Das Weihnachtsgeschenk (Grässe)

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Das Weihnachtsgeschenk
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 299–301
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[299]
892) Das Weihnachtsgeschenk.
Winter in d. Const. Z. 1853. Nr. 298. Nach Gräve S. 184.

Wenn man von Budissin nach Görlitz geht, erblickt man ohnweit des Pfarrdorfes Krischa linker Hand einen mit Nadel- und Laubholz bepflanzten Platz, auf dem vor ohngefähr [300] 100 Jahren noch eine Betsäule stand, die eine nicht mehr lesbare Inschrift trug. Der Ursprung derselben wird aber also erzählt. Es soll einst am heiligen Christabend ein armer Bürger aus Budissin nach Görlitz gegangen sein, um dort einiges Geld für von ihm dorthin gelieferte Arbeit zu holen. Allein wie ward ihm, als er dasselbe nicht erhielt, und dadurch seine Hoffnung, für seine sechs kleinen Kinder einige Christstollen zu kaufen, in den Born fiel. Traurig und mit banger Sorge vor dem kommenden Winter kehrte er in später Abendstunde in seine Vaterstadt zurück, da sah er, daß das rechts bei Krischa liegende Gebüsch mit einer Unzahl heller Lichter erleuchtet war. Er begriff allerdings nicht, was dies sein könne, allein er faßte sich ein Herz und ging muthig auf das Gebüsch los, um zu sehen, was die Lichter zu bedeuten hätten. Da trat ihm am Eingange desselben ein kleines kaum vier Spannen hohes Männchen entgegen, grüßte ihn und rief ihm zu, er möge nur näher kommen, es sei ihm heute eine große Freude bescheert. Der arme Mann ließ sich dies auch nicht zweimal sagen, er trat unter die Bäume, und sah die kleinen Fichten ganz wie die Lichterbäume in der Stadt mit Aepfeln, Nüssen, Mandeln, Zuckerwerk und Honigkuchen behangen. Das Männchen lud ihn nun ein, sich davon so viel zu nehmen, als er wolle, um seinen Leuten zu Hause eine Weihnachtsfreude zu bereiten, und so füllte er sich denn den Sack, den er zum Tragen der Stollen bestimmt gehabt hatte, mit diesen wunderlichen Weihnachtsgaben an und machte sich auf den Weg nach seiner Heimath, nachdem er noch ausdrücklich die Lichter an den Bäumen hatte auslöschen sehen. Je näher er aber der Stadt kam, desto schwerer ward sein Sack, und kaum vermochte er sein Haus zu erreichen, doch hütete er sich wohl, etwas aus jenem wegzuschütten, um sich seine Bürde zu erleichtern. An der Thüre kamen ihm schon seine Kleinen entgegen, welche lange schon auf ihn gelauert hatten, weil sie wußten, daß er ihnen einen heiligen Christ hatte mitbringen wollen, schnell warf er nun den Sack von den müden Schultern, allein wie ward [301] ihm, als beim Oeffnen, statt der Aepfel, Nüsse etc., die er darin zu finden gedachte, eine Masse alter Goldmünzen herauskollerten. Damit war aber aller ihrer Noth ein Ende gemacht, nun konnte er seinen Kindern nicht blos Christstollen, sondern überhaupt Alles kaufen, was sich sein Herz wünschte. Er wendete aber das Geschenk des kleinen Männchens wohl an, er errichtete zur Erinnerung an jene himmlische Weihnachtsbescheerung an jener Stelle eine Betsäule, trieb sein Handwerk – er war ein Strumpfwirker – dermaßen in’s Große, daß dasselbe überhaupt in seiner Vaterstadt gehörig in Schwung kam, und ward der Ahnherr einer der angesehensten und wohlhabendsten Familien der Stadt.