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Das vierte Buch der Makkabäer

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Titel: Das vierte Buch der Makkabäer
Untertitel:
aus: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel S. 700–728, 1313–1314
Herausgeber: Paul Rießler
Auflage:
Entstehungsdatum: 1. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Dr. B. Filser
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Erscheinungsort: Augsburg
Übersetzer: Paul Rießler
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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[700]
40. Das vierte Buch der Makkabäer

1. Kapitel:
Prolog. Betrachtung des Lehrsatzes von der Herrschaft der Vernunft über die Triebe

1
Ich möchte eine Frage vorlegen:

Hat die gottgeleitete Vernunft volle Herrschaft über die Triebe?
Diese Frage ist echt philosophisch.
Deshalb möchte ich euch recht raten,
auf diese Philosophie bereitwillig zu achten.

2
Jeder soll sich mit der Frage vertraut machen,

führt sie doch zur Empfehlung der größten Tugend,
ich meine, der Klugheit.

3
Wenn die Vernunft allem nach die Triebe,

die die Mäßigung verhindern, beherrscht,
nämlich die Völlerei und die Wollust,

4
dann ist auch klar, daß sie über die Triebe, die die Gerechtigkeit hemmen,

wie die Bosheit, Macht hat,
ebenso über die Triebe, die die Starkmut hindern,
Aufregung, Schmerz und Furcht.

5
Wie kommt es nun, mögen einige fragen,

daß die Vernunft nicht auch über das Vergessen und das Nichtwissen Macht hat,
wenn sie doch sonst über die Triebe herrscht?
Ihr Einwand ist lächerlich.

6
Nicht über ihre eigenen Triebe herrscht die Vernunft,

sondern über die Triebe,
die der Gerechtigkeit, Starkmut, Mäßigkeit und Klugheit hindernd im Wege stehen,
und auch über diese nicht so, daß sie sie ausrottet,
sondern nur so, daß sie ihnen nicht nachgibt.

7
Ich möchte euch nun an verschiedenen Beispielen zeigen,

daß die gottgeleitete Vernunft volle Herrschaft über die Triebe hat.

8
Am besten dürfte ich dies

durch den Heldenmut der für die Tugend Gestorbenen beweisen können,
des Eleazar und der Sieben Brüder und ihrer Mutter.

9
Denn alle diese achteten nicht der Schmerzen bis zum Tode.

So bewiesen sie, daß die Vernunft über die Triebe Macht hat.

10
Der Tugenden wegen muß ich zwar die Männer loben,
[701]

die an diesem Zeitpunkt mit ihrer Mutter in Hochherzigkeit starben;
der Ehren wegen möchte ich sie lieber selig preisen.

11
Sie wurden ja ob ihrer Starkmut und Geduld

nicht bloß von allen andern Menschen,
sondern selbst von ihren Peinigern bewundert,
und so gaben sie den Anlaß,
daß die auf dem Volke lastende Tyrannei vernichtet wurde,
weil sie die Tyrannen durch ihre Geduld so besiegten,
daß das Vaterland durch sie gereinigt wurde.

12
Es wird aber sofort auch hierüber in Ausführungen eingetreten,

wenn erst, nach meiner Gewohnheit, der Grundgedanke herausgestellt ist.
Hernach wende ich mich ihrer Geschichte zu,
wobei ich dem allweisen Gott die Ehre gebe.

13
Wir untersuchen also jetzt die Frage:

„Hat die Vernunft die Herrschaft über die Triebe?“

14
Wir wollen aber bestimmen:

Was ist „Vernunft“? Was „Trieb“?
Ferner: „Wie viele Arten von Trieben gibt es?“
„Beherrscht alle diese die Vernunft?“

15
„Vernunft“ ist also Verstand,

der mit gesundem Urteil das Leben der Weisheit erwählt.

16
Und Weisheit ist das Wissen

um göttliche und menschliche Dinge und ihre Ursachen.

17
Und dieses besteht in der Gesetzesbildung,

wodurch wir das Göttliche in würdiger Weise
und das Menschliche in förderlicher erlernen.

18
Der Weisheit Arten sind Klugheit, Gerechtigkeit, Starkmut und Mäßigung.
19
Die Klugheit ist die trefflichste von allen;

durch sie beherrscht ja die Vernunft die Triebe.

20
Unter den Trieben sind zwei die umfassendsten, Lust und Schmerz;

jeder davon berührt auch die Seele.

21
Lust und Schmerz haben aber viele Triebe im Gefolge.
22
Vor der Lust kommt das Verlangen, nach der Lust die Freude.
23
Vor dem Schmerz die Angst, nach dem Schmerz der Kummer.
24
Erregung ist ein Trieb, der der Lust und dem Schmerz eignet,

wie man dies aus Erfahrung wissen kann.

25
Unter „Lust“ fällt auch der vielgestaltigste aller Triebe,

die sittliche Verkommenheit.

26
Sie äußert sich in der Seele als Prahlerei, Geldgier,

Ehrgeiz, Zanksucht und Verleumdung

27
und im Leib als wahllose Esserei, Gefräßigkeit und Alleinprassen.
28
Lust und Schmerz sind gleichsam zwei Bäume im Leib und in der Seele,

und so gibt es auch viele Nebenzweige dieser Triebe.

29
Nun putzt die Allgärtnerin Vernunft sie alle entweder aus

oder beschneidet, umwickelt und begießt sie
oder verpflanzt sie und veredelt so auf jede Weise
das Gestrüpp der Neigungen und Triebe.

30
Die Vernunft ist ja die Führerin der Tugenden,
[702]

aber die Selbstherrin über die Triebe.
So sieht man fürs erste aus der zügelnden Tätigkeit der Mäßigung,
daß die Vernunft Selbstherrin über die Triebe ist.

31
Mäßigung ist also Beherrschung der Begierden.
32
Von den Begierden aber sind die einen seelisch, die anderen leiblich,

und klar ist, daß die Vernunft über beide herrschen kann.

33
Wie käme es sonst,

daß wir uns zwar zu den verbotenen Speisen hingezogen fühlen,
aber die Freuden, die sie verheißen, verabscheuen?
Nicht deshalb, weil die Vernunft die Gelüste beherrschen kann?
Ich für meinen Teil glaube es.

34
Wenn es uns auch nach Wassertieren, Vögeln, Vierfüßlern,

kurz, nach mancherlei, uns vom Gesetz verbotenen Speisen gelüstet,
dann enthalten wir uns doch wegen der Übermacht der Vernunft.

35
Denn die Triebe der Begierden werden

durch den enthaltsamen Verstand gehemmt und umgebogen,
ebenso alle Regungen des Leibes durch die Vernunft.


2. Kapitel: Fortsetzung der Betrachtung
1
Ist es auffallend,

daß der Seele Gelüste nach Schönheitsgenuß unterdrückt werden können?

2
Der keusche Joseph wird ja deshalb gepriesen,

weil er durch die Vernunft die Wollust besiegte.

3
Denn obschon er ein Jüngling und in voller Reife für den Verkehr war,

unterdrückte er doch durch die Vernunft den Stachel der Triebe.

4
Natürlich unterdrückt die Vernunft nicht bloß den Wollustreiz,

sondern auch alle andern Begierden.

5
So sagt wenigstens das Gesetz:

„Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weib
noch irgendeiner Habe deines Nächsten!“

6
Aus dieser Tatsache, daß das Gesetz sagt,

wir dürfen uns nicht gelüsten lassen,
glaube ich, euch noch viel überzeugender beweisen zu können,
daß die Vernunft über die Begierden herrschen kann
wie auch über die Triebe,
die der Gerechtigkeit hindernd im Wege stehen.

7
Wie könnte sonst ein gewohnheitsmäßiger stiller Genießer

oder Schlemmer oder Säufer umgewandelt werden,
wenn nicht die Vernunft offenbar Herrin über die Triebe wäre?

8
Jedenfalls bezwingt ein Mensch, der nach dem Gesetz wandelt,

sofort sein eigenes Wesen,
sollte er auch geldgierig sein.
Er borgt den Bedürftigen ohne Zins,
auch wenn er das Darlehen wegen des Siebentjahres verlieren sollte.

9
Und ist jemand sparsam,

so läßt er sich vom Gesetz infolge der Vernunft beherrschen
und hält auf den abgeernteten Feldern keine Ährenlese

[703]

noch in den Weinbergen eine Traubennachlese.
Auch an anderen Tatsachen erkennt man,
daß die Vernunft über die Triebe herrscht.

10
So ist das Gesetz auch stärker als die Liebe zu den Eltern;

denn es gibt ihretwegen nicht die Tugend preis.

11
Weiter ist es stärker als die Liebe zur Gemahlin;

denn es weist sie im Falle eines Vergehens zurecht.

12
Es ist auch stärker als die Liebe zu den Kindern;

denn es bestraft sie im Fall einer Schlechtigkeit.
Es ist endlich auch stärker als die Anhänglichkeit an die Freunde;
denn es gibt ihnen im Fall einer Bosheit einen Verweis.

13
Ihr dürft dies nicht für unglaublich halten;

denn die Vernunft kann durch das Gesetz sogar den Feindeshaß unterdrücken.

14
Sie unterläßt es, der Feinde Nutzbäume umzuhauen;

sie bewahrt das Vieh vor Räubern
und hilft dem zusammengebrochenen Vieh wieder auf.

15
Aber die Vernunft herrscht selbstverständlich auch über die roheren Triebe,

über Herrschsucht, Eitelkeit, Prahlerei, Hoffart und Verleumdung.

16
Der nüchterne Verstand verabscheut all diese unsittlichen Triebe ebensosehr

wie die Aufregung;
denn auch über diese kann er herrschen.

17
Moses wenigstens, in seiner Erregung über Datan und Abiron, unterließ es,

im Zustand der Aufregung etwas gegen sie zu unternehmen;
er zügelte vielmehr durch die Vernunft die Aufregung.

18
Der nüchterne Verstand ist ja, wie gesagt, imstande,

die Triebe zu besiegen;
er kann sie teils umstimmen, teils unterdrücken.

19
Weshalb beschuldigt denn sonst unser allweiser Vater Jakob

den Simeon und den Levi samt ihren Leuten,
daß sie in Unvernunft die Massenabschlachtung der Sichemiten vorgenommen hätten,
indem er sagt: „Verflucht sei ihre Erregung!“?

20
Könnte ja die Vernunft nicht die Erregungen beherrschen,

dann hätte er nicht so gesprochen.

21
Als Gott den Menschen schuf,

pflanzte er in ihn die Triebe und Neigungen.

22
Zu gleicher Zeit aber setzte er den Verstand

als ihrer aller heiligen Führer mitten unter den Sinnen auf den Thron

23
und gab ihm ein Gesetz,

dessen Befolgung ihm eine Königsherrschaft
voll Mäßigung, Gerechtigkeit, Güte und Starkmut verhieß.

24
Wie kommt es nun, könnte jemand einwenden,

daß die Vernunft zwar die Triebe,
nicht aber Vergessen und Nichtwissen beherrscht?


