Der „wilde“ Mensch

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Autor: A. Oltroff
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Titel: Der „wilde“ Mensch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 879–883
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[879]
Der „wilde“ Mensch.


Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren eine Menschengattung zu Grabe getragen, an deren Vorhandensein noch vor wenigen Jahrzehnten die größten Gelehrten glaubten, den „wilden“ Menschen, der noch heute in der Einbildung vieler fortlebt, die keine Gelegenheit hatten, sich mit den neueren Forschungen zu befassen.

Der „wilde“ Mensch sollte ein eigenartiges Wesen darstellen, welches mehr dem Thiere als dem Menschen ähnlich war und ungefähr ein Zwischenglied zwischen dem Menschen und dem Affen bildete.

Die Fabel von dem Vorhandensein des „wilden“ Menschen ist ohne Zweifel in erster Linie auf ungenaue Berichte der Reisenden zurückzuführen. Wir wissen ja, welche Wunderdinge namentlich in früheren Zeiten berichtet und geglaubt wurden. Wir brauchen nur an die Menschen mit Hundsköpfen zu erinnern, welche an den Ufern des Ganges wohnen sollten, oder an die „Einschenkler“, welche auf ihrem einzigen Bein wunderbar schnell laufen und vortrefflich springen konnten und welche auch „Fußschattner“ genannt wurden, „weil sie sich bei großer Hitze auf den Rücken legten und ihren großen Fuß gleich einem Sonnenschirm über sich ausbreiteten“ - oder endlich an die „Schwanzmenschen“, welche Afrikas Urwälder und die Dschungeln von Borneo bevölkern sollten!

[882] Gegenüber solchen Menschenarten muß der „wilde“ Mensch noch als eine recht zahme Fabel erscheinen; kein Wunder darum, daß man bis in die neueste Zeit an dessen Existenz nicht zweifelte! Wurde doch noch vor vier Jahren an die Berliner Anthropologische Gesellschaft ein Bericht über die Papua-Inseln eingesandt, in dem wörtlich zu lesen ist:

„Auf der Aru-Insel soll ein Stamm vorkommen, welcher bis zu 6 Zoll lange, vom Kopfe abstehende Ohren haben und auch in seiner Gestalt sonst sehr abnorm sein soll. Herr Sisto, ein ‚achtungswerther‘ Kaufmann, hat früher einmal ein solches Individuum besessen, dasselbe ist aber in kurzer Zeit gestorben. Dieser Stamm soll mit andern keinen Umgang haben. Ein andrer Stamm soll weiße Hautfarbe und rothbraune Haare haben und auch auf Bäumen wohnen, ähnlich wie auf einer der Key-Inseln. Auch soll ihre Sprache eine ganz thierische sein, und sie sollen sich ganz abgesondert halten, ohne Kleidung, auf der niedrigsten Stufe stehend. Wie die andern Arunesen angeben, sind die Leute Abkömmlinge von Europäern, welche dort vor vielen Jahren gescheitert sein sollen.“

Wir führen gerade diesen Bericht zuerst an, denn er umfaßt so zu sagen die gesammte Frage des „wilden“ Menschen; erstens wird darin behauptet, daß es „wilde“ Menschenstämme giebt, zweitens, daß auch Abkömmlinge civilisirter Menschen „verwildern“ oder auf die thierische Stufe hinabsinken können. Auch wir werden diese Fragen nach jenen beiden Richtungen hin erörtern.

Als wilde thierartige Stämme wurden namentlich die Zwergvölker und die Buschmänner Afrikas ausgegeben.

Krapf, der bekannte Missionar und Reisende in Ostafrika, erzählte nach Berichten von Sklaven von den Doko, welche in einer unerforschten Gegend Abessiniens in dichten Bambusurwäldern wohnen und nicht höher als vier Fuß, von der Größe zehnjähriger Kinder, sein sollten. „Sie leben,“ heißt es von ihnen, „in einem durchaus thierischen Zustande ohne Wohnung, ohne Tempel, ohne heilige Bäume; sie haben keinen Häuptling und keine Waffen; sie klettern auf Bäume wie die Affen; der längen Nägel bedienen sie sich beim Ausgraben von Wurzeln und Ameisen und zum Zerreißen von Schlangen die sie roh verschlingen.“

In den Gebieten, welche augenblicklich das so viel besprochene „Reich Emin Paschas“ bilden, fand später Schweinfurth den Zwergstamm der Akka, die uns an die Doko Krapfs erinnern.

