Der Musensaal

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Conrad Ferdinand Meyer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Musensaal
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 131-134
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von H. Haessel
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[131]

Der Musensaal.

Jüngst trug ein Traum auf dunkler Schwinge mich
Nach Rom der ew’gen Stadt. Den Vatican
Betrat ich. Ich betrat den Musensaal
Verwundert, denn er war ein andrer heut,

5
Als ich geschaut mit jungen Augen ihn,

Da Pio Nono höchster Priester war.
Verschwunden aus dem edeln Octogon,
Dem kuppelhellen, war der Musaget,
Apollo, der die Cither zierlich schlug,

10
Voranzugehn dem Chor tanzmeisterlich.

Die Neune saßen oder standen nicht
Umher vertheilt in schönen Stellungen –
In wilder Gruppe schritten eilig sie,
Wie Schnitterinnen, die auf blachem Feld

15
Ein leuchtendes Gewitter überrascht:

Voran die blutige Melpomene[WS 1],
Die an den Söhnen rächt der Vater Schuld.
Sie trägt das Schwert und auch den Kranz von Wein.
„Ein Reich“, so jubelt sie, „zerstör’ ich jetzt!

20
Das Feuer knistert unter seinem Thron!
[132]
Die nordische Barbarin preßt den Fuß,

Den plumpen, auf den Nacken eines Weibs,
Das schmerzenreicher blickt als Niobe –
Sklavin, empor! Zerbrich die Fessel! Wirf

25
Die grinsende Barbarin in den Staub! …“

So jauchzt die blutige Melpomene –
Wer schreitet, schlicht gewandet, neben ihr?
Kalliope[WS 2], die keusch und kindlich blickt,
Die den erblindeten Homer geführt,

30
Die tapfre Helden liebt und Schildgetos

Und Rossgestampf und dann abseits der Schlacht
In jugendzartem Busen Loose wägt –
Mit beiden Armen in die Ferne grüßt
Sie jetzt: „Behelmte! Blonde Herzogin!

35
Ins rauhe Heerhorn stößest du mit Macht!

Erzklirrend springen dir die Söhne auf!
Die Völker richtest und beherrschest du,
Gerechte Herrin, beilgewalt’ge Frau!“
Weithallend redet jetzt ein mächtig Paar,

40
Terpsichore[WS 3] und Polyhymnia[WS 4]:

„Der Tag ist fern und er erfüllt sich doch:
Die Völker schreiten einen Reigen einst,
Sich an den Händen haltend, frei gesellt,
Vieltausendstimmig dröhnt der Chorgesang!“

45
– „Dann weicht das Leid! Nicht alles, aber doch

Das meiste Leid!“ Euterpe[WS 5] flötet es,
Das liebliche Geschöpf, die Schmeichlerin!

[133]
– „Dann füllt“, Erato[WS 6] lacht’s mit blüh’ndem Mund,

Die schöne Schelmin, die das Liebeslied,

50
Das Zechlied für allein unsterblich hält,

„Dann füllt ein Jeder seine Schaale sich
Mit duft’gem Wein und schlürft und Keiner darbt“ –
„Thörinnen!“ gellt ein scharfgeschnittner Mund,
„Verspotte sie, mein Aristophanes! …

55
Doch eure Kampfgesellin bin ich auch!

Ich morde lachend, was nicht sterben kann!
Im Angesicht den hippokrat’schen Zug
Zeig’ ich der selbstgefäll’gen Gegenwart
Mit meinem Spiegel, der getreu verzerrt,

60
Die Prahlerei der Zeit zerreißt mein Hohn

In trunkner Lust, wie die Bacchante jach
Ein Zicklein oder Reh in Stücke reißt.
Mordlust’ger bin ich noch und tragischer
Als du, mein Schwesterchen Melpomene,

65
Denn du erhellest unter Zähren dich,

Doch mein Gelächter, Thränen schluchzen drin!“
Thalia[WS 7] rief’s und unterm Epheukranz
Verlarvte mit der Satyrmaske sie
Die wehmuthvoll ergriffnen Züge sich

70
Und hob mit nerv’gem Arm das Tympanum.

Die letzte wandelt noch Urania[WS 8],
Die Gläubige mit dem gehobnen Blick
(Die andern heißen sie die Schwärmerin),
Doch trennt sie sich von den Geschwistern nicht.

[134]
75
Sie sieht den Sturm der Erdendinge ruhn

In friedevollen Händen immerdar –
Aufflattert das Gewand! Die Locken wehn!
Ein Sturm erbraust! Die Säule birst entzwei!
Die Kuppel bricht! In leuchtend tiefem Blau

80
Entfesselt schwebt der Musenchor einher.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Muse der Tragödie
  2. Muse des Epos
  3. Muse des Tanzes
  4. Muse des Gesangs
  5. Muse der Lyrik und des Flötenspiels
  6. Muse der Liebesdichtung
  7. Muse der Komödie
  8. Muse der Astronomie

Klio, die Muse der Geschichtsschreibung, bleibt unerwähnt.