Der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika

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Titel: Der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 681,684-687
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Die große Republik über dem atlantischen Meere hat so eben einen neuen Präsidenten gewählt, und die ganze civilisirte Welt schaute Monate lang von fern der Aufregung und Anstrengung zu, mit welcher die verschiedenen Parteien dort die Wahl ihres Candidaten durchzusetzen suchten. Millionen Zeitungsartikel sind zu diesem Zwecke geschrieben, hunderttausende von Reden gehalten worden; zahllose Fahnen flatterten, zahllose Fackeln leuchteten bei Parteiaufzügen und Versammlungen am Tage und in der Nacht. Die Summen Geldes, welche man in dieser und anderer Weise aufwendete, werden auf mindestens dreißig Millionen Thaler geschätzt, und unberechenbar sind die Intriguen, die Umtriebe, die Verleumdungen, die Verräthereien, durch welche die eine Partei der andern zu schaden, sich selbst aber zu nützen suchte. „Die Gassenjungen sogar,“ schreibt man uns aus einer kleinen Stadt in Illinois, „zerfielen während der Wahlagitation in politische Parteien, und prügelten einander weidlich bei jeder Gelegenheit.“ Dies Alles beweiset für die außerordentliche Bedeutung der Präsidentenwahl für das Land selbst, wie die Spannung, mit welcher namentlich Europa dem Ausgange derselben entgegensah, für die Wichtigkeit spricht, die sie auch für das Ausland hat.

Die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten ist keineswegs, wie man irrthümlicher Weise in Europa ziemlich allgemein glaubt, eine directe, d. h. die stimmberechtigten Bürger wählen nicht den Präsidenten selbst, sondern nur Wahlmänner und zwar in [685] jedem Staate so viele, als dieser Abgeordnete zu dem Congreß (in den Senat und das Repräsentantenhaus – erste und zweite Kammer –) zu senden hat, in dem Staate New-York z. B. 35. Diese Wahlmännerwahl ist jetzt (am 4. November) erfolgt und man spricht von der bereits erfolgten Präsidentenwahl nur, weil man nach der Zahl der Wahlmänner aus den verschiedenen Parteien mit Sicherheit schließen kann, welcher Parteicandidat ernannt werden wird. Die Wahlmänner kommen im Anfang des Decembers und zwar die eines jeden Staates in der Hauptstadt desselben zusammen, um die Abstimmung über den Präsidenten vorzunehmen. Das Protokoll über diese Abstimmung unterschreiben Alle, worauf es an den Präsidenten des Senats eingesandt wird, denn der Congreß muß um diese Zeit versammelt sein. Der Präsident des Senats eröffnet die ihm zugesandten Protokolle im Beisein des Senats und der Repräsentanten und es werden die Stimmen gezählt, welche die verschiedenen Candidaten erhielten. Wer die meisten Stimmen hat, ist Präsident; doch muß diese Stimmenzahl größer sein, als die der Hälfte der Wahlmänner. Haben zwei gleich viel Stimmen, so entscheidet sofort das Repräsentantenhaus durch Kugelung unter ihnen. Hat keiner die Mehrheit, so wählt ebenso dieses Haus den Präsidenten unter den drei Personen, welche die meisten Stimmen hatten. Wer nächst dem Präsidenten die meisten Stimmen hat, ist Vicepräsident.

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Das weiße Haus.

Zu diesen beiden hohen Aemtern können nur Bürger der Vereinigten Staaten gewählt werden, welche mindestens 35 Jahre alt und seit 14 Jahren ansässig gewesen sind. Am 4. März treten sie ihre Posten mit einem feierlichen Schwure an.

Uebrigens ist die Macht, welche in die Hände des Präsidenten gelegt ist, groß, weniger beschränkt, also größer als die der Königin von England, denn er ist Oberbefehlshaber der gesammten Land- und Seemacht der Republik, auch der Milizen jedes einzelnen Staates, sobald sie für die Republik einberufen werden; er vollzieht alle Gesetze; das Cabinet, welches aus den Secretairen (Ministern), dem Oberpostmeister und dem Oberstaatsanwalt besteht, ist in keiner Weise für die Handlungen des Präsidenten verantwortlich, die Minister sind nichts als seine Secretaire, sie führen nur aus, was er befiehlt, und machen sie sich eines Vergehens schuldig, so trägt der Präsident allein die Verantwortlichkeit; er schließt und kündigt Verträge, und der Senat hat nur das Zustimmungsrecht; er kann, ohne einen Grund anzugeben, jeden Offizier entlassen; er kann Staatsländereien zum Kauf aussetzen oder vom Markt zurückziehen; er kann die Gelder, deren Verwendung der Congreß angewiesen hat, zurückhalten; er besitzt das Begnadigungsrecht; er kann den Congreß zu außerordentlichen Sitzungen berufen, sowie denselben, in gewissen Fällen, vertagen; jeder Beschluß des Congresses muß seine Zustimmung haben, bevor er Gesetzkraft erhält; er kann seine Zustimmung versagen (sein Veto einlegen), und ein solcher Congreßbeschluß, den der Präsident nicht genehmigt, wird erst dann zum Gesetz, wenn bei nochmaliger Vorlage zwei Drittel der Mitglieder für ihn stimmen.

