Das Herz (Die Gartenlaube 1877)

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Autor: Moritz Lazarus
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Titel: Das Herz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, 15, S. 226–229, 246–248
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[226]
Das Herz.
Ein freier Vortrag. Im „Wissenschaftlichen Verein“ (Sing-Akademie) in Berlin den 3. März 1877
gehalten von Professor Dr. M. Lazarus.

Es ist wohl nicht wahrscheinlich, daß eine Betrachtung über das Herz uns viel neue Belehrungen bieten kann; denn von jeher haben denkende Menschen Gelegenheit gehabt ihr Herz unmittelbar zu beobachten. Achtsame und erleuchtete Geister haben denn auch vielfache Beobachtungen und Belehrungen über diesen Gegenstand hinterlassen. Wir besitzen der Sprüche und Gedanken gar viele über das Herz, und glückliche Enkel genießen, was die fleißige Vorzeit gesammelt hat. Auf der andern Seite finden wir, daß neben Allem, was Tiefes und Bedeutsames über das menschliche Herz überliefert worden neben und in Allem, was Dichter und Denker darüber ausgesprochen, ein Gedanke gleichmäßig einhergeht, der Gedanke: das menschliche Herz ist unergründlich. Vom Worte des Propheten Jeremias. „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ bis herab auf Goethe, bei dem es heißt. „Es liegt um uns herum gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub, doch hier in unserm Herzen liegt der tiefste“ - zwischen diesen beiden Worten könnte man Bände mit Aussprüchen füllen, welche alle das gemeinsam haben, daß sie das menschliche Herz für unergründlich erklären.

Und sollten wir dennoch den Versuch wagen, sollten wir angesichts dieser historischen Thatsache hoffen können, daß es uns dennoch gelingt das menschliche Herz zu ergründen?

Nein! nicht so hoch ist das Ziel dieser Stunde gestellt; vielmehr nur die Frage möchte ich Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen, woher es kommt, daß das menschliche Herz unergründlich ist? Welches sind die Gründe, weshalb der Geist das mit ihm selbst vereinigte Herz nicht ergründen kann? In wie fern und aus welcher [227] Ursache ist uns verborgen, was wir selbst in uns erleben? Warum können wir nicht in klare Gedanken fassen, was doch Quelle oder Erfolg unseres eigenen inneren Daseins ist?

Vergegenwärtigen wir uns vor Allem also, was bedeutet es, wenn wir sagen: „das menschliche Herz“? Gegenüber der bloßen Erkenntniß, gegenüber der Gedankenbildung von den Dingen der Natur und der Welt, gegenüber den bloßen Vorstellungen von menschlichen und von ewigen Dingen, bedeutet es den persönlichen Antheil, den wir daran nehmen. Die Seele wäre ein bloßer Spiegel, an welchem die Bilder der Welt vorüberziehen; erst durch das Herz sind wir ein Centrum der Welt, in welches der Strom des Lebens hineingeht, von welchem er wieder hinausströmt. Vielleicht würde unserm Geiste das ganze Universum nur als ein großer Mechanismus von wirkenden Ursachen und deren Erfolgen erscheinen, und unser Geist würde sich befriedigen bei dieser Anschauung, wenn nicht das Herz andere Anforderungen stellte an die Erkenntniß alles dessen, was da ist und lebt. Wir verlangen zur Befriedigung unseres eigenen Herzens und dessen, was wir als ein innerlich Lebendiges im Universum betrachten, daß jeder Seele auch eine Beseligung gegeben sei in den Anschauungen, die sie vom Leben gewinnt, daß nicht blos wirkende Ursachen walten, sondern auch, daß Zwecke erfüllt werden in dem ganzen Getriebe von Ursachen und Wirkungen, Zwecke, welche erst dem Leben Werth und Würde verleihen.

Aber wir empfangen nicht blos Bilder von der Welt, die menschliche Seele schafft sich neue Bildungen zur Bereicherung dessen, was ihr von der Natur und Wirklichkeit dargeboten wird. In mannigfachen Arten regt sich die eigene freie Thätigkeit des menschlichen Geistes; in verschiedenen Formen schafft er neben denen der Natur Gebilde der Kunst. Verschieden ist der Antheil, welchen das Herz an den verschiedenen Künsten nimmt, sowohl in Bezug auf ihren Ursprung, wie in Bezug auf ihren Erfolg, aber die Quelle und das Ziel der Wirkungen aller Künste ist darin eine gemeinsame, daß sie das menschliche Herz auf die eine oder auf die andere Weise befriedigen sollen. „Die Kunst,“ sagt Börne, „wohnt im Herzen.“

Aber nicht die Kunst allein, auch die Art, wie wir unser ganzes, unser geselliges und unser gesellschaftliches Leben aufbauen, ist vollkommen geleitet und erfüllt von den Trieben unseres Herzens; alles, was groß, was edel, was ergreifend und mächtig unter Menschen wirkt, das schreiben wir dem Herzen als seiner letzten Quelle zu. „Das Herz,“ sagen wir, „macht den Redner.“ „Große Gedanken kommen aus dem Herzen“ einzig und allein deshalb, weil durch „Herz“ zugleich dies ausgedrückt wird, daß wir nicht blos ein Bild der Welt empfangen und unseren persönlichen Antheil daran mit Befriedigung oder ihrem Gegentheil wahrnehmen, sondern daß wir uns auch wiederum mit dem so erfüllten und bewegten Gemüthe hingeben, daß unsere Seele offen ist für jede Sache und für jede Seele. Ein Ausfluß dieser Hingebung ist alles, was zum Aufbau und zur Lebensfülle der menschlichen Gesellschaft führt, und darum erweist sich alles, was wir mit dem Namen des Sittlichen belegen, als ein Erfolg des Herzens.

