Der Dienst des Pfarrers/Die Vorbereitung zur Predigt

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« Der Dienst des Pfarrers und seine Vorbedingungen Hermann von Bezzel
Der Dienst des Pfarrers
Die Art der Predigt »
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Kapitel IV.
Die Vorbereitung zur Predigt.
 1. Man kann dem Anfänger, der mit lebensvoller Begeisterung an das Amt herantritt, nicht oft genug| raten, möglichst viel Predigten zu lesen, nicht für die eine pflichtige, die er der Gemeinde zu bieten hat, die nicht Predigtauszüge und Kollektaneen zu hören wünscht, sondern das Recht hat zu vernehmen, wie viel oder wie wenig der Prediger von Christo und in ihm erlebt hat und wie sich in seinem Willen der Gehorsam gegen das Schriftwort erweist, sondern zur Stärkung und Mehrung des Besitzes. Wobei zu empfehlen ist, mit den Büchern nicht zuviel zu wechseln. Klare, tiefgehende Exegese mit reicher praktischer Verwertung des Textes auf Zeit und Zeitfragen findet man in den Predigten von Harleß und Thomasius, bei diesem mehr das erbauliche, still belehrende Moment, bei jenem die starken Willensimpulse. Von den neueren sind Uhlhorn und der ihm wesensverwandte Büttner zu empfehlen, die in schlichter Form lautere, reine und gesunde Lehre darbieten, ohne doch lehrhaft trocken zu sein. Edle Popularität lehren die Postillen von Klaus Harms, vornehme Rede, das genus sublime mit oft überraschender Textverwertung, auf den Höhen der Erde wandelnd, dichterisch und doch wieder ganz realistisch führt Kögel, dessen Predigten aus seiner Haager Zeit ich besonders schätze. Blühend in der Rede und in ihrem Schmuck, mehr die Phantasie heilend und das Gemüt erquickend als auf den Willen wirksam sind Geroks Predigten, denen nach manchem Betracht die Ahlfelds gleichkommen. Richard Löbers „Gottesgedanken nicht populär, aber einfach“, verdienen gewiß das erste, nicht ganz das zweite Prädikat, sind aber vorzügliche Einführung in die Schrift. Martensens Passionspredigten in ihrer ruhigen Bestimmtheit und Löhes| Sieben Worte vom Kreuze, voll Anbetung und priesterlichen Dankes dem Kreuze entgegen blühende Betrachtungen sind nicht zu vergessen, während Löhes Evangelien- und Episielpostille, so wenig ich dem harten Urteile Brömels in seinen Charakterbildern beistimme, dem Anfänger noch zu schwer sind und letztgenannte Predigten ja nie gehalten wurden, sondern mehr Abhandlungen sind, was wohl auch von Schleiermachers Predigten zu sagen ist, so reich an feinen Gedanken und klaren Darlegungen sie sind. Luthers und Valerius Herbergers Predigten sollten um der tiefen, andächtigen Textverwertung und um der kraftvollen, markigen, sentenziösen Sprache willen jedem Anfänger zugänglich und dem alten Prediger lieb sein: es ist stets ein erquicklicher Trunk frischen Wassers. Dabei verschmähe man den Hinweis nicht, daß jeder am fleißigsten die Predigten studieren sollte, die ihn am wenigsten anziehen, weil er von ihnen am ersten lernen kann, was ihm gebricht. Das Temperament des Predigers heiligt sich an seinem Gegensatze. Und im Laufe der Arbeit werden die Predigtvorbilder wechseln und sich wandeln: das ist das gute Recht des Fortschritts.