Die Amtsdauer des Präsidenten beträgt vier Jahre; der Staat zahlt ihm als Gehalt 100000 Dollars – jährlich 25000 – gibt ihm aber später keine Pension. Seine Amtswohnung ist das sogenannte weiße Haus in der Bundeshauptstadt Washington, in welcher auch der Congreß – in dem Kapitol – seine Sitzungen hält. Es bilden diese beiden Gebäude die Endpunkte Washingtons an zwei entgegengesetzten Seiten, und jedes liegt auf einem Hügel.

Das jetzt stehende Präsidentenhaus wurde im Jahre 1815, nachdem das frühere im Jahre vorher von den Engländern vollständig niedergebrannt worden war, mit einem Aufwande von 100000 Dollars erbaut und macht im Ganzen keineswegs einen großartigen Eindruck. Es gibt in Europa viele Paläste und Schlösser von Privatpersonen, die um vieles größer und prächtiger sind; aber die Gründer der amerikanischen Constitution wollten auch nicht, daß der erste Beamte der Republik in Glanz und Pracht lebe, sie verlegten sogar sein Haus absichtlich an das Ende der Stadt, mitten in einen Garten, damit er so viel als möglich ungestört sei und auch nicht von zu vielen Besuchen belästiget werde. Das von weißem Sandstein aufgeführte Gebäude hat eine Länge von 166 Fuß und eine Tiefe von 85 Fuß mit einem halbkreisförmigen Porticus an der Südfronte. Bis zum Amtsantritte des jetzigen Präsidenten Pierce sah es im Innern fast armselig aus; mit einen Aufwande von 30000 Dollars hat man aber manche zweckmäßige Veränderung und vielfache Verschönerungen angebracht, auch ein ziemlich kostbares Meublement gekauft, so daß die Hauptzimmer elegant und geschmackvoll aussehen, wie es unsere Zeit erfordert. In den ersten Zeiten der Republik war das weniger nöthig und die Frau des zweiten Präsidenten (Adams) scheute sich nicht, den Hauptsaal des Gebäudes zum Aufhängen von Hemden u. s. w. jedesmal zu benutzen, wenn sie große Wäsche hatte. Jetzt ist es herkömmlich, daß der Präsident alle Freitage sein Haus öffnet, die Hauptfestlichkeit darin aber ist „die Cour“ am 1. Januar jedes Jahres, denn an diesem Tage empfängt der Präsident als Souverain die [686] bei ihm beglaubigten fremden Gesandten und antwortet auf ihre Anreden. (Nicht alle Vertreter auswärtiger Mächte sind bei ihm beglaubigt; die, welche nur Geschäftsträger heißen, verkehren amtlich nur mit dem Staatssekretair, d. h. dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten; alle aber machen dem Präsidenten ihre Aufwartung.) Am 1. Januar also legt jeder Diplomat in Washington große Uniform an und erscheint mit allen seinen Secretairen und Attachés um 12 Uhr officiell im weißen Hause. Haben sie eine Frau oder Töchter, so finden auch diese sich mit ein. Nach ihnen bringen die Offiziere der Land- und Seemacht, in großer Uniform, ihre Glückwünsche und dann folgt – das Volk. Jeder hat Zutritt und jeder darf dem Präsidenten die Hand reichen. Der rechte Arm des Bedauernswerthen gleicht an diesem Tage einem Brunnenschwengel in wasserarmer Zeit, denn er wird unaufhörlich geschüttelt. Die Menge wird auf der einen Seite in das Zimmer hineingelassen und muß an der andern wieder hinausgehen. Bis zur Präsidentschaft des Generals Jackson wurden den Gratulanten auch Erfrischungen gereicht; aber es drängte sich zuviel Gesindel mit hinzu, das sich betrank, allerlei Unfug trieb, selbst Prügeleien anfing und die Meubles zerschlug. Darum spielt jetzt nur ein Musikkorps so lange die Gratulation dauert. Uebrigens ist ein „Courtag“ bei dem Präsidenten eine Gelegenheit, wie sie vielleicht nirgends sonst sich bietet, Frauen in allen Arten von Schönheit zu sehen und zwar in reichster Toilette, funkelnd von Juwelen oder nur mit einer Rosenknospe im Haar – die heißblütige schwarzäugige Tochter des Südens, die blonde blauäugige, anmuthige und kluge Tochter des Nordens, die einfache und doch liebliche Blume des Westens, spanische, französische, englische und südamerikanische Damen. Und an einer gewissen Etikette, an einer Rangordnung, auf die streng gehalten wird, fehlt es trotz allen republikanischen Institutionen nicht. Der Präsident Quincy Adams selbst schrieb eine kleine Schrift darüber, welche in der Hauptsache jetzt noch als Etikettegesetzbuch gilt, wenn auch seit den letzten Jahren noch schärfere Unterscheidungen und strengere Bestimmungen eingeführt worden sind. Geht es z. B. zu Tisch, so schreitet der Präsident voran und ihm folgt der Vicepräsident; dann kommt der Präsident des höchsten Gerichts und der Sprecher (Präsident) des Hauses der Abgeordneten; ihnen schließen sich die Senatoren und die Staatssecretaire an und diesen folgen zunächst die Mitglieder des höchsten Gerichtshofes, endlich die Abgeordneten (Mitglieder des Unterhauses).