Es ist eine besondere Beziehung, welche zwischen dem Herzen und denjenigen Gebilden des Geistes besteht, die wir als die höchsten achten und die wir, wie Kant sich schon ausdrückt, mit dem „ehrwürdigen“ Namen der Ideen bezeichnen; in dem Herzen ist die Geburtsstätte der Ideen, und ihre höchste Erfüllung finden sie dann erst, wenn sie in ihm wiederum sich als wirksam und heimisch, als persönlich mit ihm verbunden erweisen; wenn die Ideen nicht blos als kalte, als theoretische Vorstellungen dem Geiste gegenüberstehen, wenn die Seele auf’s Tiefste von ihnen ergriffen ist und sie gleichsam persönliche Gestalt in dem Herzen des Menschen gewinnen, dann erfüllt sich, was vergangene Zeiten mit dunkler Symbolik ausdrücken, wenn sie von „Incarnationen“ der Ideen gesprochen haben.

Freilich nicht nur so in positiver Weise, wie wir es bisher bezeichnet haben, sondern auch negativ erfährt das menschliche Herz, daß es Mittelpunkt seiner Welt ist; der Magnetismus des Herzens hat ebenso seinen negativen, wie seinen positive Pol; nicht Anziehung allein, auch Abstoßung erfahren und üben wir im Leben. Die Sprache freilich faßt dies in verschiedener Weise auf; bald nennt sie den Menschen, in welchem so das Abstoßende vorwiegt, einen herzlosen, bald nennt sie ihn eben hartherzig oder kalten Herzens.

Auch über alle endlichen Beziehungen hinaus, welche unser Gemüth bewegen, leitet uns der Gedanke vom Endlichen zum Unendlichen. Aber nur indem das Unendliche mit dem Herzen ergriffen wird, indem die Sehnsucht unseres Herzens uns dahin treibt, hinauszuragen über alles Endliche und Beschränkte, die unendliche Vollkomenheit und die Vollkommenheit des Unendlichen zu erfassen, entsteht im Innern des Menschen die Religion, und mit ihr entstehen die höchsten Formen seines Lebens und Schaffens.

Alle Reize, aller Reichthum und alle Werthe des Lebens sind so die Erfolge dessen, was wir als das Herz im Menschen bezeichnen. Dennoch ist es, beiläufig gesagt, für sich allein kein sicherer Führer durch das Leben; denn neben aller Bereicherung, neben der schöpferischen Fülle der inneren Welt, die ihm entstammt, ist es die Quelle aller Widersprüche, der Ursprung des Widerstreits auch im eigenen Innern, bis hin zu den tragischen Conflicten, welche es allein im Leben schafft.

Dies also, hochverehrte Anwesende, ist der Ihnen Allen bekannte, hier nur flüchtig umschriebene Sinn, welchen das Wort „Herz“ in der Psychologie der Sprache hat. Was bedeutet es denn nun in der Sprache der Psychologie? Was ist denn das, was wir bisher als besondere Function oder als besondere Kraft in unserem Innern gefunden haben für die wissenschaftliche Ansicht von unserem inneren Leben? Nur andeuten will ich es.

Die Psychologie unterscheidet sinnliche Anschauungen, Vorstellungen und Begriffe auf der einen und Willensthätigkeiten auf der andern Seite, und beiden gegenüber stehen die Gefühle, die Erregung unserer Seele, der Zustand, in welchem sie sich befindet, während sie als wollendes oder als denkendes Wesen thätig ist; den Zustand also, welcher unsere Seele erfüllt, während sie irgend eine ihrer Functionen vollzieht, nennen wir das Gefühl.

Je nach dem Inhalte des Denkens, welches unsre Seele beschäftigt, und je nach der Art, wie die Thätigkeit von Statten geht, sind wir zugleich von freudigen oder schmerzlichen, von angenehmen oder peinlichen, von erhebenden oder beengenden, von beglückenden oder bedrückenden Gefühlen erfüllt. Von dem Wechsel des Inhalts oder der Form in der Thätigkeit unsres Geistes hängt die Wahrnehmung des Zustandes ab, in welchen unsre Seele dadurch versetzt wird; je heftiger der Wechsel, desto energischer die Gefühle. Nur selten ist der Zustand unsrer Seele während ihrer Beschäftigung so gleichmäßig, daß wir uns desselben gar nicht bewußt werden. Nicht abtrennbar sind diese Zustände von dem, was den Geist in seiner Thätigkeit erfüllt; wenn irgend ein Gedanke von einem Gefühle begleitet ist, so heißt es nicht, daß das etwas Abgesondertes ist, als ob es einem andern Organe entstammte, als ob es eine Thätigkeit für sich wäre, sondern eben in innigster Verbindung begleitet es, als der durch die Thätigkeit erzeugte Zustand der Seele, eben diese Thätigkeit. Es sind feine und tiefgehende Untersuchungen, welche die Psychologie darüber zu führen hatte und theilweise bereits mit großem Glücke geführt hat, daß aus diesen Zuständen, in welchen die Seele sich befindet, während ihrer Thätigkeit ihr ein neuer Zuwachs gekommen ist. Aus den Gefühlen, in welche sie versetzt ist, sei es bei Anschauungen der Natur, sei es bei irgend einer Beziehung zu andern Menschen, sei es bei irgend einer Regung ihres Willens, aus diesen Gefühlen hat sie all das allmählich in der Form von Vorstellungen, von Begriffen, von Ideen kennen gelernt, was wir als die ideale Welt überhaupt bezeichnen. In Gefühlen hat die ideale Welt für uns ihre ursprüngliche Quelle. Gleichwohl sind die Gefühle nicht etwa, wie man früher wohl gemeint hat, eine niedrigere Stufe der Erkenntniß; wären sie das, dann dürften, dann müßten sie verschwinden, sobald der Mensch sich vom Standpunkte des Gefühls, wie man es bezeichnet hat, zum Standpunkte einer höhern Erkenntniß erhoben hat. Nicht so: zwar auf frühern Stufen nur in der Form des Gefühls kommt dem Menschen die ideale Richtung seines Geistes und der ideale Inhalt zum Bewußtsein, aber wenn dann eben diese Idealität seines Wesens in der Form von Begriffen, in der Form von Vorstellungen zur Geltung gekommen ist, so ersetzen sie das Gefühl nicht.

