Der Alchimist (Wünschelruthe)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Carl August Heinrich Zwicker
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Alchimist
Untertitel: Eine wahre Geschichte.
aus: Wünschelruthe – Ein Zeitblatt. Nr. 16–19
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[61]
Der Alchimist.
Eine wahre Geschichte.




Es war fast Mitternacht; Regen und Sturm begehrten rauschend und brausend Einlaß an den geschloßnen Laden einer niedrigen Werkstatt, worin Fazio der Goldschmied, vor einem chemischen Ofen kauernd, ämsig die Glut schürte, welche züngelnd um einen verkitteten Tiegel leckte; er erhitzte die Kohlen mit dem Blasbalg, daß sie zersprangen, knisternd flogen die Funken auf ihn ein wie gereitzte Bienen, in dem glühenden Sprühregen mußte er oft nach dem Krug Wermutwein langen, die lechzende Zunge zu erfrischen. Ein röthliches Licht hatte sich an mancherlei seltsames Geräth neben ihm gelegt, während Dunkelheit mit geheimnißvollem Schleier den Hintergrund des Gemaches verhüllte. Durch die nur angelehnte Thür zogen die giftigen Dämpfe, aus langer Gefangenschaft befreit, eilig fort in die Straßen der Stadt; ein Smaragd in des Meisters Munde wehrte jeder feindseligen Einwirkung, Valentina des Goldschmieds Hausfrau, die mit den beiden Kindern ausgegangen war nach dem nachgelegnen San Giuliano, den Segen ihres sterbenden Vaters einzuholen, hatte ihn erwünschter Einsamkeit überlassen, auch war es Freitag, der Mond stand im Zeichen des Löwen, Himmel und Erde zeigten sich dem wichtigen und geheimen Werke günstiger als je – dazu sang das brodelnde Erz im Tiegel in goldnen Melodieen von der Erfüllung lang gehegter Hoffnungen, von stolzen Villen, von prangenden Gärten, von aller Lust und Herrlichkeit des Reichthums und des Ansehns. – Fazio rieb den Probierstein blank, der, brauchbar bei der höhern Scheidekunst, auf dem Werktisch bleiben durfte, wenn das übrige Kunstgeräth bestaubt und vergessen in einem Winkel träumte. Nun hatte zwar der kluge Stein schon oft von der Nichtigkeit und Verderblichkeit des neuen Beginnens gesprochen, wenn ein Besitzthum nach dem andern zu Metallasche verbrannt, oder als werthloses Gut aus dem Schmelzfeuer des Alchimisten hervorging, allein dieser wußte alles Mislingen ungünstigen Zufällen oder dem Einfluß widerwärtiger Gestirne zuzuschreiben, und war des festen freudigen Glaubens, daß bei dem heilversprechendem Stande der Planeten heute unfehlbar aus dem wunderbaren Bunde Jupiters und Merkurs, unter dem dunkeln verschwiegnen Mantel Saturns, Sol das goldne Kind glänzend hervorgehen und das philosophische Brautbett schmücken werde; so genau hatte er alle Weisungen und Vorschriften der Adepten in Acht genommen; keine Zurüstung war versäumt, keine Vorsicht vernachlässigt. Tinkturen, Elixiere, fleißig und sorgsam bereitet, warteten in glänzenden Kristallflaschen und Violen, den neugebornen leuchtenden König der Metalle zu baden und zu salben. –

Warum eigentlich der Alchimist die siebente und höchste Stufe seiner Kunst noch nicht ersteigen konnte, von der herab man das Wunderwerk und Geheimniß der Natur klaren Auges überschaut und ihren Kräften mit der Gewalt der Wahrheit zu gebieten weiß; ob ihn eine noch zu jugendliche Flüchtigkeit des Sinnes unfähig machte, beschaulich in die Mysterien der alten erprobten Lehren einzudringen, ob er die heilige Kunst aus irrigen und unlautern Beweggründen suchte? – dieses müssen wir dahin gestellt sein lassen; genug die Arbeiten waren bis dahin misglückt, und eine nicht geringe ererbte Habe zu einem unansehnlichen Meierhof, außer dem Häuschen in der Stadt, zusammengeschmolzen. – Der Eifer des Meisters erkaltete nicht. –

