Das alte Haus bei Laubetha

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Das alte Haus bei Laubetha
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 30–34
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
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626) Das alte Haus bei Laubetha.
S. Köhler a. a. O. S. 553 fgg.

Ein bewaldeter Berg bei Laubetha in der Nähe des bei Adorf liegenden Dorfes Freiberg, und namentlich der an seinem Fuße liegende Felsvorsprung führt im Munde des Volkes den Beinamen „das alte Haus“. Hier stand einst, so berichtet die Sage, ein stolzes Schloß, von vornehmen Rittern bewohnt, denen es aber nicht zu gering war, als Wegelagerer sich ihren Tribut von dem vorüberziehenden Handelsmanne zu erzwingen. In der Burg herrschte großer Reichthum und die umwohnenden Ritter versammelten sich dort nicht selten zu fröhlichem Gastgelage und Spiel. Auch wohnten schöne Fräulein darin, welche fleißig die Spindel drehten und webten und nicht wenig stolz waren auf die schönen feinen Leinen, die sie gar weiß zu waschen und zu bleichen verstanden. Mitten im fröhlichen Gelage aber und scheinbar in der Fülle des Glückes erreichte die rächende Hand der göttlichen Gerechtigkeit das Schloß und Alle, die zu der Zeit sich darin aufhielten. Es sank verzaubert in den Berg hinein und bis [31] auf den heutigen Tag sitzen stumm und steinern die Ritter beim Gelage, halten die Hand am Humpen, ihn zum Munde zu führen, oder strecken die Hand aus, nach dem Würfelspiele zu greifen, ganz sowie vor Jahrhunderten der Zauber sie gefunden.

Mittags an gewissen Tagen des Jahres, zwischen 12 und 1 Uhr, liegt auf den nahen Rasenflächen am vorbeifließenden Freiberger Bache schöne weiße Wäsche auf der Bleiche – die Burgfräulein haben große Wäsche – ringsum ist Alles ruhig, der Wanderer sieht die blanken Linnen, ohne zu wissen, wem sie gehören und warum man an diesem einsamen traulichen Plätzchen Wäsche bleicht. Wehe dem, der etwas davon stiehlt, bringt er’s nicht vor dem Schlusse der Stunde wieder, so geschieht ihm ein Unrecht an Leib und Leben. Einst ging ein Knabe von Rebersreuth gebürtig, den seine Eltern nach Adorf geschickt hatten, zur Mittagszeit nach Hause. Er kannte die Sage noch nicht und war erstaunt, dort eine Menge der schönsten Betttücher, Taschentücher, Hemden etc. auf der Bleiche ausgelegt zu sehen. Er fand sich versucht, ein kleines, mit feinen Spitzen versehenes Taschentuch mitzunehmen. Wie er fortging, wurde dasselbe in seiner Hand immer dünner und dünner, so daß es, als er es zu Hause seiner Mutter einhändigen wollte, nur noch wie Spinnwebe war. Diese, die Gefahr wissend, in welche sich der Knabe durch seine Voreiligkeit gebracht hatte, sandte denselben schleunigst an den Ort zurück mit dem Befehl, das Tuch wieder an seine Stelle zu legen. Der Knabe eilte und erreichte noch vor dem Schlage 1 Uhr die Stelle, legte das Tuch wieder zu der andern Wäsche und sofort war es wieder weiß und dicht wie vorher. Kaum hatte er aber den Rücken gekehrt, so war die ganze Wäsche verschwunden. Die Mittagsstunde war vorüber. Dem Knaben geschah jedoch kein Leid.

Der Kirchner Just von Adorf, der Vater des vor mehreren Jahren verstorbenen Kirchners gleiches Namens, hatte die Gewohnheit, täglich von Adorf bis an’s alte Schloß spatziren zu gehen. Einstmals fand er dort einen alten guten Groschen. [32] Als er am andern Tage wieder zu derselben Stelle kam, lag abermals so ein Groschen da, den er aufhob und mitnahm. Dies wiederholte sich von nun an täglich. Just sammelte diese Groschen und hob sie gut auf, ohne Jemandem indeß etwas davon zu sagen. Nach längerer Zeit, während welcher er seine Spatzirgänge indeß täglich fortgesetzt hatte, fand er an derselben Stelle zwar keinen Groschen, aber es stand dafür ein Kelch da von Silber und vergoldet, und eine Stimme aus dem Berge rief: „da hast Du Deinen Becher, die Groschen sind alle!“ Er nahm den Kelch, legte zu Hause sämmtliche Groschen hinein und siehe, er wurde gerade davon gefüllt. Kelch und Groschen schenkte der fromme Just aber der Kirche; was aus den Groschen geworden, weiß man nicht, der Kelch aber wird noch heute in der Kirche zu Adorf benutzt.

