Demetrius (Schiller-Galerie)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Pecht
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Titel: Demetrius
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aus: Schiller-Galerie. Charaktere aus Schiller’s Werken, gezeichnet von Friedrich Pecht und Arthur von Ramberg. Funfzig Blätter in Stahlstich mit erläuterndem Text von Friedrich Pecht
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: F. A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
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Demetrius.

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DEMETRIUS.
(Demetrius.)


Politisches Talent, durchdringender Scharfblick für alle grossen staatlichen Verhältnisse, für das Leben der Völker im ganzen und die charakteristischen Züge in dem der einzelnen Nationen sind die merkwürdigsten Eigenschaften des Schiller’schen Genius. Er zeigt überall in seinen Dichtungen eine bei der Einfachheit und Zurückgezogenheit seiner äussern Existenz fast unbegreifliche Divinationsgabe für die Gesetze des Organismus, für das Naturell der einzelnen Volksindividuen, sodass man es kaum für möglich halten sollte, dass die sämmtlichen unmittelbaren Anschauungen dieses Geistes sich nur zwischen Stuttgart und Weimar hin- und herbewegen. Diese Erscheinung wird uns nur dadurch einigermassen begreiflich, dass zwischen 1792 und 1805 so ziemlich sämmtliche Völkerschaften Europas durch diesen Kreis vom Schicksal durchgetrieben wurden. Der unaufhörliche Kampf seiner Zeit spiegelt sich viel mächtiger in den entschlossenen Zügen der Schiller’schen Muse in ihrem flammenden Auge, als man gewöhnlich zugeben will; der Pulverrauch zieht nicht nur durch den ganzen „Wallenstein“, auch in der „Jungfrau von Orleans“ und im „Tell“ hören wir überall den geharnischten Schritt des Zeitgeistes, das Klirren seiner blutigen Waffen heraus.

Nirgends aber finden wir jene speciell unter uns Deutschen so seltene Gabe des Verständnisses politischer Zustände glänzender bethätigt, als in dem Fragmente des „Demetrius“. Die Schilderung des Reichstags, die das Stück eröffnet, ist unübertrefflich, man glaubt diese polnische Wirthschaft leibhaftig vor sich zu sehen, jene leichtsinnige [Ξ] Adelsrepublik mit ihren ewigen Intriguen, ihrer grenzenlosen Unruhe, die das ganze Volk einem beständig tobenden Meer gleichen lässt, das in tausend Wellen wüthend gegen jeden Damm aufbraust und immer wieder machtlos zurückfällt. Es tritt uns überall jener Mangel an Anhänglichkeit, das unwahre und treulose Wesen, die Prunksucht und Habgier, der Hochmuth, die tiefe sittliche Fäulniss, aber auch das ritterliche, kriegerische, bald perfide, bald edelmüthige, immer aber tapfere Naturell, der Ueberfluss an Geist und der Mangel an Verstand und Beharrlichkeit dieser unter den heranwachsenden Völkern ewig ein verschwenderischer und übel berathener Jüngling gebliebenen Nation entgegen. Wie sie leicht zu erobern, nie aber festzuhalten verstand, ritterliche Tugenden besass, aber der Bürgertugend ermangelte, nur das Schlachtross kannte, den Pflug aber verachtete, das alles sehen wir mit Meisterschaft gezeichnet. Keine Geschichtschreibung kann uns jene gesetzliche Anarchie, die den Namen des „Polnischen Reichstags“ zum Sprichwort für Verwirrung gemacht hat, so plastisch schildern als die paar Scenen, die der Dichter dieser Wirthschaft widmet, und die uns den historischen Eindruck zurücklassen, dass dieses Volk im innersten Grunde eben doch ein barbarisches, trotz aller glänzenden Eigenschaften der eigentlichen Civilisation unfähiges gewesen sei und noch ist.

So vortrefflich als der Umriss des Ganzen ist auch die Zeichnung der einzelnen Theile, besonders der Einfluss der Weiber, jener glänzenden, schönen, geistreichen und üppigen, patriotischen, aber auch herrschsüchtigen und intriguanten Frauen, die in Marina ihre Repräsentantin finden, sowie der Geistlichkeit, die sich in diesem sinnbetäubenden Wirbel in Krakau mit herumdrehen.