Dumpf erscholl vom nahen St. Stephans Thurm das Zeichen der Mitternacht, wie Schwäne zogen die mächtigen [62] Glockenklänge durch Sturm und Wetter - noch eine freudig bange Stunde und es ist vollbracht. – Da taumelt plötzlich eine lange hagere Gestalt in die Thür, und: ich bin todt! ausrufend, röchelnd in den Armstuhl. – Wie ein Blitzstrahl schlägt der Schreck am friedlichen Goldschmied nieder, und wirft ihn zu Boden; Grimaldi erkennend rafft er sich auf, er stürzt hin zu ihm – starkriechende Essenzen, flüchtige Salze, eingeflößter Wein, alles umsonst, kein Zeichen des Lebens – jetzt reißt er das feuchte Wamms auf, und wie eine dunkle Rosenknospe geschlossen blickt eine Wunde von Grimaldis Brust zu ihm auf – das Leben war getroffen, die Seele frei, geitzig hatte der Körper das warme Blut zurückgehalten.

Wie ein Schlag traf’s den Goldschmied da er die Todeswunde gewahrte, und er schwindelte zurück; das Antlitz halb abgewendet mußte er nach der blutigen Stelle hinstieren, als sei er dort dem Blick der Klapperschlange begegnet; mit den Händen wehrte er krampfhaft ab, weichen konnte er nicht, die Kraft des Willens war gebrochen, wie die Starrsucht, wie ein Blick der Meduse hielt es ihn fest, und seine Pulse stockten; aber das Herz begann bald schneller und mächtiger zu schlagen, gewaltig drängte das Blut durch die Adern daß eine heiße dunkle Röthe plötzlich in den kalten bleichen Wangen aufflammte, es dämmerte ihm vor den Sinnen, die Kniee brachen, er sank nieder. –

Jetzt huschte der blutige Mörder herein, wild mit geschwungenem Dolch; ächzend strebte der Goldschmied nur den wüthenden Blick von sich abzuhalten, der ihm brennend in die Augen stach, – jener aber schob sich näher und näher, grimmiger und immer grimmiger ward der Blick, das scheusliche Gesicht wuchs zur Riesengröße auseinander bis es verrann – doch nun arbeitet still und langsam ein grauser Schatten sich hervor aus dem Boden, der Leichnam zuckt, regt sich, richtet sich auf, die Wunde beginnt zu bluten, zu reden, und schaudernd vernimmt Fazio wie das Blut ihn anklagt, schon fühlt er sich angepackt, schon hingeschleppt vor den finstern Blutrichter und donnernd dröhnt das Urtheil ihm ins Ohr; die Glocken zittern bang wie sein Herz, und wie Todesseufzer wehen ihre Töne um ihn; rings drängt sich die dumpfe lautlose Menge, der feierlich langsame angstschwüle Zug wallt bänglich dem Gerüst zu, das schwarze Arme gierig weit nach ihm ausstreckt. –

Nicht in schnellverschwebenden luftigen Gestalten, nein, in festen glühenden Bildern stellte sich dieses um den Unglücklichen her, dann warf es die fürchterlich überreitzte Einbildungskraft mit noch Entsetzlicherem unter einander – endlich, nur nach gänzlicher Ermattung, traten einzelne Gedanken ruhiger aus dem wahnsinnigen Gewirr hervor. –