Die Mittheilungen Schweinfurths wurden in jüngster Zeit durch Emin vervollständigt; wir wissen jetzt, daß die Akka als Jäger im Lande umherziehen, in allen Schlichen und Künsten des Weidwerks wohl bewandert sind, daß sie das erlegte Wild an die ackerbautreibenden Stämme verkaufen und mit den Häuptlingen derselben Verträge abschließen; wir wissen auch, daß sie Menschenfresser, äußerst boshaft und grausam sind − aber der Gedanke, daß diese Akka näher den Thieren als dem Menschen stehen sollen, erscheint uns heute geradezu absurd. Zwischen dem rohesten grausamsten Akka und einem Chimpansen gähnt dieselbe unüberbrückbare Kluft wie zwischen dem Europäer und dem Affen.

Eine andere Abart des „wilden“ Menschen sind die sogenannten „Affenmenschen.“ In der Zeitschrift der Asiatischen Gesellschaft von Bengalen wurde noch aus dem Jahre 1824 allen Ernstes berichtet, daß unter Dhangur-Kulis, die auf einer Kaffeeplantage arbeiteten, sich zwei Personen, ein Mann und eine Frau, befunden hätten, die man Affenmenschen nannte. Durch Zeichen hatte man aus ihnen herausgebracht, daß ihr Stamm weit in den Gebirgen wohne, und man will später in den Wäldern von Terai solche Menschen lebend und vollkommen affenähnlich gefunden haben. Es kamen immer andere Reisende, die ähnliches gesehen zu haben behaupteten, bis die Nachricht auftauchte, daß es auf Sumatra in den Wäldern einen Menschenstamm gäbe, der „nackt und ganz behaart“ ist und Orang Koobos genannt wird, und einen andern, die Orang Gugur, die noch wilder seien, fast ganz ohne Kinn, mit haarigem Körper, ohne Waden, aber mit langen Fersen und noch längeren Armen, zurückliegender Stirn und vorstehenden Kinnbacken.

Das Interesse an Affenmenschen gewann durch die Darwinsche Theorie neue Nahrung. Diese Gebilde waren ja unzweifelhaft die fehlenden Kettenglieder zwischen Mensch und Affe, nach denen man so eifrig forschte, und eines Tages, vor wenigen Jahren, lasen auch die erstaunten Europäer in den Tagesblättern die Nachricht, daß ein Affenmensch, ein Mädchen von 7−8 Jahren, in dem Walde von Laos eingefangen worden sei und eine Rundreise durch Europa antreten werde. In der Ankündigung wurde erzählt, daß von dieser sonderbaren Rasse eine ganze Familie, Vater, Mutter und Tochter, gefangen worden sei, der Vater sei in Laos an der Cholera gestorben, der Beherrscher des Landes habe nicht gestattet, die Mutter zu exportiren, und so sei das Kind allein nach Europa gebracht worden. Dieses Kind war die einem jeden von unsern Lesern ohne Zweifel bekannte Krao, welche diesen Namen darum erhielt, weil die Eltern, wenn die Kleine weglief, in einem klagenden Tone „Kra-o!“ gerufen haben sollten.

Das Affenmädchen, dessen Haut in der That mit Haaren bedeckt war, wurde jedoch nicht allein von einem staunenden Publikum angegafft, sondern auch von Gelehrten, wie Virchow und Bartels, untersucht und diese stellten fest, daß die kleine Krao eine echte Siamesin sei, bei der man die längst bekannte Erscheinung der Ueberhaarung beobachten könne, daß sie also den sogenannten „Haarmenschen,“ die von Zeit zu Zeit bei den verschiedensten Völkern sich vorfinden, zuzuzählen sei.