3. Kapitel: Fortsetzung der Betrachtung
1
Dies ist ein recht lächerlicher Einwand.

Natürlich beherrscht die Vernunft nicht ihre eignen Triebe,
sondern nur die Triebe,

[704]

die die Gerechtigkeit, Starkmut, Mäßigung und Klugheit hindern,
und auch diese nicht so, daß sie sie ausrottet,
sondern nur so, daß sie ihnen nicht nachgibt.

2
So kann niemand unter euch z. B. die Gier ausrotten;

aber die Vernunft kann es dahin bringen,
daß ihr nicht Sklaven der Gier werdet.

3
Niemand von euch kann die Erregung aus der Seele ausrotten;

aber möglich ist es, der Erregung zu helfen.

4
Niemand von euch kann die Bosheit ausrotten;

aber die Vernunft kann doch wohl mitkämpfen,
daß man sich von der Bosheit nicht niederzwingen läßt.

5
Die Vernunft ist ja nicht Entwurzlerin,

sondern Bekämpferin der Triebe.

6
Dies kann man an der Geschichte von Königs David Durst

noch mehr verdeutlichen

7
David hatte einmal einen ganzen Tag mit den Philistern gekämpft

und viele von ihnen mit Hilfe der Krieger seines Volkes getötet.

8
Nun begab er sich am Abend

schweißbedeckt und recht ermüdet zum königlichen Zelt,
um das sich das ganze Heer der Vorfahren gelagert hatte.

9
Nun waren die andern alle beim Essen.
10
Der König aber litt heftigsten Durst.

Nun flossen freilich die Quellen bei ihm überreichlich;
der König aber vermochte nicht, aus ihnen seinen Durst zu stillen.

11
Vielmehr dörrte ihn eine unvernünftige Begierde nach dem Wasser der Feinde aus;

sie steigerte sich immer mehr
und verzehrte ihn mit erschlaffender Glut.

12
Schon begannen die Schildträger über des Königs Gier zu murren.

Da legten zwei Jünglinge, tapfere Krieger,
voll zarter Rücksicht auf des Königs Verlangen,
ihre ganze Rüstung an, nahmen ein Gefäß
und überstiegen das feindliche Pfahlwerk.

13
Sie schlichen, unbemerkt von den Torwächtern, im ganzen Feindeslager umher,
14
machten so voller Mut die Quelle ausfindig

und holten daraus den Trunk für den König.

15
Dieser aber, obschon von Durst verbrannt, bedachte,

daß solch ein Trunk, der als gleichwertig mit Blut anzusehen ist,
eine ganz furchtbare Gefahr für die Seele sei.

16
Deshalb stellte er der Begierde die Vernunft gegenüber

und spendete Gott den Trunk.

17
Der nüchterne Verstand ist ja fähig,

den Drang der Triebe zu überwinden und die Flammen der Brunst zu löschen,

18
die körperlichen Schmerzen,

mögen sie auch übermäßig stark sein, niederzukämpfen
und durch die treffliche Vernunft
alle Herrschaftsgelüste der Triebe zu verabscheuen.

19
Doch die Zeit mahnt uns, die Geschichte der nüchternen Vernunft fortzusetzen.
20
Tiefen Frieden und großen Wohlstand hatten unsere Väter
[705]

wegen ihrer Gesetzesfreudigkeit.
Selbst Asiens König Seleukus Nikanor warf ihnen
sogar Geldmittel für den Tempeldienst aus
und erkannte ihre Verfassung an.

21
Da störten einige unruhige Köpfe die allgemeine Eintracht,

bekamen aber dafür mancherlei Unheil zu kosten.


4. Kapitel: Geschichtlicher Beweis
1
So war ein gewisser Simon mit Onias politisch verfeindet.

Dieser war damals der lebenslängliche Inhaber der Hohenpriesterwürde,
ein trefflicher Mann.
Simon verleumdete nun den Onias auf alle erdenkliche Art;
er vermochte ihm aber beim Volk nicht zu schaden,
und so ging er flüchtig, um sein Vaterland zu verraten.

2
So kam er zu dem Statthalter Syriens, Phöniziens und Ciliciens,

Apollonius, und sprach:

3
„Ich bin ein königstreuer Mann und komme deshalb mit der Anzeige,

daß in Jerusalems Schatzhäusern
viele Millionen Privatgelder hinterlegt sind;
diese haben aber mit dem Tempel nichts zu tun,
sondern kommen dem König Seleukus zu.“

4
Apollonius vergewisserte sich nun über die Einzelheiten;

dann lobte er Simon wegen seiner Besorgtheit für den König;
hernach eilte er zu Seleukus hinauf und meldete ihm den Geldschatz.

5
Nach empfangener Vollmacht zog er schnell

mit dem verfluchten Simon und einem sehr starken Heer in unser Vaterland

6
und verkündete nach seiner Ankunft,

er komme auf königlichen Befehl,
die Privatgelder des Schatzhauses abzuholen.

7
Da ward das Volk über diese Ankündigung sehr unwillig und erhob Einspruch;

denn man hielt es für etwas ganz Schändliches,
daß die geplündert würden,
die dem heiligen Schatz ihre Spareinlagen anvertraut hätten.
Und so suchte man dies, so lange es ging, zu verhindern.

8
Jedoch Apollonius zog unter Drohungen zum Tempel.
9
Da flehten die Priester mit Weibern und Kindern im Tempel zu Gott,

er möge die mißachtete Stätte beschützen.

10
Als nun Apollonius mit gewappnetem Heer zum Raub der Gelder vorging,

erschienen vom Himmel her Engel auf Rossen mit blitzenden Waffen
und erfüllten sie mit gewaltigem Schrecken und Beben.

11
Und Apollonius stürzte im Allvölkerhof des Tempels halbtot nieder;

dann streckte er die Hände zum Himmel und bat unter Tränen die Hebräer,
sie möchten für ihn beten und so das himmlische Heer besänftigen.

12
Er bekannte sich als todeswürdigen Sünder;

da er aber mit dem Leben davon gekommen sei,
werde er allen Menschen von der Wunderkraft der heiligen Stätte
ein Loblied singen.

[706]
13
Der Hohepriester Onias wurde durch diese Worte veranlaßt,

für ihn zu beten,
obwohl er sonst vorsichtig war;
es sollte eben der König Seleukus nicht zur Meinung kommen,
Apollonius sei einem menschlichen Anschlag
und nicht der göttlichen Gerechtigkeit zum Opfer gefallen.

14
So zog er, wider Erwarten gerettet, davon

und berichtete dem König sein Begegnis.

15
Nach dem Tod des Königs Seleukus folgte ihm

sein Sohn Antiochus Epiphanes;
dieser war ein übermütiger und gewalttätiger Herrscher.

16
Er entsetzte Onias des Hohenpriestertums

und machte dessen Bruder Jason zum Hohenpriester;

17
denn dieser verpflichtete sich,

ihm für die Übertragung der Würde jährlich 3660 Talente zu zahlen.

18
So übertrug der König dem Jason das Amt eines Hohenpriesters

und Volksfürsten.

19
Dieser gewöhnte nun das Volk an eine andere Lebenshaltung und Verfassung,

die dem Gesetze widersprachen.

20
So erbaute er nicht bloß ein Gymnasium

auf der Burghöhe unserer Vaterstadt,
sondern unterdrückte auch den Tempeldienst.

21
Die göttliche Gerechtigkeit, darob ergrimmt,

führte nun gerade Antiochus zum Kampf gegen uns herbei.

22
Als er nämlich in Ägypten gegen Ptolemäus kämpfte, hörte er,

die Jerusalemiten hätten sich auf das Gerücht seines Todes hin
über alle Maßen gefreut;
da zog er rasch gegen sie heran.

23
Nach ihrer Bestrafung gab er den Erlaß,

wer von ihnen nachweisbar das väterliche Gesetz befolge,
der müsse sterben.

24
Doch konnte er auf keine Weise

des Volkes Gesetzestreue durch die Erlasse erschüttern;
er mußte vielmehr die Unwirksamkeit all seiner Drohungen
und Strafen bemerken.

25
So stürzten sich selbst Weiber samt den Säuglingen in die Tiefe,

weil sie ihre Knäblein beschnitten hatten,
wußten sie doch im voraus, daß sie dies erleiden würden.

26
Da also seine Erlasse von dem Volk mißachtet wurden,

suchte er persönlich
jeden einzelnen im Volk durch Folterqualen zu zwingen,
unreine Speisen zu kosten und dadurch dem Judentum abzuschwören.


5. Kapitel: Eleazars Standhaftigkeit
1
So setzte sich der tyrannische Antiochus mit seinen Beiräten

auf eine hochgelegene Stätte,
ringsum von seinen bewaffneten Truppen umgeben.

2
Dann befahl er den Leibwächtern,
[707]

jeden einzelnen Hebräer heranzuschleppen
und ihn zum Genuß von Schweine- und Götzenopferfleisch zu nötigen;

3
die sich aber weigerten, Unreines zu essen,

sollten zu Tod gerädert werden.

4
Nun wurden viele gewaltsam herbeigeschleppt;

als erster aus der Schar ward nahe vor ihn ein Hebräer hingestellt;
er hieß Eleazar und war der Abstammung nach Priester,
nach seiner Bildung Gesetzesgelehrter,
von vorgeschrittenem Alter und vielen in des Tyrannen Umgebung
wegen seiner Philosophie wohlbekannt.

5
Als ihn Antiochus erblickte, sprach er:
6
Alter! Bevor ich dich foltern lasse,

möchte ich für mein Teil dir den Rat geben,
dich durch Schweinefleischgenuß zu retten;
denn ich achte dein Alter und deine grauen Haare;
du trägst zwar diese schon lange;
trotzdem scheinst du mir kein Philosoph zu sein,
da du dich noch immer zur Judenreligion hältst.

7
Weshalb verabscheust den Genuß des vorzüglich schmeckenden Schweinefleisches,

wo doch die Natur die gnädige Spenderin ist?

8
Es ist doch ein Unsinn dieses Nichtgenießen der unschuldigsten Freuden;

ja ein Unrecht, die Gnadenspenden der Natur zurückzuweisen.

9
Du aber scheinst mir noch einen größeren Unsinn zu begehen,
10
wenn du, in deinem Wahn über das Wahre,

auch noch mich verachtest, zu deinem eigenen Schaden.
Willst du denn nicht aus eurer albernen Philosophie erwachen?

11
Willst du nicht deinem Possenspiel den Abschied geben,

Vernunft, wie sie zu deinem Alter paßt, annehmen
und über die Wahrheit, die etwas nützt, philosophieren?

12
Willst du nicht meinem menschenfreundlichen Rate huldigen

und Mitleid mit deinem Greisenalter bekunden?

13
Bedenke doch auch!

Waltet wirklich über dieser eurer Religion eine geheime Macht,
dann verzeiht sie dir doch gewiß jede aufgenötigte Gesetzesübertretung.

