Aus dem Boudoir einer Römerin

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Autor: Karl Wartenburg
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Titel: Aus dem Boudoir einer Römerin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 682-684
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus dem Boudoir einer Römerin.
Kulturgeschichtliche Skizze von Karl Wartenburg.

Die Boudoirs unserer reichen und eleganten Damenwelt in Wien, Berlin, Hamburg, Paris und London sind nicht die unscheinbarsten Tempel, welche sich die moderne Kultur aufgebaut hat. Gewerbe, Kunst und Wissenschaft: sie alle sind in Dienst genommen worden, um diese reizenden Asyle der Frauen schmücken zu helfen. Von dem Seidenwirker an, der die prachtvolle Tapete gewebt, welche die Wände bedeckt, dem Tischler, der die zierlichen Möbel aus Rosenholz gearbeitet, dem Bildhauer, der jene niedlichen Statuetten des Nipptisches geformt, dem Maler, dessen Pinsel die anmuthigen Genrebilder geschaffen, welche die Fensternische zieren, bis zum Dichter und Naturforscher herauf, deren neueste Werke in rothem Saffianeinband und Goldschnitt auf dem Toilettentisch liegen, hat ein Jeder sein Steinchen zu dem Bau beitragen müssen.

Gewiß, die Boudoirs unserer modernen Frauenwelt sind einzig in ihrer Art! Welche Wunderdinge flüsterten sich z. B. die neugierigen Pariserinnen vor einigen Jahren, kurz vor der Vermählung Louis Napoleon’s mit Eugenie von Montijo in’s Ohr, über die prachtvolle Einrichtung des Boudoirs der jungen Kaiserin, jenes Boudoirs in den Tuileriein, dessen Herrlichkeit und fabelhafte Pracht an die arabischen Feenmärchen der „Tausend und Eine Nacht“ erinnern sollte! Wie horchen unsere einfachen deutschen Frauen erstaunt auf, wenn ihnen die Reisenden von dem üppigen Gemisch europäisch-asiatischen Luxus in den Putzzimmern russischer Gräfinnen und Fürstinnen, bedient von einem Troß von Leibeigenen, von dem Gepränge und dem zahlreichen weiblichen Dienerschwarm, der in Ostindien die Ankleidezimmer der vornehmen englischen Ladys füllt, erzählen! Wie überrascht würden Tausende von schlichten Kleinstädtern sein, wenn sie die glänzenden und schimmernden Herrlichkeiten und Nichtigkeiten des Boudoirs einer Dame von der hohen Finanz oder Aristokratie in Wien und Berlin erblickten; noch einmal: die Boudoirs unserer modernen Damenwelt, angefüllt mit allen den reizenden, kostbaren Tändeleien und Dingen, wie sie die Launen einer jungen, hübschen, reichen Frau und die Mode verlangen, vereinigen in sich das Höchste, was der moderne Luxus nur bieten kann und kosten alljährlich enorme Summen – und dennoch, was bedeuten diese Summen gegen die, welche die Boudoirs der üppigen Patrizierinnen des alten Roms verschlangen? Im Schlafkabinet: Bettgestelle von massivem Silber mit Gold ausgelegt; in dem Ankleidezimmer: hohe Spiegel, in denen sich die ganze Gestalt in Lebensgröße abspiegeln konnte, von starkem, polirtem Silber mit einer Unterlage von Goldblech und rings herum mit den seltensten, kostbarsten Edelsteinen eingefaßt; Toilettentische von afrikanischem Citronenholz, im Werthe von tausend bis zwanzigtausend Ducaten,Gallus Asinius soll sogar für einen solchen eine Summe von 25000 Dukaten, nach unserem Gelde berechnet, bezahlt haben. Fußbänkchen von gediegenem Silber, Leuchter aus Aegina, deren einer so viel kostete, als vielleicht jetzt der jährliche Gehalt des Ministers eines kleinen deutschen Staates beträgt, Bildsäulen und Gemälde griechischer Meister, gegen deren Preise selbst die höchsten unserer Zeit wahre Bagatellen sind, und die Wände der Zimmer von Marmor, mit dicker Vergoldung bedeckt.

