Das Körner-Museum zu Dresden

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Textdaten
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Autor: Dr. F. M.
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Titel: Das Körner-Museum zu Dresden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 263–264
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Körner-Museum zu Dresden.


In diesem Jahre hat das in Dresden in der Neustadt „an geweiheter Stätte“ unter dem Geläute der Osterglocken am 28. März 1875 von seinem Begründer Dr. Emil Peschel eröffnete „Körner-Museum“ sein erstes Decennium erfüllt. Zehn Jahre! eine kurze Spanne Zeit, wenn sie freudenreich war, doch eine lange, lange Frist, wenn sie schwere Sorge in sich faßte.

Als am 26. August 1863 zu der fünfzigjährigen Todesgedenkfeier für Theodor Körner in Dresden eine in einem alten Stadttheile entlegene Gasse und kleiner Platz, bisher Am Kohlmarkt genannt, den Namen Körnerstraße erhielt und an der Außenseite der Geburtsstätte des deutschen Tyrtäos eine stattliche Marmorgedenktafel mit den darin gemeißelten Worten: „Hier wurde geboren Theodor Körner am 23. Septbr. 1791. Er fiel im Kampfe für Deutschlands Freiheit am 26. August 1813. Gewidmet von seiner Vaterstadt am 26. August 1863“, umbraust von dem jubelnden Hoch einer festlichen Menge Tausender angebracht worden war, war auch der erste Akt der Dankbarkeit von der Vaterstadt Dresden dem Dichter von „Leyer und Schwert“ dargebracht.

Eine noch rühmlichere Fortsetzung erhielt diese Feier durch die am 18. Oktober 1871 auf dem Georgplatz zu Dresden vor [264] dem stattlichen Gebäude des städtischen Kreuzgymnasiums vollzogene Enthüllung des vom Altmeister Professor Dr. E. Hähnel modellirten Körner-Standbildes, das zugleich als Schluß der Siegesfeierlichkeiten unter dem Nachhall der Begeisterung für die großen Errungenschaften in den gewaltigen Kämpfen von 1870 und 71 mit Jubelgesängen und kräftigen deutschen Reden der Stadt Dresden zur Zierde, dem jetzigen Geschlecht zur Erbauung und dessen Nachkommen zur Nacheiferung aufgestellt worden ist.

Nicht allein der Gedanke zu diesen Festlichkeiten, sondern auch die ganze mit großen Mühen und Opfern geschehene Ausführung des 1863 und 1871 gefeierten Festes ist Dr. Emil Peschel zu danken, der aber in seinen patriotischen Bestrebungen das Geleistete noch nicht als genügend erkannte. Ihm fehlte noch der würdigste Schlußstein zu alledem, was vorangegangen.

Schon seit einer langen Reihe von Jahren hatte er sich der Erreichung eines noch größeren Zieles, der Vollführung einer für einen Einzelnen gewaltigen Arbeit im Stillen gewidmet. Nach den endlich abgeschlossenen Vorarbeiten konnte er nun zur Ausführung seiner Lieblingsidee, der Begründung einer historischen und litterarischen Ruhmeshalle unter dem Namen „Körner-Museum“ im Körner-Schiller-Hause zu Dresden schreiten.

Am 28. März 1875 wurde dasselbe unter der gleichzeitigen Enthüllung der bronzenen Reliefportraits Schiller’s und Theodor Körner’s, welche aus einer im deutsch-französischen Kriege 1870 eroberten französischen Kanone von C. Lenz in Nürnberg gegossen, von Prof. K. Echtermeier lebensgetreu modellirt sind, unter der gleichen Theilnahme der Festgenossen, wie es vor dieser historischen Stätte schon 1863 geschehen, der Oeffentlichkeit übergeben.[1] – Zunächst der links vom Eingang an der Außenseite, unmittelbar unter den Fenstern der ersten Etage, wo Theodor Körner’s Geburtszimmer sich befindet, schon erwähnten Marmorgedenktafel war zu Ehren des Hauses und aus Anlaß der Museumseröffnung noch eine zweite, rechts von der ersten befindlich, eingelassen, welche die Inschrift trägt: „Hier wohnte bei seinem hochherzigen Freunde Dr. Ch. G. Körner Friedrich Schiller von 1786 bis 1787.[2] Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt sein Wort und seine That dem Enkel wieder!“ –

