Der Neujahrstag in Amerika

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Textdaten
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Autor: George Stein
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Titel: Der Neujahrstag in Amerika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 767–769
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Neujahrstag in Amerika.
Von George Stein.


Unaufhörliches Knattern und Dröhnen explodirender Feuerwerkskörper, ohrenbetäubendes Donnern von Kanonenschlägen und dazwischen das laute und lustige Schreien, Lachen und Jubeln Jung-Amerikas – wir feuern heute den Vierten Juli, das größte amerikanische Fest, und nur wer, wie wir, das ganze Jahr hindurch tagaus tagein an den Pflug gespannt ist, fühlt es, welch ein Zauber in den Worten liegt: wir haben einen Feiertag!

Wie gut haben’s doch die Deutschen im alten Vaterlande! Ihnen hat ein freundliches Geschick außer den zweiundfünfzig Sonntagen des Jahres, die so fröhlich und heiter gefeiert werden, noch zwei Oster-, zwei Pfingst-, zwei Weihnachts- und einen Neujahrstag geschenkt, zu denen sie sich aus eigener Machtvollkommenheit in der Regel noch den dritten, respective den zweiten zulegen. Außerdem hat es ihnen, namentlich den Bewohnern des südlichen Deutschland, eine schöne Auswahl von Heiligen beiderlei Geschlechts gegeben, welche „glaubwürdigen Berichten zufolge“, wie die Zeitungen sagen, zum Wohle der sündigen Menschheit dieses irdische Jammerthal auf etwas ungewöhnliche Art mit einem besseren Jenseits vertauscht haben sollen, ein Verdienst, welches die frommen Deutschen dadurch gebührend anerkennen, daß sie an den Namenstagen dieser Heiligen möglichst gut und viel essen und trinken und sich nach Kräften amüsiren. Schließlich hat eine gütige Vorsehung in ihrer unerforschlichen Weisheit sie noch mit einem Landesvater oder doch mindestens mit einer Landesmutter beglückt, die, in der „guten alten Zeit“ wenigstens, mit den Heiligen auf einer Rangstufe standen und deren Geburtstage daher ganz so wie die Namenstage der Heiligen gefeiert zu werden pflegten und es vielleicht hier und da auch jetzt noch werden.

Nichts von Alledem hier in Amerika! Der Amerikaner will möglichst viel Geld verdienen oder „machen“, wie er sich ausdrückt, und arbeitet daher sechs Tage in der Woche so angestrengt, daß ihm der Sonntag ein willkommener Ruhetag, ein wahrer Sabbath ist, und das einzige Amüsement, welches er sich an demselben gönnt, in einem Gange zur Kirche besteht, ein Vergnügen, welches ihm der Deutsch-Amerikaner so herzlich gönnt, daß er, nur um ihn nicht darin zu beeinträchtigen, trotz aller Sonntagsgesetze noch immer ein grünes Plätzchen im Freien zu finden weiß, wohin er mit Weib und Kind wandert, um sich beim Genusse des vaterländischen Gerstensaftes und heimathlicher Lieder auf seine eigene Art und Weise zu erbauen. Der Irländer wandelt die goldene Mittelstraße und weiß das Nützliche des Amerikaners mit dem Angenehmen des Deutschen zu verbinden. Als guter Katholik besucht er am Sonntage zwar auch fleißig die Kirche, versäumt es aber niemals, sich bereits am Tage vorher mit der nöthigen und nicht zu knapp bemessenen Quantität [768] „Roller Brandy“ und „Jersey Lightning“[1] zu versorgen, mit welcher er am Sonntage nach genossener Predigt, meistentheils aber schon vor derselben, den inneren Adam so tüchtig zu erfrischen pflegt, daß ihm das Herz aufgeht und er sich im Kreise gleichgestimmter Seelen oder im trauten Schooße seiner Familie den Nationalbelustigungen von „Old Ireland“, bei welchen bekanntlich das Einschlagen von Hirnschädeln, das Abbeißen von Nasen, Lippen und Ohren und ähnliche harmlose Neckereien eine Hauptrolle spielen, mit anerkennenswerthem Eifer hingiebt.