14
Also ermunterte der Tyrann zum gesetzwidrigen Fleischgenuß;

da bat Eleazar ums Wort.

15
Nach erhaltener Erlaubnis begann er so zu sprechen:
16
„Antiochus! Wir haben uns entschlossen,

unser Leben nach dem göttlichen Gesetz einzurichten;
nun sind wir der Ansicht,
es gäbe keinen Zwang, der uns mehr nötige
als unsere Gesetzesverpflichtung.

17
Darum halten wir es unter keinen Umständen für recht,

das Gesetz zu übertreten.

18
Ja, wäre selbst unser Gesetz, wie du annimmst, wirklich nicht ein göttliches,

nähmen wir aber fälschlich an, es sei göttlich,
so dürften wir doch nicht unsere Ansicht über die Frömmigkeit verleugnen.

19
Glaube ja nicht, der Genuß unreiner Speisen sei für uns eine kleine Sünde!
[708]
20
Denn kleine und große Sünden sind gleich ernst,
21
wird doch in beiden Fällen das Gesetz gewissermaßen gleich mißachtet.
22
Du spottest über unsere Philosophie,

als ob wir darin nicht nach gesunder Vernunft lebten.

23
Sie lehrt uns doch Mäßigung,

so daß wir über alle Lüste und Begierden herrschen;
sie übt uns in Starkmut
so daß wir jeden Schmerz freiwillig erdulden.

24
Sie erzieht uns in Gerechtigkeit,

so daß wir in allen Stimmungen gleichmäßig handeln;
sie unterweist uns in Frömmigkeit,
so daß wir allein den seienden Gott ehrfurchtsvoll verehren.

25
Deshalb essen wir nichts Unreines;

wir glauben zwar, daß das Gesetz eine Sache Gottes ist;
wir wissen aber auch,
daß der Weltschöpfer seiner Natur nach mit uns empfindet.

26
Er gestattete, das, was sich unserer Seele anpassen würde, zu essen;

dagegen verbot er den Genuß unpassender Speisen.

27
Gewalttätig ist es,

uns nicht bloß zur Gesetzesübertretung zu zwingen;
wir sollen auch noch deshalb essen,
damit du dich über den uns tiefverhaßten Genuß unreiner Speisen
lustig machen kannst.

28
Über mich freilich sollst du nicht lachen können.
29
Auch werde ich niemals die heiligen,

auf die Gesetzestreue abgelegten Eide der Vorfahren brechen,

30
selbst dann nicht,

wenn du mir die Augen ausreißen und die Eingeweide verbrennen wirst.

31
So greisenhaft unmännlich bin ich nicht,

daß sich mir die Vernunft nicht verjüngen könnte,
wo es sich um Frömmigkeit handelt.

32
Darum rüste die Folterräder!

Fache das Feuer noch stärker an!

33
So stark ist mein Mitleid mit meinem Greisenalter noch nicht,

daß ich das väterliche Gesetz aus eigener Machtvollkommenheit aufhöbe.

34
Nicht belügen will ich dich, du Gesetz, mein Erzieher;

nicht dich fliehen, Freundin Selbstbeherrschung,

35
nicht dich schänden, weisheitliebende Vernunft,

nicht dich verleugnen, hochwürdiges Priesteramt und Gesetzeswissen.

36
Und du, Mund, sollst nicht mein ehrwürdiges Alter

noch die Vollreife eines gesetzestreuen Lebens beflecken!

37
Meine Väter sollen mich fehllos zu sich aufnehmen,

ohne daß ich vor deinen Todesmartern gebebt hätte!

38
Gottlose magst du beherrschen;

aber weder mit Worten noch mit Taten
darfst du über die Gebote meiner Vernunft,
wenn die Religion auf dem Spiel steht, regieren.

[709]
6. Kapitel: Eleazars Marterung
1
So gab Eleazar beredt Antwort auf die Mahnungen des Tyrannen;

da schleppten ihn die Leibwächter, die dabeistanden, voll Roheit zu den Foltergeräten.

2
Zunächst zogen sie den Greis vollständig aus;

freilich blieb er reich geschmückt
durch den Adel, der die Frömmigkeit umgibt.

3
Dann banden sie ihm die beiden Hände auf den Rücken

und geißelten ihn,

4
während von der andern Seite ihm ein Herold zubrüllte:

„Gehorche den Befehlen des Königs!“

5
Er aber, der Hochgemute und Edelgeborene, wirklich ein Eleazar,

kehrte sich nicht im mindesten daran,
gerade als träumte er nur von den Foltern.

6
Der alte Mann richtete vielmehr die Augen gen Himmel

und ließ sich das Fleisch in Stücken weggeißeln,
von Blut überströmt und die Seiten mit Wunden bedeckt.

7
Er fiel zu Boden,

weil sein Körper die Schmerzen nicht länger ertrug;
aber aufrecht und ungebeugt hielt er die Vernunft.

8
Da sprang ihm einer der rohen Leibwächter in die Weichen

und gab ihm einen Fußtritt,
damit sich der Zusammenbrechende wieder aufrichte.

9
Er aber ertrug die Schmerzen, verachtete die Gewalt

und duldete die Mißhandlungen.

10
Und da sich der Greis wie ein wackerer Wettkämpfer schlug,

gewann er den Sieg über seine Peiniger.

11
Selbst von diesen Peinigern ward er wegen seines wackern Mutes angestaunt,

wie er schweißbedeckten Angesichtes und schwer keuchend dastand.

12
Teils aus Mitleid mit seinem Greisenalter,
13
teils aus Teilnahme für ihren früheren Bekannten,

teils aus Bewunderung seiner Standhaftigkeit
traten einige aus dem königlichen Gefolge zu ihm und sprachen:

14
„Eleazar!

Was willst du dich unvernünftig durch solche Leiden zugrunde richten?

15
Wir wollen dir von den gekochten Speisen vorsetzen;

dann stelle dich,
als ob du von Schweinefleisch äßest,
und rette dich also!

16
Doch Eleazar schrie auf,

als würde er durch diesen Rat noch schmerzlicher gepeinigt:

17
Nein! Wir Söhne Abrahams wollen keine so schlechte Gesinnung haben,

daß wir feigen Herzens ein unser unwürdiges Possenspiel aufführen.

18
Ja, das wäre unvernünftig,

wenn wir, die wir nach der Wahrheit bis ins hohe Alter lebten
und unsere Ansicht hierüber ehrlich vertraten,
wenn wir jetzt uns ändern wollten

19
und wenn wir in eigener Person,
[710]

für die Jugend ein Muster der Gottlosigkeit würden,
um als Beispiel für das Genießen von Unreinem zu dienen.

20
Ja, eine Schande wäre es,

wenn wir nur noch kurze Zeit lebten
und dabei von allen wegen Feigheit ausgelacht

21
und von den Tyrannen als unmännlich verachtet würden,

und unser göttliches Gesetz hätten wir nicht bis in den Tod verteidigt.

22
Deshalb, Kinder Abrahams,

sterbet edelmütig für eure Religion!

23
Was zaudert ihr nur, ihr Wächter des Tyrannen?
24
Also sahen sie ihm den Foltern gegenüber hochgemut

und selbst ihrem Mitleid gegenüber unbeugsam;
da schleppten sie ihn zum Feuer

25
und legten neues Holz unter.

Darauf brannten sie ihn mit grausam ersonnenen Werkzeugen
und gossen ihm übelriechende Brühen in die Nase.

26
Schon war er bis auf die Knochen verbrannt

und nahe daran, in Ohnmacht zu sinken,
da hob er seine Augen zu Gott und sprach:

27
Du weißt es, Gott.

Ich hätte mich wohl retten können;
doch unter Feuerqualen sterbe ich jetzt um des Gesetzes willen.

28
Sei gnädig deinem Volk!

Laß dir die Strafe, die wir darum erdulden, jetzt genügen!

29
Zur Läuterung laß ihnen doch mein Blut gereichen

und als Ersatz für ihre Seele nimm jetzt meine Seele hin!

30
Nach diesen Worten starb der hehre Mann

voll adliger Gesinnung in den Martern;
durch die Vernunft konnte er bis zu den Todesmartern
um des Gesetzes willen Widerstand leisten.

31
Anerkanntermaßen ist also die gottgeleitete Vernunft Herrin über die Triebe.
32
Denn, hätten die Triebe über die Vernunft geherrscht,

dann hätte ich ihnen ihre Übermacht bezeugt.

33
Nun aber siegte die Vernunft über die Triebe;

folglich gestehen wir ihr schicklich
den Anspruch auf Oberleitung zu.

34
Und es ist nur recht, daß wir bekennen,

die Macht gebühre der Vernunft,
weil sie selbst die äußern Schmerzen als etwas Lächerliches überwältigt.

35
Und ich zeige nicht bloß,

daß die Vernunft die Schmerzen überwältigte,
sondern auch, daß sie über die Lüste herrscht und ihnen nicht nachgibt.


7. Kapitel: Eleazars Beispiel
1
Die Vernunft unseres Vaters Eleazar lenkte ja

wie ein trefflicher Steuermann
das Schiff der Frömmigkeit in dem Meer der Triebe

[711]
2
und, umstürmt von des Tyrannen Drohungen

und überflutet von den Wogen der Martern,

3
wandte sie nicht um Haares Breite das Steuer der Frömmigkeit,

bis sie in den Hafen des siegreichen Todes einlief.

4
Keine Stadt ward je mit so vielen und verschiedenartigen Maschinen belagert,

und keine leistete solchen Widerstand wie jener Heilige.
Bedrängt an seiner heiligen Seele durch hochnotpeinliche Feuerqualen,
errang er den Sieg über die Belagerer;
denn die fromme Vernunft hielt ihren Schild über ihn.

5
Wie an einem Meeresvorsprung, so ließ der Vater Eleazar

sich der Triebe wütende Wogen an seiner Vernunft brechen.

6
O du des Priestertums würdiger Priester!

Du besudeltest nicht die heiligen Zähne;
noch beflecktest du durch unreine Speise deinen Körper,
der Frömmigkeit und Reinheit Sitz.

7
Du Gesinnungsgenosse des Gesetzes!

Du Philosoph eines göttlichen Lebens!

8
So sollten die Volksbeamten sein,

daß sie das Gesetz mit eigenem Blut und edlem Schweiß
selbst bis zu Todesleiden verteidigen!

9
Vater! Du bestätigtest unsere Gesetzesachtung

glorreich durch deine Ausdauer;
du priesest die Heiligkeit und ließest nicht darin nach;
du bewiesest durch die Werke die Wahrheit der philosophischen Reden.

10
Du Greis, stärker, als Foltern!

Du Alter, mächtiger als Feuer!
Du Großkönig über die Triebe, du Eleazar!

11
Wie einst der Vater Aaron

mit dem Räuchergefäß durch die Volksmenge eilte
und den Brandengel überwand,

12
so blieb Aarons Nachkomme Eleazar,

von des Feuers Schmelzhitze verzehrt, unerschüttert in der Vernunft.

