Der Ausmarsch

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Textdaten
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Autor: E. A. K.
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Titel: Der Ausmarsch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 428–429
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben Nr. 2
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[428]
Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben.
2. Der Ausmarsch.[1]


Es war am 3. Juni, als das elfte Husarenregiment von Düsseldorf ausmarschirte. Wohin? Die Leute wußten es nicht, aber daß es in einen schweren Krieg hineinging, das wußten sie, und deshalb auch waren sie so ernst, trotz den heiteren Klängen der Trompeten, die gar lustig in den Frühmorgen die alte Volksweise: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus“[WS 1] hineinschmetterten.

Der alte Wachtmeister mit dem weißen Schnurrbart und der schweren umfangreichen Brieftasche ritt vorauf dicht hinter dem Rittmeister, und die Gedanken dieser beiden alten Herren mochten wohl auch bei den Angehörigen weilen, die zurückgeblieben waren.

Ueber’s Jahr, dann ist meine Zeit vorbei,
Dann gehör i mein und dein.
Bin i dann, bin i dann dein Schätzele noch,
So soll die Hochzeit sein!

Ach ja, wie manches Herz hatte gehofft und darauf vertraut, daß der nächste Lenz der Geliebten den Myrthenkranz bringen werde! Und nun? Ein Achselzucken nur kann diese Frage beantworten. Wie manches blaue oder braune Augenpaar blickte hinunter auf die schmucken Jünglinge und wie manches dieser schönen Augen war feucht! Es ist eine schwere, verhängnißvolle Zeit, eine Zeit, die den Scherz nicht mehr aufkommen läßt, die den Humor „Hochverrath“ nennt. Und doch ist der Humor der Freund, der in Tagen wie die jetzigen vor allen tröstend uns zur Seite steht!

Am Bahnhofe machten die Husaren Halt; die Waggons standen zu ihrer Aufnahme schon bereit. Wie aber die Pferde hineinbringen? Gar mancher alte Cavalerist würde bedenklich das Haupt geschüttelt und verschiedene unausführbare Vorschläge gemacht haben, der Staat hatte die Aufgabe bereits in praktischer Weise gelöst. Es sind hohe, ziemlich flach aufsteigende und mit einem Geländer versehene Gerüste, welche vor die Waggons gestellt werden, und dieses Verbindungsmittel zwischen Waggon und Perron ist in der That so bequem und einfach, daß man nicht begreift, weshalb es nicht früher schon erfunden und benutzt wurde. Die Gerüste kamen nämlich zuerst im Jahre 1862 in Anwendung, damals als Preußen den (nunmehr gefangenen) Kurfürsten von Kassel zwingen wollte, sein Volk verfassungsgemäß zu regieren, und seitdem heißen sie die „Hessenböcke“. Nun, es geht ja auch heute wieder gegen Hessen, gegen den ganzen Norden und den Süden Deutschlands. Das Hineinbringen der Pferde bereitete keine Schwierigkeiten; es geschah mit jener Schnelligkeit und Sicherheit, welche man in der preußischen Armee zu finden gewohnt ist. War auch hin und wieder ein Rößlein ungeduldig, nun, die Menschen waren’s mitunter auch, aber der alte Wachtmeister mit dem weißen Schnurrbart und der schweren Brieftasche wußte den Ungeduldigen gar rasch „Raison beizubringen“.

Wie manches Herz mag stürmisch gepocht haben, als der Zug sich langsam in Bewegung setzte! Wie manches Auge mag feucht gewesen sein, während es dem davonbrausenden Dampfroß nachblickte!

Unter Hurrahrufen rückten sie ab, unter dem Hurrahrufen der Volksmenge, die auf dem Bahnhofe sich versammelt hatte, und manches weiße Taschentuch schickte noch aus der Ferne den letzten Abschiedsgruß.
E. A. K.



[429]
Die Gartenlaube (1866) b 429.jpg

Cavallerieverladung durch Hessenböcke.
Nach der Natur aufgenommen von A. Nikutowski.


  1. Wir müssen unsere Leser um Entschuldigung bitten, wenn unser zweiter Kriegsartikel etwas mager ausgefallen ist. Sein Verfasser ist plötzlich ebenfalls zu den Fahnen einberufen worden und schreibt die obigen Zeilen mitten auf dem Marsche. Schon unsere nächsten „Bilder aus dem Feld- und Lagerleben“ werden zeigen, daß wir unseren in diesen Beziehungen gegebenen Versprechungen vollständig Genüge leisten werden.
    D. R.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. z. B. „Muß i denn, muß i denn“ (Heinrich Wagner)