[65] Die Nachbarn müßen herbei. – Sie hat das tobende Wetter längst in die sichern Betten, in die weichen Arme des Schlafs getrieben – kann der schwache Menschenruf das Geprassel des Regens, das laute Schelten des Sturms übertönen? – Wächter soll er heranschreien, holen. – Die Nacht ist todt, nicht ein lebendes Wesen regt sich in den öden Gassen; wen auch soll er anklagen? – wen wird der Verdacht treffen? Wie kann er sich aus den Schlingen lösen, die der Zufall tückisch ihm um den Nacken warf? - Grimaldi ist reich – wieder spinnt ihn die Furcht in ihr graues Gewebe enger und enger, das die geängstete Seele, zitternd und flatternd – wie die Taube im Netz – vergebens zu zerreißen strebt. – Da schlägt die Glocke mit befreundetem Klange die erste Stunde des neuen Tages an – den Geistern der Nacht ist die Gewalt geraubt, ihre Zeit ist um – und wie der Ton herüberfließt zu Fazio, ist es ihm als werde er von einer holdbekannten Stimme aus quälenden Träumen geweckt, wie Frühroth steigt es auf vor dem verzagten Sinn, und ein lichter Gedanke verscheucht, wie die leuchtende Morgensonne, mit glänzenden erquicklichen Stralen die kalten Nebelgebilde des Schreckens. Rüstig, von Hoffnungsmuth jugendlich erwärmt, springt er auf, und, wie die Thür wohl verwahrt ist, durchsucht er ämsig genau Kleider und Taschen des Ermordeten. – Nichts entsetzliches, nichts grauenerregendes mehr hat der Leichnam für ihn. – Wenige Paoli fallen ihm in die Hände, – was er erwartete war mehr. – Sieh da! ein Schlüsselbund, von eisernem Reif zusammengehalten, löst sich, nur mit [66] einem Haken befestigt, bequem aus Grimaldi’s Gürtel. Tiefaufathmend drückt Fazio den seegenverheißenden Fund an die unruhig klopfende Brust, ihn dann mit einem Lächeln, worin Furcht und Freude ungewiß kämpfen, vor die Augen zuckend steht er träumerisch sinnend da. – Doch schnell ist die kleine Blendleuchte hervorgesucht und angezündet, der weite schwarze Mantel umgeworfen, die Lampe ausgelöscht; wie ein unschätzbares Kleinod preßt er die Schlüssel heftig in die Hand, sich selber Schmerz erregend um ihrer nur gewiß zu sein – den großen Hut in die Augen gedrückt tritt er schüchtern, leise aus der engen knarrenden Thür hinaus in die wilde Nacht, den verräterischen Schein der Leuchte behutsam mit dem Mantel verhängend. – Gar wohl bekannt war ihm die Wohnung des Genuesers, worin dieser, kaum vor zwei Jahren blutigen Unruhen in seiner Vaterstadt entweichend, sich angesiedelt hatte, einsam und lichtscheu hausend dem Uhu gleich, zusammengewucherte unermeßliche Reichthümer – so ging die Sage – wie ein gebannter Geist ruhelos zu hüten.

Nur auf Grimadi’s Schätze den Sinn gerichtet, folgt der Goldschmied fast willenlos dem gewaltigen Zuge, der ihn, je mehr er dem Ziele naht, heftiger immer und unwiderstehlicher fortreißt; halb nur bewußt, halb instinctmäßig die Wachen vermeidend, wird er, wie das Schiff zum verhängnisvollen Magnetfelsen, durch dunkle abgelegne Gassen über die Brücke fort in den menschenleeren Stadttheil jenseits des Arno getrieben. Von Regen triefend kommt er athemlos vor dem verschloßnen Hause an – scheu späht er umher, unter hastigen, vergeblichen Versuchen zu öffnen steigt seine Angst, endlich weicht das Schloß dem rechten Schlüssel, hinein in die nur halbaufgemachte Thür schlüpft Fazio, von innen den Riegel vorschiebend. Mit glücklicher Behendigkeit werden die hindernden Schlösser besiegt, und schon wirft die enthüllte Leuchte gelbe Streiflichter in Grimaldi’s Wohnstube. – Wenn vor der zauberkräftigen Blume der Berg sich aufthut, dann sollen in den weiten Hallen gleißende Erzgänge, helle Demanten, lustige Smaragden, dunkelglühende Rubinen – die Lichter der Tiefe – in funkelnden Haufen wunderbar flimmernd und schimmernd, mit der falben Flamme der Oberwelt den Wettstreit beginnen und mit entzückendem Stralenspiel die Augen des glücklichen Sterblichen blenden. – So auch hat sichs Fazio hier geträumt; lüstern schweifen die Blicke voraus ins Helldunkel – nackte, qualmgraue Wände, daran ein dürftig hastes Ruhebett, ein ärmlicher Hausrath, morsche Tische, wenige Holzschemel, ist Alles was sich dem gierigen betrognen Späher entdeckt. – Als haben höllische Dämonen den schon heraufbeschwornen, schon heranschwebenden Schatz tückisch vor ihm zurückgerissen in den Abgrund, – so war dem Goldschmied zu Muthe, und der Geist des Wuchrers umschwebte ihn.

