Der Pilger und die Sarazenin

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Textdaten
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Autor: Conrad Ferdinand Meyer
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Titel: Der Pilger und die Sarazenin
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 231-236
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von H. Haessel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[231]
Der Pilger und die Sarazenin.

Jüngst am Libanon in einem Kloster,
Drin ich eine kurze Reiserast hielt,
Langsam durch die kühlen Hallen wandelnd,
Blieb ich stehn vor einem alten Bilde,

5
Wohlbewahrt in eigener Capelle.

Es berührte mich mit leisem Zauber
Trotz der byzantinischen Gestalten,
Denn darüber lag ein Glanz der Liebe:
Durch das Thor des Paradieses schritten

10
Eine Sarazenin und ein Pilger,

Hand in Hand versenkt und Blick in Blick auch.
„Was bedeutet dieses süße Märchen?“
Frug ich Anaklet, den Klosterbruder,
Der mich schleichend überall begleitet.

15
Mit gesenkten Augen gab er Antwort:

„Guter Herr, kein süßes Märchen ist es,
Sondern eine tröstliche Legende,
Auf ein altes Pergament verzeichnet
Zur Erbauung aller gläub’gen Christen.

20
Dieser Pilger ist ein heilger Märtrer,

Eine Märtrin ist die Sarazenin,
Er verschied, gesteinigt und gepeinigt,
Sie verblich, umarmend eine Schwelle!“
[232] Märchenlustig bin ich wie Scheherban,

25
Wie die plaudernde Scheherezade!

Und ich bat den Mönch: „Erzähle, Vater,
Deinem Sohn die tröstliche Legende.“
Bruder Anaklet willfahrte sprechend:

„Einst, vor ungezählten vielen Jahren –

30
– Also steht’s im Pergament verzeichnet,

Das ich gründlich lernte schon als Knabe –
Zogen Pilger nach dem Grab vorüber
Ohne Rast und ohne Trunk und Speise
Scheuen Fußes an der Stadt Damaskus,

35
Denn verhaßt ist Christus in Damaskus!

Vor der Stadt Damaskus rauscht ein Brunnen,
Wo ein Löwenkopf aus seines Maules
Tiefherabgezognen Winkeln sprudelt
Ein begehrtes köstlich kühles Wasser.

40
Dort am Brunnen stand die Sarazenin.


Schleierlos, die jungen warmen Augen
Fünfzehnjährig oder sechszehnjährig,
Stand am Brunnen eine Sarazenin,
Die den schlanken Krug gelassen füllte.

45
Alle Pilger zogen ihr vorüber

Mit gesenktem Haupte niederblickend,
Denn die Moslimweiber treiben Künste.
[233] (Aber überwunden hat sie Christus!)
Nur ein zarter Jüngling, fast ein Knabe

50
Noch, entwich der Pilgerreihe durstig,

Nahte sich der jungen Sarazenin
Flehend, forderte von ihr zu trinken.
Langsam senkte sie den Krug. Er schlürfte.
Langsam hob den Krug zu Haupt sie wieder,

55
Heimwärts wandelnd. Vor des Thores Wölbung

Wandte sie das Haupt mitsammt dem Kruge,
Schritte fühlend hinter ihren Sohlen:
„Pilger, hüte dich vor diesem Thore!
Denn es würde dir zum Thor des Todes!

60
Meine dunkeln Augen sind verderblich

Und verhaßt ist Christus in Damaskus!“

Und sie wandelt durch des Thores Wölbung,
Und sie wandelt durch die dunkeln Gassen,
Schritte fühlend hinter ihren Sohlen.

65
Ihre Türe öffnet sie und schließt sie

Und empor zum innern Söller steigend
Sieht sie mit den Sinnen ihres Geistes
Einen Pilger liegen auf der Schwelle,
Auf der Schwelle vor des Hauses Pforte.

70
In der ersten Morgenhelle stand sie

Vor dem Pilger, heftig ihn zu schelten:
„Pilger, hebe dich von dieser Schwelle,
[234] Die zur Schwelle würde dir des Todes!
Will nicht schuldig sein an deinem Tode!

75
Meine dunkeln Augen sind verderblich!

Alle schlügen heute dich mit Stäben,
Alle würfen heute dich mit Steinen,
Und du lägest todt in deinem Blute!
Denn verhaßt ist Christus in Damaskus!

80
Weiche, Pilger! Heb’ dich, läst’ger Bettler!

Fremdling! Abergläub’scher! Götzendiener!
Diesen Lippen einen Kuß! Entweiche!“
Doch er weigerte sich mit dem Haupte,
Zornig wich von ihm die Sarazenin.

85
In der letzten Abendhelle stand sie

Vor dem Pilger, dem das Blut aus vielen
Wunden strömte, heftig ihn zu schelten:
„Weiche, Pilger! Heb’ dich, läst’ger Bettler!
Fremdling! Abergläub’scher! Götzendiener!

90
Meine dunkeln Augen sind verderblich

Und verhaßt ist Christus in Damaskus!
Will nicht schuldig sein an deinem Tode!
Waschen will ich deine rothen Striemen,
Küssen will ich deine blut’gen Wunden,

95
Läugnest du den bleichen Mann am Holze!“

Doch er weigerte sich mit dem Haupte,
Weinend wich von ihm die Sarazenin
Und empor zum innern Söller steigend
[235] Hört sie mit den Sinnen ihres Geistes

100
Leise stöhnen einen Todeswunden

Auf der Schwelle vor des Hauses Pforte.
Ferne blieb der Schlummer ihren Lidern,
Endlich kam der Schlummer und ein Traum kam.

Rings empor an eines Gipfels Abhang

105
Klommen mit erbaulichen Gesängen

Pilger auf zum Thor des Paradieses.
Einer klomm voran, ein heil’ger Märtrer,
Den die andern grüßten ehrerbietig.
In des Thores Wölbung stand der Heiland:

110
„Tritt herein! Du hast für mich geblutet!“

Doch der Pilger weigerte sich standhaft:
„Heiland, laß mich liegen auf der Schwelle,
Bis sie kommt die stündlich ich erwarte!
Hand in Hand versenkt und Blick in Blick auch,

115
Tritt sie, mir gesellt, in deine Freude,

Keine Sarazenin, eine Christin.

Solches träumend, stürzten ihr die Thränen
So gewaltig, daß sie drob erwachte.
Jählings springt sie auf von ihrem Lager,

120
Fliegt hinab des Hauses hundert Stufen:

Leer und blutbegossen lag die Schwelle
In des ungebornen Tages Frühlicht.
Auf die harte Schwelle kniet sie nieder,
[236] Badet sie mit unerschöpften Thränen,

125
Drängt den warmen Busen ihr entgegen,

Preßt sie fest, als klopft’ ein Herz im Steine,
Keines klopft, doch ihres zum Zerspringen.

Als die Füße derer wiederkehrten,
Die den Todten vor das Thor getragen,

130
Eilten sie der Schwelle scheu vorüber,

Auf der Schwelle sahn sie eine Todte,
Auf der Schwelle lag die Sarazenin.
Keine Sarazenin, eine Christin!“
Endet’ Bruder Anaklet erbaulich.