13
Das Wunderbarste aber war:

Als die Muskeln des Körpers bereits erschlafft waren,
die Fleischteile sich überall lösten
und die Sehnen erlahmten,

14
da ward der Greis wieder jung durch den Geist der Vernunft

und machte so die vielköpfige Folter
durch die Isaaksvernunft unwirksam.

15
O seliges Alter! Du ehrwürdiges Silberhaar!

O gesetzestreues Leben, vollendet durch das wahrhafte Todessiegel!

16
Konnte nun ein Greis aus Frömmigkeit die Martern bis zum Tod verachten,

dann ist selbstverständlich die gottgeleitete Vernunft die Leiterin der Triebe.

17
Vielleicht möchten einige einwenden:

„Nicht alle Menschen haben über die Triebe Macht,
weil nicht bei allen die Vernunft erleuchtet ist.“

18
Die Antwort darauf lautet:
[712]

Nur der ist imstand, die Fleischestriebe zu beherrschen,
der sich um die Frömmigkeit aus ganzem Herzen kümmert,

19
im Glauben, daß man, gleich unsern Erzvätern Abraham,

Isaak und Jakob, für Gott nicht stirbt,
sondern für Gott lebt.

20
Deshalb ist es kein Widerspruch,

wenn einige von den Trieben beherrscht werden,
weil ihre Vernunft geschwächt ist.

21
Ist es denn möglich, daß jemand genau nach der Regel fromm philosophiert,
22
auf Gott vertraut und weiß, daß er ein heilig Ding ist,

um der Tugend willen jedes Ungemach zu leiden,
und dann doch nicht um der Frömmigkeit willen seine Triebe beherrscht?

23
Der Weise und Mäßige allein ist ja der mannhafte Herr über die Triebe.
24
So konnten denn auch Knaben,

kraft der Philosophie ihrer gottgeleiteten Vernunft,
über noch schrecklichere Martern Herr werden.


8. Kapitel: Das Martyrium der Sieben Brüder
1
Beim ersten Versuch

hatte ja der Tyrann eine offenkundige Niederlage erlitten;
denn es war ihm nicht gelungen,
einen Greis zum Genuß unreiner Speisen zu zwingen.

2
So befahl er nun in heftigster Leidenschaft,

aus der hebräischen Jugend andere vorzuführen.
Äßen sie Unreines, dann solle man sie nach dem Genuß freilassen,
weigerten sie sich aber, dann solle man sie noch peinlicher foltern.

3
Auf diesen Befehl des Tyrannen hin

wurden samt der alten Mutter sieben Brüder vorgeführt,
schön, bescheiden, edel und überaus anmutig.

4
Als der Tyrann sie erblickte,

wie sie gleichsam im Chore die Mutter umringten,
schenkte er ihnen Beachtung
und, betroffen von ihrem Anstand und Adel,
lächelte er ihnen zu, rief sie näher und sprach:

5
Ihr Jünglinge! Ich bin einem jeden von euch wohlgeneigt

und bewundere eure Schönheit;
auch habe ich große Achtung vor einer solch stattlichen Zahl von Brüdern.
Darum gebe ich euch nicht nur den Rat,
nicht in den gleichen Wahnsinn, wie der eben gefolterte Greis, zu verfallen,

6
sondern ich fordere euch auf, mir nachzugehen

und so meine Freundschaft zu genießen;
denn ich kann sowohl die Ungehorsamen bestrafen
als den Treugehorsamen wohltun.

7
Verlaßt euch darauf!

Ihr sollt wichtige Stellen in meinem Dienst bekommen,
wenn ihr die väterlichen und bürgerlichen Bräuche aufgebet.

8
Nehmet doch die griechische Lebensart an!

Ändert eure Gewohnheiten und genießet eure Jugend!

[713]
9
Wenn ihr mich aber durch euren Ungehorsam zornig machet,

dann zwingt ihr mich,
jeden von euch durch schreckliche Peinen hinrichten zu lassen.

10
Habt also Mitleid mit euch selbst,

die ihr sogar mich, euren Feind, wegen eurer Jugend und Schönheit dauert!

11
Wollt ihr nicht einsehen,

daß bei einer Weigerung nur eins für euch herauskommt: der Foltertod?

12
Nach diesen Worten befahl er, die Folterwerkzeuge herzubringen,

um sie durch die Angst zum Genuß der unreinen Speisen zu bewegen.

13
Und so brachten die Leibwächter Räder, Gliederverrenker, Winden, Kurbeln,

Schwingen, Kessel, Pfannen, Daumenschrauben, Eisenhände, Keile und Blasebälge.
Da sprach der Tyrann von neuem:

14
Ihr Bürschchen! Geratet nur in Angst!

Doch die Gerechtigkeit, die ihr verehrt, wird euch gnädig sein,
weil ihr nur gezwungen sündiget.

15
Sie hörten also Lockendes und schauten Grausiges;

aber sie gerieten nicht nur nicht in Angst,
sondern widersprachen weise dem Tyrannen
und machten so durch ihre richtige Vernunft seine Tyrannei zunichte.

16
Trotzdem wollen wir den Fall setzen,

einige von ihnen wären feige und unmännlich gewesen.
Was für Reden hätten sie denn wohl geführt?
Nicht folgende?

17
„Ach wir Armen! Wir größte Toren!

Ein König mahnt uns und ruft uns zum Empfang von Wohltaten.
Sollten wir da ihm nicht gehorchen?

18
Warum unsere Freude haben an leeren Launen

und todbringenden Ungehorsam wagen?

19
Wollen wir nicht, meine Brüder, die Foltergeräte fürchten

und die angedrohten Folterqualen bedenken
und so diesem leeren Wahn und verderblichen Großtun entsagen?

20
Wir wollen Mitleid haben mit unserer eigenen Jugend

und Erbarmen mit unserer alten Mutter.

21
Laßt uns beherzigen, daß auf unserm Ungehorsam der Tod steht!
22
Aber auch die göttliche Gerechtigkeit wird uns verzeihen,

weil wir, nur dem Zwang nachgebend, den König fürchten.

23
Warum selber uns dem lieben Leben entziehen

und uns der süßen Welt berauben?

24
Wir wollen nicht gegen die Notwendigkeit ankämpfen,

noch in unser eigenen Marter einen leeren Ruhm suchen!

25
Auch das Gesetz verdammt uns nicht zum Tod,

wenn wir, nur aus Furcht vor den Foltern, unfreiwillig handeln.

26
Woher stammt bei uns diese Rechthaberei,

und warum gefällt uns diese verhängnisvolle Hartnäckigkeit,
während es uns freisteht,
durch Gehorsam gegen den König ein geruhiges Leben zu führen?“

27
Doch nichts von all dem sprachen oder dachten die Jünglinge,

die vor der Folterung standen.

[714]
28
Denn sie verachteten die Triebe und waren völlig Herren über die Schmerzen.
29
Als nun der Tyrann mit seinem Zureden zum Genuß unreiner Speisen zu Ende war,

sprachen sie alle mit einer Stimme, wie aus einer Seele:


9. Kapitel: Der Martertod der beiden ältesten Brüder
1
Was zauderst du, Tyrann?

Wir wollen lieber sterben,
als unsere väterlichen Gesetze übertreten.

2
Wir müßten uns ja füglich vor unsern Vorfahren schämen.

wenn wir nicht durch treuen Gehorsam gegen das Gesetz
Moses uns zum Ratgeber nähmen.

3
Du aber, Tyrann, Ratgeber der Sünde,

sei nicht in deinem Haß gegen uns
wieder mitleidiger gegen uns als wir selbst!

4
Denn härter als der Tod erscheint uns dein Mitleid,

das uns durch Gesetzesübertretung retten möchte.

5
Du meinst uns zu erschrecken, wenn du uns den Foltertod androhst,

gerade als hättest du nicht vorhin von Eleazar eine Lehre erhalten.

6
Wenn aber der Hebräer Greise

wegen der Frömmigkeit selbst Folterqualen leiden und sterben,
dann dürfen wir, die Jungen, doch wohl mit größerm Recht in den Tod gehen,
und so verachten wir die Qualen deiner Foltern,
über die auch unser hochbetagter Lehrer gesiegt hat.

7
So mach denn einen Versuch, Tyrann!

Glaub aber nicht,
daß du durch deine Folter unsern Seelen Schaden brächtest,
wenn du uns der Frömmigkeit wegen tötetest!

8
Denn wir werden durch dieses unser geduldiges Ertragen der Leiden

den Siegespreis der Tugend empfangen
und bei Gott sein, um dessenwillen wir dies erdulden.

9
Du aber wirst wegen unserer Ermordung, wodurch du dich befleckst,

von der göttlichen Gerechtigkeit einige Feuerqual zu erleiden haben.

10
Als sie so sprachen

ergrimmte der Tyrann nicht bloß über ihren Ungehorsam,
sondern ward auch über ihre Undankbarkeit zornig.

11
So schleppten denn auf seinen Befehl

die Geißler den Ältesten von ihnen herbei,
zerrissen sein Gewand
und banden ihm die Hände und die Arme auf beiden Seiten mit Riemen fest.

12
Dann geißelten sie sich an ihm müde, ohne etwas auszurichten;

hernach warfen sie ihn auf das Rad.

13
Um dieses ward der edle Jüngling so gespannt,

daß seine Glieder ausgerenkt wurden.

14
An allen Gliedmaßen gebrochen, brach er in die Anklagen aus:
15
Du schmutzigster der Tyrannen!

Du Widersteher der göttlichen Gerechtigkeit!
Du Wüterich!

[715]

Nicht wegen Mords und nicht wegen Gottlosigkeit folterst du mich,
sondern wegen der Verteidigung des göttlichen Gesetzes.

16
Da sagten die Leibwächter zu ihm:

Willige doch ins Essen ein, dann wirst du der Foltern ledig!

17
Er aber sprach: Ihr schmutzigen Knechte!

Euer Rad ist nicht so mächtig,
daß es meine Vernunft erdrosseln könnte.
Zerschneidet meine Glieder! Verbrennet mein Fleisch!
Verrenket meine Gelenke!

18
Ich will euch durch alle die Folternqualen davon überzeugen,

daß einzig die Söhne der Hebräer in der Tugend unbesiegbar sind.

19
Auf diese Worte hin zündeten sie unter ihm ein Feuer an,

fachten es immer stärker an
und spannten ihn auf dem Rad immer weiter aus.

20
Da ward das Rad überall mit Blut befleckt;

der glühende Kohlenhaufe erlosch
durch die herabträufelnden Blutstropfen,
und die Fleischstücke wirbelten um die Maschinenachsen.

21
Schon begann ihm das Knochengerüst sich überall aufzulösen;

trotzdem gab der hochgemute Jüngling
und echte Abrahamssohn keinen Seufzer von sich.

22
Als wäre er im Feuer unzerstörbar geworden,

ertrug er edelmütig die Foltern.