Doch es erhellt sich ein dunkler Winkel des Gemachs, und eine alte Truhe wird offenbar, eisern, von bräunlichem Rost angenagt, mit starken Bändern, wie von ehernen Armen, an den Boden gedrückt. – Wie der Falke auf die Beute schießt Fazio dort hin. Vor dem Kasten niederknieend, die Laterne geöffnet neben sich gestellt, dreht er, von brennender Begierde gestachelt, hurtig zwei vorgehängte Schlösser auf – jetzt erschließt der größte Schlüssel schnell das mächtige Hauptschloß, und der gewichtige Deckel fährt, wie von der Springwurzel berührt, prasselnd aus. Fazio schreckt zusammen, als er schaudernd um sich blickt, meint er das drohende Gespenst des Ermordeten hinter sich wancken zu sehen – es war nur sein eigner Schatten, der, dämmernd an der rußigten Wand aufgewachsen, vom Flackerlicht des Lämpchens sich ungewiß regte. Nichts hält ihn mehr – Armspangen, Ringe, Juweelen, Kleinodien aller Art, daneben drei schwere Beutel, er reißt auf – es ist Gold – diese werden herausgenommen, in den Mantel gewickelt, die Truhe verschlossen, Alles in die vorige Ordnung gebracht, die köstliche Beute aus die Schultern gehoben, alle Thüren zugemacht, und nun gebt es in geflügelter Eile auf dem sichern Wege zurück nach Hause, Freude und Bangigkeit lassen den Träger die drückende Last nicht spüren. –

Angekommen, nachdem er sich der süßen Bürde entledigt hat, faßt er den Leichnam, alle Furcht, alles Mitleid ist dahin, er schleift ihn die dunkle Treppe hinab in den Keller, mit einem Grabscheid wird die Erde aufgewühlt, es geht ihm von der Hand, als sei er nur den Spaten zu führen gewohnt; die Grube ist weit und tief genug, der Körper, bekleidet wie er ist, wird hineingestürzt, die Schlüssel ihm nach, das Loch wird gefüllt, die übrigbleibende Erde im Keller vertheilt, alles sorgsam festgestampft, das geübteste Auge konnte die Stätte nicht entdecken.

Im seligen Gefühl der Sicherheit springt Fazio die Treppe hinan, und fällt über die Schätze her; die Beutel werden ausgeschüttet, mit den Händen wühlt er wollüstig in dem Goldhaufen, er tanzt wie ein Kind in der Werkstatt umher, er zählt, er wiegt das Gold, er versucht es auf dem Prüfstein – es bewährt sich, er taumelt vor Wonnen. Zuletzt aber weicht der Freudenrausch ruhiger Ueberlegung, vorsichtig wird der Raub verschlossen und verwahrt, die Säcke verbrannt, ja er verstreut die Asche in die Luft, damit auch diese nicht ihn verrathen könne. – Es ist heller Morgen, und er sinkt ermattet in die Arme des Schlummers.

[67] Die Sonne stand schon hoch am Himmel, da erwachte der Goldschmied mit einem seltsam drückenden Gefühle. Schwere Träume hatten ihn umschwebt, doch konnt’ er sie nicht ins Gedächtniß zurückrufen; anfangs zwar fühlte er sich wohl geneigt auch das Abenteuer der Nacht für ein Gaukelspiel der Phantasie zu halten, allein der durchnäßte Mantel, seine ganze Umgebung ließ ihn die Wirklichkeit erkennen, und er erfreute sich der schönen Gewißheit im erquickendem Anblick des errungenen Schatzes. Die Stimme in seinem Innern, welche ihn des Raubes anklagen wollte, wurde leicht mit dem Gedanken beschwichtigt, daß der Genueser weder Weib noch Kind, weder Verwandte noch Freunde habe; stand er ihm doch so nahe als jeder Fremde, und näher, denn in der bangen Stunde des Todes, in den letzten martervollen Augenblicken war er ihm hülfreich beigesprungen. – Still wurde sein Gemüt, wie nach dem Sturme das Meer, und die Hoffnung schwamm, wie ein seegelprangendes Schiff, auf der heitern Fläche fernen reichen Gestaden zu. –