Die edeln Metalle wurden überhaupt mit einer Verschwendung gebraucht, die nur dadurch zu erklären ist, wenn man bedenkt, daß das Gold und Silber dreier Erdtheile nach Rom geschleppt worden; daß die reichen Städte Kleinasiens, die Schatzkammern der egyptischen Könige, die Tempel Griechenlands, die Bergwerke Spaniens mit ihrem Gold und Silber die gierigen Römer befriedigen mußten, diese Römer, deren Durst nach dem edlen Metall eben so stark und sibrisch gewesen, als es der der Pizarro’s und Almagro’s in Peru war, und der der Goldgräber in Californien und Australien jetzt ist. Waren doch schon, wie Plinius erzählt, zu des Cicero Zeiten die Fußgestelle zu den Tischen und zu den niedrigen Lagern, um die Speisetafeln her, von massivem Silber. Und ein Gemälde, welches das Zimmer einer römischen Senatorin schmückte, wurde mit 8O Talenten bezahlt, eine Summe, die der Engländer Arbuthnot zu 15500 Pfund Sterling berechnet, und ein Preis, der, wie wir glauben, kaum für irgend eine Zierde der Dresdner Gemälde-Gallerie gezahlt worden ist.

Doch es war nicht allein dieser Luxus, der die Boudoirs der römischen Damen des Alterthums so kostspielig machte. – Wenn eine vornehme Dame unserer Zeit um ihren Toilettentisch vielleicht eine Kammerfrau und zwei Kammermädchen herumflattern sieht, so gehört sie gewiß schon zu den höchsten und vornehmsten Kreisen der Gesellschaft. Eine römische Patrizierin setzte aber jeden Morgen eine ganze kleine Armee von Sklavinnen in Bewegung.

Da gab es Thürsteherinnen (Janitrices), blos dazu bestimmt, den Vorhang von tyrischem Purpur zurückzuschlagen, wenn die Herrin aus dem Schlafgemach in das Ankleidezimmer trat, Schminkmädchen, Roth- und Weißauflegerinnen, Augenbrauenmalerinnen, Zahnputzerinnen, Spiegelhalterinnen, sämmtlich „Kosmeten“ genannt, ein der griechischen Sprache entnommenes Wort, der griechischen Sprache, die bei den römischen Damen der Kaiserzeit genau in derselben Weise gebraucht und als Umgangssprache der feinen Modewelt en vogue war, wie es in unserer Zeit die französische Sprache ist – oder vielmehr, in Bezug auf Deutschland wenigstens, war. So waren auch die griechischen Mädchen bei den römischen Damen als Zofen in demselben Ruf, wie es bei den deutschen Damen des achtzehnten Jahrhunderts die französischen filles de chambre waren, und eine Römerin würde sich für sehr schlecht geschminkt und frisirt gehalten haben, wenn sie nicht griechische Sklavinnen zur Bedienung gehabt hätte. Eine jede dieser Mädchen hatte ihre besondere Bestimmung bei der Toilette ihrer Herrin, ein Amt, das sie täglich üben mußte, um darin die größtmöglichste Geschicklichkeit zu erreichen. Die Eine wusch der Gebieterin mit lauwarmer Eselsmilch den Brotteig ab, mit der die eitle Dame während der Nacht ihr Gesicht beklebt, um die Haut weiß und weich zu erhalten, gerade, wie manche unserer Damen mit frischem Talg bestrichene hirschlederne Handschuhe des Nachts anziehen, um eine schöne Hand zu bekommen; die Andere legte ihr Roth und Weiß auf die Wangen; die Dritte malte mit einem zarten in fein gepulvertem Bleiglanz getauchtem Pinsel jene schwarzen Augenbrauen, die noch jetzt bei den Frauen des Orients als Schönheit gelten, und die ihren Besitzerinnen bei den alten Hellenen den Beinamen einer „farrenäugigen Juno“ verschafften; und die Vierte endlich, die Zahnputzerin, reichte der Dame Mastix aus Chios zum Kauen, ein Mittel, welches die Zähne weiß und schön erhält. Haben die Schminkmädchen ihren Dienst verrichtet, dann nahen sich die Haarschmückerinnen, um die Locken der schönen, gefallsüchtigen Herrin in die modernste Facon zu bringen.

