Das kleinste Säugethier

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Das kleinste Säugethier
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 588–590
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[588]
Das kleinste Säugethier.
Von Dr. A. Brehm.

Das nebenstehende Bildchen ist auch eine Erläuterung des Spruches unseres Rückert:

„Wie groß Du für Dich seist, vor’m Ganzen bist Du nichtig,
Doch als des Ganzen Glied bist Du als Kleinstes wichtig!“

– es stellt dem geneigten Leser das letzte Glied einer reichhaltigen Ordnung, einen Verwandten des gewaltigen Löwen vor. Der Künstler hätte es gern größer gezeichnet, wenn dies nur angegangen wäre, ohne der Natur zu widersprechen. Die etrurische Spitzmaus ist nicht größer, als die Abbildung sie darstellt; 2½ Zoll Leibeslänge, 1 Zoll Höhe am Widerrist und 36 Gran Gewicht: das sind die Maße, welche ihr zukommen. Und dieses kleine Geschöpf, des Zwerg der ersten Classe, dieses dem Walfisch gegenüber geradezu verschwindende Säugethier ist ein Räuber, ein mindestens ebenso blutdürstiges Wesen, als der Marder, ein ebenso grausames, als der Tiger!

Kaum eine andere Ordnung des Thierreichs zeigt einen größeren Gestaltenreichthum, keine ist geeigneter, den Laien zu verwirren, als die der Raubsäugethiere. Alle nur denkbaren Umbildungen einer und derselben Grundgestalt treten in ihr vor das Auge, und dennoch wird die Grundgestalt überall festgehalten. Dem oberflächlichen Beobachter will es freilich nicht einleuchten, daß der anmuthige, einhellig gebaute Katzenleib mit dem plumpen Körper des Maulwurfs oder der schlanke Marder mit dem Igel, der Hund mit der zierlichen Spitzmaus, der Bär mit dem Wiesel Aehnlichkeit habe, und doch sind sie alle nicht blos geistig, sondern auch leiblich innig verwandt. Ihnen allen ist eine große Gleichmäßigkeit des Leibesbaues gemeinsam. „Die Gliedmaßen der Raubthiere“, sagt Giebel, „stehen in gleichem Verhältniß zu einander und in einem einhelligen zum Leibesbau, Gewandtheit und Kraft in ihren Bewegungen verrathend. Immer sind die Füße mit vier oder fünf starkbekrallten Zehen versehen, und so zeigen sie sich zum Graben, Klettern, Schwimmen und Ergreifen ebenso geeignet, als zum Gehen, ihrer eigentlichen Bestimmung. Alle Sinneswerkzeuge sind scharf und in einem gewissen Grade gleichmäßig entwickelt. Verzerrungen und Absonderlichkeiten, fratzenhafte und widerliche Gestalten fehlen gänzlich unter ihnen; die Harmonie in ihren Körpertheilen und die Entschiedenheit ihres Naturells, beide kennzeichnen sie als typisch vollendete Säugethiere.“

Ein so vollendetes Säugethier muß auch unser Zwerg genannt werden. Er gehört einer eben so bewegungsfähigen und gewandten als mordlustigen und blutgierigen Familie an. Alle Spitzmäuse sind unter den kerbthierfressenden Raubthieren dasselbe, was die Marder unter den fleischfressenden sind. Sie verstehen das Räubergewerbe in der ausgedehntesten Weise zu betreiben; sie besitzen alle [589] Fähigkeiten, welche ein echtes Räuberleben möglich machen; sie zeigen einen Muth, einen Blutdurst, eine Grausamkeit, welche mit ihrer geringen Größe gar nicht im Verhältniß stehen. Ihr Gebiß hat Karl Vogt den Lesern der Gartenlaube auf Seite 124 des vorigen Jahrgangs vortrefflich beschrieben; ihrer Lebensweise aber hat er nur so flüchtig gedacht, daß ich seiner Schilderung wohl noch Einiges hinzufügen darf.