Bedächtig und mit froher Selbstzufriedenheit sann Fazio aus, was er thun, wie er sich zeigen wolle – Mitleidig lächelnd blickte er zu dem Ofen hin, und auf die kleinlich mühsamen Anstalten, die ihn so lange in ängstlicher fruchtloser Thätigkeit hielten, auf das rastlose vergebliche Ringen ein Gut langsam zu gewinnen, das ihm nun in einer Nacht, fast im Traum, das Glück verschwenderisch in den Schoos geschüttet hatte; ja er fing an die Unfehlbarkeit der Kunst zu bezweifeln, seine Arbeitseligkeit, sein gläubiges Streben erschien ihm fast als kindisch, als Thorheit. – Dennoch wurde das Werkgeräth in die nöthige Ordnung gebracht und Valentina traf ihn zurückkommend über der gewohnten Beschäftigung. Inniger als je zuvor herzte er seine Lieben, mit zärtlicher Vorsorge, mit linderndem Mitgefühl und heilendem Trost wußte er bald den Kummer der Gattin zu stillen die um den Vater trauerte, das frohe Geheimniß in der Brust wirkte sanfterwärmend und wohlthuend auf sein ganzes Wesen. – Das stille Weib kannte und verbarg kein Geheimniß, als das unergründliche unaussprechliche Geheimniß der Liebe – heiß und fest umschlang sie den Geliebten der ja nun der Einzige war, und ihr Herz jauchzte, daß sie ihn wieder näher und liebender fühlte. Sonst war es ihr wohl oft als dränge sich ein finstres unholdes Etwas zwischen ihn und ihre Liebe, doch das war nun anders und Valentina war glücklich. –

[69] Indeß verscholl Grimaldi, alle Nachforschungen blieben fruchtlos. Der Podesta ließ das Haus erbrechen und nahm die gefundnen Kostbarkeiten an sich, daß kein baares Geld vorhanden, war eben so auffallend als unerklärlich. Man sprach, man vermuthete viel über das Schicksal des Genuesers, und Fazio war sehr erfreut, daß unter dem geschwätzigen Volke, wie es denn dem Wunderbaren geneigt ist, bald allerlei abentheuerliche und schauerliche Sagen über das Verschwinden des Geizigen gingen - die verlaßene Wohnung wurde verrufen als nicht geheuer, sie stand leer. Doch, auch den Goldschmied überkam oft ein Grauen und vermied scheu den Keller.

In dem lebendigen Treiben worin so manches Ungewöhnliche hervortritt, wo nur das Neue und auch das wieder nur für den Augenblick in Anspruch nimmt, Grimaldi in kurzer Zeit vergessen, so daß Fazio, der die alchemistischen Arbeiten mit geheimer Lust, zum Schein fortgesetzt hatte, es nun für rathsam hielt, hin und wieder einiges von wichtigen Entdeckungen verlauten zu lassen. Indem er eine kluge Steigerung in seinen Angaben, in den Zeichen der Freude beobachtete, konnte er zuletzt mit völliger [70] Sicherheit von gewonnenen Goldbarren reden. Die Nachbarn, die Bekannten blieben anfangs freilich ungläubig, doch da er seine Freude so wahr, so natürlich zu zeigen wußte, als er von einer Reise nach Marseille sprach, wo das rohe Metall am vortheilhaftesten gegen gangbare Münze umgesetzt werden könne, und gar das Meiergütchen verpfändete, vorgeblich um mit dem gelösten Pfandschilling die Reisekosten zu bestreiten – da mußten sie wohl schwankend in ihrem Unglauben werden. – Nur der unglücklichen Valentina wurde es schrecklich klar, daß Fazio, dem mit seiner Habe auch die letzte Hoffnung nun darauf gegangen sei, den Schimpf selbstverschuldeter Verarmung zu vermeiden und den Jammer der Seinen nicht anzusehn in die Fremde ziehe, von ihr auf immer, und sie mit den Waisen im Elend verlassen wolle. Lange ließ sie den Gram stumm am Herzen nagen; Fazio bemerkte nicht daß sie blasser wurde, daß oft ihre Augen von Thränen überliefen, als er aber die Zurüstungen beschleunigend, den kommenden Tag zur Abreise bestimmte, da vermochte die Arme nicht es länger zu ertragen, da brach es hervor. Beide Kinder an der Hand stürzte sie in die Werkstatt wo der Goldschmied das Reisegeräth ordnete, sie warf sich nieder vor ihm auf die Knie, das glänzend schwarze Haar umspielte frei in Ringen den weißen Nacken und schmiegte sich bebend, wie in den Armen der Liebe, an den wallenden Busen, indem einzelne Thränen wie funkelnde Sterne aus der wunderbaren Nacht der großen Augen tropften: – Kannst du uns verlassen, Anselmo, stammelte sie schluchzend die Arme flehend zu ihm aufgehoben: sollen wir vergehen Vater! – und die Kinder knieten und weinten mit ihr. Da mußte Fazio die magische Gewalt erfahren, die den Blicken und Thränen geliebter Wesen gegeben ist; es griff wie mit glühenden Händen ihm ans Herz und zog ihn herüber unwiderstehlich, überwältigt beugte er sich liebeathmend zu dem holden Weibe nieder, und wie er die lichten Tropfen von den seidnen Wimpern küßte, rannen ihm Thränen schmerzlich süß wie die Sehnsucht, die Wangen herab. Liebe, Vertrauen waren triumphirend in seine Brust gezogen, ihnen öffnete sich das Herz wie der geheimnißvolle Kelch der Lilie den Stralen der Sonne. – Er hob die Gattin empor in seine Arme, unter den zärtlichsten Liebkosungen flüsternd: nein Geliebte, nein, so nicht, so ist es nicht! – Jetzt muste er ihr Alles sagen, Alles zeigen, Alles entdecken; dann suchte er mit schönem Eifer den lieblichen Bildern Worte zu geben, die sein trunknes Auge in dem Zauberspiegel der Hoffnung erblickte; es waren die Reichthümer eine goldne Saat, welche der warme seegenduftende Hauch der Liebe als eine reiche selige Zukunft aufgehen ließ. – In stiller Wonne lauschend saß Valentina ihm auf dem Schoos, sie verschlang seine Worte und hörte doch nur weniges, immer schaute sie dem Einzigen mit glänzenden Augen in das freudeverklärte Antlitz – sie sollte ihn ja behalten, und er war so froh. Wenn Fazio goldne Netze ausspannte das flüchtige Glück des Lebens zu erhaschen, so glaubte sie schon jetzt in seinem Besitz, in seiner Liebe die höchste Seligkeit zu umfassen.