Ebenso gut ist der Gegensatz in der Natur der Russen zu der der Polen geschildert, soweit die Ausführung vorliegt. Beide slawische Völker theilen miteinander die Unruhe, das halbbarbarische Wesen, die leicht zu entflammende Phantasie und die Lust an der Intrigue, aber die Russen haben den Vortheil grösserer Anhänglichkeit an die Dynastie, an die Herrschaft vor jenen voraus; sie sind noch weniger aufgelöst, treuer und ehrlicher.

[Ξ] Auf diesem Hintergrund heben sich nun die beiden Figuren der Marfa und des Demetrius empor, wo uns die erstere in ihrem wilden glühenden Rachegefühl einen wahrhaft erschütternden Eindruck hinterlässt. Die deutsche Poesie hat wol nichts Gewaltigeres geschaffen als jene Scene, wo sie die Mittel zur Rache sich in die Hände gegeben sieht:

O, endlich kann ich meine Brust entladen!
Ausschäumen endlich gegen meinen Feind
Der tiefsten Seele lang verhaltnen Groll!
– – – – Wer war’s, der mich
In diese Gruft der Lebenden verstiess,
Mit allen frischen Kräften meiner Jugend,
Mit allen warmen Trieben meiner Brust?
Wer riss den theuern Sohn mir von der Seite,
Und sandte Mörder aus, ihn zu durchbohren?
O! keine Sprache nennt, was ich gelitten,
Wenn ich die langen hellgestirnten Nächte
Mit ungestillter Sehnsucht durchgewacht,
Der Stunden Lauf an meinen Thränen zählte!
Der Tag der Rettung und der Rache kommt;
Ich seh’ den Mächtigen in meiner Macht. . . .
Es ist mein Sohn, ich kann nicht daran zweifeln. . . .
Er ist’s, er zieht mit Heereskraft heran,
Mich zu befreien, meine Schmach zu rächen!
Hört seine Trommeln! seine Kriegsdrommeten!
Ihr Völker, kommt vom Morgen und Mittag
Aus euern Steppen, euern ew’gen Wäldern!
In allen Zungen, allen Trachten kommt!
Zäumet das Ross, das Renthier, das Kameel!
Wie Meereswogen strömet zahllos her,
Und dränget euch zu euers Königs Fahnen! –
O warum bin ich hier geengt, gebunden,
Beschränkt mit dem unendlichen Gefühl!
Du, ew’ge Sonne, die den Erdenball
Umkreist, sei du die Botin meiner Wünsche!
Du, allverbreitet ungehemmte Luft,
Die schnell die weitste Wanderung vollendet,
O trag’ ihm meine glüh’nde Sehnsucht zu!
Ich habe nichts, als mein Gebet und Flehn;
Das schöpf’ ich flammend aus der tiefsten Seele,
Beflügelt send’ ich’s zu des Himmels Höhn,
Wie eine Heerschar send’ ich dir’s entgegen.

[Ξ] Durch seine Ehrlichkeit und den festen Glauben an sein Recht nimmt auch Demetrius unsere Theilnahme in Anspruch, die durch den Geist und die Feinheit, mit der er die Mittel zu finden weiss, durch welche er sich Anhänger schaffen kann, nur gesteigert werden. Wir finden ihn in dem Augenblick dargestellt, da er dem Reichstage seine Ansprüche an den Thron der Zaren auseinandersetzt und zu ihrer Bekräftigung jenes Kreuz, das ihm bei der Taufe umgehangen worden sei, aufzeigt.

Der Charakter des Demetrius zeigt uns überall das slawische Element in hohem Grade: die Wohlredenheit, schnelle Fassungskraft, angeborene Schlauheit und Gutmüthigkeit, aber auch das auffahrende Wesen, die Anfälle wilder Wuth, in deren einem er ja den Nebenbuhler, im andern den, welcher ihn dem echten Prinzen untergeschoben, erschlägt. Der Künstler hatte also auch dieses gewandte und kühne, pantherartig elastische, slawische Wesen möglichst zur Erscheinung zu bringen, sowie die Vorliebe für äussere ein wenig barbarische, wilde Pracht, die in allen Slawen heraustritt.

Verspricht das Fragment der Tragödie ein Meisterwerk, so kann es unsern Schmerz nur steigern, dass Schiller durch den Tod von seiner Arbeit abgerufen und so früh einer Laufbahn entrückt ward, in welcher die vollendete Meisterschaft der Technik, die er eben erlangt, unserer Nation noch eine reiche Zahl von classischen Stücken versprach!