Die Spitzmäuse sind, mit Ausnahme Australiens, über die ganze Erde verbreitet und finden sich überall, in der Ebene, wie im Gebirge, in Wäldern, wie auf Wiesen, Auen und in Gärten, in Häusern, in der Steppe, in der Wüste, auf Bäumen, wie im Wasser. Die meisten führen ein unterirdisches Leben, denn sie geben der Dunkelheit, wie alle Räuber, den Vorzug; doch kennt man auch einige, welche Angesichts der Sonne munter umherspringen. In ihren Bewegungen sind sie äußerst rasch und behend; sie huschen pfeilschnell dahin, klettern vortrefflich und stehen im Schwimmen keinem Binnensäugethiere nach. Einige springen sogar, gleich dem Känguru, auf zwei Beinen flott dahin. Der Geruch ist ihr ausgebildetster Sinn; auf ihn folgt das Gehör und dann das Gefühl; Gesicht und Geschmack sind verkümmert. Ihre geistigen Fähigkeiten erscheinen uns ziemlich gering; doch mag dies wohl in unsrer Unkenntniß seinen Grund haben.

Die Gartenlaube (1862) b 589.jpg

Spitzmaus und Fangheuschrecke im Kampfe.
In natürlicher Größe.

In sämmtlichen Arten müssen wir höchst nützliche Geschöpfe erkennen, eifrige Arbeiter, welche uns durch Vertilgung schädlicher Kerfe große Dienste leisten. Die größeren Arten wagen sich auch an Wirbelthiere, so die Wasserspitzmäuse an die Fische und deren Laich; alle übrigen fressen hauptsächlich Insecten und zwar täglich mindestens so viele, daß die Nahrung ihrem eigenen Gewichte gleichkommt. Keine einzige Art kann den Hunger lange Zeit vertragen und keine hält Winterschlaf; sie sind das ganze Jahr hindurch in Bewegung und Thätigkeit.

Ein ziemlich starker Moschus= oder Zibetgeruch scheint ihre gemeinsame Schutzwaffe gegen größere Raubthiere zu sein; leider aber ist diese Waffe keine unfehlbare: sie schützt blos vor dem Gefressenwerden, nicht auch vor dem Tode. Hunde und Katzen verwechseln die Spitzmäuse mit den ihnen wenigstens in der Größe ähnlichen Mäusen und machen im Jagdfeuer ihrem Leben durch einen raschen Biß ein Ende, obgleich ihnen der kleine Leichnam, eben jenes Geruches wegen, so widerwärtig erscheint, daß sie ihn ruhig liegen lassen. Nur die Eulen, deren Geschmack und Geruch nicht die Feinheit der bezüglichen Katzensinne haben, kennen derartige Bedenken nicht, sondern fressen die von ihnen erbeutete Spitzmaus ohne Umstände auf. Glücklicher Weise gleicht die Fruchtbarkeit unsrer Thiere solche Verluste bald wieder aus. Die kleine Spitzmaus wirft zwischen vier und zehn Junge, welche schon nach Monatsfrist im Stande sind, ihr eigenes Gewerbe zu betreiben, und im nächsten Jahr bereits wieder Junge erzeugen So kommt es, daß die schmucken Geschöpfe noch immer häufig genannt werden müssen.

In früheren Zeiten machte sich der Aberglaube viel mit ihnen zu schaffen. „Die Spitzmaus“, sagt der alte Topsel in seiner 1658 zu London erschienenen Thiergeschichte, „ist ein raubgieriges Vieh, heuchelt aber Liebenswürdigkeit und Zahmheit. Tief beißt und tödtlich vergiftet sie, sobald sie berührt wird. Grausamen Wesens sucht sie jedem Dinge zu schaden, und kein Geschöpf giebt es, welches von ihr geliebt wird, keines, welches sie lieben sollte; denn alle andern Thiere fürchten sie. Die Katzen jagen und tödten sie, fressen sie aber nicht; es würde ihnen auch schlecht bekommen, sie würden vergehen und sterben! Zum Glück müssen viele dieser bösen Thiere ihr Leben lassen; denn wenn sie in ein Fahrgleis fallen, können sie nicht wieder weggehen, sondern erschöpfen sich bald ganz, als wären sie in Banden geschlagen. Deshalb haben auch die Alten Erde aus Fahrgleisen als Gegenmittel für den Mäusebiß verschrieben. Man hat aber noch mehr Mittel bei andern Krankheiten, um die Wirkung ihres Giftes zu heilen, und diese Mittel dienen zugleich auch noch, um allerlei andere Uebel zu heben. Eine Spitzmaus, welche man verbrennt und stampft und dann mit Staub und Gänsefett vermischt, giebt eine Salbe, welche alle Entzündungen unfehlbar heilt. Eine Spitzmaus, welche getödtet und so aufgehängt worden ist, daß sie weder jetzt noch später den Grund berührt, hilft, wenn der Leib mit Geschwüren und Beulen bedeckt ist, wenn man die wunde Stelle drei Mal mit dem Leichnam des Thieres berührt. Der zu Pulver verbrannte und zu Salbe benutzte Schwanz ist ein untrügliches Mittel gegen den Biß wüthender und toller Hunde.“ In diesem Tone fährt der alte spaßhafte Naturbeschreiber fort; er kennt noch eine ganze Menge solcher homöopathischer Mittel. Gegenwärtig sind die Spitzmäuse auch vor dem Menschen ziemlich sicher; man läßt sie gehen und beachtet sie nicht weiter.