Ungern nur sah sie es ein, daß er fort müsse und zu dem so entlegnen Orte um den vorgegebnen Handel ohne Gefahr der Entdeckung durchführen, und es betrübte sie sehr, wenn gleich Fazio versprach möglichst schnell zurückzukehren – das könne ihr nicht zu schwer werden, meinte sie, sich recht betrübt und kläglich anzustellen wenn er fern sei, Klagen und Thränen stellten auch so schon sich ein. –

In der Frühe des nächsten Tages war es, da der Goldschmied auf einem stattlichen schwerbeladnem Maulthier, Pisa verlassend die Straße nach Livorno einschlug, wo er sich einzuschiffen gedachte. Zuerst war ihm freilich das Herz schwer vom Abschiede, wie er aber die balsamische Luft einsog, die ihm der Morgen duftschwanger über den Hügel entgegentrieb, da wurde ihm leichter, er fühlte sich frei und doch weich; er blickte auf, und die tiefblaue Decke des Himmels schien ihm ein unendlich Herrliches zu verbergen, und die Erde hinaufzuschauen wie eine Jungfrau zu dem fernen Geliebten; blitzende Juweelen zitterten wie Thau auf dem farbigen Gewand das die schönen lebenswarmen Glieder verräterisch umschloß, er fühlte daß ein frischer würziger Athem den sanftgewölbten Busen hob, daß die Pulse lebendig schlugen wie in seiner Brust. Der Arno, ein silbernes Band, schlang sich ihr um den Gürtel und flatterte und rauschte in Wasserfällen. Klare Seen blickten ihn an wie helle Augen, und er mußte lächeln und weinen zugleich wie ein Kind, und Alles wurde nur glänzender. Wie er sich zurückwandte die Vaterstadt zu betrachten, da kam sie ihm so kalt, so unbekannt vor, ja es schien ihm unmöglich daß die engen dumpfen Mauern könnten ein Leben gefangen halten, daß er so reich, so glühend in sich fühlte. Auch die herauswehenden Glockenklänge der Frühmette, sprachen in halbfremden halbvertrauten Tönen von einer andern, einer schönern Heimat, so war es ihm. –