Dies sind unsere Sonntage. Die andern christlichen Feste werden nur gefeiert, wenn sie auf den Sonntag fallen, und auch dann nur ganz in der Weise des letzteren; damit ist es also ebenfalls nichts. Von den Heiligen will nun der Amerikaner durchaus gar nichts wissen, die „Heiligen der Neuzeit“ am Salzsee („the latter days saints“), die „Schütteler“ oder „Zitterer“ („Shakers“), die heiligen Bekenner der freien Liebe („Free Lovers“), und wie diese modernen Heiligen alle sonst noch heißen mögen, haben dieses Heiligengeschäft bei uns in gar zu übeln Geruch gebracht, und der 22. Februar, der Geburtstag George Washington’s, des einzigen Heiligen, welcher hier jemals anerkannt worden ist, geräth auch schon immer mehr in Vergessenheit, und wenn auch an diesem Tage auf den öffentlichen und auf vielen Privatgebäuden das Nationalbanner weht, die Staats- und Stadtbeamten sich einen Feiertag gönnen, die Milizregimenter und die Veteranen von 1812 wohl auch eine Parade halten, so wird das allgemeine Geschäft, wenigstens hier in New-York, doch nicht dadurch unterbrochen.

Was schließlich den Landesvater betrifft, so erfreuen sich die Amerikaner bekanntlich einer solchen Segnung nicht und verdienen sie auch nicht, feiern sie doch in unbegreiflicher Verblendung gerade den vierten Juli, den Tag, welcher ihnen nun bald vor hundert Jahren in George dem Dritten von England ihren letzten Landesvater raubte, als ihr größtes Nationalfest, neben welchem nur noch ein einziges, nämlich das Neujahrsfest, als voller und alle geschäftliche Thätigkeit ausschließender Feiertag anerkannt wird. Es giebt zwar außerdem noch einige sogenannte Feiertage, wie zum Beispiel der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten alljährlich, gewöhnlich auf den vierten Donnerstag im November anberaumte Danksagungstag („Thanksgiving’s-day“) und der „Evacuation-day“, der 12. Oktober, der Tag, an welchem im amerikanischen Revolutionskriege die britischen Truppen 1782 zum letzten Male New-York räumten, und deshalb ein specifisch New-Yorker Feiertag; der erstere wird jedoch nur durch allgemeines Essen von Truthahnbraten und Trinken von Punsch, und der letztere durch eine Parade der Milizregimenter gefeiert; außerdem gehen beide spurlos vorüber, sie unterbrechen das Geschäft, das „business“, nicht. An wirklichen Feiertagen bleiben mithin nur der Neujahrstag und der vierte Juli.

Das Neujahrsfest ist ein Fest für die Erwachsenen. Wie der fromme Israelite am „Séder“, dem Vorabend des Passah- oder Osterfestes, die Schüssel mit dem ungesäuerten Brode, den bitteren Kräutern, dem verbrannten Hammelsknochen, dem in Asche gerösteten Ei und ähnlichen Delikatessen hoch emporhebt und alle Hungrigen zur Theilnahme an diesen Leckerbissen einladet – (allerdings thut er dies, wahrscheinlich aus Furcht vor einer Verbal- oder gar Real-Injurie, in chaldäischer Sprache, welche heutzutage nicht allgemein verstanden werden soll) – so öffnet am Neujahrstage, namentlich in New-York, der sonst ziemlich exclusive Amerikaner nicht nur sein Herz, sondern, was noch unendlich viel mehr sagen will, sein Haus und heißt die ganze Welt zu einem Mahle willkommen, welches nicht nur aus weniger unverdaulichen compacten, sondern auch aus den ausgesuchtesten flüssigen Nahrungsmitteln besteht. Namentlich unter den jungen Damen Amerikas – Mädchen giebt es hier bekanntlich nicht, sondern nur „young ladies“, junge Damen – herrscht schon einige Zeit vor dem Neujahrstage eine nicht geringe Bewegung, denn für jede von ihnen handelt es sich nicht nur um einen einfachen Festtag, sondern um einen Wettkampf mit allen ihren Freundinnen, bei welchem Derjenigen die Siegespalme zuerkannt wird, welche an diesem Tage die meisten „Calls“ (Besuche) empfängt, mithin die größte Anzahl von Verehrern aufzuweisen im Stande ist. Deshalb kündigt die junge Amerikanerin schon einige Zeit vor dem Feste ihren sämmtlichen dem stärkeren Geschlechte angehörigen Bekannten ihre Absicht, am Neujahrstage zu „empfangen“ oder „offenes Haus zu halten“ („to keep open house“), wie man hier zu Lande sagt, an, und sämmtliche Herren verstehen diesen zarten Wink und wissen, daß sie, wenn sie es mit der Dame für immer verderben wollen, am Neujahrstage nur unsichtbar bleiben dürfen, dagegen sich bei ihr – für diesen Tag wenigstens – einen Stein im Brette erwerben können, wenn sie nicht nur in eigener Person ihre Aufwartung machen, sondern auch eine möglichst große Anzahl von Herren, wenn sie auch der Dame, welcher der Besuch gilt, gänzlich unbekannt sind, zu demselben Dienste pressen.