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 2. Man beginne die Vorarbeit zur Predigt bald! Die Exegese werde gründlich genommen, denn das Wort Gottes verdient bis in die feinste Veräderung Beachtung. Das griechische Lexikon von Grimm (Fritzsche) darf dabei nicht fehlen noch die Lektüre der Kommentare, die aus Hofmanns Schule uns geschenkt sind. Calvins lateinische Werke und der alte Gnomon sollen nicht vergessen sein, Weizsäckers Übersetzung gibt manch guten Wink. Ist| es möglich, der Geschichte eines Wortes nachzugehen – Cremer-Kögel tut dabei treffliche Dienste – so wird sich das reichlich lohnen. Und vor allem, der Wortlaut der Ursprache wie der Übersetzung muß eingeprägt werden. Es gilt zwar als besonders schriftgemäß, die offene Bibel auf der Kanzel immer wieder an sich heranzunehmen. Manche Lehrer glauben damit den Schriftgrund, auf dem die Verkündigung ruhen soll, besonders wirksam dokumentiert. Aber abgesehen davon, daß es peinlich genug anzusehen ist, wenn der Prediger sich mit dem Augenglase – ich sah sogar Monokle auf der Kanzel – bewaffnet, um das für den Augenblick Nötige zu suchen, – die Gemeinde beurteilt es anders und hat, fürchte ich, mit ihrem Urteil recht. Daß die offene Bibel das Konzept für Gedächtnisschwache und Ungeübte aufnimmt, ist, wenn die Gemeinde es weiß, kein Unrecht, daß aber statt der offenen Bibel ein Predigtbuch ausliegt, aus dem der Prediger fremdes Gut abliest, ist Sünde, welche die Gemeinde nicht wissen darf. Wer nun frühzeitig den Urtext sich einprägt, wird davon für alle Zeiten Segen haben, er wird in der Schrift heimisch, und sie wird heimisch in ihm, er bekommt Stellen- und Wortgedächtnis, vornehmlich, wenn immer dasselbe Buch gebraucht wird. Was dem Anfänger dient, soll ihn durchs Leben begleiten. –
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 3. Nach diesen Vorarbeiten, die wohl durch einen geraumen Teil der Woche gehen mögen, immer mit dem Gebet, daß der Herr die Lippen entsühnen und auftun wolle, daß der Mund Seinen Ruhm verkünde, mit dem alten Maleachiwort (2, 7), das über dem Eingang des| väterlichen Pfarrhauses von Philipp Nikolai im Waldeckschen sieht: labia sacerdotis custodient scientiam, lasse der Prediger den Text auf sich wirken: hoc unum agendum, ut verbum plane et copiose doceatur. Unum cor et una anima in Domino – den ganzen Text, nicht daß mottoartig irgendein Wort „herausgestellt“ werde, an das alle irgend möglichen Gedanken lose sich anreihen, sondern selbst auf die Gefahr hin, daß es mehr Homilie werde, die doch nicht bloß voll, sondern auch satt macht, nehme man den ganzen Text an sich und denke sich als Hörer der Jesuspredigt mitten unter dem Volke, als Empfänger eines Apostelbriefes mitten unter dessen Lesern. In seiner Vorrede zur Handausgabe des Neuen Testamentes (1734) schreibt J. A. Bengel das feine Wort: Te totum applica ad textum; rem totam applica ad te. Textgemäß und praktisch sei die Bereitung zur Predigt, die du zuerst dir gehalten haben mußt, ehe sie an die Gemeinde kommt. Dann sammle die Gedanken, die aus jedem Worte dir zufließen, aus jedem Verse dir zuströmen, sieh hin, ob sie unmodern und unbräuchlich sind oder ob sie nicht vielmehr, da das Menschenherz im zwanzigsten Jahrhundert dieselbe Angst kennt und in der Festigkeit die höchste Schönheit wie vor Jahrhunderten, ihm jetzt noch völlig genug tun. Rücke Zeitereignisse und Lebensfragen, Zweifel und Bedenken, deine Erfahrungen, so gering sie sind, wenn sie nur wahr sind, unter ihr Licht und dann ordne, was dir Gott gegeben hat, am besten nach der Väter Weise in Thema und Teilen, die in Frageform am ehesten die Gemeinde erreichen! Wenigstens das Thema soll immer als Frage an den Hörer sich| wenden und ihn zur inneren Antwort vernötigen. Die Disposition gehe ins einzelne um des eignen Gedächtnisses willen und für die Gemeinde, sei bestimmt und fest! Daß die Predigt geschrieben, ganz geschrieben und das Konzept eingeprägt werden soll, ist Gesetz, dem der Anfänger nie, der Fortgeschrittene selten ungestraft sich entzieht, es sei denn, daß dieser in wörtlicher und genauer Meditation erbringe, was er nach gehaltener Predigt jederzeit zu Papier bringen kann. So nötig es aber ist, wortgetreu zu memorieren, so getreu, daß man Stelle und Stellung des einzelnen Wortes weiß, so ist es doch rätlich, nicht Sklave seines Manuskriptes zu werden: auch diese Furcht macht Pein. Tholuck hat recht, daß jede Predigt zweimal geboren werden müsse, einmal in der Stille der Studierstube, zum andern auf der Kanzel. Es darf nicht das Gedächtnis das Leben verdrängen, es soll nur stützen und stärken.