Inzwischen kam auch aus Bangkok die Kunde, daß Krao die Tochter eines königlichen Beamten in jener Stadt sei, daß die Eltern ebenso wie jeder andere Siamese aussehen und das Kind an einen Unternehmer vermiethet hätten.

In dem Zeitalter der Dampfschiffe wurde der letzte Versuch, den Affenmenschen wieder aufleben zu lassen, in kürzester Zeit als Humbug erkannt. Alle anderen Berichte über ähnliche „Wilde“ erwiesen sich im Lichte der Forschung als Fabel und Märchen. Nirgends waren solche Stämme aufzufinden und sie existirten nur in der Phantasie einiger unkritischen Reisenden, wie das einst auch mit dem „vergoldeten König Dorado“ der Fall war. Darum sagt auch Dr. Johannes Ranke mit Recht in seinem vortrefflichen Werke „Der Mensch“ (Leipzig, Bibliogr. Institut.): „Thierartige, wilde Völker oder Stämme, welche die Mittelglieder zwischen Mensch und Affe darstellen, giebt es nicht.“

„Aber,“ fügt er noch hinzu, „es giebt auch nicht einzelne Individuen, welche wissenschaftlich als solche Mittelglieder aufgestellt werden dürften.“

Wir gelangen hiermit zu dem zweiten Theil unseres Themas, zur Erörterung der Frage, ob der Mensch, wenn er von jeder Gemeinschaft mit der Gesellschaft ausgeschlossen und sich selbst in der Wildniß überlassen bleibt, wirklich verwildern, zu einem Thier werden kann.

Wir wissen ja, daß eine derartige Isolirung gewaltige Veränderungen hervorruft und dem Menschen Fähigkeiten, die er als Kulturmensch erworben, raubt. Hatte doch der Schottländer Selkirk die Kenntniß der Sprache und das Vermögen, zu reden, fast ganz verloren, nachdem er fünf Jahre einsam aus der Insel Juan Fernandez gelebt hatte. Ein anderes Beispiel liefert uns ein schauerliches Experiment des Mongolenfürsten Akebar, der grausamerweise dreißig noch nicht sprechende Knaben so einschließen ließ, daß sie niemand sprechen hören konnten, indem er wissen wollte, wie ihr Sprechen dann werden würde. Keiner derselben brachte es aber zu artikulirten Lauten. Was nun der Barbarenfürst erfahren wollte, das hat uns mehr als einmal der Zufall geboten. Die Geschichte kennt eine Reihe von „Waldmenschen“, welche in den Wäldern Europas eingefangen wurden, die jeder Kultur bar, ohne Vernunft und stumm waren.

Diese Waldmenschen veranlaßten seiner Zeit den großen Naturforscher Linné, dem homo sapiens, dem Weisen, den homo ferus, den Wilden, in seinem System entgegenzustellen, dem er folgende Merkmale beifügte: „vierfüßig, stumm, behaart.“

Im Laufe der Zeit sind 16 derartige Menschen bekannt geworden, zumeist Knaben und Mädchen, ihr Erscheinen fällt in vergangene Zeiten, wo es in Europa noch entlegene Wälder, unzugängliche Moore und Sümpfe gab.

Liest man die Lebensgeschichten dieser Wildlinge, welche neuerdings Prof. Rauber in Leipzig zusammengestellt hat,[1] so gewinnt man die Ueberzeugung , daß die Isolirung des Menschen furchtbar in ihren Wirkungen ist, und darum verdienen jene Fälle auch in unsrer Zeit Beachtung. Die Forscher der Gegenwart können dieselbe besser deuten und erklären als die Gelehrten früherer Jahrhunderte. Wir wollen an dieser Stelle nur der besonders charakteristischen Wildlinge erwähnen.