Nun fehlt es der amerikanischen jungen Dame durchaus nicht an Selbstbewußtsein; sie traut sich im Gegentheile die Fähigkeit zu, eine ganze Legion von jungen Männern anzuziehen und vor ihren Siegeswagen zu spannen, – hat sie doch diese Anziehungskraft schon, als sie noch die Schule besuchte, hinlänglich erprobt. Wo es sich aber um so Großes, wie um einen Sieg über ein halbes Dutzend guter Freundinnen handelt, geht sie lieber doppelt sicher und nimmt daher keinen Anstand, ihren eigenen Reizen noch die einer mit den guten Dingen dieser Welt wohlbesetzten Tafel hinzuzufügen; ja, wenn ihre eigenen Mittel es ihr nicht gestatten, die mit einem solchen Empfange verbundenen Kosten zu tragen, so zögert sie sogar keinen Augenblick, zum modernen Cooperativsystem ihre Zuflucht zu nehmen und mit einer oder gar mehreren guten Freundinnen das Neujahrsempfangsgeschäft in Compagnie zu betreiben, so daß jedes Mitglied der Firma einen gleichen Theil der Ausgaben trägt und dafür den dasselbe treffenden Antheil am Gewinne, das heißt an den Besuchen, gutgeschrieben erhält. Der gemeinschaftliche Empfang findet in diesem Falle selbstverständlich bei derjenigen Partnerin statt, welcher der schönste Parlor (Salon) zur Verfügung steht.

Der langersehnte Tag ist endlich da. – Vor wenigen Jahren noch konnte man, wenn man auch noch so fest schlief, den Beginn des neuen Jahres auf die Minute genau erkennen. Jung-Amerika pflegte sich nämlich am Sylvesterabend gestiefelt und gespornt in’s Bette zu legen, um mit dem zwölften Glockenschlage vollständig angekleidet aufspringen und das neue Jahr mit einer herrlichen Serenade aus gewissen Blechtrompeten begrüßen zu können, deren Zaubertöne im Augenblick die ganze Nachbarschaft auf die Beine brachten und sämmtliche Hunde ein Angstgeheul ausstoßen ließen. Doch ach! diese schöne Zeit ist auch schon dahin: die Polizei, eine abgesagte Feindin aller Poesie, hat in unsern jugendlichen Virtuosen die Leidenschaft für die Blechmusik vollständig erstickt und nur das melodische Wunderhorn des Fischhändlers erinnert uns noch an jedem Freitage wehmuthsvoll an die ehemaligen Neujahrsfreuden und an das Dahinschwinden aller Poesie. Unter diesen Umständen ist man heutzutage leider gezwungen, bis Tagesanbruch zu schlafen. Mit anbrechendem Morgen wird aber Alles für den bevorstehenden Tag in Bereitschaft gesetzt. Der Parlor ist auf’s Schönste ausgeschmückt und im Hintergrunde desselben winkt verheißungsvoll ein schön gedeckter Tisch mit appetitlich aussehenden Schüsseln und vielversprechenden weitbauchigen, im Glanze der Morgensonne funkelnden Flaschen.