Ich weiß nicht, ob auch unsere etrurische Spitzmaus (Crocidura etrusca) in früheren Zeiten als Heilmittel benutzt wurde. Plinius, welcher die alten Geschichten aufgebracht hat, hätte sie verwenden können; denn die Spitzmaus ist nach ihrer Heimath benannt worden. Doch scheint es, als ob die Alten sie übersehen hätten. Erst im Jahre 1822 wird sie von einem Italiener beschrieben. Der große Pallas kannte sie bereits elf Jahre früher; seine Beschreibung ist aber nur sehr unvollständig. Ihr bräunlichgrauer Pelz dunkelt auf der Oberseite und geht nach unten allmählich in lichtere Farben über. Lippen und Füße sind weißlich behaart. Von den 2 ½ Zoll ihrer Leibeslänge nimmt der Schwanz einen ganzen Zoll weg, sodaß für den Leib nur 1 ½ Zoll übrig bleiben.

Gegenwärtig weiß man, daß das kleinste aller Säugethiere in allen Ländern rings um das mittelländische und schwarze Meer vorkommt: man hat sie in Nord-Afrika, in Frankreich, in Italien, in Dalmatien und in der Krim gefunden. Der nördlichste Punkt ihres Vorkommens scheint Triest zu sein. Sie fürchtet die Kälte und sucht sich für den Winter, auch in Süd-Europa, ganz besonders warme Aufenthaltsorte aus. In ihrer Lebensweise ähnelt sie ganz ihren Gattungsverwandten. Sie zieht Gärten oder Gebäude den Feldern und Waldgegenden vor und betreibt also in unmittelbarster Nähe des Menschen ihr Gewerbe.

Unser Maler hat sie allerliebst aufgefaßt. Eine jener in Südeuropa vorkommenden Fangheuschrecken (Mantis) ist von ihr überfallen worden. Das Kerbthier ist ebenso groß als sie und der Kampf voraussichtlich ein sehr heftiger. Doch wird sie siegen. Schon hat sie ihren Gegner an der schlimmsten Stelle gepackt: sie ist im Begriff ihm die Waffe abzubeißen. Dann wird wahrscheinlich der dünnere schwache Hals daran kommen, die übrigen Beine werden nach und nach amputirt werden, und schließlich bleibt der volle, saftige Leib als erwünschte Beute übrig. An ihm hat das Pärchen genug für – ein paar Stunden! Es wird erst schmausen, sich putzen, hierauf spielen und rasch wieder hungrig werden. Die seine Nase schnüffelt dann nach allen Seiten umher. Jede Ritze, jede Höhle, jedes Blatt wird untersucht. Wehe dem Kerbthier, welches sich blicken läßt: – es ist verloren! auch wenn [590] der Räuber nur von seiner Mordlust und nicht vom Hunger getrieben werden sollte. Und wenn ein kleines, junges, unerfahrenes Mäuschen sich zeigen würde? Dann springt ihm der Zwerg mit derselben Gier auf den Nacken, wie der Tiger der Antilope, der Löwe dem Stier. Rasch senken sich die Zahnnadeln ein paar Mal in den Hals des Schlachtopfers, und wenn dieses auch sammt dem Räuber dahinrennt: – der läßt nicht von ihm ab, bis er die Beute erlegt hat. Nun geht’s an das Zerlegen. Mit Mühe wird ein Löchlein in den Pelz gebissen, durch dieses. aber nach und nach der ganze Leib ausgefressen. Endlich bleibt nur das entleerte Fell auf der Wahlstatt, und der Räuber leckt und putzt mit den zarten Füßchen sich höchst behaglich die Nase.