Das wunderbare Gesicht der Sabina Fiedlerin zu Lockwitz

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Das wunderbare Gesicht der Sabina Fiedlerin zu Lockwitz
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 190–191
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
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215) Das wunderbare Gesicht der Sabina Fiedlerin zu Lockwitz.
Curiosa. Sax. 1737. S. 14. sq. 26. sq. (a. Gerber, Histor. der Wiedergeborenen in Sachsen XIIIte Hist. S. 276.)

Es hat eine gewisse Sabina Fiedlerin aus Markersbach in Böhmen, welche sich zu Lockwitz bei Dresden mit ihrem Manne von Tagearbeit ernährte, nach dem Tode desselben folgendes wunderbare Gesicht gehabt. Sie ist einmal zur Herbstzeit in die Wälder bei Königstein gegangen, um, wie sie oft gethan, Heidelbeeren zum Verkauf zu suchen. Wie sie nun den ganzen Vormittag in den Bergen herumgegangen, hört sie im Dorfe Hennersdorf, das dem Grafen Zinsendorf gehörte, Mittag läuten, setzt sich auf den nahegelegenen Berge nieder, sucht ein Stück Brod aus ihrem Korbe und ißt. Da sie sich einmal umsieht, steht ein hellglänzender Mann bei ihr, der hält in der Rechten ein bloßes feuriges Schwert, in der Linken eine feurige Ruthe und spricht also zu ihr: „Siehe herab in den Grund.“ Als sie das thut, erblickt sie darin eine große weite Grube, die voller Schlamm ist. Nun ist in diesem Grunde zwar ein ziemlich hoher Wasserfall, der von einem Wässerlein, das bei dem gräflichen Hofe vorbeifließt und in diesen Grund fällt, herrührt, allein es ist kein Schlamm darin zu sehen. Die Fiedlerin sieht aber, daß in dieser Grube voller Schlamm viele große Herren mit schönen Kleidern und großen Perrücken sitzen; um dieselbe stehen aber Männer, die haben große Hunde an Stricken, die bellten heftig auf die Herren in der Schlammgrube und wollten immer zu ihnen hineinspringen. Der glänzende Mann schlägt auch mit dem Schwerte die Wipfel von Tannenbäumen herunter und sagt zu ihr: „Siehst Du das Alles?“ Sabina antwortet mit Furcht und Zittern: „Ja, mein Herr.“ Er spricht ferner: „Fürchte Dich nicht, Dir soll kein Leid widerfahren; gehe aber in die Stadt Dresden und verkündige Geist- und Weltlichen den großen Zorn Gottes und die schweren Strafen des Landes“ u. s. w. Er spricht dann noch einmal mit großem [191] Ernste, sie solle Solches ausrichten, sonst werde er über ihren Ungehorsam zornig werden, und hiermit verschwindet er und das Gesicht in der Grube. Die erschrockene Frau hat vor Schwachheit kaum in’s nächste Dorf laufen können, wo sie zwei Tage in einem Bauernhause geblieben ist, ehe sie sich erhohlen konnte. Kurz darauf hat der Pastor zu Lockwitz, M. Gerber, erfahren, daß sie am bevorstehenden Bußtage in der Lockwitzer Kirche auftreten und zu den Leuten sprechen wolle, hat sie also zu sich berufen und sie ihn Alles, wie oben steht, aufschreiben lassen und gesagt, so er dies an das Oberconsistorium berichten wolle, da wolle sie dies nicht thun. Gleichwohl ist sie am 20. März 1723, eben als M. Hahn auf die Kanzel getreten, in Dresden in der Kreuzkirche bei dem Lesepulte aufgetreten und hat angefangen zu sprechen, ist auch nur mit Mühe entfernt worden und hat bei ihrem Verhöre ebenso, wie oben steht, ausgesagt, auch als sie nach Lockwitz zurückgebracht ward, M. Gerbern erzählt, wie der Geist ihr keine Ruhe gelassen, sondern sie stets angetrieben habe, das Erwähnte in Dresden zu verkündigen; sie habe aber doch nicht nach Dresden, sondern in die Lausitz gehen wollen, als sie jedoch zu Schönfeld übernachtet, sei ihr ein Glanz erschienen und eine Stimme habe ihr befohlen, umzukehren und zu Dresden zu verkündigen, was er ihr damals auf dem Berge verkündiget; so sie auch gethan habe. Obgleich sie nun in Lockwitz wieder um Lohn arbeitete, hat sie doch keine Ruhe gehabt, sondern ist in die benachbarten Orte gegangen und hat über die Perrücken der Prediger geeifert, auch in Dohna dieselben ihnen öffentlich in der Kirche vom Kopfe nehmen wollen, worauf sie arretirt und erst nach Pirna, dann nach Waldheim geschafft ward, wo sie starb. Später hat sich ergeben, daß sie schon als Magd in Wittenberg im Jahr 1710 solche Erscheinungen gehabt und Befehl bekommen hat, öffentlich in der Kirche gegen die Hofffahrt der Professoren, die Gottlosigkeit der Geistlichen und Liederlichkeit der Studenten zu eifern, woran sie jedoch verhindert worden.