Wenn die erwachsene Tochter im amerikanischen Hause schon das ganze Jahr hindurch die eigentliche Herrin desselben ist, so ist sie es an diesem Tage noch viel unumschränkter, denn nur ihr gelten die erwarteten Besuche. Der Frau Mama gestattet sie vielleicht das Verweilen im Parlor, daß aber der Herr Papa am Neujahrstage nichts darin zu suchen hat, versteht sich ganz von selbst. Sie selbst hat sich mit ihren schönsten Gewändern und ihrem süßesten Lächeln geschmückt – und es ist bekannt, daß die junge Amerikanerin in Beidem Bedeutendes leistet – und erwartet die Huldigungen ihrer Verehrer. Und sie kommen, sie kommen! Zu zweien, zu Vieren, zu Sechsen kommen sie und legen ihr „a happy new year“ (glückliches Neujahr) der Dame zu Füßen. Die Fremden werden vorgestellt, schütteln ihr nach Landessitte freundschaftlich die Hand, tauschen mit ihr einige meteorologische Beobachtungen und dergleichen aus

[769] und nehmen dann an dem erwähnten Tische im Hintergrunde des Parlors einen kleinen Imbiß. Der Labetrunk, der ihnen von den schönen Händen der Dame credenzt wird, verfehlt niemals seine eigenthümlich anregende Wirkung. Man lacht und scherzt eine Weile; die näheren Bekannten der Dame des Hauses erhalten in der Regel die Erlaubniß, ihre rosigen Lippen küssen zu dürfen, lassen als Quittung für den genossenen Empfang ihre Karten zurück und besteigen dann den auf gemeinschaftliche Kosten und zu einem exorbitanten Preise gemietheten Wagen, um ihre Runde fortzusetzen.

Noch hat sich die eine Partei indessen nicht entfernt, so ist bereits eine zweite Abtheilung da, und das Spiel beginnt von Neuem und wird den ganzen Tag hindurch fortgesetzt, denn immer neue Besucher erscheinen, welche sich nur, je weiter der Tag vorschreitet und sich seinem Ende zuneigt, durch ihre immer größere Gesprächigkeit, ihre immer lautere Heiterkeit und die immer längere Dauer ihrer Visite vor ihren Vorgängern auszeichnen. Nicht Wenigen von ihnen wird das Fortgehen so schwer, daß sie sich sogar mit Gewalt fortreißen und in ihren Wagen tragen lassen müssen, wobei die Einen oft vor Wehmuth laut schluchzen, die Anderen in hellen Jubel über das genossene Vergnügen ausbrechen, noch Andere über die für sie so schmerzliche Trennung in so große Aufregung und Wuth gerathen, daß sie nicht mit Worten allein dagegen protestiren und auch auf dieselbe Weise beruhigt werden müssen. Da sieht man es ganz deutlich, welchen Zauber unsere jungen Damen auf unsere jungen Männer ausüben. Man darf nämlich nicht außer Augen lassen, daß diese Herren in der Regel eine bedeutende Anzahl solcher „Calls“ machen, und da sie überall von den Damen mit gleicher Zuvorkommenheit und Freundlichkeit empfangen werden, so ist es nur natürlich, daß ihnen vor Rührung die Herzen auf- und die Augen übergehen. Der oben erwähnte Tisch mit den Flaschen hat selbstverständlich mit dieser Rührung nicht das Geringste zu schaffen, – das geht schon daraus hervor, daß einige fanatische Temperanzler es am letzten Neujahrstage versucht haben, statt der bisher gebräuchlichen Stimulanzen Kaffee und Thee einzuführen, eine Sittenverderbniß, gegen welche unsere jungen Leute beiderlei Geschlechts voll gerechter Entrüstung protestiert haben. Der Abend des ersten Januar ist endlich angebrochen. Müde und erschöpft von der Aufregung des ganzen Tages und doch glücklich über die ihr gewordenen Aufmerksamkeiten und Huldigungen, sitzt die junge Dame in Gesellschaft ihrer besonders bevorzugten Freunde, die sich den Besuch bei ihr natürlich bis zuletzt aufgespart haben, um in ihrer Gesellschaft den Abend zu verbringen, überläuft die Liste der empfangenen Besuche und sieht, ob auch kein theures Haupt fehle. Die Straßen, auf denen es den Tag über von Wagen und Fußgängern gewimmelt hat, werden immer leerer und öder, und diejenigen Spaziergänger, denen man jetzt noch begegnet, zeichnen sich gewöhnlich durch ihre außerordentlich laute Lustigkeit aus oder verrathen einen unwiderstehlichen innern Drang, dem silbernen Monde, wenn er gerade scheint, oder den Bäumen, Häusern und Laternenpfählen die keuschen Geheimnisse ihres Herzens mitzutheilen; namentlich für die letzteren zeigen sie eine so tiefe Zuneigung, daß sie dieselben oft umarmen und voll Inbrunst an ihr Herz drücken. Auch scheint sich der kleine Puck an diesem Abende ein besonderes Vergnügen daraus zu machen, harmlose Wanderer irre zu führen, denn es ist kaum glaublich, wie Viele an diesem Abende nicht im Stande sind, ihre Wohnung aufzufinden und daher von einem in einen blauen Rock mit silbernem Schilde gekleideten Schutzgeist nach den verschiedenen Hôtels geführt werden, die unter dem Namen Polizeistationen allgemein bekannt sind und welche die Stadt New-York für derartige Verirrte eingerichtet hat. Dort bringt der Verirrte in einem allerdings mehr auf seine Sicherheit als auf seinen Comfort berechneten Zimmer die Nacht zu und zahlt am nächsten Morgen an den Wirth, welcher mit dem pomphaften Titel „your honor“ (Euer Ehren) angeredet wird, ein Schlafgeld von zehn Dollars, was in Anbetracht der Ehrlichkeit, mit welcher über die empfangene Summe in sämmtlichen Tagesblättern der Stadt mit genauer Angabe des Namens und der Wohnung des Gastes quittirt wird, nicht zu teuer ist.

