Der Mond (Hebel)

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Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Der Mond
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 76-82
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
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[76]
Betrachtung über das Weltgebäude.

Der Mond.

Der geneigte Leser wird nun recht begierig seyn, auch etwas Neues von dem Monde zu erfahren, der ihm des Nachts so oft aus der Stadt nach Hause leuchtet, oder aus dem Wirthshaus.

Erstlich der Mond ist auch eine große Kugel, die im unermeßlichen Weltraum schwebt, nicht anderst als die Erde und die Sonne, aber in seiner körperlichen Masse ist er fünfzig mal kleiner als die Erde, und nicht viel über 50,000 Meilen von ihr entfernt. Man sieht hieraus, daß der Hausfreund nicht darauf ausgeht, mit großen Zahlen um sich zu werfen, wenn’s nicht seyn muß, und den gutmüthigen Leser im Numeriren zu üben, sondern daß er gerne bey der Wahrheit bleibt.

Zweitens, daß der Mond wie die Sonne, je in 24 Stunden um die Erde herum zu gehen scheint, will nicht viel sagen. Gesezt er stehe unbeweglich still [77] an seinem Ort, so dreht sich ja die Erde um ihre Axe, daraus erfolgen in Rüksicht auf den Mond die nemlichen Erscheinungen, wie bey der Sonne, und wenn von ihm ein langer gelber Faden ohne Ende auf die Erde herabreichte, und auch an dem Cruzifix im Felde angeknüpft würde, so müste sich der gelbe Faden ebenfalls in 24 Stunden um die Erde herum legen. Aber der Mond ist deßwegen nicht um die Erde herum gegangen, sondern die Erde durch die Umdrehung um ihre Axe hat den Faden selber an sich aufgewunden.

Drittens, der Mond muß auch sein Licht und sein Gedeihen von der Sonne empfangen. Eine Hälfte seiner Kugel ist erhellt, die gegen die Sonne gekehrt ist, die andere ist finster. Damit nun nicht immer die nemliche Hälfte hell, und die nemliche finster bleibe, so dreht sich der Mond wie die Erde ebenfalls um sich selber oder um seine Axe, und dem Hausfreund thut die Wahl weh, will er sagen in 27 Tagen und 8 Stunden, oder in 29 und einem halben Tag. Denn beides ist richtig, je nachdem man’s ansieht. Wir wollen aber sagen in 29 und einem halben Tag, weil’s die Calendermacher so ansehen. Daraus folgt, daß in dieser langen Zeit der Tag und die Nacht nur Einmal um den Mond herum wandeln. Der Tag dauert dort an Einem Ort so lange als ungefähr 2 von unsern Wochen und eben so lang die Nacht, und ein Nachtwächter muß sich schon sehr in acht nehmen, daß er in den Stunden nicht irre wird, wenn es einmal anfängt 223 zu schlagen oder 309. – Aber

Viertens, der Mond bewegt sich in der nemlichen Zeit auch um die Erde. Dies sieht man abermal [78] an den Sternen. Wie wenn man einen langsam gehenden Postwagen aus weiter Ferne beobachtet, meint man er stehe still. Wenn man aber bemerkt, wie er doch nicht immer neben dem nemlichen Baum an der Straße sich befindet, sondern nach ein paar Minuten neben einem andern, so erkennt man, daß er nicht still steht, sondern auf die Station geht. Wenn er aber in einem großen Kreis um den geneigten Leser herum führe, so müßte er doch zuletzt wieder zu dem nemlichen Baum kommen, bey welchem er zuerst stand, und daran müste man erkennen, daß er jezt seinen Kreislauf vollendet hat, also auch der Mond. Er hält sich nicht jede Nacht bei dem nemlichen Sternlein auf, wenn’s noch so schön ist, sondern er rükt weiter von einem zum andern. Am andern Abend um die nemliche Zeit ist er schon um ein beträchtliches vorgerükt, aber ohngefähr in oben benannter Zeit, etwas früher kommt er wieder zu dem nemlichen Stern, bei dem er zuerst stand, und hat seinen Kreislauf um die Erde vollendet.