Der Bauer Wollner aus Freiberg, der vor etwa 60–70 Jahren starb, sah einst in der Nacht ein kleines Männchen in grauer Kutte vor sein Bett kommen und wurde von demselben aufgefordert, mitzugehen. Wollner verweigerte es, aber das Männchen kam immer und immer wieder. Endlich befragte sich Wollner bei den Geistlichen in Adorf und bat um Rath. Dieselben konnten ihm aber auch nicht helfen, sondern meinten, er solle thun, was ihm gut dünke, nur solle er, wenn er mitgehe, den lieben Gott nicht vergessen und fleißig beten. Wollner entschloß sich, endlich mitzugehen, vorher aber genoß er das heilige Abendmahl. Als in der nächsten Nacht das Männchen kam, kleidete er sich in seinen guten Kirchenrock und folgte. Das Männchen ging voran, eine Laterne hatte es nicht, gleichwohl war es hell um dasselbe, während ringsum Finsterniß herrschte, und Wollner konnte Weg und Steg gut sehen. Er ging hinab ins Thal, immer auf das alte Haus zu. Dort angelangt, führte eine Schlucht in den Berg. Das Männchen öffnete eine große eiserne Thüre, weiter ging’s durch einen langen Gang in unterirdische Gewölbe, die wieder mit eisernen Thüren verschlossen waren; endlich traten sie in einen großen hell erleuchteten Saal [33] Hier saßen in voller Rüstung viele Ritter an großen hölzernen Tafeln, hatten große Trinkkrüge vor sich stehen und Würfel lagen vor ihnen auf der Tafel, sie waren aber stumm und rührten sich nicht. Mitten durch sie hindurch schritten Wollner und das Männlein, gingen wieder durch eine Thüre und kamen in ein großes Gewölbe. Da standen umher Töpfe und Kessel und Schüsseln und Schränke und Kisten, alle mit vielem Gelde gefüllt, und das Männchen sagte zu Wollnern: „da nimm soviel Du willst!“ Wollner konnte sich nicht entschließen zuzugreifen, sondern stand längere Zeit muthlos da. Endlich ergriff das Männchen eine große mit Eisen beschlagene Kiste, fing an, dieselbe nach einer geöffneten Thüre hinzuziehen und befahl Wollnern, mit behülflich zu sein. Das that er und nach kurzer Zeit befanden sie sich im Freien auf der Wiese neben dem Freiberger Bache, wo das Männlein verschwand und Wollner mit der Kiste allein ließ. Dieser bemühte sich nun, die Kiste fortzuschaffen, allein sie war so schwer, daß er nicht im Stande war, sie weiter als einige Schritte zu schleppen. „Du hast ja nicht nöthig, Dich so zu plagen,“ dachte Wollner, ließ die Kiste stehen und ging heim um den Knecht zu holen. Der war auch bald bereit und sie schlugen den Weg zur Wiese mit einander ein. Am Orte angelangt, fanden sie zwar die Kiste noch an derselben Stelle, allein einen Mann in grünem Rocke darauf sitzen. Denselben hieß Wollner, die Kiste zu verlassen, da sie sein, Wollners, Eigenthum sei. Da reichte ihm der Mann in dem grünen Rocke ein großes Buch hin mit den Worten: „die Kiste sollst Du haben, jedoch Deinen Namen mußt Du in das Buch da einschreiben!“ Da aber Wollner sich dessen weigerte, verschwanden bald Mann und Kiste und Wollner stand mit dem Knechte in dicker Finsterniß. Er hat aber nie wieder von dem grauen Männchen etwas gesehen oder gehört.

Vor hundert Jahren waren einmal Arbeiter in der Nähe des alten Hauses beschäftigt, Bausteine zu brechen. Da kam ein vornehmer Mann gegangen und fragte die Leute, [34] wo denn das alte Haus sei und wo man in den Berg kommen könne. Die Stelle, wo das alte Haus ist, konnten sie ihm wohl zeigen, wußten aber vom Eingange weiter nichts zu sagen, als daß in der Nähe ihres Steinbruchs ein unterirdischer Gang sein solle. Der fremde Mann sei nun an den Berg gegangen, habe allerlei geheime Worte gesprochen und habe sich dann mit den Worten entfernt, daß er allein nichts thun könne, sondern seinen Vater holen wolle. Sie hätten, erzählten die Arbeiter, nie wieder etwas von dem Manne gesehen, aber einige Tage nachher hätten einmal ihre herausgebrochenen Steine eine ganz andere Schichtung gehabt und auf einen großen angelehnten Stein sei geschrieben gestanden: „Hier liegt der Lohn für Euere Anweisung.“ Da hätten sie bei dem Steine einen schönen Speziesthaler gefunden und den Betrag unter sich getheilt. „Das sind die Jesuiten gewesen,“ sagten die Leute und sagen heute noch, die Jesuiten hätten das Geld aus dem alten Hause ausgeräumt.