Zeigte schon damals der bescheidene Raum des ersten Theils des Körner-Museums eine Fülle hochinteressanter Gegenstände besonders in Bezug auf Theodor Körner und die Seinigen, so war dies noch viel mehr der Fall, nachdem zweimalige räumliche Vergrößerungen innerhalb des ersten Decenniums vorgenommen wurden, und trotzdem genügt der Raum zur Bergung und Schaustellung der geschichtlichen, litterarischen und künstlerischen Schätze schon seit Langem nicht mehr. Ein besonderes Museumsgebäude würde erst den wahren Gehalt und die volle Bedeutung des Körner-Museums vor Augen führen und zur Geltung bringen. Welch geliebte Schatten treten aus dem Hause, jetzt nach hundert Jahren noch hellstrahlend hervor! Das Körner-Haus hat Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts innerhalb seiner Mauern außer dem fast zur Familie Dr. Ch. G. Körner’s gehörenden Schiller, der zwei Jahre hier sein Glück gefunden, wohl fast alle damals lebenden geistigen und künstlerischen Größen Deutschlands und auch des Auslandes im häuslichen Kreise des herrlichen Vaters unseres deutschen Tyrtäus begrüßt und ihnen gastliche Stunden oder Tage bereitet. Wohl können jetzt Männer wie Goethe, Schiller, Novalis, Joh. von Müller, Bode, Bertuch, von Beulwitz, W. und A. von Schlegel, Alexander und Wilhelm von Humboldt, Oehlenschläger, Heinrich von Kleist, E. M. Arndt und hundert Andere uns nicht mehr das Lob des Körner’schen Kreises selbst verkünden, auch können Männer wie Mozart, Paer, von Weber etc. ihre unsterblichen Weisen nicht mehr vor derselben entzückten hochansehnlichen Gesellschaft von damals hervorzaubern und ertönen lassen, aber ihr Geist waltet noch fort in den Räumen des Körner-Museums. Wir sehen sie doch noch Alle, Alle in Wort und Bild, als Büste oder in sonstigen Erinnerungszeichen, wir begrüßen sie oft in denselben Originalschriften und niedergeschriebenen Tönen, die noch jetzt das deutsche Volk mit bewegtem Herzen liest, mit umflortem Auge wehmuthsvoll erblickt und andachtsvoll als Töne erlauscht.

Und nicht genug ist es mit der Schilderung dieses häuslichen, gelehrten und künstlerischen Kreises, welcher sich bis auf die ganze mächtige Goethe- und Schiller-Litteraturperiode erstreckt und dieselbe umfaßt, nein, auch die Großen, Mächtigen und Gewaltigsten aus der wenngleich damals schwersten, aber auch gewichtigsten deutschen Geschichtsepoche: die Zeit der deutschen Befreiungskriege von 1813 bis 1815, treten uns als „All-Deutschlaud und seine Getreuen“ erschütternd in den Zimmern des Körner-Museums entgegen. Der 1806 wegen der Veröffentlichung der Schrift „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“ zu Braunau erschossene Buchhändler Ph. Palm, die 1809 zu Stralsund und Mantua erschossenen Ferdinand von Schill und Andreas Hofer, Männer wie Haspinger, Speckbacher, Arndt, Hormayr, Rückert, M. von Schenkendorf etc. leiten die Erhebung Deutschlands ein.