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Das Capitol in Washington.

Das wichtigste Gebäude in der ganzen Union ist das Capitol in Washington, das, wie schon gesagt, auf einem Hügel erbaut, aber noch nicht ganz vollendet ist, eines der größten Bauwerke in der Welt. Der Grundstein wurde am 18. September 1793 von Washington gelegt und man baute daran mit Unterbrechungen bis zum Kriege mit England, in welchem am 24. Aug. 1812 englische Truppen soviel als ihnen möglich war von dem Gebäude niederbrannten. Bisher sind auf den Bau über vier Millionen Thaler verwendet worden. Die östliche Fronte hat eine Länge von 750 Fuß, also fast 50 mehr als die Peterskirche in Rom; das ganze Gebäude bedeckt eine Fläche von beinahe vier Ackern Land und die 300 Fuß hohe Kuppel trägt auf ihrer Spitze die „bewaffnete Freiheit.“ Das Capitol ist für den Amerikaner fast dasselbe, was für die gläubigen Christen Jerusalem. Es enthält, als der geweihete Mittelpunkt der Nation, das Hauptarchiv, die Trophäen und Schätze derselben; da liegt die Unabhängigkeitserklärung, das Aktenstück, von dem sich ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte datirt; hier, im ersten Stock des südlichen Flügels und in der Mitte des Gebäudes, ist der Sitzungssaal der Abgeordneten des Volkes, 139 Fuß lang, 93 Fuß breit, und 36 Fuß hoch, mit den Pulten und Sitzen für 300 Mitglieder im Halbkreise; hier ist der Sitzungsaal des Senates u. s. w. und da „Senat und Haus“ zusammen den Congreß bilden, der Congreß aber allein die gesetzgebende Gewalt in sich vereiniget, so liegt hier das Herz der großen amerikanischen Nation.

Die Mitglieder des Hauses (die vom Volke ernannten Abgeordneten) werden auf zwei Jahre gewählt, und zwar von jedem Staate soviele, daß auf dreißigtausend Einwohner ein Abgeordneter kommt. Sie erhalten täglich 6 Dollars Diäten. – In den Senat sendet jeder Staat zwei Mitglieder, die durch die gesetzgebende Versammlung desselben auf 6 Jahre gewählt werden. Der jedesmalige Vicepräsident der Republik ist stets Präsident des Senats, er darf aber nur dann mit abstimmen, wenn Stimmengleichheit in der Versammlung eintritt. Kein Minister (Staatssecretair) darf Mitglied des Senates oder des Repräsentanten-Hauses sein oder da erscheinen und sprechen. Alle Verhandlungen des Congresses mit der vollziehenden Macht (dem Präsidenten) werden schriftlich geführt.

Wie den Lesern bekannt, ist in der jetzt vollendeten Wahl Buchanan zum Präsidenten erwählt worden – sein Portrait [687] theilten wir bereits in Nr. 30 der Gartenlaube mit – John Cabell Breckenridge aber als Vicepräsident. Er ist in Cabellsdale in Kentucky am 21. Januar 1821 geboren; ein sehr gesuchter Advokat und einer der ausgezeichnetsten Redner, was er auch als Mitglied des Repräsentantenhauses bewiesen hat, in welchem er großen Einfluß ausübte. Da Buchanan bereits im 65sten Jahre steht, so könnte er wohl während der Dauer seines Amtes durch den Tod abgerufen werden, so daß Breckenridge an seiner Stelle Präsident würde; denn wenn der Präsident stirbt, ehe die vierjährige Dauer seines Amtes abgelaufen ist, wird nicht ein neuer gewählt, sondern der Vicepräsident tritt für die Zeit, die an den vier Jahren noch fehlt, als Präsident ein. Und dieser Fall ist bereits zweimal eingetreten. Harrison starb kaum einen Monat nach seinem Amtsantritte, und der Vicepräsident Tyler wurde Präsident. Nach dem mexikanischen Kriege wurde der General Taylor als Präsident gewählt, und er hatte noch nicht anderthalbes Jahr sein hohes Amt verwaltet, als er starb, und der Vicepräsident Fillmore als Präsident eintrat.

Der Vicepräsident der Republik bezieht ein Jahrgehalt von 10,000 Dollars.



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John Cabell Bredenridge, zukünftiger Vizepräsident der Vereinigten Staaten.