Der Maikäfer

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Textdaten
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Autor: Hermann Löns
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Titel: Der Maikäfer
Untertitel:
aus: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch, S. 41–44
Herausgeber:
Auflage: 1.–4. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Sponholtz
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Erscheinungsort: Hannover
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Quelle: Google-USA* = Commons
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[41] Der Maikäfer.

Jeder Monat hat seine besonderen Erzeugnisse.

So auch der Mai. Er hat Maienlüfte, Maitrank, Maiblumen, Mairegen, Maikatzen, Karauschen mit Maibutter, Maifeiern und Maikäfer.

Der Maikäfer gehört nach der Meinung der Gelehrten zu den Insekten; das ist ein Irrtum; er gehört zu den Schuljungens. Niemals sieht man ihn anders, als in deren Begleitung.

Der Maikäfer heißt in seiner Jugend Engerling. In diesem Zustande schafft er bedeutenden Nutzen dadurch, daß er von den nützlichen Maulwürfen gefressen wird. Diese Tatsache ist bis heute leider noch nicht genügend gewürdigt worden, vielmehr hat man den Engerling, weil er Getreidewurzeln frißt, bisher immer für schädlich gehalten.

Gäbe es keine Engerlinge, so wäre der Maulwurf lediglich auf Regenwürmer angewiesen. Regenwürmer aber sind sehr nützlich, denn erstens braucht man sie nämlich zum Angeln und zweitens drainieren und düngen sie den Erdboden in hohem Maße, wie Charles Darwin bewiesen hat. Würde der Maulwurf also weiter nichts als Regenwürmer haben, so würden diese bald ausgerottet sein und könnten der Landwirtschaft nicht mehr so viel nützen.

In den naturgeschichtlichen Büchern zerfällt der Maikäfer, der dort Melolontha genannt wird, weil das gelehrter klingt, wie manche Fürstengeschlechter in zwei Linien, in M. vulgaris und M. hippocastani. In der naturwissenschaftlichen [42] Systematik der Schuljungens zerfällt er ebenfalls in zwei Linien, die aber Müller und Schuster genannt werden.

Die Schuster sind oben braun. Sie haben keinen großen Handelswert, denn bei günstiger Konjunktur bekommt man für einen Hosenknopf schon ein Dutzend, während ein Müller, der oben weiß ist, Liebhaberpreise bis zu einem Dutzend erzielt.

Es gibt nicht jedes Jahr viele Maikäfer. Oft gibt es drei Jahre lang keine, im vierten aber so viel, daß der Ausfall der schlechten Jahre reichlich wieder wett gemacht wird. Solche Jahre nennt man Flugjahre, obgleich es eigentlich Fluchjahre heißen muß, denn alle Leute, die sich aus Maikäfern nichts machen, führen dann unchristliche Reden, weil die Maikäfer die Bäume kahl fressen.

Das ist ungerecht; auch ein Maikäfer hat Hunger. Und da das Laub im Herbst doch abfällt, so kann man es ihm schon gönnen, zumal er es versteht, die Blätter in allerliebster Art auszuzacken. Jedenfalls ist es besser, der Maikäfer frißt Blätter, als daß er, wie die Mücken, nach unserem Herzblute lechzt.

Die Larve des Maikäfers lebt in der Erde, der Maikäfer selbst dagegen in Zigarrenkästen und Botanisiertrommeln. Er ist sehr intelligent, läßt sich leicht zähmen und zum Ziehen von kleinen, aus Streichholzschachteln gemachten Wagen abrichten. Dagegen ist alle Mühe, ihm das Reden beizubringen, bisher umsonst gewesen.

Der Maikäfer besitzt zwei Augen, die einen eigentümlichen starren Blick haben, und zwei Fühler, die bei den Weibchen klein, bei den Männchen doppelt so groß sind. Wenn der Maikäfermann guter Laune ist, breitet er seine Fühler auseinander, so daß sie wie kleine rotbraune Fächer aussehen.

Wenn der Maikäfer fliegen soll, braucht man ihm nur ein Lied vorzusingen: „Maikäfer flieg’!“ Das hat er so oft [43] gehört, daß es ihm über ist, und er macht dann schnell, daß er fortkommt. Dann pumpt er sich voll Luft, breitet die Flügel aus, erst die oberen, hornigen, dann die unteren, häutigen, und summt ein schönes Lied, dessen Text hier nicht wiedergegeben werden kann, weil die Sprache der Maikäfer erst mangelhaft bekannt ist.

Die lebendigen Maikäfer haben vier bis fünf Beine, während die in Käfersammlungen befindlichen meist keine haben. Hin und wieder findet man dort einen, der eins hat, manche haben sogar zwei, es soll auch welche mit drei gegeben haben, doch ist diese Nachricht nicht genügend verbürgt.

Am Ende des Hinterleibes hat der Maikäfer eine Spitze, die weder zweckmäßig noch hübsch ist. Sie erinnert dadurch an die Kopfbedeckung des erwachsenen Kulturmenschen, den Zylinder, der zwar unzweckmäßig, dafür aber um so häßlicher ist. Alle Versuche, den Maikäfer zu bewegen, von dieser Mode abzugehen, sind bisher vergeblich gewesen.

Der Maikäfer hat nur ein kurzes Leben. Wenn er sein Ende herannahen fühlt, begibt er sich in die Nähe eines Spatzen, und spart so die Kosten der Beerdigung. Die Maikäferfrau legt, wohlgemerkt vorher, Eier in die Erde. Daraus kommen dann die Engerlinge, die drei Jahre gebrauchen, ehe sie sich verpuppen. Zu diesem Zwecke bauen sie sich in der Erde eine Höhle, ziehen ihr altes Kleid nebst den Beinen aus, und werden zu einer Puppe. Aus dieser kriecht im Herbst der Käfer. Das ist die einzige Dummheit, die man diesem besonnenen Tiere bisher hat nachweisen können.

Da es dann bald Winter wird, so muß der Maikäfer seinen Appetit auf frische Blätter noch etwas bezähmen. Kluge Männer, die gern einen Schnaps trinken wollen, graben am ersten Januar den Maikäfer aus, wickeln ihn in ein rotes Baumwollentaschentuch und bringen ihn zu der Zeitung, nachdem sie sich mit zwei einwandsfreien Zeugen umgeben haben, die bereit sind, zu beschwören, daß dieses der [44] erste Maikäfer des laufenden Jahres sei. Sie bekommen dann zwanzig Pfennige, die sie in Kornbranntwein sicher anlegen, und erhöhen also den Konsum zu Gunsten der Landwirtschaft bedeutend. So fördert auch der Maikäfer in dieser Weise das Nationalwohl.

Über das Seelenleben der Maikäfer ist noch sehr wenig bekannt. Wir wissen nur, daß er zählen kann; wie weit aber, ob bis drei oder noch weiter, das ist noch nicht erforscht.

Und darum hat es, solange diese naheliegende Frage noch nicht völlig gelöst ist, wenig Wert, sich mit entfernteren zu beschäftigen, wie viele Leute es tun, indem sie das bißchen freie Zeit, das ihnen das Essen, Trinken und Schlafen übrig läßt, damit vergeuden, daß sie über die Unsterblichkeit der Maikäfer nachdenken.