Wenn in der Wirklichkeit irgend einer Auffassung idealer Gegenstände nicht auch die wahrhafte Lebendigkeit des Gefühls fortdauert, so sind die abstracten und kalten theoretischen Vorstellungen von diesen idealen Gegenständen leer und nichtig; die Vorstellung von dem idealen Werthe des Gegenstandes kann zutreffend [228] sein, die wirkliche Idealität oder die ideale Wirklichkeit desselben in meiner Seele ist dann nicht vorhanden. Ich kann z. B. irgend einen ästhetischen Gegenstand, ich kann eine Musik, die ich höre, ein Bild, das ich sehe, ich kann eine Dichtung, die ich wahrnehme, wohl auf diese ästhetischen Begriffe, auf die ästhetischen Gesetze, welche darin erfüllt sind, ansehen und mir so die ästhetischen Gesetze darin vergegenwärtigen: die wirkliche Schönheit darin habe ich nicht erfaßt, wenn ich selbst auf diesem Standpunkte gesetzmäßiger Erkenntniß nicht zugleich die Schönheit fühle, wenn meine Seele nicht von derselben bewegt und ergriffen, erhoben und befriedigt ist. Wie viel sittliche Begriffe können wir aussprechen, wie viel Maximen können wir nicht blos auf unsern Lippen, sondern auch in unserem denkenden Geiste haben, ohne daß wir dadurch wahrhaft sittlich sind, es sei denn, daß alle diese Ideen, Begriffe, Vorstellungen fort und fort begleitet sind von ihrer ursprünglichen, heimathlichen Quelle, von der eigentlichen Substanz der Idealität, aus der sie selber stammen, vom sittlichen Gefühle.

Weshalb nun nennt man fast in allen Sprachen eben diese Idealität unseres Geistes, eben diese schöpferische Quelle aller ästhetischen, aller sittlichen Verhältnisse, diesen Ursprung alles Friedens und aller Befriedigung, wie alles Widerstreites und alles Leides, mit dem Namen Herz? Daß unsere Gemüthsbewegung in einem gewissen Parallelismus und zwar in einem ursächlichen mit unseren Blutbewegungen, also mit der Thätigkeit unseres Herzens stehen, das hat von jeher die einfachste Erfahrung gelehrt. Die Freude, der Zorn röthet unser Antlitz; er treibt das Blut durch eine stärkere Bewegung des Herzens in’s Gesicht; der Schrecken, der Aerger, der Kummer macht uns erbleichen; er hemmt die Thätigkeit unseres Herzens; der Blutstrom wird matter, die Wellen seltener oder schwächer; den physiologischen Forschungen unseres Jahrhunderts aber war es vorbehalten, die Gesetzmäßigkeit dieses Parallelismus genauer zu erforschen, und man hat gefunden, daß vom Gehirn her zwei Nervenstränge sich herabsenken gegen das Herz hin, der eine durch das Rückenmark in der Bahn des sogenannten sympathischen Nerven, der andere dem Halse entlang in der Bahn des sogenannten nervus vagus, des umschweifenden Nerven; beide eingebettet in die Wandungen des Herzens, wirken die einen erregend auf die Herzthätigkeit und den Puls beschleunigend, die andern verlangsamend, die Thätigkeit des Herzens hemmend. Noch sind diese Entdeckungen in stetigem Fortschreiten begriffen; wir dürfen hoffen, daß sie uns allmählich feiner, zarter, fester und gesicherter gegenüber stehen werden. Seit die Gebrüder Weber die Hemmungsnerven entdeckt haben, sind die Forschungen durch Claude, Bernard, Betzold, Czermak, Ludwig Wundt und Andere weiter geführt, unsere Erkenntniß ist schrittweise bereichert worden, aber noch sind die Meinungen vielfach von einander abweichend. Das Gemeinsame, allgemeine Gleiche in ihnen ist nur dies eine, daß wir erfahren: alle Thätigkeit des Geistes, jede Erregung und Bewegung unserer Seele ist von Reizen und Regungen der Nerven zunächst des Gehirns begleitet; indem nun die vom Gehirn auslaufenden Nerven auch in den Wandungen des Herzens münden, pflanzen jene Reize und Regungen bis in dieses sich fort und üben einen bestimmenden Einfluß auf die Art seiner Bewegungen. Wir erfahren aber auch ferner: das Herz hat seine Bewegungen für sich ursprünglich auch völlig unabhängig von aller Nerventätigkeit, von allen Nervenreizen, die ihm aus dem Gehirn zugeführt werden; das Herz ist das ursprünglichste Organ im Menschen; der Mensch fängt damit an, daß er ein schlagendes Herz ist. Der Geist ist das spätere, das sich entwickelt und das dann Einfluß auf die Herzthätigkeit gewinnt. Durch die Vorgänge im Gehirn wird die Thätigkeit des Herzens verändert, verändert aber nicht erzeugt; in dieser und mancher anderen Beziehung findet zwar eine Wechselwirkung zwischen Herz und Gehirn statt, aber das Herz ist weniger abhängig vom Gehirn als umgekehrt. Wie schön ist das Symbol für diese Unabhängigkeit des Herzens, für sein Sonderleben in jenen Worten der Geliebten im hohen Liede: „ich schlafe, und mein Herz wacht.“

Ob die Physiologen jemals dahin kommen werden, die verschiedenen Arten der Gefühle genau wiederzuerkennen in den verschiedenen Graden und Arten der Nerventhätigkeit, welche die Functionen des Herzens verändern, ob die Feinheit der Unterschiede im Maße und der Art des veränderten Blutumlaufs unendlich, ob sie so groß und doch so erkennbar wie die Verschiedenheit der Gefühle, welche unser Herz bewegen, das steht dahin. Vor der Hand ist es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß sehr verschiedene Gefühle darin gleich sein werden, daß sie auf gleiche Weise das Herz in Bewegung setzen und daß mehr der Grad als die Art der Gefühlserregung sich in dem Maße des veränderten Blutumlaufes individualisirt.