Aus dem Jahre 1672 stammt ein Bericht über den sogenannten „irischen Jüngling“. „Es wurde,“ heißt es darin, „ein Jüngling von [883] 16 Jahren nach Amsterdam gebracht, welcher in Irland seinen Eltern entwichen war, von frühester Jugend an unter wilden Schafen gelebt und deren Natur gleichsam angenommen hatte. Er war von gelenkigem Körper, in ununterbrochener Bewegung, von trotziger Miene, festem Fleisch, trockener sonnverbrannter Haut, strammen Gliedmaßen, zurückweichender, niedriger Stirn, gewölbtem, höckerigem Hinterhaupt, roh, planlos, unerschrocken, jeder Menschlichkeit bar.

Im übrigen war er von gesunder Körperbeschaffenheit und erfreute sich des besten Wohlseins. Er hatte keine menschliche Stimme, sondern blökte wie ein Schaf, verweigerte unsre gewöhnlichen Speisen und Getränke, verzehrte dagegen nur Gras und Heu wie die Schafe. Alles mehrmals hin und herwendend und stückweise untersuchend, wählte und kostete er endlich bald dies bald jenes, je nachdem die Nase oder der Gaumen es angenehmer fand. Er hatte in rauhen Bergen und wilden Orten gelebt; er selbst war nicht weniger wild und ungebändigt, ein Freund von Höhlen, weglosen Gegenden, unzugänglichen Orten. Er war gewohnt, unter freiem Himmel zu leben, ertrug Winter und Sommer und entging sehr lange den Nachstellungen der Jäger, bis er endlich in ihre Netze gerieth. Er hatte mehr das Ansehen eines Thieres als eines Menschen. Den Waldgeist hatte er nur ungern, unter Menschen verweilend, erst nach langer Zeit ausgezogen. Seine Kehle war weit und breit, die Zunge an dem Gaumen gleichsam angefügt. Die Gegend der Herzgrube war infolge des vorwärts geneigten Ganges nach oben gerückt.“

Aehnliche thierische Gewohnheiten fand man auch bei anderen Wildlingen, wie z. B. bei den litauischen Knaben, die unter Bären gefangen wurden, und bei dem „Mädchen von Songi in der Champagne“.

Es wird genügen, was die Knaben anbelangt, nur die Geschichte des im Jahre 1661 entdeckten wiederzugeben:

„Jäger, die in den litauischen Wäldern ihre Beute verfolgten, sahen einen Trupp Bären. Unter ihnen bemerkten sie zwei kleine Wesen, welche menschliche Gestalt hatten. Sie verfolgten sie mit solchem Eifer, daß sie eins auffingen, ungeachtet seines Widerstandes und Geschreies, seines Zähnefletschens und seiner Vertheidigung mit den Nägeln, gleich der eines jungen ungezähmten Bären. Man fesselte ihn und brachte ihn nach Warschau vor den König und die Königin von Polen. Der ganze Adel und die ganze Stadt lief herbei, um das Kind zu sehen, welches damals etwa neun Jahre alt zu sein schien. Seine Haut war extrem weiß, ebenso seine Haare. Seine Glieder waren gut proportionirt und vollkräftig. Sein Gesicht war hübsch, seine Augen blau, alle seine Sinne aber so verthiert, er des Verstandes und der Vernunft so entblößt, daß er von einem Menschen nichts zu haben schien als den Körper. Er hatte nicht einmal den Gebrauch der Sprache und alle seine Neigungen waren thierischer Art … Er konnte nie die Wildheit seines Naturells aufgeben, die er unter den Thieren erworben hatte. Gleichwohl nahm er die Gewohnheit an, auf zwei Füßen zu gehen, und er ging, wohin man ihn rief. Rohes und gekochtes Fleisch waren ihm gleich willkommen; Kleider konnte er am Körper nicht leiden, ebenso wenig Schuhe; niemals bedeckte er den Kopf. Von Zeit zu Zeit floh er in die Wälder, wo er sich damit vergnügte, mit den Nägeln Baumrinde abzureißen und ihren Saft zu saugen.“

Sprechen soll er niemals gelernt haben, obwohl er eine fehlerlose Zunge hatte.