Fünftens, da sich der Mond also um die Erde bewegt, so ist daraus leicht abzunehmen, was es mit dem Mondwechsel für eine Bewandniß hat. Der Neumond ist, wenn der Mond zwischen der Sonne und Erde steht aber etwas höher oder tiefer. Alsdann ist seine ganze erleuchtete Hälfte oder sein Tag gegen die Sonne gekehrt, und seine Nacht schaut herab gegen uns. Vom Neumond an, wenn der Mond auf seinem Umlauf zwischen der Sonne und Erde heraus tritt, und sich gleichsam mit ihnen in den Triangel stellt, erbliken wir zuerst einen schmalen Streif [79] von der erhellten Mondkugel, der immer größer wird bis zum Ersten Viertel.

Das Erste Viertel ist, wenn der Mond so steht, daß gerade die Hälfte von der erleuchteten Halbkugel, oder der vierte Theil von dem Mond gegen uns im Licht ist, und die Hälfte von der verfinsterten Halbkugel im Schatten. Da kann man recht sehen, wie Gott das Licht von der Finsterniß scheidet, und wie auf den Weltkörpern der Tag neben der Nacht wohnt, und wie die Nacht von dem Tag biß zum Vollmond allmählig besiegt wird.

Der Vollmond ist, wenn der Mond auf seinem Kreislauf um die Erde, hinter der Erde steht, also daß die Erde zwischen ihm und der Sonne schwebt, aber etwas tiefer oder höher. Alsdann können wir seine ganze erleuchtete Hälfte sehen, wie sie von der Sonne erleuchtet wird, und aus unserer Nacht hinaufschauen in seinen Tag. Vom Vollmond an, wenn der Mond sich wieder auf der andern Seite herumbiegt um die Erde, kommt wieder etwas von seiner finstern Hälfte zum Vorschein, und immer mehr bis zum lezten Viertel.

Das lezte Viertel ist, wenn wieder die eine Hälfte der Halbkugel, die gegen uns steht, erleuchtet, und die andere verfinstert ist, und jezt kann man sehen, wie die Nacht den Tag besiegt, bis sie ihn im Neumond wieder verschlungen hat. Dieß ist der Mondwechsel.

Sechstens aber, und wenn der Mond und die Erde einmal in schnurgrader Linie vor der Sonne stehen, so geschehen noch ganz andere Sachen, die man nicht alle Tage sehen kann, nemlich die Finsternisse, [80] Wenn der dunkle Neumond je zuweilen in seinem Lauf gerade zwischen die Erde und die Sonne hineinrükt, nicht höher und nicht tiefer, so können wir vor ihm am hellen Tag die Sonne nimmer sehen, oder doch nicht ganz, und das ist alsdann eine Sonnenfinsterniß, die Sonnenfinsterniß kann nur im Neumond Statt finden. Wenn aber im Vollmond die Erde gerade zwischen die Sonne und zwischen den Mond hineintritt, nicht höher und nicht tiefer, so kann die Sonne nicht ganz an den Vollmond scheinen, weil die Erde ihren Stralen im Wege steht. Dies ist alsdann die Mondsfinsterniß. Die Dunkelheit, die wir am Mond erbliken, ist nichts anders als der Schatten von unserer eignen Erde, und ein solches Exempel am Mond kann nur im Voll-Licht statuirt werden. Alle diese Finsternissen nun, die einzig von der Bewegung des Monds und der Erde herrühren, wissen wir Sternseher und Calendermacher ein ganzes Jahr, und wer’s verlangt, auf weiter hinaus vorher zu sagen, und der Hausfreund gibt jezt wenig gute Worte mehr, wenn einer kommt, der nicht glauben will, was bisher von den Himmelslichtern gesagt worden ist, und ferner soll gesagt werden. „Woher wißt ihr, fragt der vorsichtige Leser, daß die Sonne und der Mond so groß ist, oder so, so weit oder so nahe; und daß sich die Erde und der Mond auch ganz gewiß so bewegen, wie’s euch vorkommt? Wer ist dort gewesen und hat’s gemessen? Antwort: Wenn wir das nicht gewiß wüsten und auf das Haar, so könnten wir nicht auf ein ganzes Jahr, und wer’s verlangt, auf weiter hinaus eine Finsterniß voraussagen, auf welchen Tag, ja auf welche Minute sie anfängt, und wie tief sie sich in [81] den Mond oder in die Sonne hineinfrißt. Oder sagts auch voraus, wenn ihr könnt, und warum sucht ihr es im Kalender, wenn ihr meint, wir falliren.