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 4. Damit die Vorbereitung recht erleichtert werde, soll frühzeitig ein Sammelheft angelegt werden, in das Gottesgedanken, Gedanken über Zeit und Ewigkeit, Altes und Neues – was kann Hamann, ja auch Jean Paul Friedr. Richter und Bogumil Goltz dabei nützen! – Lesefrüchte, Erfahrungen eingetragen werden mögen. Und, wenn es möglich ist, Perlen aus dem langsam sich verbrauchenden Sprachschatze des gemeinen Mannes, dessen Beachtung Luthers Bibelübersetzung auch in ihren Fehlern inspiriert sein läßt (Löhe)! Noch lebt im Bauernvolke eine Fülle unverbrauchter, unabgeschliffener Wortbilder, und Redewendungen: wer auf sie achtet, lernt die Kraft des bezeichnenden Wortes. Es sei nur an den| Gebrauch der Worte „schlimm, simpel, einfältig“ erinnert! Und wenn der fränkische Bauer im Blick auf die sechzig Jahre sagt: „Wenn man einen Schober (sechzig Garben) aufgeladen hat, denkt man ans Heimfahren,“ so liegt in dieser Plastik der Rede Kraft und Würde. „Ich bin in die Freie hinausgelaufen und habe zu unserem Herrgott geschrien,“ ist ein bedeutsamer Blick in die Religionspsychologie unsres Landvolks. Seine Anschauungen über Tod und Ewigkeit („es ist um jedes Beinlein schade, das fault,“ als höchstes Lob des Verstorbenen), daß wir Gott einen Tod schuldig seien, er uns eine fröhliche Urständ verleihen wolle, seine Versicherung: „ich sag’s und besteh’s“ und seine treffende Kritik über die Predigt, daß in der Kirche der Schwamm nicht wachse (wegen der Trockenheit des Predigers), daß aus „dem“ nichts herausgehe oder in ihm nichts drinnen sei, seine Anhänglichkeit an die altkirchlichen Perikopen (am Sonntag vom „Tröster“, am Sonntag vom „guten Hirten“, vom „großen Abendmahl“, von der Zerstörung Jerusalems), seine Bibelzitate verdienen alle Beachtung (Grünberg und Zahn haben die Bibel im Volksmunde uns nahe gebracht, Gebhard hat in seiner bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre viel Bemerkenswertes, wenn auch zu ausschließlich auf den thüringischen Bauern gesehen, uns geschenkt). Daß der Sprachschatz des Bürgertums noch manche Perle aufweist, letzte Reste einer kernigen und ehrenfesten Vergangenheit wird beachtlich sein. – Am wenigsten sollten Dichterzitate in das Sammelheft und auf die Kanzel kommen. Es berührt nur unangenehm, wenn „doch es ward mir zum Heil, es riß mich nach oben“| auf der Kanzel „auftaucht“, etwa um den erziehlichen Wert des Leidens zu versinnlichen. Der Wissende kennt die Ballade und wird in Gedankengänge gedrängt, die der Andacht nicht förderlich sind. Auch kann man füglich die Faustzitate an Ostern missen, deren Ruhm allmählich nicht mehr fein ist. Und wenn über die Kriegsdauer etwa mit „laßt es genug sein des grausamen Spiels“ geredet wird, so ist dies nicht recht. Wir hören jetzt in bunter Reihe Hebbel und Hauptmann, Sudermann und Tolstoi, Nietzsche und Schopenhauer, den Sonnenhymnus des Franziskus und Dantes göttliche Komödie, Schüler und Gerok zitiert, immer mit der Einleitung „bekanntlich“, was eine Verbeugung gegen die Unkenntnis der Zuhörer und darum eine der Kanzel fern bleiben sollende Unwahrheit ist. Man wird sagen müssen: In Zitaten sei weniger mehr! –





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