (Freiübungen im Stehen), welche in den einzelnen Gelenken der verschiedenen Körperabtheilungen, und wenn sie nützen sollen, mit allmälig steigender Kraft und Dauer ausgeführt werden müssen, sind folgende: der Kopf ist vor- und abwärts zu neigen (beugen), rückwärts zu ziehen (strecken), seitwärts zu beugen, in einem Halbkreise zu drehen und auf dem Halse zu kreisen (d. i. einen Kreis beschreiben); – die Wirbelsäule muß vorwärts, rückwärts und seitwärts gebeugt und gedreht werden; – das Becken läßt sich auf den Köpfen der feststehenden Oberschenkel nach vorn, hinten und seitwärts bewegen, sowie etwas nach den Seiten drehen; – die Achsel kann vor-, hinter-, auf- und abwärts gezogen werden; – der Oberarm ist (im Achselgelenke) nach vorn und hinten zu heben, vom Rumpfe ab- und an denselben anzuziehen, nach aus- und einwärts zu rollen und zu kreisen; – der Vorderarm läßt sich (im Ellenbogengelenke) nur beugen und strecken; – die Hand kann (im Handgelenke) nach ihrem Rücken hin (gestreckt), nach der Hohlhand zu (gebeugt), nach dem Daumenrande (abgezogen) und kleinen Fingerrande (angezogen) bewegt werden, zugleich aber auch (durch das Rollgelenk des Vorderarmes) nach aus- und einwärts gedreht, sowie gekreist werden; – die Finger lassen sich im Mittelhand-Fingergelenke beugen und strecken, an- und abziehen, und kreisen; in den einzelnen Fingergelenken aber nur beugen und strecken; – der Oberschenkel ist (im Hüftgelenke) zu beugen, strecken, an- und abzuziehen, ein- und auswärts zu rollen, und zu kreisen; – dem Unterschenkel ist (im Kniegelenke) fast nur Beugung und Streckung gestattet; – der Fuß kann (im Fußgelenke) gebeugt und gestreckt, an- und abgezogen, sowie gekreist werden. – Während und zwischen diesen Bewegungen ist der Athmungsproceß, gleichzeitig aber auch der Blutlauf im Unterleibe, so wie mittelbar die ganze Circulation des Blutes, durch tiefe, langsame und kräftige Ein- und Ausathmungsbewegungen zu unterstützen; natürlich muß auch auf eine gute (gerade, straffe und schöne, nicht steife) Haltung des ganzen Körpers dabei gehörig geachtet werden.

Was nun die Bewegungen betrifft, die vorzugsweise auf die Bauch- und Brustorgane einwirken, so würden für die ersteren besonders das Rumpfbeugen und Rumpfstrecken, überhaupt die Rumpfübungen und diejenigen Bewegungen von Vortheil sein, welche mit Zusammenziehungen der Bauchmuskeln (die sich durch Straff- und Hartwerden der Bauchwand zu erkennen geben) verbunden sind. Der Brust dagegen sagen außer den Athembewegungen, hauptsächlich die Schulter- und Oberarmübungen zu, demnach solche Bewegungen, welche zur Erweiterung der Brusthöhle und Kräftigung der Athmungsmuskeln beitragen. – Um nun aber Abwechselung und allmälige Steigerung an Kraft und Geschicklichkeit in die Turnübungen zu bringen, werden dieselben auch als Freiübungen im Liegen, Gehen und Laufen, Hüpfen und Springen, sowie mit Handgeräthen (Stäben, Schwungseil, Kautschukstränge, Hanteln) und an Geräthschaften (an Leiter, Reck und Barren) ausgeführt. – Auf diese Uebungen nur im Allgemeinen aufmerksam zu machen, sowie dem Leser, zumal wenn er eine sitzende Lebensweise führt und mit seinem Unterleibe uneins ist, die beiden für das Haus- und Zimmerturnen empfehlenswerten Schriften zu bezeichnen, nämlich: „Schreber’s ärztliche Zimmer-Gymnastik“ und „Kloss’s weibliche Hausgymnastik“, ist der Zweck dieses Aufsatzes.
Bock.