Wenn es nun so begründet ist, daß wir das Herz im inneren Sinne mit dem Namen des physischen Organs, jenes Pumpwerkes, das eben den Blutumlauf in unserm körperlichen Organismus besorgt, benennen, woher kommt es, daß gleichwohl die Psychologie, seit es eine solche Wissenschaft giebt, fast niemals vom Herzen redet? Aus der Psychologie ist die Bezeichnung des Herzens fast gänzlich verschwunden, vielleicht weil vor allem die Besorgniß gehegt wurde, es werde das leibliche Organ, wie im außerwissenschaftlichen Bewußtsein und seiner Sprache, als der eigentliche Sitz unserer Gefühle, als der Sitz der geistigen, der seelischen Herzthätigkeit angesehen werden. Das ist es in der That nicht. Das Herz ist nicht das Organ und nicht der Sitz der inneren Herzthätigkeit, sondern es ist allenfalls, wie man es mit Recht genannt hat (Horwicz), der Resonanzboden für jene Regungen, welche innerhalb der Seele sich vollziehen und im Gehirn ihre erste körperliche Mitschwingung erfahren.

Aber ein anderer Grund hat gewiß schon im Alterthume mitgewirkt. Wir sind daran gewöhnt, von Herz und Geist, von diesem Gegensatze als einem selbstverständlichen zu reden, und ihm zur Seite geht so zugleich die Bezeichnung der zwei Körpertheile, an welche diese seelische Verschiedenheit sich anlehnt, Herz und Kopf. Nun aber ist folgende Thatsache bemerkenswerth: Alle alten Völker wissen nichts vom Kopfe; weder die Aegypter noch Inder, weder die Hebräer noch Griechen oder die Römer haben vom Kopfe in unserem Sinne, als dem Sitze geistigen Lebens, geredet. Während wir sogar die verschiedenen Gaben des Geistes als einen hellen oder trüben, als einen schnellen oder schweren, als einen leichten oder harten Kopf bezeichnen, kommt die Bezeichnung des Kopfes in all den Sprachen, deren Völker ich genannt habe, nicht vor, sondern nur das Herz wird genannt, als Sitz geistiger Thätigkeit. Alles innere Leben, nicht blos das, was wir jetzt im Gegensatz zum Geiste als Herz bezeichnen, wird dort in’s Herz verlegt, oder in die benachbarten Organe des Rumpfes. (Wie bei den Hebräern die Nieren zu der Ehre gelangt sind, als Sitz – wie es nach den wenigen Stellen im Alten Testament scheint – vorzugsweise des Gewissens, aber auch sonst des Gemüthes aufgefaßt zu werden, das entzieht sich einstweilen unserer Einsicht, wird ihr vielleicht, weil uns die Thatsachen fehlen, für immer verborgen bleiben.) Woher mag das kommen?

Ist es nicht erstaunlich, um so viel mehr, als ja doch alle edlen Organe, welche der geistigen Thätigkeit dienen, das Auge, das Ohr, selbst Geschmack und Geruch und das Organ der Sprache, alle im Kopfe sitzen? Vielleicht ist es dadurch allein erklärlich, daß wir eben von der Thätigkeit des Kopfes, oder vielmehr von der Thätigkeit des Gehirnes, keine unmittelbare Wahrnehmung haben; in unserm Herzen dagegen, in den Veränderungen unseres Blutumlaufes nehmen wir alle geistige Bewegung zu gleicher Zeit wahr, und zwar desto deutlicher und unmittelbarer, je stärker die Erregung der Seele oder die Gefühlsbegleitung der Vorstellungen ist. Physiologische Beobachtungen haben indessen gezeigt, daß auch heute noch beim Menschen in früher Jugend, und in je früherer Jugend, desto mehr, die Veränderungen des Blutumlaufes und alle organische Mitschwingung des Körpers auch bei einfachen Vorstellungen eintritt; Vorstellungen, die das Gemüth des Erwachsenen gar nicht in Bewegung setzen, gleichsam nur theoretische geistige Bilder ausmachen, bringen die Seele und den Leib des Kindes in Erregung; nur allmählich, indem der Mensch heranwächst, wird seine leibliche Herzthätigkeit mit ihrer Veränderung auf eine Erregung des geistigen Herzens oder der Gefühlsthätigkeit beschränkt. Ganz gewiß ist es im Laufe der Entwicklung der Menschheit ebenso gewesen; je früher die Geschichte der Völker, desto mehr wird ihr ganzer Organismus auch von theoretischer Thätigkeit, auch bei bloßen und blassen Gedanken in Bewegung gesetzt worden sein. In diesem Sinne könnte man sagen, daß die alten Völker die Welt noch mehr mit den Herzen aufgefaßt haben.

Eben deshalb aber, weil nun das Herz damals die gesammte [229] innere Thätigkeit bedeutete, konnte von ihm in der Psychologie als einer Bezeichnung für ein besonderes Organ oder für eine besondere Art inneren Lebens nicht die Rede sein.

Aber auch in späteren Zeiten, als wir Herz und Geist zu scheiden gewohnt waren, konnte deshalb das Herz für unsere Psychologie keine geeignete Kategorie mehr sein, weil jene beiden die Theilung des Ganzen nicht erschöpfen; Herz und Geist umspannt in unserer volksmäßigen und dichterischen Sprache den ganzen innern Menschen: wohin sollen wir die Willensthätigkeit setzen? Weder dem Herzen allein, noch dem Geiste allein können wir sie zuzählen.

Das Herz selbst umfaßt ferner im Sinne der Sprache nicht blos, wie ich es oben als eine besondere Kategorie der Psychologie bezeichnet habe, die Gefühle, sondern auch diejenigen geistigen und leiblichen Zustände, welche die Wissenschaft von den Gefühlen unterscheidet und als Affecte bezeichnet. Diesen Unterschied ausführlich darzulegen, darauf muß ich natürlich verzichten; es genüge, daran zu erinnern, daß neben den einfachen Gefühlen von Lust und Leid, von Befriedigung und Unbehagen, neben den Gefühlen, welche idealen Anschauungen folgen und die Seele durch das Gute und Schöne und ihre Gegentheile erregen, daß neben diesen, sage ich, dem Herzen auch jene heftigeren und verwickelteren Erregungen zugeschrieben werden, welche das Gleichgewicht der Seelenthätigkeit mehr oder minder aufheben, die geistige Arbeit erhöhen oder hemmen, steigern oder stören. Hierher gehören Lustigkeit und Ausgelassenheit auf der einen Seite, Traurigkeit und Schwermuth auf der andern, Entzücken und Bewunderung, Zorn und Grimm, Reue und Schreck, Verzweiflung und Begeisterung.