Doch die Stimmen verhallten, und der Goldschmied folgt sinnend dem breiten gemächlichen Wege. Der Anblick ährenwogender Felder, sorgfältig gewarteter Olivenpflanzungen, der traubenschweren Reben die sich mit grünen Armen um fruchtprangende Maulbeerbäume, um glattstämmige Ulmen bis hoch in die dunkelglänzenden Blätter winden, lockt Fazios Gedanken bald in den freundlich beschränkten Kreis des geselligen Treibens zurück – das Gold leuchtet fröhlich [71] hinein ins Leben wie die Sonne welche die Erde strahlend erhellt indem sie den tiefen Himmel mit seinen ewigen Sternen verdeckt. Der Goldschmied vertiefte sich behaglich in Plane für die Zukunft. –

[73] Valentina sehnte sich indeß nach dem fernen Gatten; in stiller gewohnter Weise das Hauswesen besorgend hatte sie nur an den Kindern noch Freude, sonst schien sie nicht nur traurig, sie war es wirklich. – Gedanken an Reichthum, an künftiges Wohlleben verscheuchten die Sehnsucht; hatte sie sich doch dem Geliebten ganz hingegeben, all ihr Denken ihr ganzes Wesen gehörte nur ihm an. Wie die Blume sich zum Lichte wendet, wie der Magnet nur nach Norden weist, so fühlte sie sich nur zu ihm hingezogen, nur in ihm lebte sie. Deshalb erschien sie andern kalt und unzugänglich; Fazio selbst konnte ihre Liebe nicht verstehen. Einen frohlockenden Brief des Goldschmieds, worin er den glücklichen Fortgang und die baldige Beendigung des Wechselgeschäft’s berichtete, zeigte sie, wie es verabredet war, den Bekannten.

Fazio war nun zurückgekehrt und begann pralerischen Reden durch hochfahrenden Aufwand Gewicht zu geben, die ungewohnten leichterworbenen Reichthümer im übermüthigen Gefühl eigner Klugheit vergeudend. Seiner Kunst, seiner Schätze wegen feierte und beneidete man ihn. – Ein Landgut wurde angekauft, eine geräumige Wohnung neben dem vorigen bescheidnen Häuschen bezogen, eine zahlreiche Dienerschaft angenommen. Aber daheim war des Goldschmieds Bleiben nicht, er mußte hinaus in betäubendem Lustrausch, unaufhaltsam dem Verderben zu, als habe er die zauberisch lockenden Töne gehört, die hin zum Venusberg reißen unwiderstehlich, und kein getreuer Eckart trat ihm warnend entgegen. Nur leise bescheidne Vorwürfe wagte Valentina, die mit Kummer fühlte, daß auch Fazio’s Liebe im leichtsinnigen Rauschen und Treiben seines Lebens unterging; ihre bittenden Worte, ihr flehender Blick vergällten ihm das eigne Haus mehr und mehr und trieben ihn nur immer weiter, immer tiefer in den Strudel der Sinnenlust. Wie oft wünschte sie sich die alte Stille, die alte Dürftigkeit, ach und Fazio’s Herz zurück. Wenn er, bei wüsten Gelagen in Trunk und Spiel der Freude nachjagend, sie lange einsam ließ, dann schlichen wohl wie zwischen Wachen und Traum düstre peinigende Bilder ihr in den Sinn, unheimliche Gedanken führten sie fort und fort bis an die blutige That, die Quelle des verhaßten Reichthums, ein graulicher Schleier verhüllte den Mord, sie wollte, sie mußte ihn zerreißen, dann aber fuhr sie plötzlich auf in tödtlicher Angst vor sich selbst erschreckend, und rang die Hände und weinte, und betete. –

Gleich nach seiner Rückkehr hatte der Goldschmied der Gattin Widerrede ungeachtet eine bejahrte Verwandte zu sich gerufen, die mit Gianina ihrer Tochter dem Haushalt vorstehen sollte. Die schlaue Nina; im Glanz der Jugend und Lebenslust, in den üppigsten Reizen prangend, lockte und winckte lange vergebens – endlich rissen die letzten Banden die Fazio an Valentina fesselten, er war gefangen im verderblichen Garn der Bulerin, sie umstrickte ihn fest und fester; nicht verhehlen wollte sie ihren Sieg, Alle sollten ihn sehen, ihn fühlen, auch die Gattin. – Da schien es als wäre ein finstrer Geist in Valentina Herr ihrer Liebe geworden und die Sanftmut verließ sie; mit entschiedener brennender Heftigkeit erklärte sie sich gegen den Ungetreuen – was sie erlangte war nichts, als daß er mit der Verhaßten fortzog auf sein Landgut, dort ungestört mit ihr zu schwelgen.