Was nun das „Mädchen von Songi“ anbelangt, so ist ihre Geschichte insofern von Bedeutung, als sie uns den Beweis liefert, daß einige der Wildlinge nach ihrer Rückkehr in die menschliche Gesellschaft Sprache und Vernunft wieder erlangt hatten.

Rauber erzählt über diesen Fall etwa folgendes: Im September 1731 trat ein Mädchen von 9 bis 10 Jahren zur Dämmerungszeit von Durst geplagt in das Dorf Songi ein, welches 4 oder 5 Lieues von Châlons entfernt liegt. Ihre Füße waren nackt, der Körper mit Lumpen und Fellen bekleidet, der Kopf mit einem Flaschenkürbis statt der Mütze bedeckt, die Hand mit einer hölzernen Keule bewaffnet. Als jemand aus dem Dorfe eine Dogge auf sie losließ, erwartete sie das Thier festen Fußes und versetzte ihm, als es auf sie zustürzte, einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß das Thier todt zu ihren Füßen sank.

Voll Freude über ihren Sieg warf sie sich mehrmals auf den Körper des Hundes. Darauf suchte sie eine Thür zu öffnen, ging aber, da ihr dies nicht gelang, auf das Feld zur Seite des Flusses zurück, bestieg einen Baum und schlief hier ruhig ein. Durch eine Frau wurde sie danach vom Baume herabgelockt und gerieth so in die Gefangenschaft der Dorfbewohner. Als sie in die Küche eines hier befindlichen Schlosses gebracht wurde, fielen ihre Blicke auf einiges Geflügel, welches der Koch zubereitete. Sie warf sich mit Lebhaftigkeit und Begier auf dasselbe und begann es sofort zu verzehren. Ein ihr mit der Haut gegebenes Kaninchen würgte sie ebenfalls hinunter.

Wie spätere Beobachtung erwies, war das Mädchen äußerst geschickt im Klettern auf den Bäumen; es hatte einen eigenartigen gleitenden Gang, war aber dabei so behend, daß es ihm gelang, das Wild im Laufe zu Haschen. Ebenso geschickt war es im Tauchen und im Fangen der Fische und Frösche, die es roh verzehrte.

Fräulein „Le Blanc“, wie das Mädchen später genannt wurde, erwies sich bildungsfähig, erlernte die französische Sprache und wurde Nonne. Aber nur mit großer Mühe gelang es, ihr den Genuß von rohem blutigen Fleisch, sowie von Blättern, Zweigen und Wurzeln abzugewöhnen. Noch zwei Jahre nach ihrer Einfangung hatte sie die Neigung, den Fisch im Wasser zu fangen, nicht verloren.

Wir verzichten darauf, weitere Beispiele anzuführen. Die Wildlinge, von denen einige, wie z. B. der „wilde Peter von Hameln“, der damaligen gelehrten Welt Stoff zu vielfachen Untersuchungen boten, sind, wie jedermann zugeben muß, durchaus abnorme Erscheinungen. Die Geschichte kennt nur 16 derartige Fälle und dabei muß noch in Betracht gezogen werden, daß in diesen Schilderungen Wahrheit und Dichtung nicht mehr von einander zu trennen sind.

Für den Psychologen sind diese Fälle äußerst wichtig, aber kein ernster Forscher der Gegenwart würde sich veranlaßt finden, diese Menschen, von denen man nicht einmal weiß, ob sie geisteskrank waren, als eine Rasse oder Menschenart hinzustellen.

Der Mensch ist nicht für die Einsamkeit geboren; löst man ihn los von dem Verbande der Gesellschaft, so muß er zu Grunde gehen, wie eine Biene, die sich von ihrem Schwarm getrennt hat.

Die heutige Wissenschaft kennt keine „wilden“ Menschen; selbst bei den rohesten Stämmen findet sie Zeichen der Kultur und Gesittung, die zwischen dem Menschen und dem Thiere eine tiefe Kluft wahrnehmen lassen.

  1. Rauber, „Homo sapiens ferus“. Leipzig, Denickes Verlag.