[246] Die Wissenschaft scheidet, was in der Sprache verbunden ist; sie lehrt uns in ihrer Sprache als ein Vielfaches und Gesondertes erkennen, was in den Worten der allgemeinen Sprache in Eins zusammenfließt. Und dies also ist der vorzüglichste Grund, weshalb die wissenschaftliche Psychologie darauf verzichtet, vom Herzen zu reden. Sollten wir vielleicht nur aus diesem Grunde, weil die Wissenschaft das Wort vermeidet, die Sache, nämlich das Herz, für unergründet oder für unergründlich halten? Oder müßten wir, wenn nun die Psychologie ihre eigene und volle Weisheit uns darböte, wenn das, was hier zusammengesetzt in einem Namen erscheint, dort in seiner Auflösung und in der Ordnung fester Begriffe uns vorgeführt würde, müßten wir dann vielleicht aufhören zu bekennen, was man bisher behauptet hat, daß das menschliche Herz unergründlich sei? Mit nichten: Lange wird das menschliche Herz noch unergründlich bleiben; ich meine, diese psychologische Thatsache selbst, daß wir das Herz für unergründlich halten, wird sich noch oft und lange wiederholen. Zunächst aus subjectiven Gründen. – Um das Einfachste nur flüchtig zu berühren: was dem Menschen immer sein Herz als unergründlich erscheinen läßt, ist das, was wir mit einem Worte als den faustischen Drang im Menschen bezeichnen können, jenen faustischen Drang, der mit einem Blick aller Dinge Wirkungsart und Samen, der die Brüste der Natur, die Quellen alles Lebens in einer Schau ergreifen will; so möchten wir auch, wenn wir nach dem Wesen und Leben des Herzens fragen, mit einem einzigen Blick überschauen, mit einem einzigen Gedanken weit und fest, tief und klar erfassen, was so im Innersten die ganze geistige Welt bewegt. Wir alle, die wir hier sind, wir haben diese Sehnsucht; in wenigen knappen Sätzen möchten wir es wissen, was denn nun eigentlich das Grundwesen des menschlichen Herzens ist; wir möchten auch die goldenen Eimer sichtlich steigen sehen, die aus des Daseins tiefster Quelle schöpfen.

Solche Erkenntniß giebt es nicht. Im Reiche des Geistes so wenig wie in dem der Natur; das eigene Innere ist uns näher als alle Außenwelt, aber sein Wesen und Wirken müssen wir dennoch mühsam und langsam in seiner Breite und Fülle erforschen. Wenn wir dann aber an die Fülle der einzelnen Thatsachen gehen, begegnet uns eine zweite Schwierigkeit. Wir müssen die Thatsachen beobachten, sichten und sammeln, alles dies aber besteht in einer reflectirenden Thätigkeit, die wir auf unsere Gefühle richten müssen, und eben diese stört uns den Proceß der Beobachtung. So wie es körperliche Stoffe giebt, welche man niemals bei Lichte besehen kann – Chlorsilber z. B. wird vom Licht zersetzt (daher man eben die Photographien mit Hülfe desselben herstellt): will ich also den Stoff bei Licht besehen – sehe ich ihn, so sehe ich ihn schon nicht mehr; denn unter der Bedingung, unter welcher er gesehen werden kann, ist er schon ein anderer geworden: so auch können wir die Gefühle schwer unmittelbar beobachten; das Licht der Reflexion zersetzt sie. Wir sind in Folge dessen meist auf Erinnerungen angewiesen, und es entstehen besondere Schwierigkeiten für den Psychologen, das innerste und eigentlichste Wesen der Gefühle dennoch festzuhalten.

Aber nicht blos persönlich in uns (subjectiv), sondern auch, sachlich in den Gefühlen selbst (objectiv) liegen für die ordnende und zusammenfassende Betrachtung Hindernisse, welche schwer zu überwinden sind. Vor allem ist es ihre Mannigfaltigkeit. Alle Arten von Genuß und Befriedigung, alle Arten von Schmerz und Kummer, welche wir empfinden, alle sanften und herben, alle süßen und harten, alle erhebenden und alle niederbeugenden Erregungen unseres Gemüths werden zusammengefaßt unter einem Namen des Herzens; haben doch die verschiedenen Schulen der Psychologie fast jede sogar eine eigene Eintheilung für die Gefühle. Zwar wird durch verschiedene Eintheilung die Anzahl der beobachteten Erscheinungen nicht vermehrt, aber es erweist sich daraus, daß sie verschiedenartig in ihren Beziehungen, mannigfaltig in ihrer Qualität, daß ihre Formen und Functionen so vielgestaltig sind, daß eben jeder Denker ein neues System der Ordnung in der bloßen Auffassung derselben entwickelt.

In und neben mancher andern Eintheilung mögen wir als ein Netz, welches das ganze Gebiet mit Fäden der Ordnung umspannt, mancherlei unterscheiden: erstens Gefühle des eigenen Befindens und Seins, Gefühle von Wohl und Uebel, von Kraft und Schwäche, von denen die Wahrnehmung unseres eigenen Selbst begleitet ist; sodann die Gefühle, welche an die einzelnen Thätigkeiten, an das Gelingen oder die Hemmung derselben sich anknüpfen; die Art, wie unsre Arbeit von Statten geht, ob in harmonischem Flusse und erfolgreich, oder stockend, gehemmt und vergeblich, der Kampf gegen Schwierigkeiten, der Wettstreit mit andern Kräften mit seinen Siegen und seinen Niederlagen – alles Dies ist von besondern Arten von Gefühlen umspielt, durch welche der Reiz und Werth des Lebens sich mehrt oder mindert. Daran schließen sich dann ferner: die Gefühle des Selbst, vom einfachen Selbstgefühle, in welchem die Schätzung und Hegung des eigenen Ich sich ausprägt, durch alle Weisen der Zufriedenheit und Unzufriedenheit mit sich selbst; süßer Friede und bittere Reue, Gleichmuth bei Selbsttreue, Unmuth bei Schwanken – sie heben und senken und erfüllen mit den mannigfachsten Formen unser Selbstgefühl. Wie sich dieses erweitert durch Zusammenschließung des eigenen Selbst mit andern im Ehrgefühle, und wie dann alle jene Gefühle der Zusammenschließung unter den Menschen hinzutreten, entsprießen derselben die reichsten Schätze, aber auch die Bitterkeiten unsrer Seele. Alle Seelenverbindung, von der einfachsten [247] Freundlichkeit und dem Wohlwollen bis zu den Gefühlen der Freundschaft, der Liebe, und schließlich jene ersehnte und gesuchte Zusammenschließung des endlichen Wesens mit seinem unendlichen Schöpfer in der Religion: welch eine Fülle und Mannigfaltigkeit! Endlich aber wird unsre Seele bewegt in jenen objectiven, idealen Gefühlen, die ich vorher bereits in ihrer Anwendung genannt habe; das Wahrheitsgefühl vor Allem, welches die Menschheit treibt zur unablässigen Forschung, welches uns drängt zum Suchen, zum Zweifeln, um endlich zum Lichte der Wahrheit durchzudringen; die Gefühle der Schönheit, der Sittlichkeit, welche ja das Leben der Gesellschaft und das Leben des Einzelnen in seinem wahren Werthe, in seiner innern Würde erst aufbauen.