23
Er rief noch: Brüder! Folgt meinem Beispiel!

Verlasset nicht euren Posten neben mir!
Schwöret nicht meinem Bruderbund, aus Edelsinn gebaut, ab!
Kämpfet einen heiligen, edlen Kampf um die Frömmigkeit!

24
Durch ihn möge die gerechte, den Vätern wohlbekannte Vorsehung

unserm Volke gnädig sein
und den verruchten Tyrannen bestrafen!

25
Mit diesen Worten gab der hochehrwürdige Jüngling den Geist auf.
26
Noch bewunderten alle seine Seelenstärke,

da schleppten die Wächter schon den Zweitältesten herbei;
dann zogen sie sich eiserne Handschuhe mit spitzen Krallen an
und banden ihn an die Maschinen und die Schwinge.

27
Dann fragten sie ihn, ob er essen wolle.

Als sie hierauf seine edelmütige Antwort vernahmen,

28
krallten ihm die Pantherbestien von den Nackensehnen

bis zum Kinn die eisernen Handschuhe ganz ins Fleisch
zogen an und rissen ihm die Kopfhaut ab.
Er aber ertrug standhaft diesen Schmerz und sprach:

29
Wie süß ist in jeder Form der Tod um unsern väterlichen Glauben!

Dann sprach er zum Tyrannen:

30
Glaubst du nicht, du rohester aller Tyrannen,

daß du jetzt schlimmer gefoltert wirst als ich?
Du mußt ja ansehen,
wie deine hochmütige tyrannische Vernunft
durch unsere Standhaftigkeit im Glauben besiegt wird.

[716]
31
Ich fühle meinen Schmerz gemildert

durch die Freuden, die die Tugend begleiten.

32
Du aber wirst bei deinen gottlosen Drohungen gefoltert.

Du schmutzigster Tyrann!
Du entrinnst nicht den Strafen des göttlichen Zornes.


10. Kapitel: Der Tod des Dritten und Vierten
1
So ertrug auch dieser standhaft seinen Ruhmestod;

alsdann ward der Dritte herbeigeschleppt.
Er wurde von vielen inständig gebeten,
zu essen und sich so zu retten.

2
Er aber schrie auf:

Wisset ihr denn nicht,
daß ich den gleichen Vater habe wie die Getöteten,
daß mich die gleiche Mutter geboren hat
und daß ich in dem gleichen Glauben erzogen bin?

3
Ich schwöre nicht dem edlen Bruderbund ab.
4
Habt ihr deshalb ein Strafwerkzeug,

nun, so wendet es an meinem Körper an!
Meine Seele aber tastet ihr nicht an, selbst wenn ihr es wolltet.

5
Da wurden sie über den männlichen Freimut erbittert

und reckten ihm Hände und Füße mit Gliederverrenkmaschinen aus,
hoben die Glieder aus den Gelenken

6
und zerbrachen ihm Finger, Arme, Schenkel und Ellenbogen.
7
Sie konnten aber auf keine Weise sein Leben ersticken;

da zerrten sie ihm die Haut samt den Fingerspitzen herunter,
skalpierten ihn nach Skythenart und legten ihn sogleich aufs Rad.

8
Da wurde ihm daran sein Rückgrat verzerrt,

und er sah, wie sein Fleisch in Fetzen herabhing
und Blutstropfen aus seinen Eingeweiden flossen.

9
Im Augenblick des Todes sprach er:
10
Du schmutzigster Tyrann!

Wir dulden dieses um gottgefälliger Zucht und Tugend willen.

11
Du aber wirst wegen Gottlosigkeit und Blutschuld

unaufhörliche Martern erdulden müssen.

12
So starb auch dieser, seiner Brüder wert.

Da führten sie den Vierten herbei und sprachen:

13
Sei doch nicht der gleiche Narr wie deine Brüder,

sondern gehorche dem König und rette dich!

14
Da sprach er zu ihnen:

Ihr habt kein Feuer für mich so heiß,
daß es mich zum Feigling machen könnte.

15
Beim seligen Tod meiner Brüder!

Beim ewigen Verderben des Tyrannen!
Beim ruhmvollen Leben der Frommen!
Ich will nicht den adligen Bruderbund verleugnen.

16
Tyrann! Ersinne nur Martern!
[717]

Du sollst auch durch sie nur lernen,
daß ich der Bruder der vor mir Gemarterten bin.

17
Als dies der blutdürstige, mordgierige

und abscheuliche Antiochus vernahm,
befahl er, ihm die Zunge auszuschneiden.

18
Er aber sprach: Raubst du mir auch das Werkzeug der Sprache,

Gott hört auch die Stummen.

19
Siehe! Ich strecke meine Zunge heraus. Schneide sie ab!

Deshalb schneidest du doch nicht unserer Vernunft die Zunge ab.

20
Freudig lassen wir uns für Gott die Glieder des Leibes verstümmeln.
21
Vor dich aber tritt in Bälde Gott hin;

denn die Zunge, die du abschneidest,
war die Sängerin der Gotteslobgesänge.


11. Kapitel: Der Tod des Fünften und Sechsten
1
So erlitt auch dieser den Foltertod.

Da sprang der Fünfte vor und rief:

2
Tyrann!

Ich will mich zu der Folter für die Tugend nicht erst nötigen lassen.

3
Von selber bin ich vorgetreten, damit du auch mich tötest.

So häufst du noch mehr die Frevel
und damit die Strafe durch die göttliche Gerechtigkeit an.

4
Du Feind der Tugend! Du Menschenhasser!

Was taten wir, daß du uns so vergewaltigst?

5
Oder hältst du es für etwas Schlimmes,

wenn wir den Schöpfer des Alls fromm verehren
und nach seinem Tugendgesetz leben?

6
Dies wäre doch der Ehren, nicht der Foltern wert,
7
wenn du ein Verständnis für der Menschen Sehnsuchtsgedanken

und Hoffnung auf Heil von Gott hättest.

8
Nun aber bist du Gott entfremdet

und kämpfest gegen seine Verehrer.

9
Unter diesen Worten fesselten ihn die Wächter

und zerrten ihn zur Schwinge.

10
Sie banden ihn mit den Knien darauf,

spannten sie in eiserne Fußschellen
und beugten seine Hüfte um den Radteil.
So wurde er auf das Rad wie ein Skorpion zurückgebogen
und dann Glied für Glied zerstückelt.

11
In diesem Zustand, beengten Atems und erstickenden Körpers, rief er:
12
Tyrann!

Herrlich sind, gegen deinen Willen, die Gnaden, womit du uns begnadest;
vortrefflich, weil du uns vergönnst,
durch die edelsten Leiden die Stärke unserer Gesetzestreue zu zeigen.

13
So starb auch dieser.

Dann ward der sechste, ein Knabe, vorgeführt.
Als der Tyrann sich erkundigte,
ob er essen oder freigelassen werden wolle, sprach er:

[718]
14
Ich bin zwar an Alter jünger als meine Brüder,

aber an Einsicht ihr Altersgenosse.

15
Denn für die gleiche Sache geboren und erzogen,

müssen wir auch in gleicher Art für die gleiche Sache sterben.

16
Dünkt es dir deshalb richtig,

die zu foltern, die den Genuß des Unreinen ablehnen,
dann foltere!

17
Nach diesen Worten führten sie ihn zum Rad.
18
Er wurde regelrecht darauf gespannt;

dann wurden ihm die Wirbel ausgerenkt,
während er von unten her langsam verbrannt wurde.

19
Auch machten sie spitze Spieße glühend,

hielten sie ihm an den Rücken, stachen ihn durch die Seiten
und verbrannten ihm die Eingeweide.

20
Er aber rief in seinen Folterqualen:

Wie heilig ist der Wettkampf,
bei dem wir, eine solche Brüderschar, in die Ringschule der Leiden berufen,
nicht besiegt worden sind!

21
Unbesiegbar bleibt ja, du Tyrann, das gottgeleitete Wissen.
22
In der Tugend Waffenrüstung will auch ich mit meinen Brüdern sterben.
23
Auch ich will für mein Teil über dich einen gewaltigen Rachegeist bringen,

du Erfinder von Foltern, du Feind der wahrhaft Frommen.

24
Sechs Knaben sind wir

und haben deine Tyrannei zunichte gemacht.

25
Ist das nicht eine Demütigung für dich, daß du nicht imstande warst,

unsere Vernunft umzustimmen
und uns zum Genusse unreiner Speisen zu zwingen?

26
Dein Feuer ist für uns kühl;

die Schwingen sind schmerzlos,
und ohnmächtig ist deine Gewalt.

27
Denn die Wächter nicht eines Tyrannen

sondern des göttlichen Gesetzes sind unsere Vorkämpfer.
Deshalb ist unsere Vernunft unbesiegbar.


12. Kapitel: Der Tod des Jüngsten
1
So starb auch dieser eines glückseligen Todes;

man hatte ihn nämlich in einen Kessel geworfen.
Da trat der Siebte, der Allerjüngste, vor.

2
Mit ihm hatte der Tyrann Mitleid,

obwohl er durch seine Brüder sehr verbittert worden war.

3
Als er sah, daß man ihm schon Fesseln anlegte,

ließ er ihn näherkommen
und versuchte ihm zuzureden:

4
Du siehst, wie deiner Brüder Wahnsinn endete;

wegen Ungehorsams wurden sie peinlich gerichtet.
Gehorchst auch du nicht,
so wirst du gleichfalls grausam gefoltert und vorzeitig sterben müssen.

[719]
5
Gehorchst du aber, dann wirst du ein „Freund“

und hoher königlicher Beamter.

6
Unter solchen Mahnworten ließ er die Mutter des Knaben herbeiholen;

er wollte sie, die schon so vieler Söhne beraubt war,
durch sein Mitleid dazu bringen,
daß sie den übriggebliebenen Sohn
zum rettenden Gehorsam bewöge.

7
Da ermahnte ihn die Mutter in hebräischer Sprache,

wie wir bald noch erzählen werden.

8
Daraufhin sprach er:

Laßt mich los!
Ich habe dem König und allen Freunden in seinem Gefolge
etwas zu sagen.

9
Hocherfreut über die Ankündigung des Knaben

ließen sie ihn eiligst los.

10
Da sprang er zu den Pfannen hin und rief:
11
Du ruchloser Tyrann, du Gottlosester aller Schändlichen!

Du empfingest von Gott Güter und Herrschaft
und da scheust du dich nicht, seine Diener zu töten
und die der Frömmigkeit Beflissenen zu martern?

12
Dafür hebt dich die göttliche Gerechtigkeit für ein stärkeres ewiges Feuer auf,

für Qualen, die dich in alle Ewigkeit nicht mehr loslassen.

13
Du viehisches Scheusal!

Du willst ein Mensch sein
und scheuest dich nicht,
den Wesen, die das gleiche wie du empfinden
und aus dem gleichen Stoff gebildet sind,
die Zunge auszuschneiden
und auf solche Art Qualen und Martern zu bereiten?

14
Sie freilich erlitten einen edlen Tod

und besiegelten so ihre Frömmigkeit gegen Gott.