Am zweiten Januar wiederholen sich, jedoch nur einzig und allein in New-York, die Scenen des Neujahrstages, nur mit dem Unterschiede, daß die Herren in ihren Geschäftslocalen und Privatwohnungen es sind, welche die Besuche empfangen, und die jungen Damen diesmal die „Calls“ machen und sich an dem auch heute nicht fehlenden, sondern wo möglich noch reicher versorgten Tische ein wenig erfrischen. Deshalb heißt dieser Tag auch der „Ladies Day“, der Tag der Damen, und heute wimmelt es auf allen Straßen von Damen, welche, gerade wie gestern die Herren, in kleineren oder größeren Gesellschaften ihre Runde machen und denjenigen die Ehre ihres Besuches gönnen, welche sie gestern bei sich empfangen haben. Daß es an diesem Tage, obgleich das Geschäft durch diese Besuche nicht unterbrochen wird – wie könnte der Amerikaner auch wohl gleich zwei Tage hintereinander „verlieren“! –, noch viel heiterer zugeht, bedarf kaum der Erwähnung, denn auch auf die Mitglieder des zartern Geschlechts übt merkwürdiger Weise die Freundlichkeit der Herren dieselbe zauberhafte Wirkung aus, und auch sie zeigen am Abende des „Ladies Day“, wenn auch nicht ganz in so hohem Grade, dieselben Symptome lauter Fröhlichkeit, tiefer Rührung und stiller sinniger Beschaulichkeit, welche am vorherigen Abende an ihren Freunden zu bemerken waren; nur nehmen sie sich so viel wie möglich vor den losen Streichen des kleinen Puck in Acht. – Am nächsten Morgen ist die ganze Herrlichkeit zu Ende und nichts davon zurückgeblieben als jener unbeschreibliche Zustand, welcher mit dem Namen „das graue Elend“ so treffend bezeichnet wird. Für einige Tage bieten die Vergleiche zwischen den einzelnen Callregistern den Damen noch Stoff zur Unterhaltung, und dann vergehen sechs lange einförmige, durch keinen Festsonnenstrahl erhellte Monate, bis am Morgen des vierten Juli die amerikanische Festessonne in ihrer ganzen Herrlichkeit aufgeht und die ganze Union ihr laut entgegenjubelt.

Von diesem 4. Juli ein andermal!

  1. „Roller Brandy“, ein aus alten Druckwalzen (rollers) destillirter schlechter Cognac; „Jersey Lightning“, wörtlich übersetzt: Jerseyer Blitz, der ordinärste Whiskey, welcher namentlich in New-Jersey fabricirt wird und der seinen poetischen Namen dem Umstande zu verdanken haben soll, daß er so schnell wie der Blitz tödtet.