Nicht mannigfaltiger sind in unserer Zeit die Coiffuren der Damenwelt, als es die jener römischen Patrizierinnen des Alterthums waren. Wollte man es versuchen, alle die Veränderungen des Lockenbaues und der Haartouren überhaupt aufzuzählen, welche die Mode in den letzten hundertundachtzig Jahren, von den sogenannten Fontanges an, bis herauf zu den à la chinoise- und Wahnsinnsscheiteln geschaffen, und damit die Zahl der römischen Haarmoden vom Tiberius bis Marc Aurel, also in einem fast gleich großem Zeitraum, als es der obige ist, vergleichen, so würde man finden, daß die Mode in dem klassischen Rom eben so furchtbar und erfinderisch war, als die in dem eleganten, putzsüchtigen Paris unserer Tage.

Eine besondere Vorliebe der römischen Damen der Kaiserzeit – denn von dieser Periode ist in vorliegender Schilderung die Rede – war die für goldblondes Haar. Nun sind aber bekanntlich die Italierinnen, wie die meisten Frauen des Südens, Brünetten, und die Blondinen gehören zu den seltenern Ausnahmen. Die Kunst mußte also das ersetzen, was die Natur versagt hatte. Da gab es denn nun eine Menge Pomaden und Seifen, mit denen die schwarzen Haare gewaschen und gefärbt, ja gebeizt wurden, um ihnen jene liebliche Modefarbe zu verleihen; denn zu Perrücken, die es damals schon längst gab, nahm man nur höchst ungern, wenn alle andern Mittel nichts helfen wollten, seine Zuflucht. Ja, viele Damen gingen sogar im Luxus und in der Verschwendung so weit, ihr schwarzes Haar mit feinem Goldstaub zu bestreuen, um ihm dadurch jenen beliebten blonden Schimmer zu geben. Nichts ist älter, als die neueste Mode! Wem fällt nicht bei diesen Goldstaub bestreuten Haaren der Römerinnen des Alterthums jener neufranzösische Goldpuder ein, mit dem vor unfähr [683] zwei oder drei Jahren elegante Pariserinnen auf den Bällen während des Karnevals erschienen? Diese neueste französische Mode, welche sich auch in Frankfurt a. M. und Hamburg auf kurze Zeit einschlich, ist nichts, als die Auffrischung einer zweitausendjährigen der römischen Kaiserzeit.

Bei dieser Gelegenheit wird es vielleicht Manchem nicht uninteressant sein, zu erfahren, daß eine andere moderne Erscheinung unseres jetzigen Kulturlebens, welche Viele ihres Namens wegen sicherlich auch für französischen Ursprung halten, gleichfalls von den Römern abstammt. Wir meinen damit ein nicht sehr löbliches Institut, das nicht nur in Paris, sondern auch in mancher unserer großen deutschen Städte zünftig geworden: die Theaterclaque. Die ehrenwerthen Mitglieder dieser Zunft werden nicht wenig überrascht sein, zu vernehmen, daß ihnen bei Ausübung ihres Gewerbes ein uralter historischer Rechtstitel zur Seite steht, und da heut zu Tage das historische Recht sich ganz besonderer Begünstigung erfreut, so möge die, auch in anderer Beziehung interessante Stelle, welche uns von der uralten Existenz der Claqueurs Kunde gibt, hier Platz finden. Der Passus ist aus dem Prolog des „Poenulus“ (der Punier), vom Lustspieldichter Plautus und lautet:

„Nun befiehlt mir Jupiter: ich solle von Euch erbitten, Beobachter sollen, in jeder Reihe einer, das ganze Schauspielhaus hindurchgehen, um auf die Zuschauer zu merken. Sehen sie welche, die zum Klatschen bestellt und gedungen sind, so sollen solchen im Schauspielhaus die Röcke zum Pfand abgenommen werden. Oder wenn Jemand sich bewirbt um den Vorzug für diesen oder jenen Schauspieler, oder wer sonst seine Kunst hier sehen läßt; mag diese Gunstbewerbung schriftlich oder durch persönliches Umhergehen oder durch Unterhändler geschehen; oder sollten die Aediles selbst gegen Pflicht und Eid den Beifall zuertheilen, so erklärt Jupiter: „„es solle eben die Strafe darauf stehen, als wenn Jemand für sich oder einen Andern um ein Amt widerrechtlich sich beworben. Auch sollen Aufseher da sein gegen die Schauspieler, die es veranstaltet, daß bestellte Leute klatschen sollten, und wenn irgend einer nicht das Seinige thut, blos damit ein Anderer um den Beifall käme, den sollen die Aufseher den Aufputz und das Fell zerhauen.““

Die Stelle ist etwas derber Natur; indessen ersehen wir daraus, daß es im alten Rom schon Claqueurs gab, und daß die Ordnungsstrafen der römischen Schauspieler, z. B. wenn einer das Stichwort nicht sagte, so daß der Andere dadurch in Verlegenheit und um den verdienten Beifall kam, sehr empfindlicher Art waren.

Aber kehren wir wieder aus dem Schauspielhaus in das Boudoir der Römerin zurück, die wir verlassen haben, als sie sich ihr schwarzes Haar von ihren Sklavinnen goldig-roth färben ließ. Nach Vollendung dieser Operation wurden die Haare mit wohlriechenden Wassern und Oelen eingerieben und eingespritzt, und zwar durch eine besonders dazu abgerichtete Sklavin, welche “die wohlriechenden Essenzen mit einer außerordentlichen Fertigkeit mit dem Mund in die aufgelockerten Haare der Dame sprühte. Die Verschwendung der römischen Damen ging in dieser Beziehung in’s Unglaubliche, und nicht mit Unrecht sagt der griechische Satyriker Lucian aus Samosata von diesem Luxus der Römerinnen: „Sie verschwenden in diesen Salben das ganze Vermögen ihrer Männer, und lassen Einem das ganze glückliche Arabien aus ihren Haaren entgegen duften.“

Das Namensverzeichniß aller dieser theuren und kostbaren Pomaden und Oele, deren Hauptbestandtheile die indische Wurzel Kostum und die Blätter der Spickenarde waren, anzuführen, würde eine unausführbare Aufgabe sein; aber soviel darf man wohl versichern, daß die Läden und Gewölbe der renommirtesten Parfumeriehändler auf den Boulevards von Paris oder unter den Linden in Berlin kaum ein reichhaltigeres Sortissement aufzuweisen haben, als es die alexandrinischen Salbenhändler im alten Rom besaßen. Es ist berechnet worden, daß im Verlauf der letzten fünf Jahre, von 1851 an, mit der Ueberlandpost über 175 Millionen Thaler nach Indien und China gesendet worden sind, meistentheils, wie man angibt, für Thee und Rohseide. Gewiß eine enorme Summe für England und Amerika, welche die Hauptkäufer jener Produkte sind. Wenn man aber damit die Angaben des Engländers Robertson in seinem, Anfangs dieses Jahrhunderts erschienenen Werke „Historical disquisition concerning ancient india“ vergleicht, so gelangt man zu dem Resultat, daß die Summen, welche für Spezereien und Salben aus dem alten Rom durch die Hände der alexandrinischen und antiochischen Kaufleute nach Indien gingen, von woher jene Parfums fast ausschließlich bezogen wurden, eben so groß, wenn nicht noch größer waren, als die, welche Europa und Nordamerika jetzt an China und Indien für Seide, Thee und Gewürze zahlen. Aus Indien bezogen übrigens auch, wie hier gleich erwähnt sei, die Blumenhändlerinnen die seltensten und schönsten Blumen, mit denen die Römerinnen sich beim Gastmahl oder während der Saturnalien schmückten. Wie jetzt die Camelie eine Lieblingsblume unserer Modewelt ist, so war es bei den vornehmen Damen des alten Roms die indische Lotosblume, deren Kelch zugleich auch groß genug war, um ein feines, beschriebenes Pergamentstreifchen d. h. einen Liebesbrief in griechischer Sprache zu verbergen… Indessen nahmen sich die in träger Ueppigkeit hinlebenden reichen Römerinnen gewöhnlich nicht Zeit zum Schreiben parfumirter Pergament-Billet-doux. Vasen mit zärtlichen Inschriften, die man gleich fertig kaufte, angebissene Aepfelchen und verwelkte Blumenkränze, die man bei irgend einer Festlichkeit getragen, waren in der Regel die Liebeszeichen, die sich Frauen und Männer gegenseitig schickten. Es ist dies eine Sitte, die lebhaft an die Selams des Morgenlandes erinnert, an jene geheimnißvolle Blumensprache des Orients, deren sich die Schönen des Harems bedienen, um dem Geliebten ihre glühende Leidenschaft, ihre Hoffnungen und Wünsche mitzutheilen.