15
Aber du mußt noch elend darüber jammern,

daß du die Tugendkämpfer ohne Grund mordetest.

16
Deshalb will auch ich dem Tod ins Auge blicken, sagte er.
17
Niemals werde ich der Sache untreu, für die meine Brüder Zeugnis ablegten.
18
Ich rufe den Gott der Väter an, daß er meinem Geschlechte gnädig sei.
19
Dich aber soll er in diesem Leben und nach dem Tode bestrafen.
20
Nach diesem Gebet stürzte er sich selbst in die Pfannen

und gab so den Geist auf.


13. Kapitel: Ihr Beispiel
1
Wenn nun die sieben Brüder die Schmerzen bis in den Tod verachteten

dann ist es allseitig klar,
daß die gottgeleitete Vernunft Selbstherrscherin der Triebe ist.

2
Hätten sie aber, als Sklaven der Triebe, Unreines genossen,

dann müßten wir sagen, sie seien von den Trieben besiegt worden.

3
Nun ist aber dies letztere nicht der Fall.
[720]

Sie hatten vielmehr durch die bei Gott in hohem Ansehen stehende Vernunft,
die Triebe besiegt.

4
Auch ist die Überlegenheit des Verstandes nicht zu übersehen;

denn sie beherrschten sowohl Triebe als Schmerzen.

5
Wie sollte man nicht der Vernunft

die Oberherrschaft über die Triebe denen zugestehen,
die sich um Feuerqualen nicht kümmerten?

6
Wie die vorspringenden Hafentürme den Wogenprall zurückwerfen

und den Einlaufenden einen ruhigen Ankerplatz gewähren,

7
so war auch die siebentürmige Vernunft der Jünglinge

ein Bollwerk für den Hafen der Frömmigkeit,
indem sie den Schwall der Triebe überwand.

8
Sie stellten einen heiligen Chor der Frömmigkeit dar;

sie ermunterten ja einander mit solchen Worten:

9
„Brüder! Laßt uns brüderlich für das Gesetz sterben!“

„Laßt uns die drei Jünglinge in Syrien nachahmen!
Sie verachteten die gleiche Feuerprobe.“

10
„Laßt uns nicht feige sein, wenn es die Probe der Frömmigkeit gilt!“
11
„Getrost, Bruder!“ rief einer;

ein anderer „Wacker ausgehalten!“

12
Wieder einer „Bedenket, von wem ihr abstammet!“

oder „Wer war der Vater,
durch dessen Hand sich Isaak um der Frömmigkeit willen schlachten lassen wollte?“

13
Und sie schauten sich gegenseitig an,

alle strahlend und hochgemut, und sprachen:
„Wir wollen uns von ganzem Herzen Gott weihen, der uns die Seele gab,
und unsere Leiber zum Schutz für das Gesetz hingeben.

14
Wir wollen uns nicht fürchten vor dem, der meint, töten zu können.
15
Schwer ist ja für die Seele der Kampf und die Gefahr,

die in der ewigen Qual für die Übertreter des Gottesgebotes liegt.

16
So wollen wir uns denn mit der göttlichen Vernunft,

der Herrscherin über die Triebe, waffnen.

17
Leiden wir so, dann nehmen uns Abraham, Isaak und Jakob auf

und alle Väter spenden uns Lob.“

18
Und jedem einzelnen Bruder, der weggeschleppt wurde,

riefen die Zurückbleibenden zu:
Bruder! Mach uns keine Schande!
Verleugne nicht die in den Tod Vorausgegangenen!

19
Aber ihr kennt ja selbst die Zauberkraft der Bruderliebe.

Die göttliche und allweise Vorsehung
teilte sie durch die Väter den Kindern zu
und pflanzte sie durch den Mutterschoß ein.

20
Darin wohnt jeder Bruder gleich lange Zeit,

entwickelt sich in gleich langer Frist,
erhält vom gleichen Blut sein Wachstum
und von dem gleichen Leben seine Reife,

21
wird nach Ablauf einer gleichlangen Zeit zur Welt gebracht

und trinkt Milch aus den gleichen Quellen,

[721]

und so schließen sich schon der Tragekinder Seelen
voll Bruderliebe eng aneinander an.

22
Sie wachsen dann immer mehr heran

unter gemeinsamer Ernährung, unter täglichem Beisammensein,
unter der übrigen Bildung
und bei uns unter der Übung in Gottes Gesetz.

23
Da es um die Innigkeit der Bruderliebe so bestellt ist,

so hatten auch die sieben Brüder untereinander
ein recht inniges, einträchtiges Verhältnis.

24
Denn in dem gleichen Gesetz erzogen, in den gleichen Tugenden geübt

und in der gleichen gerechten Lebenshaltung aufgewachsen,
liebten sie sich immer stärker.

25
Denn ihr gemeinsamer Eifer für die Tugend

steigerte ihre Eintracht untereinander.

26
Denn die Vernunft vermehrte in Gemeinschaft mit der Frömmigkeit

die Inbrunst ihrer Bruderliebe.

27
So waren also durch Natur, Zusammenleben und tugendhafte Gesinnung

die Zauberkräfte ihrer Bruderliebe gestärkt;
trotzdem hielten um der Frömmigkeit willen die Überlebenden
bei den Qualen ihrer Brüder aus
und sahen mit an, wie sie zu Tod gefoltert wurden.


14. Kapitel: Das Martyrium der Mutter
1
Ja, sie feuerten sich noch zu der Marter an.

So verachteten sie nicht nur die Schmerzen,
sondern beherrschten der Bruderliebe Triebe.

2
O ihr Mächte der Vernunft,

königlicher als Könige und freier als Freie!

3
O heilige und harmonische Übereinstimmung der sieben Brüder

in der Frömmigkeit!

4
Nicht einer der sieben Knaben zagte oder zauderte vor dem Sterben.
5
Sie alle eilten vielmehr zu dem Foltertod,

als liefen sie auf dem Wege zur Unsterblichkeit.

6
Denn wie sich Hände und Füße

übereinstimmend nach den Weisungen der Seele bewegen,
so stimmten auch jene heiligen Knaben,
gleichsam auf Antrieb des unsterblichen Geistes der Frömmigkeit,
im Entschlusse überein, für diese den Tod zu erleiden.

7
O allheilige Siebenzahl gleichgesinnter Brüder!

Denn wie die sieben Schöpfungstage um die Schöpfung,

8
so kreisten die Knaben im Chor um die Frömmigkeit

und machten die Furcht vor den Martern zunichte.

9
Hören wir heute von den Leiden der Jünglinge, so schaudern wir;

sie aber waren nicht bloß Augen- und Ohrenzeugen
der sofortigen Ausführung des Drohbefehles,
sondern litten und blieben standhaft selbst noch in Feuerqualen.

10
Und was kann es Schrecklicheres, als diese, geben?
[722]

Die Macht des Feuers ist ja scharf und schneidend
und vernichtet rasch die Leiber.

11
Haltet es aber nicht für etwas Besonderes,

daß die Vernunft in diesen Männern unter Leiden triumphierte,
hat doch sogar eines Weibes Verstand noch ganz andere Schmerzen verachtet!

12
Ich meine die Mutter der sieben Jünglinge.

Sie erduldete ja die Folterqualen eines jeden ihrer Kinder.

13
Überleget euch doch,

wie viel verschlungen das Band der Liebe zu den Kindern ist!
Es kettet ja alles an das Mitgefühl der Liebe,

14
selbst bei den unvernünftigen Tieren;

diese haben ja das gleiche liebende Mitgefühl zu ihren Jungen,
wie die Menschen.

15
Zum Beispiel bei den Vögeln!

Da nisten die zahmen unter Hausdächern
und beschirmen so ihre Jungen.

16
Die andern hecken ihre Jungen auf Berggipfeln,

in Felsenhängen, Astlöchern und Baumgipfeln
und wehren so die Eindringlinge ab.

17
Gelingt es ihnen aber einmal nicht, jemanden fernzuhalten,

dann flattern sie in Liebesschmerz um sie herum,
rufen sie zwitschernd zu sich heran
und helfen, so gut sie können, ihren Jungen.

18
Was braucht man aber

das Mitgefühl der unvernünftigen Tiere mit ihren Jungen erst nachzuweisen,

19
wo doch auch die Bienen zur Zeit des Wabenbaues

die Herantretenden abwehren,
indem sie mit ihrem Stachel wie mit eiserner Waffe
die sich ihrer Brut Nähernden verwunden
und so bis in den Tod abwehren?

20
Aber nicht so der Jünglinge Mutter, die Abraham an Gesinnung glich

Sie ließ sich nicht durch das Mitgefühl mit den Kindern umstimmen.


15. Kapitel: Lobpreis der Heldenmutter
1
O Vernunft der Kinder! Sie ward Herrin über die Triebe.

O Frömmigkeit! Sie war einer Mutter teurer als ihre Kinder.

2
Eine Mutter hatte die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten,

der Frömmigkeit und der zeitlichen Rettung von sieben Söhnen
nach des Tyrannen Verheißung.

3
Sie liebte die Frömmigkeit mehr;

sie rettet ins ewige Leben nach Gottes Verheißung.

4
Mit welchen Worten könnte ich

die zärtliche Liebe der Eltern zu den Kindern schildern?
Wir drücken wunderbar dem zarten Kindeswesen
den Stempel der Ähnlichkeit mit der eigenen Seele und Gestalt auf,
ganz besonders die Mütter;
denn sie haben für ihre Kinder ein innigeres Mitgefühl
als die Väter.

[723]
5
Denn je schwächer die Mütter

und je häufiger sie Gefahren ausgesetzt sind,
um so mehr lieben sie ihre Kinder.

6
Von allen Müttern aber

liebte die Mutter der Sieben die ihrigen am meisten;
ihr war in sieben Schwangerschaften
die zärtliche Liebe zu ihnen eingepflanzt

7
und durch die vielen Wehen bei jedem

das Mitgefühl zu ihnen geradezu aufgenötigt worden.

8
Und trotzdem achtete sie um der Gottesfurcht willen

nicht auf die zeitliche Rettung ihrer Kinder.

9
Doch nein!

Im Hinblick auf die Tugend der Söhne und ihres treuen Gesetzesgehorsams
war ihre zärtliche Liebe zu ihnen noch größer.

10
Sie waren ja gerecht, mäßig, mannhaft, hochherzig, voll Bruderliebe

und von solcher Liebe zu ihrer Mutter,
daß sie ihr durch Befolgung der Vorschriften bis in den Tod gehorsam waren.

11
Und doch! Obwohl so starke Gründe der Kinderliebe

die Mutter an das Mitgefühl ketteten,
so konnten die allerverschiedensten Martern
ihre Vernunft nicht bei einem einzigen Sohn vom rechten Weg abbringen.

12
Vielmehr ermunterte die Mutter jedes einzelne Kind

und alle zusammen zum Sterben für die Frömmigkeit.

13
O hehre Natur! O Verlockung der Eltern!

O Kinderliebe und Kindeslohn!
Ihr unbezwingbaren Muttertriebe!

