Der Barbierjunge von Segringen

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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Der Barbierjunge von Segringen
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 162–164
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803–1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
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[162]
Der Barbierjunge von Segringen.

Man muß Gott nicht versuchen, aber auch die Menschen nicht. Denn im vorigen Spätjahr kam in dem Wirthshause zu Segringen ein Fremder von der Armee an, der einen starken Bart hatte, und fast wunderlich aussah, also, daß ihm nicht recht zu trauen war. Der sagt zum Wirth, eh’ er etwas zu essen oder zu trinken fordert: „Habt ihr keinen Barbier im Ort, der mich rasiren kann?“ Der Wirth sagt Ja, und holt den Barbier. Zu dem sagt der Fremde: „Ihr sollt mir den Bart abnehmen, aber ich habe eine kitzliche Haut. Wenn ihr mich nicht ins Gesicht schneidet, so bezahl ich Euch 4 Kronenthaler. Wenn ihr mich aber schneidet, so stech ich euch todt. Ihr wäret nicht der Erste.“ Wie der erschrockene Mann das hörte, (denn der fremde Herr machte ein Gesicht, als wenn es nicht vexirt wäre, und das spitzige, kalte Eisen lag auf dem Tisch,) so springt er fort und schickt den Gesellen. Zu dem sagt der Herr [163] das Nemliche. Wie der Gesell das Nemliche hört, springt er ebenfalls fort, und schickt den Lehrjungen. Der Lehrjunge läßt sich blenden von dem Geld, und denkt: „Ich wag’s. Gerathet es, und ich schneide ihn nicht, so kann ich mir für 4 Kronenthaler einen neuen Rock auf die Kirchweihe kaufen, und einen Schnepper. Gerathet’s nicht, so weiß ich, was ich thue,“ und rasirt den Herrn. Der Herr hält ruhig still, weiß nicht, in welcher entsetzlichen Todesgefahr er ist, und der verwegene Lehrjunge spazirt ihm auch ganz kaltblütig mit dem Messer im Gesicht und um die Nase herum, als wenn’s nur um einen Sechser, oder im Fall eines Schnittes um ein Stücklein Zunder oder Fließpapier darauf zu thun wäre, und nicht um 4 Kronenthaler und um ein Leben, und bringt ihm glücklich den Bart aus dem Gesicht ohne Schnitt und ohne Blut, und dachte doch, als er fertig war: „Gottlob!“

Als aber der Herr aufgestanden war, und sich im Spiegel beschaut und abgetrocknet hatte, und gibt dem Jungen die 4 Kronenthaler, sagt er zu ihm: „Aber junger Mensch, wer hat dir den Muth gegeben, mich zu rasiren, so doch dein Herr und der Gesell sind fortgesprungen? Denn wenn du mich geschnitten hättest, so hätt ich dich erstochen.“ Der Lehrjung aber bedankte sich lächelnd für das schöne Stück Geld, und sagte: Gnädiger Herr, Ihr hättet mich nicht erstochen, sondern, wenn ihr gezuckt hättet, und ich hätt’ euch ins Gesicht geschnitten, so wär ich euch zuvorgekommen, hätt euch augenblicklich die Gurgel abgehauen, und wäre auf und davon gesprungen. Als der fremde Herr das hörte, [164] und an die Gefahr dachte, in der er gesessen war, ward er erst blaß vor Schrecken und Todesangst, schenkte dem Burschen noch 1 Kronenthaler extra, und hat seitdem zu keinem Barbier mehr gesagt: „Ich steche dich todt, wenn du mich schneidest.“


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