Valentina verschloß sich in ihrem Gemach, dort haben sie die Diener wimmern hören – nachmals hat ein Bürger gesehen, wie sie lange vor dem Bilde der heiligen [74] Genoveva in San Raniero im Staube gelegen – beten konnte sie nicht, und nicht weinen. Am Morgen des dritten Tags trat sie scheinbar gelassen, aber leichenblaß, mit zuckenden Lippen vor den Podesta, und klagte ihren Gatten des Raubmordes an, indem sie viele nähere Umstände angab; – man grub nach, Grimaldi’s verwester Leichnam, noch kenntlich an der Kleidung, fand sich in dem Keller – die Sbirren ergriffen den Goldschmied; vor Gericht geschleppt erpreßte die Folter bald von ihm das Geständniß einer Gräuelthat die er nie begangen hatte – das Todesurtheil war gesprochen. – Da zitterten wieder die Glocken bang wie sein Herz, und ihre Klänge wehten wie Todesseufzer um ihn, der feierlich langsame Zug, das angstschwüle Menschengewühl wälzte sich lautlos den Marktplatz, dem Hochgericht zu.

Fazio hatte, nachdem er die Absolution empfangen, weinend den Himmel zum Zeugen seiner Unschuld angerufen, einer andern schweren Schuld sich bewußt hatte er der Gattin verziehen. – Die letzten schrecklichen Augenblicke waren überstanden – der Körper, vom Hochgericht abgnommen, wurde auf einem erhöhtem Gerüste dem Volke zur Schau gestellt. Da drängte sich eine Frau, zwei Kinder mit sich reißend, durch die gaffende Menge, ihr glänzend schwarzes Lockenhaar fliegt wild um das bleiche Antlitz um den weißen Nacken – das thränenlose Auge ist starr halbgebrochen, die Züge verzeert wie vom Wahnsinn. – Alles weicht überrascht zurück. – Sie eilt die Stufen des Gerüstes hinan, und läßt die jammernden Kleinen den kalten Leichnam umklammern, die blauen Lippen des Gerichteten küssen; plötzlich reißt sie einen Dolch unter dem Gewande hervor und stößt ihn dem ältern Knaben ihn aufzerrend, in die Brust, schon liegt auch der Jüngere blutend und röchelnd neben dem todten Vater, die Nächsten stürtzen entsetzt herbei, aber auch sie hat sich den Stahl ins Herz gedrückt ehe man sie hindern kann. – Noch einmal seufzend sinkt sie über den erstarrten Gatten hin und ihr Blut vermischt sich mit dem schuldlosen Herzblut der Kinder Fazio und Valentina sind in ungeweihter Erde eingescharrt – das Grab der Kinder wird auf dem mittleren Theil des Campo Santo vor Pisa gezeigt. – Es pflegt der Benedictinermönch, welcher die Fremden auf diesen in mancher Hinsicht merkwürdigen Kirchhof umherführt, das klägliche Schicksal der Familie bei der Grabstätte der beiden Knaben zu erzählen; er fügt hinzu, daß nach dem unerforschlichen Rathe der Vorsehung es noch hienieden aller Welt habe kund werden sollen, wie Fazio’s Hände von Blut unbesudelt gewesen. Antonio Cortesi, ein Töpfer aus Pisa, wegen gottvergeßnen ruchlosen Wandels lange verschrieen, sei endlich über Diebstahl ertappt worden, und habe in der peinlichen Untersuchung, neben andern frechgestandnen Schandthaten, sich des Mordes an dem dürren genuesischen Hunde, wie er ihn nannte, berühmt. Auf dem Markte habe sein wohlgezielter Messerstich den schleichenden Filz getroffen, dieser, mit der Wuth und Kraft der Todesangst sich losringend, sei mit unbegreiflicher Schnelligkeit entronnen, er aber der Hoffnung reicher Beute verlustig gewesen. – Dieser, sagt der Mönch, werde jenseits verdientem Lohne nicht entgangen sein, wie er denn auch auf eine schmachvolle Weise wäre hingerichtet worden.

Z.