14
Die Mutter sah einen Sohn nach dem andern gefoltert und gebrannt;

aber sie wankte nicht, um der Frömmigkeit willen.

15
Sie sah das Fleisch ihrer Kinder in Stücken auf dem Feuer vergehen,

Zehen und Finger auf der Erde zucken
und die Fleischteile der Köpfe bis zum Kinn wie Masken daliegen.

16
O Mutter! Wie viel bitterer als die Geburtswehen

sind die Schmerzen, wodurch du jetzt versucht wurdest!

17
O Weib!

Du einzige, die der Welt vollkommene Frömmigkeit geboren hat!

18
Nicht brachte dich vom rechten Pfad der Erstgeborene ab,

als er den Geist aufgab,
nicht der Zweite, als er in seinen Qualen dich, Ärmste erblickte,
nicht der Dritte, als er seine Seele aushauchte.

19
Du sahest eines jeden Augen

in den Qualen stieren Blicks auf seine Folterung starren
und seine Nüstern des Todes Nähe anzeigen –
du weintest nicht.

20
Du sahst,

wie das Fleisch deiner Kinder nacheinander in Stücke gerissen ward,
sahst, wie ihnen Hand um Hand abgeschnitten,
Kopf um Kopf abgehauen und Leiche auf Leiche geworfen wurde,
sahst den Ort, wo deine Kinder standen

[724]

und den eine Menschenmenge wegen der Foltern besetzt hielt;
aber du hattest keine Tränen.

21
Nicht Sirenenstimmen,

nicht Schwanengesang locken die Hörer so zum Aufmerken,
wie die Rufe gequälter Kinder, die nach der Mutter schreien.

22
Wie schlimm und arg müssen die Qualen der Mutter gewesen sein,

als man ihre Kinder mit Rädern und Feuer peinigte?

23
Aber die gottgeleitete Vernunft wandte mitten in den Trieben

ihr Herz mutig dem Entschlusse zu,
die zeitliche Mutterliebe nicht zu beachten.

24
Trotzdem sie den Untergang von sieben Kindern

und die vielfältigste Folterung schauen mußte,
winkte ihnen die edle Mutter den Abschiedsgruß zu
und entließ sie im Glauben an Gott.

25
Als stünde sie im Rathaus,

so schaute sie in ihrer Seele die gestrengen Ratsherren,
Natur, Mutterschaft, Kinderliebe und Folterung der Kinder.

26
Nun hielt sie, die Mutter, zwei Stimmsteinchen in der Hand,

ein todbringendes und ein die Kinder rettendes.

27
Und doch wählte sie nicht das, das die sieben Söhne auf kurze Zeit rettete.
28
An des gottesfürchtigen Abraham Standhaftigkeit dachte vielmehr seine Tochter.
29
O Mutter des Volkes!

Rächerin des Gesetzes und Beschirmerin der Frömmigkeit!
Du Sieggekrönte im Kampf mit dem Mitleid!

30
Edler in Standhaftigkeit als Mannen;

mannhafter in der Ausdauer als Männer!

31
Wie die Arche Noes in der weltüberschwemmenden Flut die Welt in sich barg

und die gewaltigen Wogen aushielt,

32
so warst auch du, Gesetzeswächterin,

von allen Seiten in der Triebe Flut umbrandet
und von gewaltigen Stürmen, deiner Söhne Qualen, bedräut,
und dennoch hieltest du wacker Stand
den über die Frömmigkeit herbrausenden Stürmen.


16. Kapitel: Ihr Beispiel
1
Konnte also ein Weib, noch dazu Greisin und Mutter von sieben Söhnen,

den Todesqualen ihrer Söhne zusehen und doch standhalten,
dann ist selbstverständlich die gottgeleitete Vernunft
die Selbstherrin der Triebe.

2
Den Beweis habe ich nun erbracht,

nicht nur, daß Männer ihre Triebe beherrschten,
sondern auch, daß ein Weib die größten Qualen verachtete.

3
Ja, so grimmig waren nicht die Löwen um Daniel,

noch Misaels Feuerofen mit seinem ungestümen Feuer so brennend heiß,
als die natürliche Mutterliebe,
die jenes Weib beim Anblick seiner sieben gefolterten Söhne umloderte.
Doch mit der frommen Vernunft
löschte die Mutter die so gewaltigen und starken Triebe.

[725]
5
Denkt euch nun einmal!

Das Weib wäre, obwohl Mutter, feige gewesen;
dann hätte sie doch wohl um jene gejammert
und vielleicht so gesprochen:

6
„Ich Arme! Dreimal und öfters Unselige!

Sieben Kinder habe ich geboren
und bin doch jetzt nicht von einem einzigen mehr Mutter.

7
Vergeblich waren sieben Schwangerschaften,

unnütz siebenmal zehn Monate,
fruchtlos die Jahre der Pflege,
unheilvoll die Zeiten, wo im sie mit meiner Milch nährte.

8
Umsonst, ihr Söhne, erduldete ich euretwegen soviel Wehen

und die noch schwereren Sorgen des Aufziehens.

9
O meine Kinder! Die einen unvermählt, die andern unnütz vermählt!

Nicht darf ich Kinder von euch schauen,
nicht Großmutter heißen
und nicht mich glücklich preisen lassen.

10
Ach ich, die Mutter so vieler und schöner Kinder,

bin ja als Witwe und Verlassene beweinenswert.
Und sterbe ich, dann habe ich keinen Sohn, der mich begräbt.“

11
Aber die heilige und gottesfürchtige Mutter

bejammerte auch nicht einen mit solcher Klage.

12
Sie mahnte auch keinen einzigen vom Sterben ab

und betrauerte keineswegs die Gestorbenen.

13
Im Gegenteil, als hätte sie einen diamantharten Sinn

und als gälte es,
ihrer Söhne Vollzahl für die Unsterblichkeit wiederzugebären,
ermahnte sie diese flehentlich, für den Glauben zu sterben.

14
O Mutter! Du Glaubensstreiterin Gottes,

obschon nur Greisin und Weib!
In Standhaftigkeit besiegtest du den Tyrannen
und wurdest in Wort und Tat stärker als ein Mann erfunden.

15
Als du mitsamt den Knaben ergriffen wurdest,

standest du hin und sahest Eleazars Martern zu;
dann sprachst du zu den Knaben in hebräischer Sprache:

16
Kinder! Das ist ein edler Kampf.

Werdet ihr dazu berufen, um Zeugnis für das Volk abzulegen,
dann kämpfet getrost für das väterliche Gesetz!

17
Es wäre ja eine Schande,

wenn ihr als die Jüngern vor den Qualen zurückschrecken wolltet,
wo dieser Greis um des Glaubens willen die Schmerzen erträgt.

18
Bedenket, daß ihr Gottes wegen in die Welt kamet

und euch des Lebens erfreutet!

19
Und deshalb müßt ihr auch Gott zulieb jede Pein erdulden.
20
Seinetwegen wollte unser Vater Abraham

seinen Sohn, den Völkervater, in aller Eile schlachten,
und Isaak erschrak nicht,

[726]

als er die schwertbewaffnete Vaterhand auf sich niederzucken sah.

21
Und Daniel, der Gerechte, ward in die Löwengrube geworfen

und Ananias, Azarias und Misael in den Feuerofen geschleudert,
und sie harrten Gott zulieb aus.

22
Darum seid auch ihr nicht betrübt, die ihr den gleichen Glauben an Gott habt!
23
Denn es wäre unvernünftig,

den Glauben zu kennen
und doch den Leiden nicht Widerstand leisten zu können.

24
Mit diesen Worten ermahnte die siebenfache Mutter jeden ihrer Söhne

und bewog ihn, lieber zu sterben, als Gottes Gebot zu übertreten,

25
zumal sie auch wußten,

daß, wer für Gott stirbt, auch bei Gott lebt,
wie Abraham, Isaak und Jakob samt allen andern Erzvätern.


17. Kapitel: Lobpreis der Mutter
1
Es erzählten übrigens einige der Wächter,

als man auch sie zum Tode schleppen wollte,
habe sie sich selbst in den Scheiterhaufen gestürzt,
damit niemand ihren Leib berührte.

2
O Mutter,

die du mit den sieben Knaben des Tyrannen Gewalt zunichte gemacht,
seine schlimmen Anschläge vereitelt
und des Glaubens Adel bewiesen hast!

3
Denn du warst gleich einem Dache, stark gestützt durch deine Knaben wie durch Säulen,

und so hieltest du,
ohne zu wanken, der Martern Erdbeben aus.

4
Sei deshalb getrost, du Mutter mit der heiligen Seele!

Du hast die Hoffnung, die dich ausharren ließ, auf Gott gesetzt.

5
So erhaben steht nicht der Mond mit den Sternen am Himmel

wie du, die du die sieben sternengleichen Knaben
den Lichtweg der Frömmigkeit führtest
und nun bei Gott in Ehren stehst
und samt ihnen im Himmel eine feste Stätte hast.

6
Ja du gebarest deine Kinder vom Vater Abraham.
7
Wäre es uns möglich,

die Geschichte deiner Frömmigkeit wie auf einem Gemälde darzustellen,
würde dann nicht ein Schauder alle ergreifen, die sähen,
wie eine Mutter von sieben Kindern der Frömmigkeit wegen bis zum Tod
die mannigfachsten Qualen litt?

8
Ja, es wäre auch angezeigt,

auf dieses Grabgemälde Folgendes
zum Gedächtnis für die Volksgenossen zu schreiben:

9
„Hier ruhen ein greiser Priester, eine Greisin und sieben Knaben

durch die Gewalt eines Tyrannen,
der die Verfassung der Hebräer vernichten wollte.

10
Sie retteten das Volk, im Aufblick zu Gott,

und hielten den Folterqualen bis in den Tod stand.“

11
Ja wahrhaftig göttlich war der Kampf, der von ihnen ausgefochten ward.
[727]
12
Die Tugend setzte dabei den Kampfpreis aus

und fällte die Entscheidung nach der Ausdauer.
Der Siegespreis bestand in der Unvergänglichkeit,
in einem lang dauernden Leben.

13
Eleazar war der Vorkämpfer;

die Mutter der sieben Knaben kämpfte,
und die Brüder stritten dabei mit.

14
Der Tyrann war der Gegner.

Die Welt und die menschliche Gesellschaft waren die Zuschauer.

15
Siegerin blieb aber die Gottesfurcht;

sie setzte ihren Kämpfern den Kranz auf.

16
Wer wollte nicht die Kämpfer für das göttliche Gesetz bewundern?
17
Er selber, der Tyrann, und der ganze Rat bewunderten ihre Ausdauer.
18
Um ihretwillen stehen sie jetzt dem göttlichen Throne nahe

und leben in ewiger Seligkeit

19
sagt doch auch Moses:

„Und alle Geheiligten sind unter deinen Händen.“

20
Diese wegen Gott Geheiligten sind nun geehrt,

nicht allein mit dieser Ehre,
sondern auch dadurch,
daß ihretwegen über unser Volk die Feinde keine Macht mehr hatten,

21
daß der Tyrann bestraft und das Vaterland geläutert wurde.
22
Sie waren gleichsam ein Ersatz für die Sünde des Volkes.