Siebentens, und wenn der Mond in seinem vollen Licht am Himmel erscheint, sieht er bey allem dem kurios aus mit seinem trüben Gesicht, und mit seinen helleren und blassern Flecken. Denn bekanntlich ist die Helle nicht gleichmäßig über ihn verbreitet, sondern ungleichmäßig. Damit hat er die Gelehrten lange Zeit vexirt, und ihnen weiß gemacht, die helleren Theile seyen Land, von welchem die Lichtstrahlen wieder zurükprellen, und die dunkleren seyen Wasser, welches die Lichtstrahlen verschlukt. Allein mit einem kapablen Perspectiv, wie es in vorigen Zeiten keine gab, hat ein rechtschaffener Sternseher, namens Schröter, ganz andere Dinge auf dem Mond entdeckt als Land und Wasser, nemlich auch Land, aber kein Wasser, sondern weite Ebenen, hohe Berge und tiefe Abgründe von wunderbarer Gestalt und Verbindung. Hat er nicht ihren Schatten sogar beobachtet, und wie er sich von Abend gegen Morgen bewegt, verkürzt und verlängert? Hat er nicht zulezt sogar aus dem Schatten der Berge ihre Höhe ausgerechnet, gleichsam wie ein Exempel aus der Regel detri? Die höchsten Berge auf dem Mond sind höher als die höchsten auf der Erde, nemlich 25,000 Fuß. Der Hausfreund hat Respekt vor dem Sternseher, und vor der göttlichen Allmacht, die einem schwachen Menschenkind den Verstand und die Geschiklichkeit geben kann, auf 50,000 Meilen weit Berge auszumessen, die unser einer (der geneigte Leser ist gemeint) gar nicht sieht. Fragt man nun noch
[82] Achtens und leztens, was denn eigentlich der Mond am Himmel zu verrichten hat. – Antwort: Was die Erde. Soviel ist gewiß, er erhellt durch sein mildes Licht, welches der Wiederschein von seinem Sonnenschein ist, unsere Nächte, und sieht zu, wie die Knaben die Mägdlein küssen. Er ist der eigentliche Hausfreund und erste Kalendermacher unserer Erde, und der oberste General, Nachtwächter, wenn die andern schlafen. Hinwiederum scheint die Erde mit ihrem Sonnenglanz, in wechselndem Licht, an die finstere Halbkugel des Monds, und erhellt ihre lange, lange Nacht. Was will der geneigte Leser sagen! Sieht man nicht in den ersten Tagen des Neulichts, wenn der Mond noch wie eine krumme Sichel am Himmel steht, sieht man nicht auch den übrigen dunkeln Theil seiner Scheibe, oder seine Nacht durch einen schwachen grünlichen Schimmer erhellt. Das ist eine Wirkung des Sonnenscheins, der von der erleuchteten Halbkugel unserer Erde auf den Mond fällt, oder ist der Erdschein im Mond.

Zudem ist es gar wohl möglich, daß auch jener Weltkörper allerley vernünftige und unvernünftige Geschöpfe von kuriosen Gestalten und Eigenschaften beherbergt, die uns alles besser sagen könnten, und die sich in ihrer Nacht auch über den milden Erdschein freuen. Vielleicht glauben die einfältigen Leute dort auch lange her, die Erde gehe um den Mond herum, und sey blos wegen ihnen da, und wir könntens ihnen auch besser sagen.


(Die Fortsetzung folgt.)