Nach dem „Aufruf an mein Volk“ erscheint ein großer Theil des deutschen Volkes als neue Streiter für Gott und Vaterland, erscheint die Poesie der Befreiungskriege: die von Lützow’sche Freischaar, Theodor Körner als Barde, dessen im Bivouak oder kurz vor der Schlacht geschriebene Schlachtgesänge Tausende von Freiwilligen gegen Napoleon geführt, erscheinen endlich die hohen Recken mit Degen oder Feder, die Generale und Staatsmänner der großen Zeit: Scharnhorst, Gneisenau, Blücher, Wellington, von Stein, Metternich, Nesselrode, kurz Alle, die da am Webstuhle der Zeit gewirkt. Und zuletzt als die Verherrlichung erscheint der Genius der Befreiungskriege, die deutscheste der deutschen Frauen, die Mutter unseres greisen Heldenkaisers, die einstige hohe Dulderin für ihr Vaterland, die Königin Luise von Preußen. Ihr zur Seite stellen sich alle die gekrönten Häupter, die für Alles, was sie an die Welt band, gegen den Kaiser der Franzosen zu kämpfen hatten.

Aber das Schicksal dieses wichtigen nationalen Ehrentempels, dessen große Bedeutung selbst im Auslande anerkannt wird, ist für die Zukunft ein ungewisses. Und deßhalb mögen zum Schlüsse dieser Zeilen noch einige kurze Worte gesagt sein, die aber inhaltsvoll und inhaltsschwer als Mahnung, nicht speciell an die Stadt Dresden allein, nicht an die Sachsen oder Preußen im Allgemeinen, nicht an einzelne Korporationen von Stadt- oder Landtagsabgeordneten und hohen Reichstagsmitgliedern gerichtet sind. Nein, ohne jeden Hintergedanken für Volkskollekte oder Ehrenspende stellen wir die Frage an jeden echten Deutschen: Was soll denn nun jetzt oder später aus den geschichtlichen und litterarischen Schätzen dieser unvergleichlichen, mit den unsäglichsten Mühen und Geldausgaben eines einzelnen Privatmannes geschaffenen Sammlung in den Räumen eines geweihten Hauses werden?

Dr. Peschel hat bisher mit eiserner Festigkeit und unerschütterlichem Muthe sein Alles dem Körner-Schiller-Hause einverleibt, sein Hab und Gut, sein Wissen und Können, sein Hoffen und Streben. Seit neun Jahren verschiebt sich eine angemessene Subventionirung des Museums von Seiten des Reichs oder Sachsens, oder das endgültige Schicksal desselben unter formellen Klauseln, juristischen Bedenken oder auch unter politischen Rücksichtsnahmen von einem Weichbild der Stadt oder einer Grenze des Landes nach einer anderen. Sollte es wirklich wahr sein, daß die auf deutscher Erde geborenen, Verhältnisse halber nach Nordamerika ausgewanderten, sich jenseit des Oceans wohl befindenden deutschen Brüder zur Erinnerung an das trotz alledem heißgeliebte Vaterland schon vor Jahren für New-York oder Chicago das Körner-Museum ankaufen wollten, um ein schönes Stück deutscher Geschichte und Poesie als Erinnerungstempel für das liebe deutsche Vaterland zu bewahren?

Die Frage der nun endlich in nationalem Sinne vorzunehmenden Lösung dieser Museumsangelegenheit trete dem Herzen eines jeden wahrhaft fühlenden und gebildeten Deutschen nahe, erfasse Jeden, damit er Einflußreicheren, als er vielleicht selbst ist, mahnend zurufe:

Die deutsche Nation giebt sich ein Recht auf die Beibehaltung und Sicherstellung des Dresdener Körner-Museums, zu Ehren ihrer selbst, zu Ehren der Manen Schiller’s und Körner’s, zu Ehren von Scharnhorst’s heiligen Scharen und des deutschen Heldengeistes, der das Vaterland befreite! Zu Ehren aber auch des Mannes, der zu diesem Werke seine ganze Kraft einsetzte, des Schöpfers des Museums! Dr. F. M.     


  1. Vergl. „Gartenlaube“, Jahrgang 1875, S. 398.
  2. Von 1785–86 wohnte Schiller im Hofgärtner Fleischmann’schen Hause, dem Körner-Hause unmittelbar gegenüber.