Alle diese Gefühle können wir als einfache bezeichnen, jedes einzelne aber bietet uns eine Vielheit der Formen. Denken wir z. B. an das eine Gefühl des Muthes – wie mannigfaltig verschieden ist der Muth bei den Menschen! Wie wenig treffen wir bereits die Charakteristik, die Signatur eines Menschen, wenn wir ihn als muthig oder sein Gegentheil bezeichnen! Der eine, der vielleicht muthig wäre in der Schlacht, würde es nicht wagen, Nachts über den Kirchhof zu gehen; der andere ist muthig zu Lande, zur See aber wankt dennoch sein Herz; dieser ist vollkommen muthig bei Tage, bei Nacht aber schwindet ihm der Muth. Und wie verschieden sind die Arten des Muthes selbst da, wo er in einer ganz gleichen Form als Muth der Aufopferung sich zu erkennen giebt, wie verschieden, wenn man so recht eigentlich und tief innerlich die Sache ansieht, bei jenen Spartanern, welche unter Leonidas sich hingeopfert haben für die Ehre ihres Vaterlandes, bei jenen Maccabäern, welche sich hinopfern ließen, um das Gesetz ihres Gottes zu erhalten, und bei all den Märtyrern, welche für den Glauben, dem sie leben, auch sterben! Und würden wir nicht fast an jedem Gefühle ebenso wie an dem des Muthes eine solche Vielheit der Formen und Arten aufzeigen können?

Von der unendlichen Mannigfaltigkeit im Gefühle der Liebe legt die Poesie aller Völker und Zeiten ein überwältigendes Zeugniß ab, das alle Wissenschaft überflügelt und bedrückt.

„Aber nicht blos verschiedenartig in ihrer Form, ebenso mannigfach in ihrem Grade sind ja alle diese Gefühle, und wie sie in Form und Kraft verschieden sind, so wiederum nach persönlichen Verhältnissen. Dasselbe Gefühl, in jedem Alter ist es bei uns ein anderes, und ein anderes auch fast in jedem Stande; hat aber schon jedes Gefühl eine eigene Färbung, je nach den Stufen der Bildung, so ordnet es sich auch verschieden für Jeden in das Ganze seines Lebens ein und spielt eine andere Rolle darin.

Alles dies gilt von den einfachen Gefühlen, aber wir haben nicht blos einfache, wir haben auch gemischte Gefühle, gemischt bald aus gleichartigen, bald sogar aus ungleichartigen und widerstrebenden Gefühlen. Gleichartig bis zum Entsetzen ist’s, wenn Schmerz über vergangenes Leid, Kummer über gegenwärtiges, Sorge um zukünftiges sich zusammenfinden, um den Gram auszumachen; im Gegentheil ist in der Begeisterung meistentheils die Bewunderung des Gegenstandes, für welchen wir begeistert sind, mit dem Muthe und der Hoffnung, für ihn zu wirken, verbunden, und dazu gesellt sich das Gefühl der eigenen Kraft, in dieser Wirksamkeit sich bethätigen zu können, um eine einheitliche, erhöhte Stimmung zu erzeugen.

Aber auch verschiedene Gefühle, die entweder der Zufall aneinander bringt, oder die aus derselben Sache folgen, bewegen gleichzeitig unser Gemüth. Wie kann das menschliche Herz gefoltert werden durch entgegengesetzte Gefühle, wie wenn etwa in einer Familie in derselben Stunde ein Kind geboren, ein anderes von hinnen genommen wird! Solcher Zufälligkeit, obwohl glücklicher Weise selten von solcher Nähe und Schärfe des Gegensatzes, sind wir fort und fort in jeder Stunde ausgesetzt, daß verschiedene Ereignisse an unsere Seele herantreten und entgegengesetzte Gefühle hervorbringen, aber auch aus einem und demselben Ereignisse können sie fließen. Wenn ein aufleuchtender Gedanke in uns ist, der uns mit einer gewissen Seligkeit erfüllt, während er auf der andern Seite liebgewordenen Glaube oder angenehme Illusionen uns raubt, wenn wir den doch nicht allzu seltenen Fall erleben, daß wir von einer geliebten Person eine Erbschaft zu machen haben – ein edles Herz windet sich unter diesem ihm aufgezwungenen Gegensatz von Freude und Schmerz; – wenn wir zu Gunsten eines Anderen auf ein Glück, auf eine Freude verzichten, aber mit Freude den Schmerz des Verzichts ertragen: so fließen hier überall aus gleichem Ereignisse verschiedene, entgegengesetzte, und dennoch gleichzeitige Gefühle.