Durch das Blut jener Frommen und ihren Sühnetod
rettete die göttliche Vorsehung das vorher schlimm bedrängte Israel.

23
Der Tyrann achtete besonders auf die Mannhaftigkeit ihrer Tugend

und auf die Standhaftigkeit in ihren Qualen.
Und so ließ Antiochus seinen Soldaten
durch Herolde ihre Standhaftigkeit als vorbildlich verkünden.

24
Von da an besaß er an ihnen tapfere und mannhafte Leute

im Feld- und Belagerungskrieg
und besiegte vernichtend alle seine Feinde.


18. Kapitel: Aufforderung zur Nachfolge
1
O Israeliten, Nachkommen Abrahams!

Folget diesem Gesetz und seid in allem fromm!

2
Wisset, daß die gottgeleitete Vernunft der Triebe Herrin ist,

und zwar nicht bloß der innerlichen,
sondern auch der äußerlichen Schmerzen.

3
Weil jene der Frömmigkeit zulieb die Körper den Schmerzen preisgaben,

so wurden sie nicht nur von den Menschen bewundert,
sondern auch der Teilnahme am Göttlichen gewürdigt.

4
Und um ihretwillen bekam das Volk Frieden,

und als man im Vaterland die Treue zum Gesetz erneuerte,
schlug man auch die Feinde in die Flucht.

5
Und der Tyrann Antiochus ward nicht bloß auf Erden bestraft,

sondern wird auch nach seinem Tod noch gezüchtigt.
Da er auf keine Weise Jerusalems Einwohner zur Änderung ihrer Volkssitten

[728]

und zum Aufgeben der väterlichen Satzungen zwingen konnte,

6
zog er von Jerusalem ab und marschierte gegen die Perser. –

Die Mutter der sieben Söhne aber redete, gerecht, wie sie war,
noch Folgendes zu ihren Kindern:

7
Ich war eine reine Jungfrau

und überschritt nicht die Schwelle meines Vaterhauses;
vielmehr hütete ich meine „erbaute Rippe“

8
Nicht schändete mich an einsamem Ort ein Verderber,

ein Schänder auf dem Felde;
nicht verdarb mir meine keusche Jungfräulichkeit
ein trügerischer, schlangengleicher Verderber.
Zu meiner Jugendblüte Zeit blieb ich mit meinem Mann verbunden.

9
Der Vater starb, als meine Kinder groß wurden.

Wie glücklich war er!
Er suchte sich die Zeit des Kindersegens aus
und brauchte nicht die Stunde der Kinderlosigkeit zu erleben.

10
Als er noch bei uns war,

pflegte er euch das Gesetz und die Propheten zu lehren.

11
Er pflegte uns Abels Ermordung durch Kain,

Isaaks Brandopferung und Joseph im Gefängnis vorzulesen.

12
Auch sprach er mit uns von dem Eiferer Phinees

und belehrte euch über Ananias, Azarias und Misael im Feuer.

13
Er rühmte Daniel in der Löwengrube und pries ihn selig.
14
Auch prägte er euch des Isaias Schrift ein, die sagt:

„Und gehst du auch durchs Feuer,
dann soll dich die Flamme nicht verbrennen.“

15
Er sang uns auch den Hymnendichter David vor, der sagt:

„Viel sind die Leiden der Gerechten.“

16
Auch führte er den Spruchredner Salomo an, der sagt:

„Einen Lebensbaum haben alle, die seinen Willen tun.“

17
Er gab Ezechiel recht, der sagt:

„Werden diese verdorrten Gebeine wieder aufleben?“

18
Auch vergaß er nicht den Gesang, den Moses lehrte, der lehrt:

„Ich werde töten und lebendig machen.“

19
„Dies ist euer Leben und eurer Tage Länge.“
20
O bitterer Tag und doch nicht bitter,

wo der furchtbare Hellenentyrann
unter schrecklichen Kesseln Feuer entflammte
und wilden Grimmes die sieben Knaben der Abrahamstochter
zur Schwinge und wieder zu seinen Foltern schleppte,

21
wo er ihre Augen durchbohrte, ihre Zungen ausschnitt

und sie unter den mannigfachsten Folterqualen mordete!

22
Dafür bestrafte die göttliche Gerechtigkeit den Verruchten

und wird ihn weiter strafen.

23
Aber die Abrahamssöhne sind samt der preisgekrönten Mutter

dem Chor der Väter beigesellt;
sie empfingen reine unsterbliche Seelen von Gott,

24
dem Ehre sei für immer und ewig! Amen.

Erläuterungen

[1313]
40. Zum 4. Makkabäerbuch

Diese Schrift gehört zur jüngeren Diatribegattung. Sie enthält einen predigtmäßigen Vortrag über den Satz: „Die Vernunft ist Herrin über die Affekte.“ Dieser Satz wird zuerst philosophisch, dann historisch aus der jüdischen Geschichte bewiesen. Der Verfasser dürfte essenischen Kreisen angehören. Darauf weist die Verwerfung der Heuchelei (6, 17 ff) und die Betonung der Nächsten- und Feindesliebe (2, 8 ff. Der Messias wird nicht erwähnt, ebensowenig die leibliche Auferstehung. Das Buch dürfte kurz vor Christi Geburt verfaßt worden sein.[WS 1]

  • 1: 1 Eine Kombination griechischer und syrischer Philosophie und jüdischen Glaubens. 3 Die Triebe umfassen die Gemütsbewegungen und die Stimmungen. Die V. 5 u. 6 gehören wohl zu 2, 24. Die vier stoischen oder Kardinaltugenden. 10 wahrscheinlich um die seit des Gedenktages der Märtyrer. 17 Die durch das mosaische Gesetz vermittelte Bildung. 26 Tugend- und Sündenlisten sind echt stoisch.
  • 2: 5 Ex 20, 17 8 Ex 22, 24 Lev 25, 35 ff Dt 23, 20 f; 15, 1 ff. 9 Lev 19, 9; 23, 22 Dt 24, 19 ff. 14 Dt 20, 19 f Ex 23, 4. 17 Num 16, 1 ff Ps 106, 17 Sir 45, 18 19 Gen 34, 25 ff 49, 7. Die Tat wird gelobt in Judith 9, 2 Jub 30, Test. Levi 5, 6. 21 Die „Triebe“ sind gottgegeben, ein Protest gegen die stoische Ansicht, wonach sie in sich sündhaft sind. 23 Bei den Stoikern gilt der Weise als König.
  • 3: 2 „euch“ wendet sich an die Festteilnehmer als Zuhörer. 7 2 Sam 23, 15 ff. 20 2 Mak 3, 1 ff; in Wirklichkeit Seleukus IV. Philopator 187–175 v. Chr. Nikanor ist der Gründer der Seleucidendynastie 336–280 v. Chr.
  • 4: 1 s. 2 Mak 3, 1 ff 4; nach 2 Mak 3, 7 ff ist nicht Apollonius, sondern Heliodor der Bevollmächtigte. 7 Private Gelder im Tempel s. Jos. B. J. I. 13, 9; VI 5, 2. 10 s. 2 Mak 2, 1 ff. 11 im Vorhof der Heiden s. Jos. B. J. V, 5, 2 13 Hier fehlen die Opfer 2 Mak 3, 32 f. 15 Antiochus 175–164 v. Chr., Bruder, nicht Sohn des Seleukus IV. 16 2 Mak 4, 7 ff. 17 an die hellenische Lebenshaltung. 20 auf der Akra.
  • 5: 1 nach alter christlicher Tradition in Antiochien. 4 2 Mak 6, 18 ff. 20 Lehre der Stoiker und einiger rabbinischer Schulen s. Jak 2, 10. 26 Aristeas 144 ff.
  • 6: 5 Eleazar „ein Gottesgelehrter“ nach arab. azara „in religiösen Dingen unterrichten“. 28 Stellvertretendes Leiden des Gerechten.
  • 7: 11 Num 17, 6 ff. 14 Isaaks Vernunft heißt die des Greisen, weil er wieder jung geworden war s. V. 13. 19 s. Mk 12, 26, Rom 14, 8 Gal 2, 19. 24 s. 2 Mak 7, 1 ff.[1314] 22 Phil 3, 21.
  • 10: 7 s. 2 Mak 4, 47; 3 Mak 7, 5.
  • 12: 7 s. 16,15 ff. 20 Der Gegensatz zwischen diesem Gebet und dem Christi und des hl. Stephanus ist bemerkenswert.
  • 13: 9 Dan 3, 8 ff. 12 Isaaks Heldenmut wird in diesem Buch besonders betont (7, 12; 16, 20; 18, 11). Gen 22 2 ff. 14 Mt 10, 28 Luk 12, 4. 17 Mt 22, 32. 20 bei Isaaks Opferung.
  • 15: 20 die Menge der königlichen Truppen. 28 bei Isaaks Opferung.
  • 16: 3 Dan 6, 1 ff; 3,1 ff. 20 Gen 22, 2 ff. 21 Hebr 11, 1 ff.
  • 17: 7 Mt 23, 29; vgl. das Monument der Makkabäer in Modin 1 Mak 13, 27 ff. 12 „lang andauernd“ weist darauf hin, daß die Frage der Ewigkeit noch nicht durchdacht war. 14 Hebr 12, 1. 15 1 Kor 9, 25. 19 Dt 33, 3.
  • 18: 4 Die Verdienste der Märtyrer brachten Israel den Frieden. Die Makkabäer selber bleiben hier, wie immer, unerwähnt. 5 s. 1 Mak 6, 1 ff. 7 Gen 2, 22 den von Gott geschaffenen Leib s. 1 Thess 4, 4. 8 „Schlange“ bildlich = Verführer s. Dt 22, 25 LXX und Ex 22, 16. 10 In den Propheten sind die poetischen Bücher des A. T. eingeschlossen; über die Pflicht des Vaters zum religiösen Unterricht s. Dt 4, 9; 6, 7; 11, 19. 11 Gen 4, 1 ff; 22, 2 ff. 39, 1 ff. 12 Num 25, 6 ff Dan 3, 1 ff. 13 Dan 6, 1 ff 14 Is 43, 2 LXX 15 Ps 34, 20. 16 Prov 3, 18 LXX 17 Ez 37, 3 LXX 18 Dt 32, 39 LXX und 30, 20 24 Die Schlußdoxologie findet sich häufig in den jüdischen Schriften (Ps 3 Mak 7, 23, Sir 51, 30 Tob 14, 15).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Aktuelle Ausgaben datieren das Werk auf das Ende des 1. Jh. n. Chr. So. z.B. Hans-Josef Klauck in JSHRZ III/6, 669 (1989).

Siehe auch folgende Artikel aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft zu dem hier dargebotenen Text: