Das Vogelsberger Rind und seine Zucht/Zuchtziel

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Die Leistungsfähigkeit des Vogelsberger Rindes Das Vogelsberger Rind und seine Zucht (1896)
von Erst Ludwig Leithiger
Die Züchtungsmaßnahmen


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VI. Das Züchtungsziel.

Das Vogelsberger Rind soll bäuerlichen Besitzern in Gegenden mit mehr bergigem Terrain als Nutztier dienen. Haupterfordernis ist hierbei, daß es, bei nicht übergroßen Ansprüchen an das Futter, ein gutes Milchtier ist und daß es, zumal die Kühe bei den kleineren Besitzern fast durchweg zum Zuge benutzt werden, ein gutes Zugtier ist. Die Mast kommt nur nebensächlich in Betracht, nämlich dann, wenn abgängige Tiere oder Kalbinnen, die nicht trächtig werden, an den Metzger verkauft werden sollen. Die Mast muß hier zurückstehen, weil dieselbe auch unter den gegebenen Verhältnissen viel zu teuer, daher unrentabel ist. Wo sie durchgeführt wird, oder werden muß, da wird sie als Stallmast durchgeführt und als Kraftfutter das Getreide herangezogen. Die Weidemast ist kaum angänglich. Daß aber die bezeichnete Mastmethode mit Getreideschrot sehr teuer ist, selbst bei niedrigen Getreidepreisen, ist einleuchtend. Milchergiebigkeit und Zugtüchtigkeit sind daher die Eigenschaften, in denen das Vogelsberger Rind das Höchste, was überhaupt möglich ist, leisten soll.

Die Züchtung hat die Aufgabe, die Leistungsfähigkeit des Vogelsberger Rindes nach dieser Richtung zu erhöhen und diese Eigenschaften in allen Tieren der Rasse so konstant zu machen, daß man mit dem Besitz eines Vogelsberger Rindes auch die Gewähr für dessen Leistungsfähigkeit hat. Dies kann nur durch Zucht innerhalb der Rasse geschehen. Erstes Bestreben zur Befestigung der Rasseeigenschaften muß daher Reinzucht [31] sein. Alle Tiere, die nicht die oben angegebenen Eigenschaften der Rasse aufweisen, müssen ausgeschieden werden. Insbesondere dürfen Tiere, die ersichtlich Schwyzer oder Simmenthaler Blut in sich führen, bei den Bestrebungen, das Vogelsberger Vieh zu heben, nicht zur Zucht benutzt werden. Rückschläge und Unsicherheiten in der Vererbung bleiben sonst nicht aus. Innerhalb der Rasse aber müssen nun wieder diejenigen Tiere ausgesucht und vornehmlich zur Zucht benutzt werden, die nicht nur die äußeren Eigenschaften, sondern auch die inneren, besonders die Nutzungseigenschaften besitzen. Wir stellen daher folgendes Zuchtziel für die Vogelsberger Kuh auf:

1. Rassereinheit. Es muß darnach gestrebt werden, dieselbe durch Stammbäume nachzuweisen. Zunächst sind maßgebend: rote bis rotbraune Haarfarbe, helles Pigment, fleischfarbige Schleimhäute, weiße Schwanzquaste mit braunen Mantelhaaren. Weiße Abzeichen dürfen nicht vorkommen, nur die Haare am Euter dürfen heller gefärbt sein. Die Hörner sind gut nach oben geschwungen von Farbe weiß mit dunkler Spitze.

2. Körperformen und Schwere. Die ausgewachsene 4 Jahr alte Kuh soll nicht unter 7 Ctr. Wiegen. 8–9 Ctr. muß das Ziel sein, nach welchem bezüglich des Kuhgewichtes gestrebt werden muß. Rücken gerade, horizontal; Schwanzansatz nicht hoch; Widerrist etwas breiter wie jetzt, ebenfalls Brust und Becken etwas breiter; Vorhand und Nachhand etwas länger, Mittelhand kürzer; Stellung der Gliedmaßen gerade unter dem Leibe; die Brusttiefe kaum etwas mehr wie die Hälfte der Stockhöhe betragen; Rippen gut gewölbt. Gliedmaßen mehr fein, aber fest, besonders die gelenke kräftig entwickelt; Haut dünn, weich, leicht verschiebbar.

3. Nutzungsleistungen. Erstrebenswertes Ziel muß nach dieser Richtung sein, daß die 7–9 Ctr. Schwere Kuh jährlich 2000–2400 Liter Milch mit einem Fettgehalt von ca. 4 % liefert. Bezüglich der Zugfähigkeit wird die jetzige Leistung, [32] besonders wenn die Tiere noch etwas schwerer werden, den Anforderungen genügen. Auch die Mastfähigkeit und Frühreife bedarf einer stärkeren Berücksichtigung nicht.


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