Mit dem Schminken, dem Augenbrauenmalen, dem Zähneputzen und der Vollendung des Lockenbaues sind nun die Hauptgeschäfte der täglichen Morgentoilette vorüber und nachdem noch zwei Sklavinnen der Dame mit kleinen silbernen Zangen und Messerchen die Finger- und Fußnägel geglättet und eine andere ihr die blendend weiße Tunica aus der feinsten milesischen Wolle übergeworfen, ein Gewand, das so künstlich und durchsichtig gewebt war, daß es die schönen Formen des Körpers durchschimmern ließ, befahl die Dame, ihr das Frühstück zu bringen. Es würde hier zu weit führen, die Kleiderpracht der römischen Damen der Kaiserzeit zu schildern; vielleicht wird man sich einen Begriff davon machen können, wenn man erfährt, was jener Cato Censorius, dessen: ceterum censeo Carthaginem esse delendam (übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden muß) ein weltberühmtes Wort geworden, über die Kleidung der Frauen seiner Zeit sagt, das ist ungefähr 200 Jahre vor Christi Geburt. „Die Frauen,“ spricht er, „sind mit Purpur und Gold überdeckt; Diademe, goldene Kronen, ein rothgemaltes Gesicht, rother Staub, der ihre Haare bedeckt, Alles dies ist ihnen nichts Fremdes mehr.“ Und das war in einer Periode, wo man noch von der Sitteneinfachheit der Republik sprach, wenige Jahre vor dem Gesetzesvorschlag des Volkstribun C. Oppius, welcher den Frauen das Tragen von goldenem Schmuck über eine halbe Unze an Werth, bunte Kleider, sowie das Fahren in Wagen verbot. Das spätere Schicksal dieses an die Kleiderverordnungen der deutschen Reichsstädte erinnernden Luxusgesetzes, welches Livius in den ersten Kapiteln des vierunddreißigsten Buchs seiner römischen Geschichte erzählt, ist übrigens so interessant, daß es hier wohl erzählt zu werden verdient.

Fünfundzwanzig Jahre lang hatte das Verbot gegen die Kleiderpracht gedauert, als die Matronen, unter welcher Bezeichnung man bei den Römern nicht wie bei uns alte Frauen, sondern vorzugsweise legal verheirathete, vornehme Damen verstand, müde dieser strengen Einfachheit ihre Männer aufreizten, das Gesetz umzustoßen. Die Volkstribunen Fundanius und Valerius stellten hierauf einen Antrag auf Abschaffung des Gesetzes und es wurde ein Tag zur Verhandlung darüber anberaumt. Der entschiedenste Vertheidiger des angegriffenen Gesetzes war jener obenerwähnte Marcus Portius Cato, der gerade Konsul war. Die Frauen wußten dies und an dem Tage, wo in der Volksversammlung darüber abgestimmt werden sollte, konnten, wie Livius sagt, die Männer ihre Frauen weder durch ihr Ansehen, noch Beschämung, noch Befehl in den Häusern zurückhalten („Matronae, nulla nec auctoritate, nec verecundia, nec imperio virorum contineri limine poterant“ Liv. hist. XXXIV. Lib. 1 cap. 5,); schaarenweise eilten sie auf die Straßen, begleiteten ihre Männer unter flehentlichen Zureden nach dem Versammlungsort und belagerten förmlich die Zugänge zum Markt und Kapitolium. Die Debatten zogen sich in die Länge und mit jedem Tage kamen wahre Freischaarenzüge vornehmer Damen aus einer Menge von Städten unv Flecken Italiens, um ihre Schwestern in Rom zu unterstützen. Was half des strengen Cato donnernde [684] Rede gegen den Vorschlag und den Luxus überhaupt? Die Frauen schmähten ihn und klatschten dem Tribun Valerius, der für die Abschaffung des strengen Gesetzes sprach, rauschenden Beifall zu. Und als am anderen Tage nach dieser Rede noch immer einige Volkstribunen zögerten dem neuen Gesetzesvorschlage ihre Stimme zu geben, so belagerten die Frauen die Häuser jener Tribunen, bestürmten sie mit Bitten, Drohungen, Schmeicheleien und ruhten, nicht, als bis sie, wie immer in der Welt, auch dieses Mal ihren Willen durchgesetzt hatten und das Gesetz aufgehoben wurde. Seit dieser Zeit war jede Schranke niedergerissen und die üppigste Kleiderpracht trat an die Stelle der früheren Einfachheit. Besonders in Schmucksachen war der Aufwand außerordentlich. So trug z. B. die Mutter des Brutus, eine sehr schöne Frau, eine Perle, welche sie von Julius Cäsar zum Geschenk erhalten und für welche dieser, nach unserem Gelde berechnet, 272835 Thaler bezahlt hatte…

Wenden wir uns nach dieser kurzen Abschweifung zu der Dame zurück, die eben im Begriff war, zu frühstücken. Die Römerinnen kannten weder Thee, noch Kaffee oder Chokolade. Auch die nahrhaften Biersuppen unserer deutschen Altvordern, jene schwarzen Biersuppen, über welche sich auch der große Friedrich vou Preußen in seiner Jugend so bitter beklagte, waren bei ihnen nicht gebräuchlich. Wein und Früchte waren die ersten Hauptbestandtheile ihres ersten Frühstücks. So ließ sich denn auch die Dame von ihren Pagen in einer silbernen Kochmaschine siedend heißes Wasser und einen zierlichen Steinkrug voll alten Chioswein bringen, den sie mit dem Wasser mischte und so trank, nachdem sie vorher einige Feigen gegessen hatte. Dieses erste Frühstück war unstreitig ein sehr frugales, zumal, wenn man es mit dem englischen Morgenimbiß vergleicht, bei dem neben dem Thee die gerösteten Butterschnitte, die weichgesottenen Eier, der Schinken, der kalte Hammelbraten und der Chesterkäse nicht fehlen dürfen; indessen waren dafür die übrigen römischen Mahlzeiten desto üppiger.

Man müßte ein gastronomisches Genie sein, wie es der verstorbene Baron Eugen von Baerst aus Breslau war oder der französische Kochkünstler Soyer ist, um alle die Schüsseln, Saucen, Ragouts, Delikatessen einer römischen Tafel zu beschreiben, zu der drei Erdtheile ihre feinsten Leckerbissen liefern mußten. Ein Speisezettel für römische Gourmands, den wir bei Gellius finden, wird das Bild einer wohlbesetzten römischen Tafel veranschaulichen. „Will man gut speisen,“ heißt es da, „so muß der Pfau aus Samos kommen, Hühner aus Phrygien, Kraniche aus Melos, Böckchen aus Aetolien, Thunfisch aus Chalcedon, Muränen aus Tartessus, Hechte aus Pessinus, Austern von Tarrent, Muscheln aus Chios, andere Seefische aus Rhodus und Cilicien, Nüsse aus Tassus, Datteln aus Egypten und Eicheln aus Spanien.“ Und das war noch keine Völlerei, kein Gastmahl wie es der schlemmende Prätorianerkaiser Vitellius gab, wo ganze Schüsseln voll Nachtigallzungen und Pasteten von Krammetsvögelgehirnen aufgetragen wurden und ein Mittagessen die jährlichen Einkünfte einer ganzen Provinz verzehrte!

Morgentoilette und Frühstück waren nun beendigt und die Dame befahl einer ihrer des Lesens kundigen Sklavin ihr den neuesten Roman vorzulesen. Wir sehen bei diesen Worten ein Lächeln um den Mund unserer schönen Leserinnen, denen das Bild einer romanlesenden, auf ihren Ruhekissen liegenden Römerin des klassischen Alterthums zu fremd und ungewohnt ist und die dabei unwillkürlich einen Vergleich mit einer unserer Damen anstellen, die nachlässig auf ihrem Sopha oder in ihrer Longchaise sitzend einen Roman von Gutzkow, H. König, Prutz, Eugen Sue, Dumas oder Boz liest. Und gab es denn, hören wir fragen, damals Romane? Allerdings gab es deren, wenn sie auch nicht so umfangreich, wie unsere neueren, wie etwa die Pickwickier von Boz, die Mystères de Paris von Sue oder die Ritter von Geist von Gutzkow waren. Es waren meistens kurze Erzählungen, unter dem Namen: Milesische Märchen bekannt, von der griechischen Stadt Milet in Ionien, deren schöne Frauen im Alterthume durch eine besondere Erzählungsgabe und eine erfinderische, wenn auch oft üppige und sinnliche Phantasie berühmt waren. Diese milesischen Märchen waren denn auch durchschnittlich, wie es z. B. bei dem Dekamerone des Giovanni Boccaccio und den älteren französischen Fabliaux[1] und Cortes der Fall ist, ziemlich schlüpfrigen Inhalts; vielleicht aber war es gerade diese mehr als pikante Würze, welche diese milesischen Märchen zu einer Lieblingslektüre der in Sinnenrausch und Ueppigkeit lebenden Römerinnen der Kaiserzeit machte. Mit dieser Lektüre vertrieb sich die Dame die Langeweile, bis es Zeit war, in’s Bad zu gehen oder bis eine ihrer zahlreichen Sklavinnen sie durch ein unbedeutendes Versehen reizte. Dann befahl sie wohl in einer zornigen Aufwallung ihrer Laune die arme Sklavin blutig zu geißeln, wenn sie es nicht vorzog, selbst die Exekution zu vollziehen und dem armen Mädchen irgend eine goldene Nadel, die sie zu ihrem Schmuck brauchte in den bloßen Busen oder in die nackten Arme zu stoßen – denn diese üppigen, ausschweifenden Patrizierinnen, von denen die Meisten gegen 200 Sklavinnen und Freigelassene zu ihrer Bedienung hatten, waren gegen ihre Untergebenen hart bis zur Grausamkeit. Sie mißhandelten diese unglücklichen Geschöpfe auf’s Empörendste und wir wissen kaum, wen man mehr bedauern soll: die „Onkel Toms“ der alten oder der neuen Welt. Gab es doch Römer, welche ihre Sklaven schlachten ließen, um mit ihnen ihre Muränen zu füttern, die durch diese Fütterung mit Menschenfleisch einen feineren Geschmack bekommen sollten!

Das Auge wendet sich von solchen Scenen mit Widerwillen und Entsetzen ab. Die Sklaverei ist der düstere, finstere Schatten, der das Bild des klassischen Kulturlebens in Hellas und Rom trübt. Der humane Geist der neuen Religion, die beim Beginn jenes römischen Kaiserthums von Judäa aus der Welt verkündet wurde, brach zwar die Fesseln, mit denen die griechischen und römischen Sklaven gekettet wurden und zertrat die heidnische Knechtschaft, aber noch ist er nicht so mächtig gewesen, die Bekenner seiner eigenen Religion von dem fluchwürdigen Beginnen: der Menschenknechtung abwendig zu machen! Möge das neunzehnte Jahrhundert das letzte sein, welches die größte Schmach sah, die der Mensch sich selbst aufdrücken kann: Menschen als Sklaven ihrer Nebenmenschen. Möge das Sternenbanner Amerika’s sich erinnern, daß es die Sklaverei war, die am mächtigsten den Untergang Roms vorbereitete. Möge es sich erinnern, daß Athen und Sparta am größten waren als sie der Sklaven wenige besaßen, daß aber dem Staat des Lykurgus der Untergang drohte, als die Heloten ihre Menschenrechte verlangten.. Und es gibt Wiederholungen in der Geschichte!…



  1. Erzählungen in Versen.