Die Gefühle folgen ebenso wie alle inneren Vorgänge und alle äußeren Erscheinungen einer bestimmten Gesetzmäßigkeit. Auch ohne wissenschaftliche Erkenntniß haben wir nicht nur eine dunkle Vorstellung von derselben, sondern wir rechnen auf sie, wir handeln selbst und erwarten Handlungen von Anderen auf Grund dieser Gesetzmäßigkeit, wie wir auch ohne die Wissenschaft der Physiologie vielen Gesetzen, die sie kennen lehrt, aus Erfahrung folgen. Mindestens aber ist es die lange Erfahrung selbst, an Anderen und an uns selbst gemacht, welche uns dort wie hier gewisse Gefühle bestimmt erwarten läßt. Das Leben aber überrascht uns damit, daß wir gar nicht selten, bei Anderen und bei uns, Gefühle auftreten sehen oder Formen und Grade dieser Gefühle, die wir nicht erwartet hätten. Wir glaubten uns doch zu kennen; wir hätten das Auftreten dieses Gefühls, in dieser Verbindung, mit dieser Macht bei uns nicht für möglich gehalten. Frühreife und spät blühende Gefühle treffen wir, die uns in Staunen versetzen, oder Gefühle, welche mit unseren Gesinnungen und Meinungen so wenig zu harmoniren scheinen. Wir hätten z. B. nicht gemeint, daß uns eine, daß uns diese Landschaft so entzücken könnte, daß wir diesen Zug von Eitelkeit, jenen von Neid noch in uns antreffen könnten. Und dann eben sagen auch wir uns mit einer gewissen Verzweiflung, daß doch das menschliche Herz unergründlich sei.

Wenn wir nun aber mit Hülfe der Psychologie uns hinaushöben über alle diese Verschiedenheiten, wenn wir die Leitstäbe fänden, um alles dies einzuordnen, sodaß wir einen klar und wohl gesichteten Ueberblick über alle diese Arten von Thätigkeiten des menschlichen Herzens hätten, und die Gesetze derselben zu erkennen uns anschicken dürften, wäre es dann ergründlich für uns? Das heißt: erschiene es uns ergründlich? Denken wir nur an das Eine: trotz alledem und alledem würde uns der Gedanke kommen, daß in jeder Stunde – was sage ich: Stunde! – daß in jeder einzelnen Minute Millionen und abermals Millionen Herzen schlagen, und in jedem Schlage ist es ein anderes Gefühl, in jedem eine andere Regung, jedes von einem andern Gegenstande getragen und erhoben oder gedrückt und niedergebeugt. Wiederum wäre es schließlich die sinnverwirrende Mannigfaltigkeit, welche uns daran verzweifeln ließe, das menschliche Herz zu ergründen, während die Wissenschaft still und besonnen ihren Weg geht, um das verwirrende Chaos dieser Mannigfaltigkeit zu lichten und zu ordnen, mit Maß und Gesetz zu durchdringen. Eins aber kommt noch hinzu, was auch die Wissenschaft noch zu wenig beachtet hat, um deswillen uns das Herz unergründlich erscheint und welches reichlich und reiflich beachtet werden muß, damit es in Zukunft ergründet werde.

Nämlich dies Eine noch: das menschliche Herz hat seine Geschichte; auch die Gefühle sind Gegenstände historischer Entwickelung. Es ist schwer, den Antheil, den das Gefühl an der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit hat, festzustellen. Die Werke des Geistes finden ihre ausgeprägte Form und werden in dieser deutlich überliefert; auch die Richtungen des Willens finden in den Ereignissen, wie in den Institutionen, welche die Menschen durch ihre Energie geschaffen haben, ihre feste Ausprägung. Was das Gefühl, die innern Zustände während dieser Willensenergie, während dieser geistigen Arbeit der Menschen gewesen ist, das entzieht sich meist mindestens dem unmittelbaren Blicke unseres Auges. Es ist eine tiefe Symbolik der Natur, daß wir von hingegangenen Generationen wenigstens die Schädel in späterer Zeit finden, und wir können an ihnen messen, wie die Menschheit, wie einzelne Nationen allmählich verschieden entwickelte Formen für das Gefäß ihrer geistigen Thätigkeit, ihre Intelligenz gefunden haben, das Herz aber, sobald es zu schlagen aufhört, ist es auch der Verwesung preisgegeben. Welche Gefühle in der Geschichte mitgewirkt haben und wie die Gefühle selbst Gegenstand historischer Entwickelung sind, das ist um so viel schwerer zu entdecken; – daß sie aber historisch alle entwickelt sind, das entzieht sich wohl keinem von uns, sobald wir auf den Gedanken hingewiesen werden. Welche weiten Abstände hat ein in allen Wandlungen allerdings gleichartiges Gefühl, das deshalb auch stets mit gleichem Namen bezeichnet wurde, wie das der Ehre [248] oder das Gefühl der Freundschaft oder der Liebe im Laufe der Zeit, im Leben der Menschheit von Epoche zu Epoche, von Nation zu Nation durchmessen!

Halten wir nur einen Augenblick uns ein Beispiel gegenwärtig von dem, was für uns ein unmittelbar zugehöriger Gegenstand unserer Herzensbefriedigung, unserer Herzensbedürfnisse ist, so können wir den ganzen Weg ermessen, den die Menschheit durchzumachen hatte. Die Liebe der Menschen zu dem aufwärts steigenden Geschlechte, die Liebe der Kinder zu ihren Eltern, überhaupt der jüngern Generation Fürsorge, Hochachtung, Pietät für die ältere Generation erscheint uns als etwas absolut Selbstverständliches; dieses echt menschliche Verhältniß – ich sage echt menschlich, denn diesen Zug allein konnten wir von den Thieren nicht lernen; die Liebe einer Generation zur abwärts steigenden andern zeigt sich fast bei allen Thieren; die Mutter immer, meist auch der Vater, hat eine gewisse Sorge für sein Junges, aber eine Sorge der Jungen für die Alten finden wir bei keinem Thiergeschlechte, das also ist echt menschlich, und nichts desto weniger ist es ein Erzeugniß historischer Entwickelung. Wir kennen heute noch Stämme unter den Menschen, die so cannibalisch sind, daß sie eben ihre Eltern, wenn sie alt und dienstunfähig geworden sind, verspeisen, andere, welche den Alten, sobald sie arbeitsuntauglich geworden sind, auch das Leben nicht mehr gönnen und sie der Wüste und dem Hungertode preisgeben. Erwägen wir, welch ein Weg der Geschichte es gewesen ist, von diesem Verhalten der Jungen gegen die Alten bis zu den Empfindungen, welche sich darin kundgeben, daß „alt“ ein Kosewort ist, daß „alt“ das Herzigste ausdrückt, was man sagen kann, – wenn man von einem neugeborenen Kinde sagt: „Dat oll lütt Worm!“

Wenn man den Gedanken der Geschichte der Gefühle ausspricht, meint man, sage ich, sofort zustimmen zu können und zustimmen zu müssen, ja man sieht den Gedanken als einen selbstverständlichen an, und doch bis auf die allerneueste Zeit herab ist dieser Gedanke keineswegs den Menschen geläufig, noch waren sie geneigt, weil die Geschichte der Gefühle sich dem Auge auch des Forschers leicht entzieht, ihn anzuerkennen. Ich erwähne nur den Einen, Buckle, dessen „Geschichte der Civilisation“ ja so viel Anklang auch bei uns in Deutschland gefunden hat. Er ist noch der Meinung, daß die Menschen in Bezug z. B. auf ihre sittlichen Gefühle zu allen Zeiten gleich gewesen sind; die Veränderungen, welche in der moralischen Welt vor sich gehen, seien nur abhängig von der Veränderung in der theoretischen Erkenntniß. Es habe zu allen Zeiten gegeben und werde geben den Unterschied von Tugend und Laster und die Vertheilung werde ziemlich dieselbe bleiben. Hier ist das Zarteste, das Feinste, das eigentlich Unwägbare in unserm innern Leben mit einem Hauche hinweggewischt, statt daß wir Alles daran setzen sollten, zu einer wirklichen Geschichte der menschlichen Gefühle zu gelangen. Wenn wir einmal eine solche Geschichte des menschlichen Gefühls besitzen werden, dann werden auch alle jene Widersprüche verschwinden, von denen unser tägliches Gespräch voll ist, wenn wir vom menschlichen Herzen reden, und weshalb es den Denkern immer so unergründlich scheint.

Ist es nicht so, daß wir jetzt, wenn uns irgend etwas erzählt wird, etwa aus einer fernen Zeit oder einem fernen Volk, daß wir gleich geneigt sind zu meinen: „es ist doch das Herz überall gleich,“ und in der nächsten Stunde, weil ein Geschwister vom andern sich im Grunde tief unterscheidet, doch wieder zu sagen: „überall ist doch das Menschenherz verschieden und fein abgestuft und schattirt“. Bald sagen wir: „das Herz und seine Regungen sind allgemein menschlich; es ist bei einem Volke wie beim andern“ und dann wiederum: „alles ist doch national verschieden; in jedem Volke zeigt sich – und das ist eben das Wahre der Beobachtung – auch was scheinbar vollkommen das Gleiche ist, dennoch in feinen Unterschieden von einander abweichend“. Ebenso sagen wir bald, wenn wir irgend aus vergangener Zeit ein Ereigniß hören, das an unser Herz klingt und unsere Sympathie erweckt: „das menschliche Herz war doch allezeit gleich“, und doch wissen wir – wir haben es ja eben genauer gesehen – daß das menschliche Herz zu aller Zeit verschieden war. Bald sind wir der Meinung, daß auch das menschliche Herz abhängig ist von der historischen Tradition, daß, je nachdem die Vorfahren gelebt und gewirkt, je nachdem ihr geistiges und inneres Leben sich gestaltet, auch die Gefühlsweise der Menschen sich verändert, und dann wiederum sagen wir und müssen doch auch sagen: „in jedem Menschen fängt sein Herz von Neuem zu leben an; in jedem einzelnen Herzen beginnt von Neuem wieder die Regung seines Gemüths; jeder einzelne Mensch muß von sich aus, von dem leeren Anfang, die Stufe erklimmen, welche vergangene Zeiten erstiegen haben“. Dazu kommt endlich noch der andere Gegensatz; bald sagen wir: „das menschliche Herz ist doch überall Natur; wenn alle Künste sonst den menschlichen Geist berücken, wenn die Lebensverhältnisse künstlich gestaltet werden können, im Herzen erlischt die Stimme der Natur nicht“, und auf der andern Seite sehen wir, daß auch das Herz so völlig abhängig ist von der Cultur und ihren Stufen, daß auf verschiedenen Culturstufen, in verschiedenen Culturepochen, in verschiedenen Culturrichtungen auch das Gefühl verschieden ist.

Wenn das Verschwinden dieser täuschenden Gegensätze der theoretische Gewinn einer Geschichte des menschlichen Gefühls sein wird, dann wird auch noch ein praktischer Erfolg daraus kommen für uns Alle. Eins werden wir zu erkennen haben: wohl ist das menschliche Gefühl Gegenstand historischer Entwickelung; seine höchsten und reinsten Formen treten nicht in die Erscheinung, ohne daß oft durch viele Generationen eine Verfeinerung, eine Veredelung des menschlichen Herzens stattgefunden hat, ohne daß die Gefühle allmählich durch die Mitwirkung der Weisheit, der Dichtkunst, des edelsten Wollens, zu der vollendeten Form gekommen sind, welche sie eben empfangen haben – obwohl aber so das Gefühl abhängig ist von der Geschichte seiner Entwickelung, so ist dennoch hier nicht, wie bei den anderen Richtungen des inneren Lebens, mit der Geschichte sein Fortgang bereits gesichert. Gedanken, welche einmal erobert sind, gehen nicht leicht wieder in der Geschichte verloren; historische Institutionen, welche geschaffen sind, überleben alle die Gesinnungen, aus welchen sie hervorgegangen sind, im Gefühle aber geht jederzeit, im Ganzen der Menschheit, in jedem Volke, in jedem Einzelnen der Weg aufwärts und abwärts. Täglich, stündlich sind wir vor diesen aufwärts und abwärts führenden Scheideweg gestellt; täglich und stündlich sind wir davor gestellt, daß wir in unserm Gefühl eng, klein, egoistisch oder groß, frei und hingebend sein können. Die Erbschaft der Geschichte in Bezug auf die Veredelung des Gefühls geht jeden Tag wieder verloren, es sei denn, daß wir selbst sie uns von Neuem gewinnen. Geschichtlich ist das menschliche Gefühl, aber dieser geschichtliche Erfolg muß jeden Tag und jede Stunde von den Einzelnen und von der Gesammtheit von Neuem wieder errungen werden.